Ausgabe 
3.7.1914
 
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Äuf Hochdeutsch Reifet das eben: der Bauer, dem die Ehe­frau keine Kinder gebärt, soll sie jedem Nachbar überlassen, der sie zu befruchten imstande ist. Eben, weil der Bauer zur Durchführung seines Betriebes durchaus auf Kinder ange- wiesen war, mußte ihm seine Frau Nachkommen schenken, ganz gleichgültig, ob er sie zeugte oder ein anderer! E. Fuchs schreibt noch weiter zu diesem Punkt:AuS der Wichtigkeit, die die Kinder bis in unsere Zeit für die bäuerliche Wirtschaft haben, resultiert auch im letzten Grunde die ständig mildere Anschauung, die beim Bauern über den Ehebruch herrscht. Der Bauer drückt heute noch in ungleich zahlreicheren Fällen, als dies bei jedem anderen Stand vorkomnit, beide Augen zu, wenn die Bänerin einen Ersatzmann kürt und ihrem Manne so zu dem unentbehrlichen Familienzuwachs verhilft."

Auch der gegenwärtige tobende Kampf der herrschenden Klassen gegen die künstliche Geburtenbeschränkung, der sogar in die ungeheuerliche Vorlage eines Gesetzentwurfes gegen den Vertrieb konzeptionshinderndcr Mittel ausartete, resultiert nicht aus sittlichen, sondern lediglich rein ökonomi­schen Betrachtungen. Die Junker und Kapitalisten fürchten, ihre Ausbentungsgelüste beschnitten zu sehen, wenn daS Proletariat sich in der Kinderzeugung Beschränkungen aus- crlegt. Wir haben das ja schon zur Genüge erörtert und brauchen an dieser Stelle nicht noch einmal darauf zurückzu­kommen. Nur soviel noch: unsere Forderung, der Geburten­beschränkung mit dem einzig wirksamen Mittel sozialer Reformen, der Verbesserung der Lebensbcdingungen der breiten Masse zu Leibe zu gehen, findet ihre Berechtigung und Stütze hauptsächlich in den zwischen wirtschaftlichen und sexuellen Zuständen bestehenden Zusammenhängen. Daß diese unstreitig vorhanden, geht ja wohl zur Genüge aus dem eben Mitgeteilten hervor. Es enthält nur wenige Belege für tausende!

Ein artegyptischesWodejournat".

EI bedeutete eine Revolution in der Geschichte der Mode, als »m die Mitte des 18. Jahrhunderts die erste Modellpuppe von Paris nach England kam: der Siegeszug des Pariser Toilettenstils, der noch heute nicht aufgehört hat, wurde dadurch angebahnt, den» diese Figuren, mit allen Neuheiten verführerisch ausgestattet, trugen den gallischen Geschmack durch di« ganze Welt. Aber auch diese Er­findung, wie wir jetzt zu unserem Staunen gewahren, hatten die Alten bereits vorweggenommen: schon säst 2000 Jahre vorher

