Ausgabe 
24.7.1914
 
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de». Birgt auf der eine» Seite eine ungenügende Dosierung die Gefahr einer zu geringen Betäubung und daher Aufrecht- erhaltung der Schmerzcmpfindlichkeit, fo droht auf der an­deren Seite die Gefahr einer zu tiefen Einschläferung bis zu völliger Bewußtlosigkeit und Aussetzung der Wehen. Auf der Schwierigkeit, auf diesem schmalen goldenen Mittelweg zu bleiben, beruhen denn auch alle Anfeindungen, die die Methode bis jetzt, gerade auch von ärztlicher Seite zu erleiden hatte.

Professor Gauß hat eine statistische Beobachtung von 3600 in Freiburg durchgeführten Fällen vorgenommen. Dabei zeigte es sich, daß bei 65 Prozent aller Behandelten voller Dämmerschlaf erreicht wurde, bei 22 Prozent teilweiser Dämmerschlaf, während nur 13 Prozent keine Schmerzlinde­rung zeigten. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß viele Frauen, deren Fall vom Arzt als teilwciser Dämmerschla f charakterisiert wurde, von sich selbst aussagten, daß nach ihrer Uebcrzeugung die Geburt schmerzlos gewesen sei. Die 13 Prozent Fälle von Mißerfolg sind vor allem auf die weniger günstigen Umstände zu setzen, unter denen die Geburten vierter Klasse erfolgen. Es liegen da immer mehrere Kreisende in einem Zimmer, die sich naturgemäß gegenseitig beim Ein­schlafen stören. In den Krankenzimmern erster Klasse wurde bei fast 85 Prozent aller Patienten der volle Dämmerschlaf erzielt. Zum Teil ist allerdings auch die Veranlagung der Patientin manchmal an dem Mißerfolg schuld.

Aber in den leidenschaftlichen Kontroversen, die sich uni den Dämnierschlaf erhoben haben, ist der Methode auch der Vorwurf gemacht worden, daß sie für Mutter und Kind Ge­fahren berge. WaS das crstcre anbclangt, so ist bis jetzt bei "allen Anwendungen von Scopolamin noch kein einziger Un- glllcksfall vorgckommen. Gesunde, kräftige Frauen vertragen seine Anwendung so gut wie schwache, kranke. Da die Ge­bärende bei seinem Gebrauch keine Schmerzen mehr leidet, so ist dabei der Mutter und Kind schädigende Eingriff mit der Zange, der sonst zur Abkürzung der Leiden immer häufiger angewandt wird, fast vollkommen überflüssig geworden. An Stelle der Zange wendet man bei den Scovolamin-Geburteii das die Wchentätigkeit befördernde Pituitrin an. Man kann in aller Ruhe die natürliche Entbindung abwartcn, da man die Patientin ohne Gefahr selbst mehrere Tage lang im Dämmerschlaf erhalten kann. Ein besonderer Vorteil dieser Methode ist aber die schnelle Erholung der Mütter. Tie im Dämnierschlaf entbundenen Frauen können bereits am Tage nach der Geburt kurze Zeit das Bett verlassen und schon einige Tage später ausgehen. Es zeigt sich, daß die nervöse Erschöpfung und die langsame Erholung der Frauen nach der gewöhnlichen Geburt in erster Linie auf Rechnung der furcht­baren Schnicrzcn zu setzen ist, die sic auszustehcn haben. Die Frau, die sonst nur mit Grauen an die Geburtsstunde zurück­denkt, tut dies jetzt, wenn ihr überhaupt eine Erinnerung ge­blieben ist, mit dem Gedanken an eine angenehme Muskel- anstrengung.

Bliebe noch die Schädigung des Kindes. Bei den 10 000 bis 12 000 Geburten, bei denen der Dämmerschlaf zur Anwendung gelangt ist, kam bis jetzt nur ein einziger Todes­fall vor, der dem Scopolamin-Morphium zur Last gelegt werden kann auf grund des Sektionsbcfundes. Im übrigen hat eine Statistik von 421 Dämmerschlafkindern sogar er- chiesen, daß die Sterblichkeit dieser Kinder im ersten Lebens­jahr um 4,4 Prozent hinter der des Turchslbnitts im Groß- hcrzogtum zurückbleibt. 80 Prozent dieser Kinder kommen frisch und munter zur Welt, 16 Prozent zeigen Atembcschwcr- den, die aber bald vergehen und 5 Prozent kamen asphyktisch, d. h. scheintot zur Welt, ein Prozentsatz, der nicht größer ist als bei gewöhnlichen Geburten. Die geringen Spuren von Scopolamin im Körper des Kindes werden erfahrungsgemäß innerhalb 2 Stunden ausgeschieden.

So bleibt denn gegen die Dämmerschlaf-Methode kein EinDand, es sei denn der tatsächlich von religiös-katholischer Seite erhobene, daß die Frau sich damit gegen den ihr von Gott aufcrlegten Erbfluch wehre. Mit ihm haben wir uns nicht zu beschäftigen. Eine Schwierigkeit, die allerdings der schnellen allgemeinen Einführung der Methode gegenübersteht, liegt in den nicht unerheblichen Kosten, die die Einrichtung entsprechenden Entbindirngsräume verursacht und in der Not-

Wendigkeit, erst ein Ärztpersonal mit den genügenden Erfah- rungen heranzubilden. In der Freiburger Klinik wird jeder Frau, die dorthin zur Einbindung kommt, auch der ärmsten, die Entbindung im Dämmerschlaf vorgeschlagen. Besser situierte Frauen können es sich auch heute schon leisten, nach Freiburg zur Entbindung zu reisen. Auch in verschiedenen anderen Städten praktizieren schon Schüler von Professor Krönig nach seiner Methode. Vielleicht wird die Furcht der herrschenden Kreise vor dem Geburtenrückgang, der ja zum Teil wenigstens durch die Angst der Frau vor den Geburts­schmerzen verursacht ist, sein Teil dazu beitragen, die Ein- führung einer Methode zu beschleunigen, die in einer Zeit, wo man sonst den Schmerz bei den kleinsten operativen Ein- griffen durch entsprechende Maßnahmen zu beseitigen sucht, längst den Beifall aller Acrzte hätte finden müssen. Wenn diese Aerzte nicht Männer wären und unsere ganze Zivili­sation nicht vom Interesse des Mannes beherrscht wäre. Der fortschreitende Sozialismus wird auch das ändern.

