Was mir die Animierkessnerin erzaylle.
Bon L« o Äolisch.
(Nachdruck verboten.)
„(ta so war es", schloß sie, die blonde Annie. Und sic trocknete sich die Augen sübrtgenS sehr hübsche, dunkle, treuherzige Augen) mit dem Spitzenbesatz ihres Hutzschürzchens. Und Ich saß ihr gegen, über und hätte beinahe geheult, so weh war mir ju Mute. Das, was ich eben gehört hatte, war «in« grausige Aufeinanderfolg« von Unglsick, Not, schamloser Ausbeutung, gesellschaftlichen, geistigen und körperlichen Zugrundegehens. Und alles trug in seiner schlichten, oft unbeholfenen und ungeordneten Darstellung so den Charakter völliger Wahrhaftigkeit, daß auch einem frivoleren Menschen als mir di« Redensarten vergangen wären, die der Mann für Frauenbekenntnisse dieser Art gewöhnlich sindet. Ich strich ihr zart die Hand und schenkte unsere Gläser wieder voll. WaS konnte ich mehr tun? . . .
Euch andern aber will ich die Geschichte dieser Kellnerin erzählen.
Sie war von Beruf Köchin. Und wohl eine gute Köchin, denn ihr letzter Kllchenplatz war in einem großen Warenhaus, und dort hatte sie drei Jahre zn aller Zufriedenheit ihres nahrhaften Amtes gewaltet. Darüber hatte sie ein Zeugnis. Sonst aber besaß sie, und das war der später« Grund ihres Unglückes, keine Papiere. In jenem Warenhaus nämlich war «in Brand ausgebrochen, und die Annic hatte aus ihrer Schlaskammer nichts rette» können, als ihr Leben und einen Armvoll Kleider. Alles, was sie sonst besaß, auch all« ihre Papiere, verlor sie damals. Ihre Herrschaft gab ihr ein Zeugnis über ihre dortig« Zeit und mehrere hundert Mark. Dann konnte sie, die alleinstehende Waise, gehen. Und sie ging. Nach Mannheim. Hier nahm sie in einem kleineren Gasthaus ein Zimnicr und suchte einen T!«rmitil«r aus. Ta ivar einer, der sich ausdrücklich „Stellenvcrmittler für weibliches Privat- und Hotelpersonal" nannte. Der mußte vor allem für sie in Betracht kommen. Der Empfang war kühl: „Momentan nichts frei, aber es wird sich wohl bald etwas linden. Di« Vermittlung kostet . . ." Und nun kam di« erste ?!bzapsung. Bei dieser ersten Zahlung wurde ifcr Vermittler indes gewahr, daß daö Mädchen Geld hatte. Und andern Tages empfing es di« Frau deS Vermittlers: „Ja, sehen Eie, Fräulein, wenn Sic bei uns wohnen wollten, könnten wir Ihnen «her etwas finden. Die Hauptsache ist ja, daß Sie immer bei der Hand sind." — Und die Köchin sah das ein.
Nun wohnt« sie schon die vierte Woche bei dem Vermittler. Tie Banknoten schmolzen zusammen, aber keinerlei Stellung fand sich. Die Zeugnisse fehlten! Wohl war das letzte Zerrgnis auf drei Jahre ansgestellt. Aber die frühere Zeit blieb unauSgcwicsen. Und deshalb wollte sie keine Herrlchast, kein Hotel. Na ja. Sie konnte doch vor der Zeit etwas gestohlen haben, sic konnte wegen Kindes- rnord oder wegen Unzucht gesessen habe». Traue einer mal den Leute»! Und gar jene Menschen, deren Leben «in lauer Strom von Bersuchungslosigkeit ist, sind besonders schnell bei der Hand mit dem Mißtrauen gegen arbeitende Menschen, di« ein« Lücke haben in ihren papierenen Ausweisen. Was Mißtrauen! Mehr noch! Ueberzeugt sind die Spießer in so einem Falle, daß irgend «ine „Schlechigkeit" vorliegen müsse.
Und Annies Geld schmolz zusammen......Ja", lockt« der
Vermittler, „wenn Sie als Kellnerin gehen wollten, da hätte ich schnell ctivas siir Sie. Andere Stellen werden bei mir eben weniger gesucht." — Noch widerstand sie. Eines Tages ober sagte ihr «ine „Herrschaft" auf den Kopf zu, daß sie unbedingt ein Verbrechen begangen haben müsse. Und kein kleines, sonst würde nicht eine s o große Zcitlinke klaffen. Wie vor den Kops geschlagen schlich sic heim. Das brach vollends ihren trotzigen Stolz. Nur fort jetzt, nur in Arbeit! Nicht mehr müßig herumlaufenI Und am selben Abend nahm sie eine Stelle an. Als Kellnerin in cinein Weinlokal LudwigshascnS. Vorher aber mußte sic noch den größten Teil ihre? Geldes für die restliche Wohnungsmiete ausgebeu. Und siir die Vcrmittlungskosten zwanzig Mark. . . .