stellten sie ganzeModejouruale" au? keinen Terrakotten zu­sammen, durch die die Damen des römischen Weltreiches crsuhrcn, wie sich tm kaiserlichen Rom die vornehmsten Frauen kleideten, frisierten und schmückten. Diese lustigen Tonfigiirchen, die nun zahlreich durch die Ausgrabungen wieder ans Licht getreten sind, vermitteln uns «ine überraschend genaue Vorstellung von der antiken Mode und ergänzen damit in willkommener Weise alle früheren Nachrichten, die nur unzusammenhängend und dürftig waren. Aus den interessanten Werken der Kleinplastik können wir noch heute mit der gleichen Freude all die Modeneuheiten ablesen, niit der vor fast 2000 Jahren die Augen der elegante» Danieu in den fernsten Provinzen des Weltreiches aus diesem ihrem Modc- journal ruhten. Solch neue Erkenntnis bildet nur einen bescheidenen Teil der Bereicherung unserer Anschauungen vom antiken Leben, die durch di« wissenschaftliche Noarbeittlng dieser kleinen Tonfiguren überhaupt gewonnen wird Lange ist die Forschung achtlos oder gar mit Mißachtung an diesen Terrakotten voriibergegange», di« der Epoche der griechisch-römischen Herrschaft und der ersten christ­lichen Zeit Egyptens entstammen. lind doch sind gerade diese Er­zeugnisse einer späteren egpptisch-griechischen Volkskunst für di« Kenntnis der ganzen Kultur so überaus wichtig. Daher ist es ein Verdienst der Berliner Museen, ihre umfangreiche Sammlung solcher Terrakotten, die über öOO Dtiick. ctiva ein Zehntel des ganzen bisher bekannten Bestandes, umfaßt, durch «in« groß« Publikation der All­gemeinheit zugänglich zu machen. Im Berlage von Karl Curtius in Berlin erscheint in den nächste» Tagen als Beiträge zur Rcligions- und Kulturgeschichte des griechisch-römischen Egyptens ein Abbildungsuierk mit ausführlichem Teil dck> Groniuger Professors Wilhelm Weber, das einen umfassende» Ucberblick über Wesen und Inhalt di«s«r Terrakottcnkunst gewährt. Wi« sich hier eine ganz« Rcligionsgeschichtc in den zahlreichen Götterfiguren auf- tut, die als Zimmerschmuck dienten, so entfaltet sich zugleich das farbige Leben des Alltags. Tie Typen der Straß« und des Marktes, Tänzer und Schauspieler, Akrobaten und Jockeys, Kinder und Ti«rc, Möbel und Hausgerät finden wir hier dargcstellt. In bunter Reihe drängt sich Heiliges und Profanes mit der verwirrenden Fülle des Lebens durcheinander, lind unter diesen Gruppen fällt nun auch eine auf, die zierlich« Frauengestalten »ich sorgfältig frisierte Frauenköpschen uinsaßt und die der gelehrt« Verfasser selbst als Modcjournale" in Ton bezeichnet. DiesePuppen»n«n nichts anderes sein als Mustervorlagen, die sllr di« Tracht der Damen jn Egypten hergestcllt wurden

Die Eitelkeit und Schmucklust der Frauen war damals nicht

minder groß als heute; ja die Egytertnnen nahmen sogar für di« Erfüllung ihrer Modelaunen einen gewissen religiösen Zwang in Anspruch, Apulejus erzählt uns, daß im Festzug der Jsisvcrehrer von Kenchrcä sich eine Gruppe Frauen befand, die derherrlichen Göttin" Isis dadurch huldigten, daß sic ihr die neuest« Mode der kaiserlichen Prinzessinnen in Rom vorführtcn. Die Hofdamen der Kaiferstabt, sie waren di« hohen Vorbilder der Tracht, bi« die Damen der Provinzen eifrig nachahmten. Die mächtigen und komplizierten Frisuren der eleganten Tcrrakottadamen finden ihr einzig« Parallel« iit der kolossalen Haartracht der römischen Kaiserinnenporträts. Diese Masscnwaren aus Ton, die man jetzt wieder ausgegraben hat, waren also nichts anderes als Modelle der rgyptischen Fabriken, die die Musterbeispiele der Toilette, wi« sie von Rom in die Welt hinausgingen, in leichter Jiidividnaiisicrung endlos vervielfältigten und den Schönen im letzten Winkel des Reiches den neuestenSchick", den dernier ori der Mod«, vermittelten. Da sehen wir Modell­puppen mit laugen, reichbesetzten Mänteln, mtt langärm«lig«n Peplos, mit fein gcsältete» Chitonen, die kurze Aermel haben. Der Halsausschnitt ist bald rund und bald eckig: die Rocke zeigen eine seitliche Raffung, eine schärpcnartige Draperie und dann wieder flatternd« Bänder. Hier ist ein reicher Besatz von breiten Borten angedcutet, dort eine Verzierung mit großen runden Knöpfen. Tie eine trägt rote hohe Schuhe, di« andere leichgeschnürte Sandalen: selbst Fnßringe sind modern, und niit Ohrringen, langen Hals- ketten und dicken Brustkettcn wird ein verschwenderischer LuruS getrieben. Der Schal ist über den, Rücken lose verknotet, daS »m- schlagetuch wirb fickgiartig gelegt; «ine elegante Dame, di« in ihrem Sessel sitzt und die letzte Hand an ihre Toilette legt, streichelt ihr Schoßhüudchen: eine andere im anschnnegcnden Gewand hebt in herausfordernder Positur den runden Klappfächer. Gar manche Parallel« zur Mode von heute könnt« man sinden in den trichter­förmigen Röcken oder der hohen Gürtting.

