Ausgabe 
10.7.1914
 
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Mirabcau und Sopyie.

(Schluß)

Bei einem dieser Gastmahle traf Mirabeau eine Frau, die aus lein Leben einen entscheidenden Einfluß habe» sollte. Sophie von Ruffetz war die Tochter des Präsidenten des Rechnungshofes in Dijon. Sie wurde im Alter von siebzehn Fahren mit dem Marquis Mounicr, dem Präsidenten des Rcchnungshoscs in Dole, verheiratet, der nicht ivenigcr denn sünsundscchzig Jahre zählte. Diese Che erregte Voltaires Lachlust. Der alte Manu hatte sich nur aus Rache gegen sein« Tochter, die eine Ehe gegen seinen Willen eingegangen war, verheiratet. Der Alte war geizig, scheinheilig, von keinerlei Leidenschaft mehr beherrscht, er lebte mit seiner Frau wie in einem Kloster still dahin und es scheint, dasi dieser Bund in de» ersten Jahren durch nichts beunruhigt wurde. Doch bald sollte sich alles andern, Herr v. Saint-Maurik, der Freund des Marquis, kam ins Haus, er wollte Heiterkeit und Frohsinn in das Haus bringen. Er, der Sechzigjährigc, bot seine Liebe der jungen Frau an, sie ent­wand sich seinen Vcrslihrnngskllnsten, aber er hatte ihr die Auge» geöffnet, sie empfand von da an die Einförmigkeit ihres Daseins und verzehrte sich ln Sehnsucht nach Abwechselung. Cie änderte sich völlig, sie luchte die Gesellschaft von Altersgenossinncn ans, deren Ruf nicht immer einwandsrei war: sie bildeten einen schön­geistigen Krcik, junge Männer wurden zugezogen. Frau v. Mon- uier gewinnt che Liebe eines JiinglingS, defleu Schüchternheit sic vor dem Fall bewahrt, bald suchte sie ein anderer zu gewinnen, es war «in Artillerieosfizier v. Montperrcau. Cr lieh Geld von ihr, bekam ihr Bild und sie wechselten Liebesbriefe. Dabei blieb cs, ihr Nus war erschüttert, wenn auch ihre Tugend unberührt geblieben war.

Als Mirabeau Sophie von Monnier zum erstenmal sah, emp­fand keines der beide» die Liebe auf de» ersten Blick hin. Mirabcau war sogar zerstreut, geistesabwesend, das heißt, er war so in seine Arbeiten vertieft, lein Fntercsic war anderswo gefcsielt. Aber nach und nach, als sie einander öfter sahen, ihr Verkehr vertraulicher wurde, sie einander ihr Schicksal darlegtcn, er von ihrem traurigen Leben erfuhr, sah er sich bald in eine Leidenschaft für sie verstrickt, obwohl er immer sagte, das, er Liebe fürchte.

Sophie war damals einundzwanzig Jahre alt, eine dunkel­haarige Erscheinung, mehr verführerisch als schön. In seiner Leiden­schaft versprach er ihr, sic zu seiner Frau zu machen: das genügte, um ihren schwachen Widerstand zu besiegen, dieses Versprechen lieb­koste ihr Qhrl Ru» hicst sic ihrer Ehre und der Weltgeschichte gegenüber kurzwegSophie".

In einer großen Stadt wäre ein derartiges Verhältnis unbe­kannt gebliebr», aber anders war cs in Pontarlicr. Herr v. Saint- Mauris war, wie es scheinen will, nicht der letzte, der es bemerkte. Seine Stezichungen zu dem Häftling wurden andere, sein Groll machte sich fühlbar. Mirabeau bekam Befehl, die Zitadelle nicht zu vcrlaffen. Er verlangte doch noch einmal die Erlaubnis, einen Ball besuchen zu dürfen, der zu Ehren Herr» v. Monnicrs gegeben wurde, jedoch statt den 2Krll zu besuchen, verbrachte er die Nacht im Hause Monnierß und lebte dann einige Zeit in Pontarlicr versteckt.

Am 1V. Februar wurde er eines Abends, als er seine Geliebte besuchen wollte, von dem Diener überrascht; er verlor jedoch nicht die Geistesgegenwart und verlangte, bei Herrn v. Monnier ange- mcldct zu u>erden. Er führte ihn irre, indem er ihm einen tollen, unglaublichen Bericht erstattete, und zwar so, daß er de» betrogenen Ehegatten in eine große Sicherheit einlnllte! Bald darauf erlaubte Herr v. Monnier seiner Frau, sich nach Dijon zu ihren Eltern z» begeben.

