Ausgabe 
9.1.1914
 
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Vas Glatt decFcau

Wöchentliche Geilage der Gberkeffischen VolksZeitung

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Kummer l

Ließen, Freitag den 9. Januar I9l4.

6. Sakrgang

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Z>ie Irauenbeweguug im Jahre 1913.

Von irgend welchen prinzipiellen Errungenschaften der Frauen in Deutschland im vergangenen Jahre kann nicht de- richtet werden. Alle auf die Erlveiterung von Rechten abzielcnden Anträge und Petitionen sind rundweg abgelchnt worden: nnd wenn wirklich eimnal eine Volksvertretung be­schloß, den Frauen ein Wahlrecht zu gewähren, so legte die Regierung ihr Veto ein. Aber natürlich gibt es nicht viele Parlamente in Deutschland, die zu der Erkenntnis vorge­drungen sind, daß die Frauen eine Erwciterrmg ihrer Rechte dringend brauchen. Im abgelauscnen Jahre trat nur der bayerische Landtag dafür ein, daß den Frauen das aktive Wahlrecht zu den Kaufmanns- und Gewerbegerichten, Handels- und Gewerbekammcrn gegeben werden müsse. Ta aber die Regierung sich äußerst zurückhaltend zeigte, werden die bayerischen Frauen Wohl trotz des Beschlusses vom 20. No­vember noch lange auf die Einführung des Frauenwahlrechts warten können.

Immerhin, die Tatsache, daß eine bundesstaatliche Volks­vertretung sich von all den törichten und kleinlichen Vor­urteilen, denen man fast überall begegnet, wo über Frauen­rechte diskutiert wird, frei gemacht hat, gibt uns den Mut, zu hoffen, daß in absehbarer Zeit bei eifriger Propaganda auch an andern Stellen die Bedenken gegen das Franenwahl- recht zu den beruflichen Interessenvertretungen so gut. wie zu Kommune, Landtag und Reichstag überwunden werden.

Wie dringend notwendig es ist. daß die Frauen selbst einen direkten Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnen, bc- weist die Behandlung zweier für das weibliche Geschlecht außerordentlich wichtiger Vorlagen im Reichstag. Zum Staatszugehörigkeitsgesetz, das die Lebensinteressen der Frauen, die einen in Deutschland wohnenden Ausländer heiraten, sehr tief berührt, waren eine ganze Anzahl gut be­gründeter Frauenpetitionen ciugegangen, die durchiveg eine Abänderung der Bestimmungen verlangten, daß die Deutsche, die einen Ausländer heiratet, die deutsche Staatszngehörig- keit verliert und infolgedessen Ausländerin wird. Dieser Teil des Gesetzes kann die unangenehmsten Folgen für die Frauen nach sich ziehen, und zwar werden vor allein natür- lich die unbemittelte» unter ihnen am schwersten getroffen. Sobald der Mann arbeitsunfähig wird, oder stirbt, wird die Familie in das Heimatland des Mannes abgeschoben, und die Ehefrau, die vielleicht in dem Land vollkommen fremd ist, ja vielleicht nicht einmal die Sprache versteht, mag sehen, wie sie mit ihren Kindern durchkommt.

Die sozialdemokratische Fraktion hat sich der Frauen- wünsche mit großen« Eifer angenoinmen. aber sie richtete nichts auS gegen die Opposition von rechts her. Nicht einmal die Fortschrittler stimmten für die Frauenpetitionen, hinter denen ein großer Teil ihrer weiblichen Parteimitglieder stand.

Eine schwere Niederlage erlitte«« die Frauen auch «nit ihrer Forderung aus Zulassung weiblicher Schössen zu den Jugendgerichten. Trotz einer ausgedehnten Propaganda zahlreicher Frauenorganisationen, trotz des energischen Ein- tretens unserer Genosien für die weiblichen Schössen, wurde der Antrag abgelehnt. Von den bürgerlichen Parteien stimmten nur einige Fortschrittler nnd wenige National- liberale dafür.

