Ausgabe 
17.7.1914
 
Einzelbild herunterladen

cnwi&evrt, solle» sich belast«« lasse», solle» sich prcisgcben, alles int Interesse des gewinnbringenden Suffs. Und auch das ist noch nicht genug. Um den Prosit des Animierwirtes ins Ungemessene zn cr- hhhen, müssen sie de» übrig gebliebene» Wein wieder verwende», iniisse» veranlassen, dag auch der Wirt und die Wirtin Wein und Sekt in die Küche hi nattsgeschickt bekommt. All das wird wieder zu Geld gcuiacht. An einer Kneipe im Pfälzischen, erzählte uiir Annic, wurden aus einem Fäßche» Wein dreizehn Sorten Wein lauter Originaletikettcn verzapft. Apfelwein wurde als RiiLesheimer etikettiert und Gästen, die stark betrunken waren, um vier Mark per Flasche verkauft.

Bei einem Wirt wechselten die Kellnerinnen besonders stark. Tort lernt« Annic de» scheußlichsten Auswuchs der Kcllnerinnen- ausbeutnng kennen. Tort wurden nicht nur die Gäste ausgestohlen, sondern und zwar direkt auch die Animierdamen. Sie er­zählte mir das so schlicht, so einfach, dast es mir schien, als habe sic Liese Erfahrung auch an vielen anderen Stellen gemacht, als sei dies gar nichts Außergewöhnliches. Tas war so: Was sie am Büsett holte, wurde gebucht: abends wurde dann abgerechnet. Und immer blieb so unbegreislich wenig Trinkgeld.Und", erzählte Minie weiter,ich konnte mich doch nicht jeden Tag verrechnet haben. Ich rechnete das Buch 34 Mal nach, aber es stimmte. Tann paßte ich einmal eines Tages ans, daS Trinkgeld trennte ich von der Ein­nahme. Als ich abends abrechnete, betrug die Buchung elf Mark mehr, als ich Einnahme« halte. Ach sagte dem Wirt auf den Kops zu, dast das «in Irrtum sei. Auch konnte ich mich noch genau er­innern, wieviel Fiaschcu Wein ich verkauft hatte, verlangte das Buch und sah die Eintragungen genau durch. Trei Flaschen Weiu und fünf Liköre waren mehr eingetragen. Jetzt wußte ich, wo der Haken war! . . ."

Noch vielerlei solche Sachen erzählte mir die blonde Annie. Wie sie verführt ivurde, wie die Rädchen »eben ihr sie verhöhnten, weil sic so solide sei, wie sie von einer Bude in die andere kam, wie sie in mancher verdiente und verdiente und wie sie doch immer noch tiefer hincinkam in die Schulde» beim Vermittler. Tiefer Stelleu- vernuttlcr und das höhnisch-grinscnde, parjümdnftcndc und alkohol- geschwängcrte Elend, das sind ihre treuesten Begleiter.

Keine» festen Lohn habe» die Animierdamen, sondern Pro­vision von dem Verlausten. Cft müssen sie auch noch Abgaben leisten sür zerbrochenes Geschirr, für Gläscrreinigen So ist also die Quelle, aus der das Einkommen der Animicrwirte sich speist, nicht weniger schenstlich, nicht minder schmutzig, als das nackte Bordcllwesen. Und nun überlege man noch, dast die Animiermäd- che» immer elegant dastehcn müssen sdie Annie erzählte mir, sic hätte täglich sieben Mark Unkosten:Woher soll ich bas ver­dienen?"), dast viele Rädchen, eben weil die schrankenlose Ausbeu­tung sie so ost zur Prostitutiou bringt, auch elegante Wäsche haben müssen, daß sie häufig »och «in Kind zu ernähren haben, dast sic lehr ost mit der schlechten Kost ihr Auslange» nicht sinde» und sich Esten zukaufen müssen: und mau >vird verstehen, welch grenzenloses Elend in den Reihen jener Geschöpfe herrscht, die so ost bloß sür elegante Spielzeuge gehalten werden, sür verdorbene Gejchöpse, di« jene» Beruf nurivähltcn", »ni sich Tag und Nacht amüsieren zu können..... Ich klage an. . . .

