Ausgabe 
24.7.1914
 
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boS) Stettin* meinte sie.ich bin nachts im Gebirg gekraxelt und Hab' bie Kniee tm Schmutz angestoßen".

«Aber Tu bist ja garnicht dreckig gewesen," sagte Auguste jetzt. Weilst Dich auch nicht angestohen hast."

Anzieh'n, keine Unterhaltung," rief der Vater.

«Hähä... hihihi... Die Kinder wickelten ihre Hemden zu­sammen und liefen nackt davon.Was zieh» wir an?" fragten sie die Mutter. ,,<5 Blumenkleidchen?"

Edith: Ja, Blumenrock und rosa Jacke. Auguste neue Socken, Kittel und Rock."

Sandalen?"

Ja, und die Stiefel in den Rucksack."

Braucht d' Mama den Jodlerhut?"

Auguste ging auf den Speicher und holte den Gebirgshut und die Stöcke herunter. Für den Vater die kurze Hose. Dann zogen istch die Kinder an und halfen einander. Währendessen erzählten sie: Du, Auguste, mit der Wadlhose sieht der Papa doch viel schöner aus."

Ja, und daß Hemd mit dem breiten Kragen ist auch so schön, tveil man den Hals steht. Solche Hemden, Edith, hat Mama gesagt, und Hosen, kriegen wir auch einmal, wenn wir erst richtig kraxeln können."

Hihihi... Auguste, bei die Schneeberge gibt's im Sommer Schnee. Lausen wir auch draus herum? Und deswegen, hat Papa gesagt, wird's dann bei uns im Sommer so kalt und regnet. Und -nachher wird's wieder im Gebirg kalt und schneit..."

Run gingen sie mit den Kämmen und Bürsten zur Mutter, die schon im Kleid und in den Stiefeln war.Ich will z'erst, ich bin auch zuerst ausgewacht." sagte Edith.Auguste, richte Du derweil die Hut'." Auguste beeilte sich, das zu tun und liest sich dann ihre Zöpfe flechten.Großmutter hat gesagt, Dein Haar sei krumm," neckte sie Edith.Das sind Locken," erwiderte die Kleine stolz und ' liest sich nicht aus der Fassung bringen.Aber Tu hättest nur Haare wie Schnittlauch. Und wenn sie sagt, sie seien krumm, möcht sie mich nur ärgern."

Hinunter in die Küche." machte die Mutter dem Gespräch ein Ende. Es wurde kalte Milch getrunken und die frischen Semmeln eingesteckt. In wenigen ?lugenblicken war die Familie aus dem Weg zum Vorortbahnhof. Die Kinder sprangen voraus. Edith flüsterte zu Auguste:Heut ist er nett." Sie steckten die Köpfe zusammen.Wer denn. Tith?"Der Papa," lachten beide.

Der Zug fuhr in eine üppige Welt hinein. Tie Wiesen waren dujtend und tausrisch. Verbiühte Gräserftreisen zitterten sah! über das schwere Grün bin und richteten sich goldüberstrahlt vor der Sonne auf. Tie Büsche wuchsen zusammen, dicht und ausladend, hohe Tannen standen friedlich und liehen ringsum die Sonne in ihre kühle» Glieder eindringen. Dann schien es, als schlöffen sich die hängenden Zweige, um die Sonne zu behalten. Die Tannen waren mit einemmal zu einem Waldsaum aneinaudergerückt und sei» Schatte» schlürfte soviel Sonne, daß ein warmer Duft aus den alle» Stämmen strömte. Ter Wald ging zu Ende. Aus einem lieblichen Tal schauten Bauernhäuser hervor, deren Fenster ganz von Blumenschmuck überdeckt waren. In einer Lichtung von Wiesen und Feldern sah man fern die Berge ansteigen.Die Berge," sagte Edith gedehnt. Die Kinder wurden still.Können wir denn oben auf die Spitzen rauf?" fragte Auguste fast iveinerlich.Sie sind ja so weit weg."