Dieses Weinlokal, der Name tut ja nichts zur Sache, und die ersten Eindrücke dort schilderte mir das Mädchen sehr anschaulich Sie trat am frühen Morgen dort an. Die Madam« hatte noch nicht Toilette gemacht. Das Lokal: Zwei kleine Stübchen, deren Fenster dicht verhangen waren. In der Weinstube einige runde Tisch«, um tiefe leichte Rohrsessel. An den Wänden Bilder, die auf Wein und Weib recht verführerisch ausnierksam zu machen hotten Das Neben stübchen so ähnlich. ?iur noch einige Divans für Gäste, di« weich sitzen wollen und noch verliebterer Natur sind. lDas letztere sollte sie bald erfahren.) Ein Gast trat «in. Tie „Madame" gab vo» der Küche aus Anweisung, ivo das neue Fräulein den bestellten Rüdes- hcimer herholen sollte, welche Gläser zu nehmen seien. Annic stellte das Tablett mit Flasch« und Glas vor den Gast hin, der sich im Nebcnzimnier niedergelassen hatte. Dan» ging sic hinter den Schenklisch und begann — Gläser zu spülen. Dem Gast schien bas sonderbar vorzukommen, denn er machte große Augen: kurzweilig aber ivar ihm bas Benehmen unserer Freundin sicher nicht. Da kan: die Madame. „Ja, um Himmels ivlllcn, was fällt Ihnen denn «in! Da waschen Sie Gläser und lassen den Herrn allein sitzen. Lassen Sic diese Arbeit stehen und gehen Sie zu ihm!" — „Ich folgte", erzählt« Annie: „Aber was sollte ich mit dem wildfremden Herrn
reden? So saß ich stumm, in peinlicher Verlegenheit, an seinem
Tische. Dann kam di« Frau herein".....Sic haben sich wohl
recht gelang,veilt. Das Fräulein ist erst heute eingetretcn und wahrscheinlich noch nie in Weinlokalen gewesen. — „Das dachte ich pur mich schon. Aber nug sinh sa Sie da, meine Holde. Wollen
Sie ein Gläschen mit mir trinken? Es ist zwar noch recht früh, abek wenn Sie gestatten . . . ." Sie gestattete. „Fräulein, bringen Sie noch zwei Gläser siir den Herrn!" Und kam der „Neuen" aber auch schon Ins Vordcrlokal nach: „Wie können Sie so ungeschickt sein, nur mit einem Glas zu servieren. Herren, bi« Flaschenwein trinken, wollen stets zwei Gläser haben, eins für sich, eins für das Fräulein! Merken Sie sich das für all« Zukunft!" Eine Flasche nach der andern wurde leer. Auch Annie mußt« tüchtig mlttrinken. Ter Herr rückte der Madam« auf den Leib und erlaubt« sich solche Sachen*, daß die Anfängerin nicht wußte, wo sie die Augen hintun sollte. Wie konnte sich «in« Frau so . . .
„Schon nach den ersten Gläsern ivar ich benebelt," erzählte mlr die Kellnerin. „Denn nie zuvor hatte ich viel Wein getrunken." So verging der Tag: ein Gast löste den andern ab, und trotzdem In ihr gegen Abend der Widerwille gegen dies« Wesnüberschwemmung übermächtig wurde, mußte sie doch mtthalten. Um zehn Uhr, cS ivar gerade ein Sektgast da, wollte sie heim gehen. Aber da kam cs zuni Krach. „Was. jetzt wollen Sie sortgchen? Jetzt, wo dag Geschäft erst ansängt? Das gibt's in einem Weinlokal nicht! Holen Sie ein weiteres SektglaS, wie der Herr es wünscht!"
Annie weigerte sich, in dein kindlichen Glauben, daß die Ar- beltszeit einer Kellnerin natürlich begrenzt sei. „Ja, Fräulelir, bann können Sie gehen. Sie sind überhaupt nicht zu brauchen. Bei mir müsse» die Fräuleins Nichtig trinken können und dtirsen nicht so schüchtern sein in der Unterhaltung!" Sie ging. Halb betrunken klopfte st« mitten In der Nacht wieder beim Vermittler an.
. . . Das war ihr erster Tag, ihr erster Posten.