Mirabcau hatte mit Sophie diese Reis« längst ausgedacht und er folgt« ihr dahin. Er hatte die Kühnheit, unter fremdem Namen einen Ball zu besuchen, wo Sophie anwesend war. Als seine Flucht bekannt wurde, internierte man ihn in Dijon, allerdings hatte er große Bewegungsfreiheit. Als aber auch dort wieder feines Blei­ben'- nicht sein sollte und man ihn noch Doullans transferieren wollte, entschloß er sich zur Flucht: wie immer hatte er es vcr,

standen, leine Wächter zu behercn, di« ihm behilflich waren. In der Nach« vom 2-1. zum 25. März entfloh er und wendete sich nach Verriercs in der Schweiz.

Trotzdem er sühlte. baß es eine der größten Torheiten war, Sophie mit sich zu nehmen, so tat er es doch, denn er befand sich berci'tS in einem Zustand, in dem man nur noch Irrtum auf Jrr- t»n, zu türmen versteht. Frau v. Monnier wurde überwacht, ver­folgt, ausgekundschaftet: ihr blieb nur die Wahl zwischen Kloster und Irrenhaus, die Wahl, welcher von beiden Orten, hing noch von einem Familienrat ab. Aber es blieb ihr noch die eigene Wahl, die h- für sic Tod oder Flucht. Sophie wählte das letztere und folgte Mirabcau nach Verriereß. Handelt cs sich um eine Entführung? Es scheint, als hätte Mirabeau ihre Flucht eher erduldet als gewollt feine Lag« konnte dadurch nur erschwert werden, und das nach jeder Richtung hin. Sophie liebte ihn und ivar ihm gefolgt, in der siche­ren Voraussicht, daß sic die Trennung von ihm nicht würde über­leben können.Gabriel oder den Tod!" sagte sie. Alles wollte sie an seiner Seite erdulden. Not, Verfolgung, sic war entschlosicn, durch Unterricht im Italienischen Geld zu verdienen: nichts schreckte sie als der Gedanke, weiter im Hause des Marquis v. Monnier, ge­trennt von Mirabcau, zu leben.

Geldnot sollte für imnier die unheilbare Wunde seines Lcbctts bleiben. Drei Wochen blieben sie in VerriercS verborgen uiid flüchteten dann am 15. Septenibcr nach Holland. Tort hoffte Mira- beau, in einen, großen Verlag Verdienst zu finden. Sie ließen sich in Amsterdam nieder. Jndcffcn wurde Mirabeau in contu-

mrci.rm zu sechötansend Livre» Geldstrafe verurteilt, bas war di« erst« Nachrichr, die ihm aus Frankreich zukam. Er fand bald Arbeit und Verdienst im Verlag Rcy, da er sich als der Vcrsasicr des Essai sur le despotisme" vorstellte, er sagte zu Herrn Rci>:Ich verstehe einige Sprachen, habe eine große Leichtigkeit, Willen und Notwendigkeit, zu arbeiten." Zuerst waren cs Ucbcrsctzungen aus dem Englischen. Er batte verschiedene Sprachen selbst erlernt mit Ausnahme der lateinischen. Er fand, daß Lehrer mir das Studium lehren können, man miisic selbst trachten, Kenntnisic zu crtvcrben. Man sauge an, in einer srcmdcu Sprache zu lesen, erst lst's ein Spiel, das unterhält und später zum Ziele sührt.

Damals gab ihm Musik tnvünschle Zcrstreiiung, er war voll Lobes über bas Benehmen von Sophie: er schrieb:Meine an­

betungswürdige Genossin, die, im Ucbcrflnß erzogen, reich ver­heiratet ist, war niemals so heiler, mutig, aufmerksam, zärtlich, gleichmäßig in ihrer Laune als jetzt in der Armut, sic verschönert inein Leben, sic arbeitet, macht Auszüge für mich, liest die Korrek­turen, Ihre unr>«rändcrliche Sanftheit, ihre »nerschöpslichc Enip- siudsamkeit entwickelten sich in ihrer ganzcn Tiefe: der Pinsel ent­fällt nieinen Händen und ich werde ihr Bild nicht vollendcii . . ."

Mirabeau fand »och Zeit und Muße in Amsterdam, eigen« Werke zu verfaffen. Er hatte dort Bürgerrechte erworben und glaubte sich sickier.

Sein Vater hatte cs ausgcgeben, sich weiter mit dem Schicksal seines Sohns zu bcsassc». Auch wollte er sich nicht mit der Familie Rusfeq verbinden, um die Flüchtlinge verhaften zu lasten. Ta Mirabcau holländischer Untertan geivorbcn war, bedurfte c? zu seiner Auslieferung der Zustimmung der Gciicralstaatcn. Mira­beau und Sophi.e wurden am 14. Mai verhaftet, genau am gleichen Tage, an dem sie zu flüchten beabsichtigten: sie waren gewarnt wor­ben. Vier Tage früher kam der Prozeß, beit Herr v. Moniticr an­gestrengt hatte, in Pontarlicr zur Verhandlung. Mirabcau wurde des Raubes und der Entführung für schtilbig erkannt, er soll!« durch Henkerebeil gerichtet werden: überdies wurde er zur Zahlung von 5000 Livres Elcldstrafc Utid 40 (MK 1 Livres Schadenersatz verurteilt, Sophie v. Monnier wurde des Vcrbrechciis des Ehebruchs über­wiesen und zu lebenslänglicher Haft in einer StesternngSanstalt in Bcsanqon verurteilt: dort sollte sic rasiert und für infam erklärt werden wie die Dirnen.

