Ausgabe 
3.7.1914
 
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die Kräfte, die in der Frau schlummern. Sie dem Ganzen dienstbar zu machen, ist darum eine der ersten Aufgaben differenzierender Fortschrittsarbeit, und da diese Kräfte vor allem bei der politischen Wahl nutzbar gemacht werden, s o i st die politische Wahl der Frau sittliche Pflicht.

Wenn man mit gröberem Ernst und tieferem Denken das Leben betrachtet, so findet man also, daß cs nur eine Halbheit darstellt, die dem Fehlen eines tieferen natürlichen und sitt­lichen Empfindens entspringt. Unser Leben ist nichts als ein­seitige Männerarbeit. Der Schutz der Kinder, der arbeiten­den Frauen, der Mütter, der Kranken, der Alten und Schwachen, das ganze soziale Leben würde besser sein, wenn auch die Frau ein entscheidendes Wort zu sprechen hätte. Nich: nur der Verstand des Mannes, auch das Gefühlsleben der Frau hat im Leben zu herrschen. Alle von der Natur ge­schaffenen Kräfte müssen benutzt werden, wenn das Lebert harmonisch sein soll, benutzt werden vor allem im politischen Leben, da ohne politische Arbeit durchgreifende Reformen nicht möglich sind.

Mit dem Erstreben eines Wahlrechts aus reiner bürger­licher Rechthaberei ist's also wahrlich nicht getan. Es gehört der ganze grobe Ernst natürlicher, tief sittlicher Lebensauffassung, die ganze Weite und Tiefe so­zialistischen Fuhlens und Denkens dazu, die grobe Wahrheit zu erfassen von dcni Wahlrecht der Frau als Wahl Pflicht und sie zu erkämpfen mit aller Energie.

Mrabeau und Sopyie*).

Graf Gabriel Honore Riquett« r>o» Mirabcau kam am 9. März 17-19 in Bignon zur Welt. Sein Kiefer wies bereits bei feiner Weburi zwei anögebildetc Zähne auf. ES war ein Kind von un­gewöhnlicher Stärke, groß und dick. Mit drei Jahren rauste und balgte er sich mit feinen Aufsichisleulcn. Als kleines Kind bekam er die Blattern und war bas Opfer einer unvorsichtig angewendcten BclsandlungSweise seiner Mutter, durch dt« lein Gesicht für immer entstellt, von Blatternarben bedeckt blieb. Seine Häßlichkeit stand in, Gegensatz zu der Schönheit seiner Raffe. Sein Vater war über diese Etttstclltheit wütend und sie ivar «in Hauptgrund der un­gerechten Strenge gegen seinen Sohn. Tic Erziehung des Kindes wurde einem klugen und gebildeten Mann« namens Poiffon an- vertraut. Gabriel las viel und ivar ein unerintidlicher Fragesteller Schon mit fünf Fahren hatte er erstaunliche Keinttniffc, al>er er war sehr überiniitig und lärmend, wenig diszipliniert und dazu grohniäulig, von einer Lebhaftigkeit des Geistes, die eine erstaun­liche Frlihreise bekundet«. Strafen regneten hageldicht auf ihn nieder. Er schrieb spater einmal an seinen Vater, da er jener Fugendsahr« gedachte, folgendes:Fch könnte behaupten, das; Ti« mir von Kindheit an, von meinen ersten Schritten, wenig Zeichen Ihres Wohlwollens gegeben haben, dasi Tie mich mit Strenge be­handelten, da ich sie von Fhnen noch nicht verdiente. Sie hätter indeffc» von Anfang an bemerken muffen, dasi diese Behandlung meine angeborene Wildheit erregte, statt sic einzudämmen: dasi es gieicherwciic leicht war. mich z» rühren wie mich ausznreizen. dasi der erste Weg mich den; gewünschte» Ziele näher brachte und der andere mich davon entscrnlc"

Tiefer Sohn enttäuschte ihn augenscheinlich, er fand ihn phantastisch, leidcnszhastlick'. unbequem, znn, Leichtsinn geneigt und oberflächlich: al>er gleichzeitig konnte er nicht umhin, seine Talente, seinen Eleist, sein hochgemutes Herz, das unter seinen; Kinderjäckchen schlug, anzuerkennen; er fand ei am sestsamen Fnstinkt vornehmen Stolze? in ihm, dabei «in ausgezeichnetes Gedächtnis, aber eine ab­schreckende Lebhaftigkeit, die er nicht vertrug Bald schien ihm sein Kind viclocriprechend, bald glaubte er das Gegenteil.