Wahlpflicht dcr Iran.

Der gewaltige Fortschritt der Naturwissenschaft, im be- sondern die Erkenntnis von der Entwicklung alles Seins ist von grundlegender Bedeutung sllr die Auffassung vom Rechte der Frau. Sie beweist uns init unwiderleglicher Logik die Nichtigkeit der sozialistischen Anschauung.

Jn gewissem Umfang erkennt man ja auch in bürgerlichen Kreisen der Frau Rechte zu. Man sieht, daß sic in so vielen Berufen ebenso wie der Mann tätig ist, und hält cs deshalb für recht und billig, daß sie auch dasselbe Recht auf Besserung der Lebensbedingungcn hat wie der Mann. Und diese Besse­rung bringt vor allem das politische Recht, das politische Wahl­recht. Dieses Wahlrecht bedeutet also für jene Kreise nichts weiter als ein gewisses Entgegcnkomnie» gegenüber der Frau, sozusagen ein kleines Aeguivalcnt für ihre wirtschaftliche Ar­beit, Man erkennt der Frau in diesen übrigens auch schwach genug vertretenen bürgerlichen Kreisen das Wahl­recht in des Wortes leerstem, trivalstem Sinne zu und weiß nicht, daß cs mit der Möglichkeit eines egoistischen Eintretens für diese oder jene Besserung der Lebensgestaltung nicht getan ist, daß vom Standpunkt der Wissenschaft aus vielmehr eine ganze Weltanschauung hinter diesen, Wahlrecht steckt.

Das Prinzip, das die erste Triebfeder für das Entwick­lungsgesetz der Welt darstellt, ist das Prinzip der Differen­zierung, Wie primitiv war einstmals die Welt. Aber das Entwicklungsgesetz der Natur, das in all diesem einfachen Sein wirkte, differenzierte sich, teilte und teilte, bis schließlich ein immer komplizierteres Ganzes wurde, bei dem die ver­schiedensten Tochterkräfte, jede für sich, im Sinne jener Mutterkraft Entwicklungstrieb wirkten, so stark, wie es die schlichte Welt ohne Differenzierung nie vermocht hätte. Und immer weiter und weiter ging's so, und auch heute noch herrscht das Prinzip der Differenzierung, wie es in der nie dagcwcsenen Arbeitsteilung des modernen LebcnS am charak­teristischste» zum Ausdruck kommt.

Soll die Entwicklung weiter vor sich gehen, so niuß diese Differenzierung weiter zunehmen. Nur wer die Differen­zierung im Vorwärtsstrcben berücksichtigt, leistet wahre Fort­schrittsarbeit. Aber da werden so viele Kräfte und Werte von der Natur geschaffen, die dann von den Menschen brach liegen gelassen werden. Natürlich wäre es, diese von der Natur ge­wollte Differenzierung dem Fortschrittstrieb dienstbar zu machen. Und da sittlich das ist. was natürlich ist, so ist diese Beachtung der von der Natur geschaffenen Kräfte sittliche Pflicht.

Zu den wertvollsten Kräften, die von,der. Natur geschaffen sind, aber von den Menschen nicht benutzt werden, gehören all