Ausgabe 
24.7.1914
 
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hüllt dem Wissenden nichts Neues. Trotzdem ist es immer wieder verdienstvoll, die Fäulniserscheinungen der kapitalisti­schen Gesellschaft zu brandmarken, damit die Erkenntnis all­gemeinere Verbreitung erlangt, daß die Kultur entarten muß, wenn sie nicht durch den Sozialismus geläutert und erhöht wird. Von der heutigen Gesellschaft ist nichts zu hoffen. Ihr ist der Profit das Heiligste.Die Not so vieler Mädchen, die die Folge unserer auf die Sinnlichkeit bei Mann und Weib geradezu abzielenden und sie aufreizenden gesellschaftlichen Kultur ist, hat einen neuartigen Geschäftszweig entstehen lassen, der mit der Furcht und der Dummheit der nach unserer traurigen gesellschaftlichen Auffassung allein gebrandmarkten und geschädigten Mädchen rechnet, sie ausbeutet und enorme Gewinne erzielt, und der andererseits die Mädchen körperlich schädigt und sie moralisch noch tiefer herabdrückt . . . Dem allen sicht der Staat zu; er gibt, wenn man jenen An­preisungen glauben darf, seine Sanktion dazu!"

Der wissende Stadtschulrat.

Kürzlich wurde in Magdeburg der Städte tag für Sach­sen-Anhalt abgehalte». wobei der Stadtschulrat Dr. Gutsche-Ersurt ein Referat überdie Pflichtfortbilbungs- schulc für Mädchen" hielt. In einer langen Rede hat der Mann seine Meinung der Versammlung bckanntgcgcben und gesagt, warum die Mädchen besser unterrichtet und goschuit werden müssen. Kolossale Nebcrtrcibungcn hat sich dieser Vortragende nach dem jetzt vorliegenden Bericht zuschulden kommen lassen. Es ist «ine schwere Beleidigung für alle Arbeitercltern und alle die, die mit der Mädchcnerziehung zu tun haben, was da als wahre Be­hauptung von dem Stadtschulrat ausgestellt worden ist. Nach ihm sind die Arbeiterfrauen absolut unfähig zur geordneten Führung «ines Haushaltes und die Männer gerieten nur durch diese Unfähig­keit ins Unglück!

Der Tr. Gutsche hat u. a. folgenden Unsinn geredet:Wer einen Blick in die Verhältnisse getan hat, der weiß, baß gewerbliche Arbeiterinnen, die nicht imstande sind, sich einen Strumpf zu stopfen, «inen Schaden an Wäsche »nd Kleidung auszubessern, ein Hemd zu nähen, das Bügeleisen zu handhaben, ein genießbares Gericht hcr- zustellen, geschweige denn ein einfaches Kleid anzusertigen, scharen­weise zur Ehe schreiten. Die w e n i g st e n der Arbeiterinnen haben Lust, sich, wenn sic überhaupt in ihrer Familie Wohnung behalten, nach Feierabend häuslicher Beschäftigung zu widmen: zu einer ein­gehenden Tätigkeit hommt es jedenfalls nur selten. Solche Mädchen bereiten, sobald sie heiraten, ihren Männern in einem schlecht ge­führten Hausstände, der oft auch aus Mangel an Ersparnissen ans schwankendem Grunde errichtet ist, «ine Stätte des Unbehagens und Zwistes. Gänzlich unvorbereitet pflegen derartige Mädchen i» die Ehe zu treten. Ohne im Besitz wertvoller Erfahrungen zu sein, müssen sie die Führung ihrer kleinen Wirtschast übernehmen, und es ist kein Wunder, wenn gleich zu Anfang, oft schon bei der Ein­richtung, Fehler über Fehler gemacht werden. Wertloser Plunder wird vielfach planlos zusammengekauft, oft nur auf Abzahlung ent­nommen. Anstatt sich auf Beschaffung praktischer, nützlicher und unentbehrlicher Gegenstände zu beschränken, prangt ein Vertiko und auf ihm ein Grammophon in der Wohnstube.