Man stieg aus und geriet in eine strahlende Stadt, !n der die Blumen leuchtender waren als zu Hause, als irgenwo. Seltsame Blumen wuchsen da und überall standen sie umher, in allen leeren Winkeln der Gärten und Häuser, hinter- und übereinander auf be­sonderen Gestellen zur Schau ausgebreitet. Und jede Pflanze ent­faltete ihre eigene Pracht.

Eine breite gepflasterte Gaffe führte herab zu einer Brücke hin. Und all die Häuser waren mit Bildern bemalt. Ein Riesenkerl stapfte mit einem Knäblein auf dett Schultern durch eine gemalte Flut, lieber seinem Kops war ein Sprüchlein gemalt. Stockend las es Auguste der kleinen Schwester vor, dann standen sie und wun­derten sich. Sie wußten garnichts mehr zu sagen Uber eine Stadt mit solchen Häusern und diesen Leuten, die so nett gingen. Tie Mädchen in ihren Hütchen und Jacken und Schürzen. Auf der Brücke mutzten die Kinder schauen, wie das Wasser rist. Wie an den Ufern die Häuser so dicht aneiitanderklebten und jedes Haus ein lustiges Geschichtlein erzählte. Die Kleinen liefen voraus und konnten garnicht viel mehr sagen, so war das eine Welt. Als man im Hotel unter den modisch gekleideten Gästen das Mittagessen nahm, wurde es hastig halb gegessen, halb stehen gelassen. Edith nickte Auguste verständnisinnig zu:Nachher steigen wir hinauf."

(Schluß folgt.)

Aus Wett und Leven.

Uneheliche Mütter.

Die Kölnische Zeitung brachte am 25. Juni diese beiden Mel­dungen:

Celle, 24 . Juni. sTelegr.) Die Braut eines jungen Kauf­mannes, die von ihrem Bräutigam verlassen war, sprang heute vormittag aus Verzweiflung mit ihrem drei Monate alten Kind­chen, bas sie an sich gebunden hatte, in die Aller. Der Vorfall wurde von Vorübergehenden beobachtet, jedoch kam die Hilfe zu spät, Mutter und Kind konnten nur als Leichen geborgen werben.

E l b e x f e 16. 24. Juni. sTelegr s Eine 22jährige Kellneritk, die in Trier beschäftigt war, erschoß heute hier ihr dreijähriges Kind, welches in einer hiesigen Familie in Pflege war, und bann sich selbst.

I» diesen wenigen Zeilen offenbart sich eine Welt von Leib und Verzweiflung, offenbart sich das ganze Elend der unehelichen Mütter. Die diesen neuesten voraufgegangene Riesenzahl ähnlicher grausiger Tragödien hat nicht vermocht, da» Gewissen der Gesell« schaft zu wecken und die heuchlerische Minderbewertung der unver« heirateten Mütter auszugeben, hat immer noch nicht vermocht, die öffentlichen Gewalten zu zwingen, für die hilflose Mutter und ihr Kind auskömmlich zu sorgen. Die Gesellschaft beharrt bei ihrer feigen Heuchelei und in ihrer brutalen Gleichgültigkeit, diese Gesell« schaft, in der die Hu,che der Wohlhabenden besser leben als die große Mehrheit der besitzlosen Klasse.

Jawohl: es ist feige Heuchelei, wenn man die unverheiratete, verlassene Mutter als Auswurs der Menschheit behandelt und sie hilfslos hinausstöstt. In der Schar derer, die vor jenen Unglück« lichen Geschöpfen ausspeien, gibt es nicht einen Mann, der nicht mehr als einmal bereit gewesen wäre, ein Weib seines Geschmacks zu verführen und zu betöre», gibt es nicht einen, de» aus sittlichen und ethischen Erwägungen vor dem außerehelichen Sexualverkehr zurückgeschreckt wäre. Nur Furcht vor familiären und anderen Un« gelegenheiten, Angst vor blamabler Zurückweisung und Züchtigung, Besorgnis vor etwaiger Ansteckung und dergleichen mehr hat die Moraltrompeter veratilastt, auf den Pfaden der Tugend zu bleiben. Wer von Euch Herren wagt zu widersprechen?

