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VasSlattdecifcau
Wöchentliche Geilage der Gberkessischen Golkszeitung
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Nummer 27
Siesten, Freitag den Io. Juli 1914.
6. Sakcgang
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Aröeitergärlen.
Die Ernte des Friihgemüscs ist in vollem Gange, und wo der Boden nicht zu mager war, da ist die Ernte auch gut. So eine Schüssel selbstgezogencr Erbsen und Karotten mundet gar vortresflich und nian berechnet im Stillen wohl auch, was man wieder gespart hat. Wenn dann auch jemand kommt und uns vorrcchnet, daß dies Gemüse viel zu teuer geworden sei, so glaube» wir ihm das nicht, denn wir wissen, dag der Wert unserer Eigenproduktion aus andern Gründen bedeutend höher cinzuschätzen ist. Tic abgeerntetcn Beete werden aber gleich wieder gedüngt, gegraben und geharkt und dadurch wieder bcstcllfähig gemacht.
Nun wenden wir uns dem Saatbeete zu, auf dem wir zur Gewinnung von Setzpflanzcn noch aussäen können: Kohlrabi in früheren Sorten, Kopfsalat und Winter-Endivien. Wo an Endivien größerer Bedarf ist und aus diesem Grunde auch möglichst lange gehalten werden muß, da inacht nian von Endivien mehrere Aussaaten, von denen die jetzige die Haupt- aussaat ist. Tann richten wir uns meterbreite Beete her, auf denen wir nach unserm Bedarf anssäen: Winterrettig, Radieschen, Karotten (frühe Sorten), Teltower Rübchen, Dill, Petersilie und gegen Ende des Monats Juli Spinat und Feldsalat. Tie Teltower Rübchen sind ja als ein delikates und schmackhaftes Gemüse bekannt. Sie erfordern aber zu ihrem guten Gedeihen einen tiefgründigen, nahrhaften Boden, der nicht frisch gedüngt sein darf. Endlich kann man noch einmal Busch- oder Krupbohnen legen; man verwendet aber auch von diesen nur frühe Sorten.
Anfangs Juli kann nian noch Porree und Rosenkohl pflanzen. Wo Gewürzkräuter, wie Bohnenkraut, Thyniian und andere, ausgesät wurden, da werden jetzt diese kurz vor der Blüte abgeschnitten und in Bündeln zum Trocknen anfge- hüngt. Bei den ersten Zwiebeln, die schon genügend groß sind, wird das Kraut jetzt niedergetreten. Nach einiger Zeit, wenn das Kraut dann gelb geworden und die Zwiebeln aus- gereift sind, werden sie aus der Erde genommen, gereinigt und in Bünden an einem trockenen, luftigen Orte aufge- hängt. Auch die Wurzelgemüscbecte müssen wir Nachsehen. Wo die Saat zu dicht aufgelaufen ist, wird die Aussaat rechtzeitig verdünnt. Beim Blumenkohl zeigen sich schon die Blütenkäse. Sobald diese eine gewisse Größe erreicht haben, knicken wir ein bis zwei der inneren Blätter über den Blütenkäse, so daß dieser ganz bedeckt ist. Dadurch behält der Blumenkohl viel länger seine blendend weiße Farbe und bleibt auch bedeutend sckimackhaftcr, wenn er nicht sobald verbraucht wer- . den kann oder soll.
Wie schon im vorigen Monat erwähnt wurde, müssen bei den Erdbeeren die Ausläufer, auch Ranken genannt, entfernt werden, soweit sie nicht zur Anzucht junger Pflanzen dienen sollen. Das wird auch im Juli fortgcführt. Bei frühen Sorten kann man gleich die gesamten Ausläufer ent- fernen. Man schneidet hierauf die kräftigsten an den Ausläufern befindlichen jungen Pflanzen ab. Zur besseren Be- wurzelung werden diese Pflänzlinge erst auf ein schattiges, vor Zugluft zu schützendes Beet in 8 bis 10 Zentimeter Entfernung voneinander verpflanzt und bis zur Bcwurzeliing bei trockenem Wetter täglich übergcfpritzt, damit die Blätter frisch bleiben.