So geschieht es, baß manche Familie niemals auf «inen grünen Zweig kommt oder zu einem sorgenfreien Leben gelangt, wenn auch Mann und Frau durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen suchen. Sobald keine Ordnung in der Wirtschast und im Haushalt herrscht, geht es rückwärts mit der Familie. Fleißige Männer sind nicht selten, sobald sie geheiratet habe», durch die Unfähigkeit der Frau, dem Hauswesen vorzustehen, ins Unglück geraten. Ta das Haus keine Stätte des Behagens für sie sein kau», gewöhnen sie sich an de» regelmäßigen Wirtshausbesnch. Und im Wirtshause werden nicht nur ein paar Glas Bier getrunken, sondern es wird auch zu Hause gibt es ja nichts Genießbares gegessen. So kommt es, daß der Mann einen unverhältnismäßig großen Teil des Ver­dienstes für sich verbraucht. Wie rasch Männer, die vor der Ver­heiratung solide und arbeitsam waren, auf der Bahn, durch die sie infolge ihrer Ehe geraten sind, abivörts gleiten, habe ich nur zu oft vou Arbeitgebern uild Männern, die in der Armcnvcr- waltung tätig sind, nicht zum mindesten von Geistliche», die Ein­blicke In solche zerrütteten und vielfach der Auflösung anheimfallcn- ben Ehen zu tun Gelegenheit haben, gehört."

Sollte mau so einen Blödsinn von einem wissenschaftlich ge­bildeten Manne sür möglich halten? Hat er wirklich wahrheits­gemäß solche Feststellungen in Erfurt oder sonstwo machen können, oder erlaubt sich der Mann. Einzelfälle zu verallgemeinern, um den Schulunterricht damit begründen zu wollen! Wir behaupten das Gegenteil von dem, was der Schulrat als klare Weisheit vorgc- tragen hat. Es ist im allgemeinen nicht so, wie er sagt. Es ist unwahr, daß die gewerblichen Arbciterimlc» scharenweise in die Ehe treten uild nichts können, keine Schäden an Wäsche und Kleidung ousbesseru, keinen Strumpf stopfen, kein Hemd nähen können usiv.I Die übergroße Mehrzahl der Arbeiterinnen kann das und ist mit Lust und Liebe um das häusliche Familienleben besorgt, andernfalls würden ja schreckliche Verhältnisse in Deutschland existieren. Der Stadtschulrat hat gar keine Ahnung davon, was rs heißt, die Frau

eines armen Arbeiters zu sein. Wäsch«, Kleidung, Schuhwerk ufw. wird Im Arbeiterhaushalt ganz anders in Anspruch genommen, als bei Besserfituierten. Demzufolge mutz aber auch die arme Frau viel häuslicher und geschickter wirtschaften können, als im reichen Haushalt, wo für unbrauchbar gewordene Sachen leicht Ersatz zu schaffen ist! Wie «ine Künstlerin hält meistens bi« Arbeitcrsrau das Alte zusammen.

Die Erfahrungen beseitigen schon dieDummheit", wenn solche wirklich vor der Ehe bestand, denn mit Macht wirkt der Zwang der Umstände gerade aus die Frauen ein.Wertloser Plunder" wird doch nur gekauft, weil gute Sachen zu teuer sind für Leute mit niedrigem Einkommen. Deshalb bemerken wir mitunter im Ar­beiterhaushalt mehrPlunder" wie nötig, weil erfahrungsgemätz der billige Kram" schneller abgenutzt und dann meist wertlos ge­worden Ist. Zur hauswlrtschaftlichcn Grundlage gehört vor allein eine möglichst gesicherte Existenz, keine Arbeitslosigkeit, keine Krank­heiten infolge zu starker Ansbeutcrci, damit die Familie nicht fort­während ins Unglück gerät und bann «inbehagliches" Leben nie möglich ist.