Mit fünfzehn Fahren war Gabriel der Führung Poissons ent­wachsen und wurde der Familie eines ehemaligen Offiziers zur »»eiteren Erziehung übergeb«» Ter cbrlicho und romantische Offizier Sigrais war von Gabriels Eleist. Gedächtnis und seinen, guten Herzen entzückt, aber sein Vater fand, dasi er nicht genug streng sei, und nahm ihn kurze Zeit später fort, um ihn in ein« MilitärcrziehuugSonstaft in Paris zu geben, die von einem Abbe nanienS Eboquard geleitet wurde. Sein hervorragender Geist und feine Begabung erwiesen sich dort glänzend, er lernte in dieser Er­ziehungsanstalt alles, was man dort leimen konnte, alte und moderne Sprach»-,i. Mathematik, für di« er eine besondere Vorliebe hatte. Ruch Musik trieb er fleissig, er hatte eine herrliche Stinime, im Zeichnen brachte er cs zu einer gewiffen Fertigkeit: diese beiden Künste diente ihn, später in seinen Gesängnisien zur Zerstreuung.

Nach Beendigung dieser Schule fand ihn sein Vater noch immer zu feurig und unbeherrscht. Er gab ihn nach SainteS zu einem Kavallerieregiment, das ein Maranis von Laml>ert befehligte, dessen Streng« bekannt war. TaS pasite Mirabeau anfänglich sehr gut, denn er glaubte sich zum Kriege geschaffen. Aber kaum war ein

* Wir entnehmen dteses Feuilleton dem höchst interessanten Buche von Louis Barthou: dlirabcau, ffixures <Iu Passe, iGe­stalten her Vcrganaenhett.l Paris, Librairie Hachette.

Jahr verflossen, als Ihn die Spielvcrlust« und andere tolle Streich« zu flüchien zwange»: er ging nach Paris, wo er beim Herzog von Nivernais Zuflucht suchte. Sein Schwager halte alles geian, um die Sache auszugleichen: ganz war ihm das nicht gelungen. Sein Vater Uetz ihn auf der Festring der Insel Re «iusperre,,. ES dauerte nicht lange, so mar der Kommandant Anian von seil,cm Häftling wie behert und gewährt« ihm allerlei Erleichierungen: er erreichte sogar, dasi der Haftbefehl zurück,»«zogen wurde.

Mirabean besuchte hierauf seinen Onkel im Schloss Mirabcau: mich dieser war von ihm entzückt, er fand Ihn zivar häsilich, aber er Übersah nicht, dass hinter den entstellenden Blatternarben feine, anmutig« und vornehme Gesichtözllge waren. Der Onkel schrieb begeisterte Briese an Mirobcaus Vater, worin er sein Erstaunen über den Geist und Beredsamkeit des Zwanzigjährigen aussprach: sein« Fehler entschuldigt« er mit seiner Jugend, er sah in ihm «in Genie, er lobte seine erhabene Seele, er glaubte, er habe das Zeug zu allem in sich, er könne, iveiiu er wolle, General, Minister, Kanzler, Papst werden, ganz nach Belieben . . .

Tatsächlich konnte er, ivas er wollte, die entgegengesetztesten Stndicn beschäftiten th» unaufhörlich. Alles Lob. alle Begeisterung des Onkels prallte an dem ungläubigen Widerstand des Vaters ab. Er spricht von seinem vergoldeten Schnabel, der all« zu beheren versteht, er nennt ihn eine» roniantischen Nichtsnutz, den man nicht so bald vom Leitseil locker lassen dürfe, er wünscht durchaus, aus diesen, Sohn einen Landmami zu machen, trotzdem sein« Talente nach ganz anderer Richtung neigten, Ter Onkel versucht immer wieder, seinen schrecklichen Bruder, ivcnn auch nicht zur Güte, so wentgstkiiS zum Verminbern seiner strengen und zweiflerischen Autorität zu veranlassen Vergebens schrieb er ihm, er soff« doch bedenken,dasi sich bi« Menschen nur nach ihrer eigenen Einsicht bessern'". 1779 kehr!« Gabriel wieder in fein Vaterhaus zurück. Ti« Familie lebte in Zwiespalt. Vater und Mutter waren seit 1762 getrennt, die Mattressc seines VaterS, Frau v. Pailly, lebte in der Nähe Seine reich« Gross,nutter stirbt, ihr Testament beschwört Prozess« herauf, bi« zehn Jahr« hindurch die Familie»ruhe ver- giftele». Mirabcau selbst sollte auch nie aus ewigen Geldsorgen heranökommen. Sein« persönlichen Vorteile bestimmten sein Vor­gehen, bald trat er für die Interessen seines Vaters, bald für die seiner Mutter ein, indein er seine Talent« und sein« Rednergabe für sie einsetzie. In dieser Zeit schickte ihn sein Vater auf seine Eiliter in Limousin, wo Hungersnot das Land verwüstete. Mirabcau lebte dort unter den Bauern, ah mit ihnen und muntert« sie durch sein« Reden und seine EKg-enmart auf. er nitterstütz!« alle, half durch seine vorgcschlogeiien Verbesserungen für den Landbou die Lage erträglicher zu gestalten, er gewann durch sein Verhalte» ihr volles Vertrauen. Alles gelang ihm durch seine unvergleichliche Gabe, zu gefallen, zu überzeugen, zu überreden, zu herrschen.