Aas erste Aßenteuer.

Die rauhe», regnerische,, Tage, in denen die Sonne sich ganz von der Erde gewandt, hatten die Menschen auch trllb und mtid« gemacht. Es war gar kein Schwung mehr in ihnen, sie wollte» nichts unternehme» und versanken grämlich in ihren sardluse» Negcnkleidern. Alles war Io ohne Lust und Freude. Die Bäume steckicn ihre Arme gleichgiltig von sich, die Kronen erhoben sich nicht, sondern hingen gelassen. Fn den Gräsern tummelte sich kein Spiel, keine Farbe durchwogte sie. Sie standen eben da, grün in grün.

Und dann, eines Morgens, schon ln der Nacht hatte sich da» geheimnisvoll vorbereitet, ivar der Himmel strahlend. Ueoer und über blau, nirgends die Spur eines Wölkchens. In der dunkelste» Ecke des Hausflurs war der Steinboden hell von der Sonne be­schienen und breitete Wärme um sich. Ti« Bank unter dem vor- springcndcn Dach war grell weiss, ein paar wilde Nebenblätter be­wegten sich in ihren Schatten aus dem Sitz. Die Sträucher d«S Jasmin warfen ihre Blüten lachend in der Welt umher. Tie Büsche waren übermütig vor Glück. Sie wuchsen wie hemmungs­lose Genusssüchtige von ihrem Boden fort zu fremden Bäumen hin. Blüte an Blüte fas, an ihren gebrechlichen Zweigen, zart und weih. Aus der Ucbcrflllle löste sich manchesmal ein Blättchen und ver­breitete einen feinen, gelben Staub, der sich golden unter den Gräsern verlor.

Wie im Tanze schivangcn sich die kleinen roten Kletterrosen am Hause hinaus. Sic platzten fast vor Farbenpracht. Tie hellrote» Geranien schielten zu ihnen hinunter und die blauen Begonien brück­ten sich durch das Gitterwerk des Balkons, um nur einen Gruh zu ihnen zu schicken. Tiefe glühend roten Rosen halten in sich Kraft und Schönheit gesammelt. Sie strotzten vor Leben: alle Wesen des Gartens sahen zu ihnen hinauf und richteten sich in der Glut ihrer Schönheit wie im Zwange enipor. Alles Leid, alle Stürme, alle Entbehrung, das alles war gewichen vor dem sonnigen Lachen. Was zugrunde gegangen ivar, das schien vergessen, weil nun das Leben in seiner Entfaltung stand.

Durch die Vorhänge und Läden war die Tonne gedrungen und hotte die Kinder geweckt. Edith schreckte plötzlich die Schwester aus mit dem Ruf: «Endlich die Sonne!" Tann hüpften sic beide aus den Betten, zogen den Stoff von den Fenstern ivcg und stieben die Läden zurück. Ta stürzte sich eine Welle Licht in die Stube, dass die Kinder die Köpfe geblendet senkten und nur mit der vorgehaltcnen Hand sich langsam an die Lichtfülle gewöhnten. Sic drangen ins Zimmer der Eltern und zupfte» an den Kopfkissen. Tie Klein« begann zu kichern und beide legten sich leise aus den Teppich. Aber sie konnten ihr« Freude nicht mehr unterdrücken und brachen bald in lautes Gelächter aus.

Was ist denn los?" fragte bi« Mutter. Tann sah sie di« beiden vcrknäult am Boden liegen. Ihre Frage erregte neue Heiter­keit.Tie Sonne... hihi... scheint doch so," stiess Edith hervor. «Und da, hähä...," fuhr Auguste fort,dürfen wir doch hinaus, hat Papa uns versprochen".

Ten Fahrplan." sagte der Vater noch halb im Schlafe. Auguste ftlirzte davon und nahm die Schleppe ihres Nachthemdes über den Arm. Gleich war sie wieder mit dem Buche zurück, und als der Vater die Züge nachsah. setzten di« Kinder ihr Gelächter auf dem Balkon fort.Alle Rosen sind angekommen," schrie Edith.Ganz dick!"Nein," meinte Auguste,sie sind doch nicht mit dem Zug an- gckommcn, sie sind hcrausgeschlüpft".Mutter, sie find über und über rot."Ach," sagt« sie nach «iner kleinen Weil«,sie sind doch nicht so rot".

Warum sind sie doch nicht so rot?" wollte Auguste wissen.

Weil ja Grünes dabei ist."

Des zwegcn," lachte Augusts,sind sie ja gerade so rot. Und viel schöner ist's auch, wenn was Grünes dabei ist".

Die zwei begaben sich ins Badezimmer zur Reinigung.Deine Kniee sind anders dreckig," tadelte Auguste.Ist ja nicht wahr," wehrte sich Edith,weil ich sie gestern abend gewaschen Hab'". Trotz­dem rieb sie die Kniee tüchtig mit dem Seife"läpuche"^Sie sind