Der verheiratet« Maun läßt seine Frau recht gerne zn Hause, damit sie die Wirtschaft führt und dabei dazu lernt, was sie eventuell noch nicht kann: er läßt sie nur ungern mit auf Arbeit, nach Verdienst gehen, weil darunter die Wirtschaft leibet. Diese Tugenden gewöhnt aber der Kapitalismus und die Not dem Arbeiter beizeiten ab. Staat und Gemeinden errichten Kinder- bewahranstalten, weil die Eltern ihr« Arbeitskraft verwerten m ü sse n , um existieren zu können!! Das Ehe- und Familienleben wird dadurch aber nicht gefördert. Dann heißt es, ja seht nur, wie unfähig diese Arbeiterfrauen sind! Der Mann wird durch die ganz «lenden Verhältnisse mehr als sonst verleitet, bas Wirtshaus aufzusuchen. Mit der Arbeitsamkeit oder Lüderlich- kcit der Ehegatten hat das nicht das mindeste zu tun. Die Vor­würfe des Herrn Dr. Gutsche verraten wenig Talent, bestehende Uebelstände abzuschaffen.

Dämmerschlaf"

Allem Anscheine nach ist die Zeit nicht mehr fern, in der dem alten Fluch, der auf dem Weibe lastet:Mit Schmerzen sollst Tu Kinder gebären", ein Ende gemacht sein wird. Hente schon gibt es Tausende von Frauen, die ihre Kinder auf natürlichem Wege, ohne künstlichen Eingriff des Arztes zur Welt gebracht haben, und die dabei doch von dem furcht- baren Martyrium befreit blieben, das in den allermeisten Fällen mit dem Gcbnrtsvorgang verbunden ist. Der Zu­stand, in dein dies möglich ist, heißt Dämmerschlaf, und den Professoren Krönig und Gauß von der Frauenklnik der Badischen Universität in Freiburg, sowie ihren Assistenten, gebührt vor allem das Verdienst, die menschenfreundliche Methode bis zu ihrer jetzigen Vollendung ausgebaut »nd für ihre Verbreitung gewirkt zu haben.

In der Neuen Generation, dem Organ des Bundes für Mutterschutz, finden wir einen höchst interessanten Artikel aus der Feder von Mary Sumner-Boyd, einer Frau, die selbst int Dämmerschlaf geboren hat, der eine Fülle außerordentlich instruktiven Materials enthält. Der Dämmerschlaf ist, wie schon der Name besagt, keine Narkose im gewöhnlichen Sinne. Er wird hervorgerufen durch eine Scopolamin-Mor­phium-Einspritzung unter die Haut und zwar wer­den die Einspritzungen von Zeit zu Zeit wiederholt. Der Dämmerschlaf ist nicht mit absoluter Bewußtlosigkeit ver- blinden, sondern er stellt einen Zustand getrübten Bewußt­seins dar, in dem das Gehirn von den Reflexnerven des Rückenmarks abgeschnittcn ist und dadurch die Empfänglich­keit der Schinerzen verloren hat. Die Patientin bleibt dabei für Sinnescindrücke empfänglich: zur Herbeiführung des Schlafes ist daher auch absolute Ruhe und starke Verdunkelung des Krankenzimmers notwendig. Ebenso bleibt sic dem Ein­fluß des Arztes zugänglich und ist imstande, dessen Anord­nungen, die sich auf den Hergang der Geburt vollziehen, zu befolgen. Der Schlaf hat also eine gewisse Aehnlichkcit mit hypnotischein Schlaf.

Für die Feststellung des Eintretens der völligen Bewußt- losigkeit ist dieGedächtnisprobe" maßgebend. Man fragt die Patientin, ob sie sich an Eindrücke, die einige Zeit vorhey stattgefunden haben, noch erinnert. Ist dies nicht mehr der Fall, so ist die Bewußtlosigkeit ausreichend.

Die Durchführung des Dämmerschlafes stellt in den Takt und die Fähigkeit des Arztes, sich in eine andere Individuali­tät hincinzufühlen, große Anforderungen. Fast jede Patientin reagiert in etwas anderer Weise und die Dosen müssen daher genau reguliert, die ganze Behandlung ständig überwacht wer-