Ist es danach noch verwunderlich, daß der Antrag der Sozialdemokratie auf eine Wahlrechtsreform der bundes­staatlichen Parlainente durch einen Zusatz zur Reichsver­fassung, der auch das Frauenwahlrccht vorsah, keine Gegen- liebe fand? Der Vertreter der Fortschrittlichen Volkspqrtei, Herr Kopsch, hielt es sogar für angebracht, ganz besonders vor dein Frauenwahlrecht zu warnem Er sah entsetzliche Konsequenzen voraus: man «verde auch den Kindern das.

Wahlrecht geben «nüssen.

So finden wir in der deutschen Gesetzgebung Mißerfolg über Mißerfolg. Und dieser trübselig stiinmende Rückblick läßt es noch unbegreiflicher erscheinen, daß die bürgerlichen Frauen sich an dem Rummel anläßlich des Regierungs- jubiläumS Wilhelnls 1L beteiligten. Was hat ihnen das starke Betonen desnationalen Empfindens" geholfen? Die nationalen Parteien" fangen sie dadurch doch nicht. Die werfen ihnen weiter ihre Jnternationalität vor «md denken nicht daran, auch nur die kleinsten Forderungen zu be­willigen. Jeder Machtzuwachs der Frauen ist ihnen verhaßt. Sie sehen die Gefahr, die ihrer eigenen Vormachtstellung dadurch droht, recht gut, und ans diesem Grund wehren sie sich auch mit aller Kraft gegen das Vordringen selbst der konservativen Frauen. Bekanntlich hat sich im April die Vereinigung konservativer Frauen" konstituiert, aber die Opposition in der konservativen Partei gegen diese Neu- gründung lvar so heftig, daß sich der Parteivorstand genötigt sah, enge Grenzlinien für die Wirksamkeit der konservativen Frauen zu ziehen, was natürlich nicht besagen will, daß die Vereinigung konservativer Frauen nicht mit der Zeit ans eigener Machtvollkommenheit ihr Tätigkeitsgebiet erweitert, trotz Pastor Werner und trotz Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation.

Die sozialdemokratische Frauenbewegung hatte im Jahre 1913 einen schweren Verlust zu beklagen. Ihr Vorkämpfer uird aufrichtigster Freund, August Bebel, starb im August, und mit der Trauer der Sozialistinnen vereinigte sich die vieler bürgerlicher Frauen, die den Tod des unermüdlichsten Streiters für Fraucnrcchte beklagten.

Die Zunahme der Zahl berufstätiger Frauen auch in den Kreisen des Bürgertunis zwingt die Frauen zu einer Stellungnahine in wirtschaftlichen und polittschen Tages- fragcn und drängt ihnen den Kampf uni Rechte auf. Auch ini vergangenen Jahr sind wieder zahlreiche neue Stellen für Frauen von der Post- » TelegraphenverwMung sowie von der Eisenbahnverwaltnng geschaffen worden. Von beiden wurden die bisherige Tätigkeit der Frauen lobend anerkannt, aber die Neueinstellung so vieler Frauen ist doch weniger auf ihre Tüchtigkeit als aus ihre Billigkeit zurückzuführen. Tparsamkeitsrücksichtcn waren maßgebend.

Tie Arbeiterinnenorganisationcn-haben im Jahre 1913 stetig zugenommen. Das geht schon daraus hervor, daß dir Zahl der weiblichen Dertrancnspersonen in den der Gcneral- kommission der Gewerkschaften angcschlossencn Kartellen aut 8-t gestiegen ist. Trotzdem haben wir keinen Anlaß, uns in Sicherheit zu wiegen. Die Nationalliberalen im Reichstag und der Deutsche Handelstag hielten es für nötig, für eine Verschlechterung der durch Gesetz gewährten Ruhezeit für Arbeiterinnen einzntrcten. Ter frühzetiige Samstag- nachinittagschluß sollte hinten herum wieder aufgehoben wer»