Aufs neu« begann bas Suchen. Nun, da Annie schon Kellnerin gewesen war, bekam sie schon gar keine Prtvatstelle mehr. Bitte, in einem anständigen Bürgerhaus «in« Kellnerin, und wenn sie auch nur einen Tag serviert hat! Zwar, vielleicht hat die beiressende Hausfrau einen Hausfreund: wenn sie jung, hübsch und temperamentvoll ist, wohl auch zwei ober drei. Aber, das ist doch etwa» ganz anderes. Dagegen eine Köchin, deren Zeugnisse nicht in Ordnung sind, die mag so solide sein und ausschen wie eine Krankenschwester: DaS bürgerliche Haus bleibt ihr verschlossenl Co zog Annie wieder auf die Stellensuche. Die Vermittlerin begleitet« sie von Wirtschaft zu Wirtschaft, pries die Vorzüge des Mädchen», nicht gerade dezent, aber sehr wirkungsvoll. Und trank recht viel Likör dazu, bas Gläschen zu fünfzig Pfennig: „Ja, Fräulein, wenn Sie eine gut« Stelle ivollen, dann dürfen Sie den Wirten gegenüber nicht schäbig sein. So gingen die letzten Zwanzigmarkschein« braus und eines Tages stand das Mädchen dem Nichts gegenüber. Und jetzt, jetzt fand sich rasch «in« Stelle: das Geld des Mädchens war aufgcsogen, nun war es Zeit, sie „unterzubringcn".
So kam Annie, ohne Geld, ja noch mit dreißig Mark Schnldeir in ihre zweite Stelle. Wieder nach Ludwigshafen, in «in bessere» Weinlokal in der Prinzregenienstraße. Dort gab «S mehrere klein« Räume: „Wenn viel zu tun ist, nehmen wir auch die Küche zu Hilfe" sagte der Wirst. „Denn die Herren wollen gegenseitig nicht gesehen sein . . ." Tann srug er sie, ob sie Taschengeld habe. Das heißt, ob sie alles, was sie am Biisfet hole, voraus bezahlen könne. Ta sic ja ohne Mittel eingetretcn war, bekam sie ein Konto, aus dem alles eingetragen wurde. Nun fand bi« Annie sich schon besser in» Servieren, bediente flink, ivar zu jedem freundlich und aufmerksam. Wieder fuhr aber der Wirt dazwischen: „Fräulein, warum animieren Sie nicht besser! Der Herr ist nie unter drei Flaschen fort, gegangen, heute hatte er bloß eine." — „Fräulein, sprechcn Tic nicht so viel mit jenein Hern:», der trinkt doch bloß ein Viertel!" — „Fräulein, ich verbiete Ihnen, mit dem Herrn im dritten Zimmer freundlich zn sein. Ter bat uns einmal Skandal gemacht." — „Fräulein, Sie trinken viel zu ivenig!" — Das war der Unterricht, Das Essen — bei sechzehn- bi» achtzehnsttindiger Geschäftszeit — tu»« völlig ungenügend, so daß sich Annic zu Mittag Fleisch holen ließ und es sich zubcrcitetc. Dabei schlug die Wirttn gegen die Kelst nerinnen jenen unsäglich verächtlichen Ton an, in dem Bürgerfrauen über di« „Gefallenen", die „Berworsenen", die „Verlorenen" sprechen. Sie, die Wirtin, dl« von der Arbeit dieser Mädchen lebte! An jenem ersten Arbeitstag kam Annie — sie wohnte immer noch in Mannheim bei jenen Vermitilersleuten — um vier Uhr früh nach Hause. Sie hatte sich nur dadurch marschfähig machen können, daß sie sich vor dem Fortgehen Kopf und Hals in Essig genioschen hatts.' lind trotzdem kam sie nicht weit. Ter Alkohol war stärker als ihre Energie, stärker als alle Belebungsmittel. Sie mußte ein« Droschke anrufen: Nachttaxe, vier Mark fünfzig.....
Nach einem bleischweren Schlaf von fünf Stunden rissen die Folgen der Alkoholvergiftung sie in die Höhe: Erbrechen, rasend, Kopfschmerzen, Schwindel, Herzklopfen, und wieder Erbrechen! Die Logissrau wusch, kämmte und frisierte sie. Dann schlich Annie, um halb elf, wieder in die Arbeit. „Fräulein, wie sehen Sic denn au», Sie haben wohl gebummelt?" begrüßt« sie der Wirt. „So spät dürfen Sie nicht kommen, es waren schon verschiedene Flaschend« gäste da!"
Annie war sprachlos. Um vier Uhr to ; r6 sie sortgeschickt, mutz von Ludwigshasen bis in das Zentrum von Mannheim, schläft fünf Stunden und wird empfangen mit der Mahnung, sie dürfe nicht mehr so spät kommen! — Und nun begann sie aufs neu« Alkohol in sich hineinzusüllen: weil sie doch lziben wollte. . . . Komisch« Welft was? Um ihr Essen zu verdienen, müssen Tausende blühend«, volk- kräftige Mädchen - ■ sausen!
Aber sie müssen noch viel mehr tun, diese Resis und Kathis unh Anuies. Sie müssen sehr, sehr lieb sein. Keinen Augenblick diirsm sic außer acht lassen, daß sie dem Animierteusel mit Haut ua«> Haar ei! verschrieb en sind . Sie sollen schlüpfrige Reden anhören, siH


