die Vorwärtsbewegung der unteren sozialen Schichten, die diese Männer hervorgebracht hatten, als die Träger der ge— schichtlichen Entwicklung hervortraten.
Die Rolle und die Bedeutung dieser Söhne des Volkes in der geistigen und kulturellen Entwicklung des Landes kann für das geistige und kulturelle Wachstum der enterbten und entrechteten Volksmassen nicht als Maßstab dienen, und darum hat die Würdigung ihrer Verdienste nicht jene histori⸗ sche Bedeutung, die sich hinter den Sympathiekundgebungen selbst bürgerlicher Ideologen der gesamten Kulturwelt für die Person und die Tätigkeit Bebels verbirgt.
Indem die bürgerliche Presse anerkennt, daß nicht nur das Proletariat, sondern die ganze Menschheit in der Gestalt des verstorbenen sozialdemokratischen Führers einen unge⸗ heuren, unersetzlichen Verlust davongetragen hat, beugt sie sich, ohne daß sie dessen bewußt wird, auch vor der geschicht⸗ lichen Weltrolle der Klasse, die, alle Hindernisse auf ihrem Wege forträumend, sich unter gewaltiger Kraftanspannung eine imponierende, einflußreiche Stellung in der Geschichte erkämpfte und dadurch ihren Führer zu der Stellung eines allgemein anerkannten überragenden Politikers emporhob.
Aber die offene Anerkennung des unmittelbaren Zu- sammenhanges zwischen der internationalen Bedeutung Bebels und dem Emporsteigen der von ihm geführten Klasse zu der Rolle einer erstklassigen kulturellen politischen Macht ist gleichbedeutend mit der Anerkennung der Tatsache, daß das Proletariat in seinem Streben nach der geistigen und politischen Führerschaft über die Welt zu ihrer Befreiung aus dem Druck und der Ausbeutung der einen Menschen durch die andern ein gewaltiges Stück vorwärtsgerückt ist. Die öffentliche Anerkennung dieser Tatsache ist gleichbedeutend mit der moralischen Kapitulation vor der sozialistischen Armee des Proletariats. 5 0
Aus diesem Grunde haben die journalistischen und politischen Vertreter der Bourgeoisie aller Länder, die das Andenken Bebels gewürdigt und an der Trauerfeier des internationalen Proletariats direkt oder indirekt Anteil nahmen, zwar den„persönlichen Charakter“ dieses Führers gewürdigt, seine seltenen individuellen Eigenschaften, seine selbstlose unermüdliche Arbeit im Dienste des„Volkes“ an⸗ erkannt, aber sie haben bewußt oder unbewußt verschwiegen, daß die geschichtliche Laufbahn der Arbeitermasse auf die Bebels mehr oder minder zurückgewirkt hat.
Die Sozialdemokratie jedoch hat ein großes Interesse daran, daß das enge unzerreißbare Band zwischen der sozial⸗ politischen Bedeutung ihrer großen Führer und dem kulturellen und politischen Wachstum der Arbeiterklasse in dem Bewußtsein der breiten Arbeitermassen und der anderen demokratischen Schichten und ihrer Ideologen umso tiefer und deutlicher sich einprägen soll. Die umfassende genaue Vorstellung von diesem Zusammenhang ist nicht nur wichtig vom Standpunkte der Entwicklung des sozialen und geschicht⸗ lichen Selbstbewußtseins der Arbeitermassen, sie ist auch wichtig für die Ausbreitung der Erkenntnis in den Reihen der Arbeiterklasse hinsichtlich des Wachstums ihres moralischen und politischen Einflusses in jedem einzelnen Lande und in der ganzen zivilisierten Welt..
(Aus der Neuen Arbeiterzeitung, Petersburg.)
Kircheuaustritts-Bewegung und Sozialdemokratie.
