Ausgabe 
24.7.1914
 
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ivöchentlicke Seilage dec ivberkessiscken Vojkszeitung

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Kummer 29

Ließen, Freitag den 24. Suli 1914.

6. Sakrgang

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Was man mit Annoncen erleben kann.

Mit dem Ausstieg der Menschheit auf eine immer höhere Stufe der Kultur haben sich die wirtschaftlichen und gesell­schaftlichen Einrichtungen und die geistigen Anschauungen ent­wickelt. Daraus folgt, daß selbstverständlich auch die Ehe ihre Geschichte hat. Die heutige Ehe, die Einzelehe, ist mit dem Privateigentum entstanden. Ter Mann wurde zum Herrscher in der Familie. Der Ehemann ist der anerkannte Erzeuger der Kinder, die die berechtigten Erben seines Besitzes sind. Die Einzclehe ist natürlich ebenfalls nur eine vorübergehende Erscheinung, die zu gegebener Zeit von einer höheren Form des Geschlechtsverkehrs zwischen Mann und Frau abgelöst werden wird. Wenn die Einzclehe auch gegenüber den früheren Formen der Ehe einen Fortschritt bedeutet, so hat sie auch ihre Schattenseiten. Der verhältnismäßig freie Geschlechts­verkehr ist durch die Einzelehe keineswegs beseitigt worden. Ehebruch und Prostitution sind an der Tagesordnung. Männer betrügen ihre Frauen, Frauen ihre Männer. Die Keuschheit vor der Ehe ist eine seltene Erscheinung. Und die Ehen, die nicht aus gegenseitiger Zuneigung zustande kommen, sondern aus wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Berech­nungen, sind schließlich auch nur Prostitution. Tie land­läufige gesellschaftliche Moral will das alles nicht wahr haben, sie stützt sich auf Begriffe von Sitte und Ehre, die wundervoll romantisch sind und in der Luft schweben. Eine einzige große gesellschaftliche Lüge!

Tie gesellschaftliche Moral verlangt unbedingt eheliche Treue und absolute Keuschheit vor der Ehe, von Mann und Frau. Neben dieser gesellschaftlichen Moral besteht aber noch eine kleine illegale Moral für den täglichen Bedarf. Aller­dings nur für den Mann. Tie Geschlechtslicbe aus Leiden­schaft ist ein zu starker Naturtrieb. Ter Mann, der vor der Ehe seine Keuschheit verloren hat, der als Ehemann treulos ist, verliert darum noch lange nicht seine Ehre. Zwar sittlich angefault, aber trotzdem ein Schwerenöter, ein heimlich be­wunderter und oft beneideter Held mit einem pikanten Makel. Anders bei der Frau. Erliegt die Frau der Geschlechtslicbe au? Leidenschaft, dann ist sie moralisch erledigt. Mit dem Verlust ihrer Keuschheit verliert die Jungfrau ihre Ehre, er- wirbt sie die Schande. Tie Frau muß um jeden Preis ihre Schande verbergen. Tie Flucht der Frau vor der öffentlichen Schande ist häufig ein einziges Golgatha.

-j- Und wie unter der kapitalistischen Wirtschaftsweise der Prosit der Zweck aller Unternehmungen ist, so haben sich auch Unternehmungen gebildet, die aus der Not und Verzweiflung gefallener Frauen Gewinn herauszuschlagen verstehen. Ter reichen Frau öffnen sich Zufluchtsstätten, wo sie die Früchte ihrerSchande" heimlich los wird. Eine Ferienreise wirft Wunder. Alle Sünden sind vertilgt und keusch und rein von Schuld und Fehle tritt die reiche Frau in ihren alten Kreis. Die arme Frau muß ihreSchuld" mit sich schleppen. Ihr blüht größeres Elend. Viele enden, verlassen von aller Welt, verachtet und gepeinigt, als Mörderinnen ihrer Kinder. Not bricht Eisen.