Diese Urteile wurden in contumaciam gefällt. Die Auslicsc- rung Mirabcaus wurde unter der Itedingung gestattet, daß sein« dort ausgelaufene Schuld von 0050 LivrcS vorher beglichen würde. Sei» Vater zahlte sie zähneknirschend. Sophie machte einen miß- luugctteii Selbstmordversuch.

Mirabcau wurde am 8. Juni 1777 in das Verlies von Vin- ccnnes gebracht und in eine Zell« gesperrt, die zehn Fuß im Qua­drat maß. Er sollte sic erst am 18. Dezember 1780 wieder vcrlastcn.

Sophie kam durch die Gnade des PolizcigeneraUeutnants Le Noir iticht nach Saint-Pclagie, sondern in eine BesserunaSanstalt, wo sie unter dem Namen Courvicre lebte und ihrer Nicdcrkunst entgegcnsah. Die Hast Mirabcaus war in der ersten Zeit sehr streng, aber bald fand er in Le Noir eincu Freund, der ihn, alle crdcitklichcn Erleichterungen gewährte.

Sophie kam am 7. Jänner 1778 mit einer Tockstcr iticder, bi« als Kind des Marquis v. Monnier eingctrageti wurde. Nach einiger Zeit wnrde Sophie in das Kloster Sainte-Elairc in Gien trans­portiert. Sic durfte mit Mirabeau korrespondieren Dieser Brief­wechsel, mehr bcrühint als gelesen, war gewiß nicht für die Qcsscut- lichkeit bestimmt.

Mirabcau sehnte sich nach Freiheit. Er ivar kraiik und müde. Er benützte diesen Zustand als Vorivand, seinem Vater und seiner Frau zu schreiben, und bat sic nm ihre Unterstützung, um das Ge­fängnis vcrlastcn zu dürfen.

Um sich die Demütigung, die für Mirabee.» darin la--. >-p« ein wenig vorzustcllen, muß mau sich inS Gedächtnis rufen, daß es ge­nügt hätte, einen der Liebesbriefe seiner Frau zu veröffentlichen, »n, sie unmöglich zu machen, sie, deren Hochherzigkeit er zu ver­künden nicht aushörtc. Zwischen bei, Zeilen dieser Briese Mira- bcaus kann man auch lesen, daß er sein« Hoffnung dnrchschimmern läßt, sich wieder mit ihr zu verbinden . . . Sin Vater konnte wahr­lich zufrieden sein. Tie Gefügigkeit seines Sohnes täuschte dies­mal weder feine Wünsche noch seine Hoffnungen. Seghttnii Kind starb. Mirabcau roendete sich wieder an seine Frau. Di: beider­seitigen Familien fühlten, daß der Tod dieses Kindes für die Ge­fangenen «ine Erleichterung bedeut« und di« Regelung ihrer Per- hältuistc ermögliche.

Mirabeaus Vater gelang es wieder, einen VerhoftSbrschl i» einer bis dahin unbekannten Form zu erlangen. Es wurde ihm das Recht zugeftanden. selbst den Qrt zu bestimmen, wo sein Sohn von nun an zu leben habe. Cr blieb Herr über diese neuerliche Prüfung, zu der er seinen Sohn sich zu unterwerfen zwang. Am 18. Dczcuibcr 17S0 wurde Mirabcau von seinem Schwager Saillant abgcholt. Wieder schreibt er seiner Frau und dankl für ihre Mit­hilfe. wobei er nicht unterläßt, die Hoffnung anszusprechcn, die Rechte wieder zu erobern, die sic ihm ehemals über ihr Herz ein- gcränmt halte".

Acht Tage später verschwand Mirabcau mit einem Schlage. Monate früher, als er noch nm fein: Befreiung kämpfte, hatte er belchlosten, Sophie i:n Kloster von Gien zu besuchen. ES war ein toller, romanrischer Streich. Gut vorbereitet, rasch auSgesührt, gelang er vollständig. Diese Reise sollte den Bruch mit Sophie voi- bcrcitcii, doch hatten seine selten cintreffendcn Briefe, seine Aus­flüchte di« unglückliche junge Fron schon halb und halb darauf vor­bereitet. Sie opferte sich und gab ihren leichtsinnigen, ungetreuen