Paul Göhre veröffentlicht in der Neuen Zeit wertvolle Darlegungen über die Stellung der sozialdemokratischen Partei zur Kirchenaustrittsbewegung. Es wird erwartet, daß eine weitere Diskussion die völlige Klärung der Meinungen über das schwierige Problem herbeiführen wird. Gö hre führt aus:
Die bisherige Haltung der Partei fußt auf dem bekannten Ab⸗ satz G des zweiten Teiles des Parteiprogramms. Dieser Satz richtet sich deutlich nach zwei Seiten. Der erste Satz desselben fordert vom Staat die endliche Durchführung des Grundsatzes: Erklärung der Religion zur Privatsache. Religion soll ausdrlicklich privateste An⸗ gelegenheit jedes einzelnen Staatsblirgers, nicht mehr Staats⸗ u Zwangssache sein. Bis heute ist aber noch durchaus das letztere der normale Zustand in Deutschland. Beweise dafür sind unter an⸗ derem der Zwang der heranwachsenden Jugend zu einem staatlich vorgeschriebenen Religionsunterricht, die religlöse Bearbeitung
eitagen in nnd in München geschehen. Auch wo sonst einzelne lokale Partelg
gibjer Wäsche. Der verfassungsmwäzig gewährleistete Grundlag Religionsfreiheit steht zurzeit in Deutschland noch durch f
ebenso nötige wie aktuelle Angelegenheit.
Nun war es von jeher ein ehrenvoller Grundsab unserer Partei,.
daß sie das, was sie von anderen verlangt, auch innerhalb ihrer eigenen Reihen selbst zu verwirklichen versucht. Demgemäß war es für sie seit je selbstverständlich, daß jeder Parteigenosse innerhalb der Organisation in bezug auf Bewegungsfreiheit besitze. g Nichts war der Partei an einem neu eintretenden Mitglied bis⸗ her fo gleichgültig wie seine religiöse oder nichtreligiöse Gesinnung. Die Partei als solche stand und steht noch heute der religtösen Ueber⸗ zeugung jedes einzelnen ihrer Anhänger völlig neutral und tolerant gegenüber.. 5
Die Folge dieser eisersüchtig gewahrten religiösen Neutralität ist eine scharse Unterscheidung unserer Paxtel von allen anderen in Deutschland. Alle anderen großen politischen Parteien sind zugleich auch einseitig religiös und kirchlich festgelegt und gebunden. Die konservative Partei deckt sich fast völlig mit der kirchenpolitischen Gruppe der protestantischen Orthodoxie; das Zentrum ist ausschließ⸗ lich Partei der deutschen Katholiken: die Natlonalliberalen und die Fortschrittliche Volkspartei sind identlsch mit dem kirchlich-liberalen Teil der protestantischen Bourgeoisie. Nur innerhalb der Fort⸗ schrittlichen Volkspartei besteht in religiösen Dingen schon eine etwas größere Bewegungsfreiheit; Beweis ist die Zugehörigkeit zahlreicher jüdischer Mitbürger zu dieser Partei. Vollste religiöse Gedanken⸗ und Vetätigungsfreiheit herrscht aber allein innerhalb der Soztal⸗ demokratie: Christen, Heiden, Juden und Dissidenten, unter den Christen wieder Katholiken, Lutheraner, Reformierte, Unierte und Angehörige der maunigfa Parteigenossen einmütig nebeneinander für die Emanzipation des Proletariats. Und die Juternationale repräsentiert noch deutlicher als die deutsche Partei diesen Charakter völligster religiöser Neu- tralität und Toleranz. a
Die zwei anderen Sätze des von uns erwähnten Programm- absatzes beschäftigen sich dann mit den religtösen Gemeinschasten, den Kirchen. Auch hier wird nur eine Forderung erhoben: Tren⸗ nung von Kirche und Staat in polltischer, sozlaler, personeller und vor allem sinanzieller Beziehung. Im übrigen keinerlei Urteil über Wert und Unwert dieser Kirchen und Religionsgemeinschaften: keinerlei Aufforderung weder zu ihrer Unterstützung noch zu ihrer 1 vielmehr auch ihnen gegenüber völligste Toleranz und
eutralität.