Aus Welt und Leven.

Die Grundlage der Kindcrerzichung.

Reine Luft ist mehr als Wein."

(W. Meister.)

Tie Liebe macht nicht den zehnten Teil davon an Kindern gut, ivas Gedankenlosigkeit ihnen schadet. Wer hat nicht schon spät nachts Kinder in Kneipe» und Bierhäusern gesehen. Sie werden in der besten Absicht mitgenommen; sie sollen sich dort unterhalten. Welches Uninast schädlicher Gedankenlosigkeit. Wie oft ist schon gesagt und geschrieben worden: Gebt den Kindern keinenAlkohol. Alkohol ist Kindern Gift. Aber die liebe Elternliebe hält noch inimcr den. Ein­jährigen das BierglaS a» den Mund. Und wie wenige Ellern wisse», welche Ernährung für ihre Kleinen die zuträglichste ist. Weil man sich durch jahrelange Abhärtung an das erbärmlichste gefälschte Zeug gewöhnt hat, das der Kapitalismus für die Arbeiter übrig lästt, wird cs auch den Kindern so früh wie möglich in den Mund gestopft. Auch in dieser Sache zeigt uns Goethe den Weg. Er schreibt in einem Brief an Fr. Jakobi:

Weißt Tu was, ich will ihn (Fritz v. Stein) Teineni Mäd­chen erziehen. Eine» besseren und hübscheren Mann kriegt sie ja doch nicht, da ich doch einmal Tein Schwiegersohn nicht werden kan». Aber gib ihr nicht Punsch zu trinke» und des andern Quarks, halte sie unverdorben wie ich den Buben, der an die reinste Tiät gewohnt ist.

Selbst auf diesem Gebiet müssen wir von den Kindern und durch die Kinder lernen. Wir sehen, daß ihr unverdorbener Ge- schmack sich allein Gesälschten, Unnatürlichen abwcndct und sich an das Reine, Natürliche hält: Obst, Brot und Milch. Und indem wir die Bedürfnisse der Kinder zu erkennen suchen, werden wir er» /ennen, wie unnatürlich unser Trank und Speise ist. Wie wir uns

in der Ernährung von Gewohnheit, Ueberliefernng mtö Reklame leiten lasse», nicht aber von ErkenutuiS oder gar wissenschaftlicher Erkenntnis.

Immer Ist die Beschäftigung mit Kindern viel mehr Gewinn für uns, als wir mit Sicherheit an Gewinn für die Kinder behaup­ten können. Und auch hier sehen wir, wieviel wir zu tun haben, um nur nichts zu verderben, nichts schlecht zu machen, bas Gut- machcn kommt dann schon von selber.

Bon unten herauf must die Gesellschaft (und der Mensch, fügen wir hinzu) gebaut sein. Zuerst das Nützliche: Wohnung, Kleidung, Schlafen, Essen. Tann das Wahre: die Durchdringung des Nützlichen mit menschlicher sittlicher Lebensanschauung, und zum Schluß als Krone des Ganzen: bas um seiner selbst willen gewollte Schöne. (W. Meister.)

Die Schulserien und der Tierschutz. Zm Beginn der Ferien­zeit sei an alle Eltern und Erzieher, namentlich an die Führer und Führerinnen der Ferienkolonien, die herzliche Bitte gerichtet: die Zeit des sröhliche» Zusammenseins zu benutzen, de» Sinn der Kin­der auch auf den Tierschutz zu lenken. Nicht nur die Schonung der Bögel, der Käfer, der Schmettcilinge, der Krötcti und Frösche, der Waldschneckcn und des sonstigen Getiers sollte man ihnen au- empfehle», sondern auch ihre Aufmerksamkeit sowohl den gut als den schlecht gehaltenen Hous- und Zugtieren zuwenden. An den ost ohne Streu und Wasser an der Kette liegenden unglückliche» Hof­hunden »nd an den oft überlasteten und mißhandelten Pserdcn sollte nicht ohne ein Wort der Teilnahme vorübergegangen werden, Auch auf die i» engen Käsigen, manchmal übereinander, in der Sonnen­glut an den Häuser» hängende» Finken und anderen Vögeln sollte man die Kinder aufmerksam machen und sein Mißfallen äußern. Dagegen dürste nie unterlasse:! werde», über wohlgepsleglcs, sich aus der Weide anstuinmclndes Vieh freudigen Beifall zu äußern, überhaupt die Teilnahnic au der Tierwelt, die de» Stadtkindern ost ganz fehlt, in scdcr Weise zu erwecken. (Ein Mahnruf des Leip­ziger Tierschutzvereliis.)