1771 steckte ihn der Vater wieder unter die Soldaten, in ein Tragoircrregimc-nt. Ta Miral-eau dort zu ipenig beichästigt war, stürzt er sich mit allem ihm angeborenen Eifer in Bibliotheken und arbeitet wie ein Rasender Im Sommer lebt er bald in Limousin, wo ihn Landarbeit anzieht, dann in Bignon nnd Paris. Nicht lange und er sieht sich wieder durch eigenes Verschulden fn litt» annebmiichkeiteil verwickelt. Ter Vater war des Sohnes wieder überdrüssig nnd entfernte ihn. Diesmal schickte er ihn in di« Pro­vence. Tort machte Mirabeau die Bekanntschaft der Tochter des Marquis von Marignan, einer der reichsten Erbinnen des Landes, die er vielleicht weniger aus Liebe als aus Trotz gegen bi« Ungcrech- iigkcite» seines Vaters heirate:«. Keiner seiner Familie war bet seiner Hochzeit anwesend. Später schrieb er einmal darüber:Weder mein Vater noch sein Bruder, keiner meiner Verwandten hat sich die Rühe gegeben, der Hochzeit des ältesten Kindes ihres Hauses anzu- wohnen, der ein« der reichsten Erbinnen des Landes hei rettete" Rirabeaus pcftiniäre Lage war trotzdem von Anfang an sehr un­sicher. Seine Eiter», in Prozesse verwickelt, hätten auch bei besserem Willen ihm nicht mehr als 6000 LivrrS jährlich zusitt-cr» könren. die Summ« sollie von Fahr zu Fahr um 560 Livres erhöh! werten, bis sie die Höhe von 8566 Livres erreicht haben würde. Weniger gross- niütig benahm sich fein Schwiegervater, der ihm trotz seiner Reich- tümer keine Rente aus-jetzte und das HciratSgut von 246 666 Livrez erst nach seinem eigenen Tode zahlbar zuschrirb. Seine T vsirer be­kam ausser der Ausstattung bloss ein Nadelgeld von 3t,r i Lirres jährlich.

To batte di« neugegründeic Familie bloss sieben- bis ---'ttansend Livre» Einkommen. Aber gleich w Beginn vcrqrösscrte sich die be­reits bestehende Schuldenlast Mirabeaus ins Riesige, wodurch für ihn tausend und abertausend Kränkungen erwuchsen Ti« Grund­lage fehlte eben zu den, reichen Haushalt, den das Paar führte. T'ese Heirat war ein Hauptirrtum, aus dem für Miradea» Ver­legenheiten, Fehler und Missgriff«, wen» nicht noch Acrgcrcs, er­wuchs

Mit der Hochzeit, die eine Woche laug glanzvoll gefeiert wurde, deren Kosten zur Hälfte Mirabeau znfielcn, begann di« Anhäufung der Schulden. Bald war die Lage des junge,i Paares unhaltbar. Mirabeau war sehr erreg! und besorgt, die Unruh« über seine Zu-> kunst raubte ihm alle Besinnung: er liess sich z» Erzessen hinreissen, wobei er nicht einmal seine Frau schonte und sich Gervalttätigkeiten zu Schulden kommen liess.

Tic Lage wurde immer ernster, die Schuldenlast wuchs Ins Un- acheuerliche, dieser Knäuel wuchs mit riesiger Schnelligkeit, so dass Mirabcau es ausgab, auch nur de» Versuch zu machen, ihn abzue wickeln. Er kaufte immer mehr Diamanten für seine Frau, zwang sie, die elegantesten Toiletten zu tragen, baute das Schloss um,' sichtete es neu ein. bielt offen« Tafel und verdoppelte und verdrei»