Aber auch die Wallfahrt der reichen gefallenen Frau zum Keuschheitsbrunnen ist nicht gefahrlos. Wir dürfen die Unternehmungen zur Rettung solcher Frauen nur etwas näher betrachten. Tie Frau, die inSchande" geraten ist und der

die nötigen Mittel zur Verfügung stehen, erläßt gewöhnlich in einer bürgerlichen Zeitung ein Gesuch:Dame in diskreten Umständen sucht Unterkunft." Die Wirkung bleibt nie ans. Zu Dutzenden flattern Angebote ins Haus. In Berlin er­scheint sogar extra ein Internationaler Pcnsionsanzeigcr für solche Gesuche und Angebote. Was man nun auf dem Markt fürdiskrete Angelegenheiten" erleben kann, das erzählt unS neuerdings Pfarrer Paul Bruns aus Straßburg i. E. int 10. Heft der in München erscheinenden Süddeutschen Monats­hefte.

Auf das Gesuch einerDame in diskreten Umständen" umdiskrete Unterkunft" in einer bürgerlichen Zeitung, machte ein Tr. S. aus G ... ein Angebot, aus dem anstands­halber nur folgende Sätze mitgeteilt werden können:

Mein Fräulein! Sie können in meinem behaglichen Heim einen schönen freien Aufenthalt genießen, wenn Sie mir dafür freien Geschlechtsverkehr gestatten. Ich bin Jung­geselle Arzt und ich werde Ihnen natürlich nicht mehr zumuten, als Sie in Ihrem schwangeren Zustande vertragen können, ich weiß aus meiner Praxis, daß vielen Schwangeren der Geschlcchtsgenuß bis kurz vor der Ent­bindung geradezu Bedürfnis ist. Schreiben Sie mir nur ganz offen, ungeniert und vertrauensvoll, ob Sie zum erstenmal schwanger sind, wie lange jetzt diese Schwangerschaft besteht, ob Leib und Brüste schon bedeutend schwellen" usw. (Nun folgte eine Schilderung seiner Leidenschaft für Schwangere, seiner körperlichen Beschaffenheit und Fragen nach derjenigen der Suchenden: und schließlich stellte er in Aussicht, das Kind eventuell zu adoptieren.)

Auf einen weiteren Brief an die angegebene Chiffre er­folgte keine Antwort, weil die mitgeteilten Einzelheiten dent Arzt Wohl nicht zusagten. Es wurde darauf in derselben Zeitung ein anderes fingiertes Inserat ähnlichen Inhalts aufgegebcn in der Hoffnung, daß der Arzt sich wieder melden würde; aber er scheint unterdessen etwas Befticdigcndes ge­funden zu haben, denn er reagierte auf diese Annonce nicht.

Dagegen liefen 113 andere Angebote ein, parfümierte und rticftt parfümierte. Es meldeten sich einbehördlich kon­zessioniertes Privat-Tetektiv- und Rechtsbureau", einTeut- scher Zimmer-Wohnungs-Pensions-Nachweis", andere Pensionen", adlige Personen, Kaufleute, höhere Beamte, Oberlehrer, Architeften, Ingenieure, Apotheker, Arztschwcstern, verwitwete Rätinnen, Offiziere a. D., Pfarrerswitwen, Hebammen, Geburtshelferinnen, Frauen, deren Schwester, Tochter, Cousine oder Freundin Hebamme ist, Kranken­schwestern, Heilgehilfen, Masseurinnen, Naturhcilkundige und Masseure, Aerzte.

Masseurinnen empfehlenMassagckuren gegen Korpulenz, Menstruationstropfen" und ähnlicheHeilmittel". Aerzte versicherten, daß es ihnenein leichtes ist, eine Frühgeburt schmerzlos und gefahrlos herbeizuführen". In 6 bis 3 Tagen ist die Sache gemacht. Hebammen erklärten, daß siedie polizeiliche Konzession zur Geheimmeldung" besitzen, daß ihnendie Aufnahme von Damen polizeilich konzessioniert ist und daß dadurch eine absolute Diskretion möglich ist", daß bei ihnenohne Heimbericht entbunden werden kann". Zahl- reich waren die Bereiterklärungen zur Aufnahme oder

Adoption der Kinder. . . . . .

Tas von Pfarrer Bruns verarbeitete Aktenmatenal ent-