^esundkjeitspssege.

Desinfektion durch Plättcisen. Es dürste unsere Hausfrauen interessieren, daß neuerdings in einem bakteriologischen Labora­torium Versuche angestellt wurden, welche ergeben haben, daß das Plätten der Wäsche i» hohem Maße desinfiziert. Zur Abtötung der krankheitserregenden Bakterie» genügen meist schon Tenipcratiire» oon 140 Grad. Ei» Gasplä'tteisen hat aber eine Temperatur, die zwischen 200 bis 400 Grad schivankt. Indem nun das heiße Plättrisen über die Wäsche fährt, finden die etwa noch durch den Waschprozcß nicht getöteten Bakterien ihren Tod. Will man mit Hilfe des Bügeleisens desinfiziere», so ninß man dieses so heiß wie möglich zur Anwendung bringen, an, besten 250 Grad und mehr. Je heißer, desto beguemcr und oollkomnicncr. Von Herrn Tr. K. Soehla, dem ivir diese Forschungen verdanken, wurde fcstgestellt, daß dünner Stoss, wie zun, Beispiel Blusen und Schürzen, die am Krankenbett oder beim Krankenbesuch getragen wurden, schon beim einfachen Plätte» keimfrei werden: ei» dickerer Stoss niußte mehrere Male überplättet werden. Tie Tatsache der des- insizirenden Wirkung des Plätteus wird sicherlich von allgeuiciueni Interesse sein, nicht nur für solche Personen, die berufsmäßig in der Krankenpflege zu tun haben, sondern auch für jeden Haushalt, namentlich bei Jnslnenzaepidcmien, Tchnnpscn und dergleichen. Tie schnelle Herstellung des nötigen Plätteiscns inacht heute, wo säst jeder Haushalt mit einem Gasplätteisen eingerichtet ist, ganz geringe Mühe und Kosten; rechnet man doch, wen» man eine ganze Stund« mit einem Gasplätteisen plättet, einen Gasverbrauch von ca. 2 Psg. eine Ausgabe, die sich wohl jeder leisten fnim, und die, jeibst wenn sic 100,ach so groß wäre, den Nutzen, den sie liefert, nicht »berwicgcn dürste.

Kür Kaiis nnd Kof.

Schonet die Hecke» und Sträucher zwischen de» Feldern! Ter

starke Rückgang unserer heimischen Pogclwelt macht sich durch Ucber- handnehmcn deS Ungeziefers cnipfindtich bemerkbar. Tie Unachr des Abnchmcns an Zahl und Arte» der Vögel unserer Henna! liegt wesentlich mit in den, Beschränkcn und Beseitigen der Nistgelegc»- hcitc». Beispielsweise jede abgebrannie oder ausgerodeie Hecke auf Ledland, jede Ersetzung einer natürlichen Hecke durch Tiachelbrah. raubt einer Menge nützlicher Böge! Nislgelcgenhcil nnd alle sonst,gen Vorbedingungen zum Gedeihen. Wenn unsere Landwtrie d-slzaiv über die ständige Abnahme der Insekten vertilgeiidcu Vogel klagen, so liegt ei» Teil der Schuld an ihnen selbst. Abgesehen von der Schädigung, welche die Sckiönheit der Landschaft erfährt, ist d>zh«r o,e Vernichtung der Hecken, Büsche und Sträucher zwischen den Fetoeru eine sür die Landwirtschaft recht bedenklich« Maßnahme. Laßt die Hecken und Büsch« stehen, Ihr Landwirte! Sie sind Euch mehr zum Nutze» als zum Schaden, leine Schande sür Eure Wirtichast. wobl aber eine Zierde für Euer LandI