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seine religiöse Ueberzeugung völlige
0 2 Papier: die Forderung 1 2 Programms ist also we den ein W
ltigsten Sekten arbeiten und kämpfen als
Aus dieser Haltung ist die Partei immer nur da herausgetreten,
wo sie von Religionsgemeinschaften oder offiziellen Vertretern der⸗ selben, das heißt in praxi von Geistlichen höheren oder niederen Ranges direkt oder indirekt angegriffen wurde. 2 hat sie dann stets wie jeden Angriff von irgendeiner anderen Seite mit schärfster Gegenwehr und rücksichtslosem Gegenangriff erwidert. Trotz alledem pflegt man ihr auch heute noch gegnerischerseits immer wieder den Vorwurf erbittertster Religions⸗ zu machen. Nichts ist verlogener als dieser Vorwurf. Er wider- spricht nicht nur, wie gezeigt, ihrem Programm und ihrer bisherigen Praxis, sondern auch— und das bedeutet für viele noch mehr— shrem innersten und eigensten Interesse. Die P
einem Siege nur gelangen, wenn sie die erdrückende Mehrheit der kapitalistisch ausgebeuteten Volksmassen hinter sich sammelt.
runter gehören auch diesenigen Schichten. die bis heute starke reli giöse Bedürfnisse bewahrt haben, insbesondere in den vorwiegend katholischen Bezirken des Reiches. Diese werden nur daun dauernd
ranz, den die Partei bisher eingenommen hat, fest begründet. seit je einzelne. und auch einzelne führende Parteigenossen den Kampf gegen Religion oder und noch führen; daß sie aus ihren Religionsgemeinschaften aus⸗ traten und daß sie andere, zu einem gleichen Schritt zu veranlassen versuchten. Denn das, was sie in dieser Beziehung taten, geschah auf eigene persönliche Faust und Verantwortung, in ihren persönlichen Namen, nicht im Namen der Partei. Ihrem Vorgehen entgegen- zutreten hatte die Partei also weder Veronlassung noch eln Recht. Hätte sie es getan, so hätte sie gerade gegen den eigenen, von
bisher peinlich bewahrten Grundsatz religiöser und tralttät gegenüber den eigenen Anhängern gehandelt. Sie hat des ⸗ halb immer nur dann eingegriffen, wenn solche einzelnen Partei- genossen den Versuch machten, die Partei von ihrem abzudrängen und auf ihren besonderen, privaten kirchen⸗ oder reli⸗ gionsfeindlichen Standpunkt sestzulegen. Das 21 Beis 1
aller Form und Nachdrüicklichkeit auf den Part und schaften die Autorität ihrer Organfsation hergegeben haben, um er rivaten Agitatlon solcher gegen Kirche und, Religlon nossen Nachdruck und Folie zu verleihen, sind sie stets, bemerkt worden ist, von den Partesinstangen zur Ordnung
denter Rekruten beim Militär,
angewandte Forderung an leden Beamten auf Führung reiner reli⸗
dissi⸗ die stillschweigend, aber wü le w
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artei ist in erster Linie eine ökonomische und politische Klassenbewegung. Sie kann zu
für bie Partei gewonnen werden, wenn ihre religtöse Gesinnung aufs peinlichste respektiert wird. Also sowohl aus grundsätzlichen wie aus taktischem Interesse, aus Theorie wie aus Praxis heraus ist der Standpunkt der religiösen und kirchlichen Neutralität und Tole⸗
n
Solche Angriffe
und Gottesfeindschaft
1
Mit alledem steht auch die Tatsache nicht in Widerspruch, daß Kirche oder gegen beides geführt haben Parteigenossen wie Nichtparteigenossen,
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kirchlicher Neu⸗
neutralen Boden
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