Jni übrigen dürfen wir auch das Hacken und Jäten nicht unterlassen. Erbsen, Buschbohnen und Kohlgewächse werden behäufelt und bei trockenem Wetter gut begossen. Ist es trübe oder regnerisch bei feuchtem Boden, können wir auch mit flüssigem Dünger dem Pflanzenwuchs nachhclscn. Dasselbe erreichen wir auch durch Ueberstreucn oder Einhacken von Kunstdünger in den Boden. Fleißig werden auch die Kohlgewächse auf Raupen nachgcsehcn und diese dann sofort vernichtet.
Wer in seinem Garten Rosenwildlingc besitzt und dieie gerne veredeln niöchte, kann das jetzt aussühren. Man veredelt das schlafende Auge, d. h. es darf nicht treiben oder ausgetrieben sein. Ebenso müssen die Augen gut ausgcrcist sein. Wer das Rosenveredeln nicht kennt, lasse es sich am besten von einem Gärtner zeigen.; es ist nicht schwer auszn- führcn. Hecken und Buchsbaum, die geschnitten werden sollen, werden mit Hilfe einer Heckenschere auf ihre richtige Form gebracht. Hochwachsende Stauden sowie Dahlien erhalten jetzt als Stütze einen Pfahl und werden daran angebunden. Bei Dahlien bemerken wir oft, daß die Blätter alle zerfressen aus- schen, kein richtiger Trieb will sich bilden, und doch finden wir nirgends eine Raupe. Tie Schädigung rührt von dem Ohrwurm her, den wir fangen müssen. Zu diesem Zweck stellen wir auf einen Stab in der Höhe und in der Mitte der Tahlienstaude eine» leeren Blumentopf mit der Ocsfnung nach unten. Ten Blumentops füllen wir mit Holzwolle oder trockenem Moos leicht aus. Jeden Morgen werden nun die Töpfe nachgesehen und die sich in diesen Töpfen verborgen haltenden Ohrwürmer getötet.
Bei manchen unserer Balkon- und Zimmerpflanzen finden wir, daß die Erde sauer riecht, die Blätter werden gelb und die ganze Pflanze nimmt ein kümmerliches Aussehen an. Da inangelt es meist am Abzug des Gicßwassers oder man hat e-s mit seinen Wassergabcn zu gut genicint. Meistens hilft ja ein wenig das Lockern in der Nähe der Abzugslöchcr; in einigen schon sehr schlimmen Fällen ist es besser, die Pflanzen in frische Erde zu verpflanzen und die Töpfe etwas kleiner zu nehmen. Etwas anderes ist cs ober, wenn, besonders bei Balkonpflanzen, die Spitzen der Pflanzen schön grün sind und weitcrwachsen, während die unteren Blätter trotz genügenden Lichts gelb werden. Hier hungern die Pflanzen und wir helfen diesem Uebelstand am besten mit einer Tung- gabe in fester oder flüssiger Form ab.
Der Wüdchettkandef.
Eesare Lombroso, der große Bahnbrecher der modernen kriminal- anthropologischen Wiffenschast, sagt in seinem berühmten Werke „Ter Verbrecher", ursprünglich habe cs keine Eh« gegeben und die Prostitution sei die allgemeine Regel gewesen. Diese Ausdrucksweise ist falsch ober wenigstens mißverständlich. Denn unter dem Begriff Prostitution versteht man eine unsoziale, unsittliche, also vcrwcrf- liche Handlung oder Einrichtung. Was aber die Regel ist, kann nicht unsittlich, nicht unsozial und deshalb auch nicht verwerflich sein. Insofern hat Lombroso recht: Das, was wir heute als Un« sittlichkciten und Verbrechen betrachten, sind rudimentäre Er- scheinungcn aus jener Vorzeit, jn der sich das menschliche Leben nicht wcsen.tzich vom Leben der Tiere unterschied. Roch bei den alten Germanen konnte der Mord, der heute mit der Todesstrafe geahndet wird, mit einer kleinen Geldbuße gesühnt werden. Wie das Ver» brechen, so ist auch die Prostitution ein Ueberbleibsel aus dem Tief, stand der Menschheit, lind nichts kennzeichnet die Rückständigkeit brt)