Und Ihr deutschen Frauen, die Ihr dieGefallene" beschimpst und verdainmt, wie war es mit Euch! Es gibt eine Statistik der Erstgeborenen, und aus der ergibt sich, daß mehr als die Hälfte von Euch allen vor der Ehe von der verbotene» Frucht genascht hat. Tenn woher sonst die hohen Prozentzahlen der Kinder, die vor Ab« laus des neunten, achten, siebenten usw. Monats nach der Ehe­schließung zur Welt gekommen sind. Alle Klassen und Berufe ohne ?lusnahme sind daran beteiligt. Und wer will behaupten, daß In diesen Zahlen der wirkliche Umfang der vorehelichen Freuden zum Ausdruck kommt! Nicht aller Verkehr hat Folgen; unschätzbar ist die Zahl der Beseitigungen und von der Verhütung sei erst gar nicht geredet.

Also Schluß mit der erbärmlichen Heuchelei, und her mit einer gründlichen Fürsorge für verlassene, unverheiratete Mlltter und deren Kinder!

Kesundyettspffege.

Haarschwund, der von den Zähnen ausgeht. Der französische Zahn­arzt Putreux konnte zwei Fälle von Haarschwund seskstellen, die einen merkwürdigen Ursprung aufweisen. Aus dem eingeleiteten Heilverfahren ergab sich nämlich, dast der Haarfchwnnd von den Zähnen ausging. Ter erste Fall betraf einen Patienten, der eine kahle runde Stelle im Barte aufwies. Der Zustand im Munde zeigte ein tadelloses Gebiß mit Ausnahme einer unbedeutenden Zahnfleischentzündung, die von Zahnstein herrührte. Als diese nach sorgfältiger Reinigung zur Heilung gelangte, stellte sich nach zwei Monaten ein neuer Haarwuchs ein. Im zweiten Fall handelte es sich um einen 42jährigen Knaben mit Haarfchwund, dessen untere Backzähne stark angefressen waren. Die beiden Zähne wurden gründlich behandelt und schon nach vier Wochen zeigte der neue .Haarwuchs feine ersten Spuren. Nach weiteren zwei Monaten war der Haarboden wieder hergestellt.

Kür Kaus und Kof.

Gurkenzucht in Eierschalen. Zum Keimen der Gurken lassen sich Eierschalen von Hühner-, Enten- und Gänse-Eiern mit großem Vor­teile verivende». Nachdem das obere Viertel oder Drittel hinweg« genommen, iverden im März die Schalen mit Erde angefllllt und in jede ein Gurkenkern gepflanzt. Die so bestellten Schalen werden dicht nebeneinander in eine Kiste gestellt und die Zwischenräume mit Sand gefüllt. Die Kiste wird an einen warmen Ort gebracht. Tie Sämlinge entwickeln sich in diesen Miniaturtöpfen prächtig, ber mir immer besser als in Töpfen und wenn es aus Auspslanzengeht, so ist für prächtige Balle» bestens gesorgt, da sie durch die «sqnle gehalten werden. Diese wird leicht entfernt oder durch leichten Truck gesprengt und darum gelassen. Sollte sich die Auspflanzung der Gurken durch Witterungs- oder andere Einflüsse einmal ver­schieben, daß die <Ä)alen ibesonders bes Hühnereiern) zu klein würden, so entserne »tan auch den unteren Teil der Schale, so daß die Wurzeln sich darunter ausbreiten können und verpflanze sie in größere Töpfe. Auch dann bleibt der Vorteil de« festen Ballens und des ungestörten Anivachsens und WeiierwachsenS.