Ausgabe 
26.6.1914
 
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Sff>fl, dachte ich, ziehe das witzige Bramsegel ei», »nd pflanze den seniimentalen Fockmast auf! Ich begann also wieder:

Verehrtest« Holde, wie glücklich, wer »ach Lcbenssturm und stUs des Daseins Wolkenhimmel sich aus die glückliche Sonncnterrasse eines empfindenden Herzens sliichtcn kann!"

Ich endete wieder, uni die Wirkung dieses empfindsamen Völlers zu beobachten. Er »erhallte wirkungslos!

- Kurz, mein« Schöne blieb kalt, schroff, unzugänglich. Diese Heuchelei verdroß inich! Mir den Regenschirm zu schicken, mir so­zusagen auf gut rcg«nschirmerisch anzudcuten.Komin' mit ihm wieder!" und nun so die Spröde zu spielen.

i Ich versuchte noch einige Anläufe, alles vergebens. Sie sagte: »Ich bitte Sie sehr, niich zu verschonen!"

Das war zu groß. Ich entschuldigt« meine Kühnheit mit der Heftigkeit meiner Leidenschaft, uud ging endlich so weit, ihr zu sagen:Die Güte, mit welcher Sie mir den Regenschirm schickten, nah ui ich jiir eine mich beglückende Einladung, mich dann selbst bei Ihnen vorzustellen!" Sie sprang auf, eine edle Röte iibcrslammte das holde Angesicht, und sie sprach:O, ihr eitlen Männer! So wissen Sie denn, Ihr Anblick und Ihr Gegcniiberstchc» war mir so unleidlich, so zuwider, baß ich vorzog, Ihnen je «her je lieber den Regenschirm zu senden, um Tie nur recht bald von da drüben los zu werden!"

Das; ich bei d eier Anrede ein verteufelt dummes Gesicht gemacht haben weit, iid man mir leicht glauben, doch raffte ich »och alle mein« Ironie e an::»«», um zu fragen:Aber, mein holdes Fräu­lein, was hat Sic denn genötigt, am Fenster zu bleiben, wen» Ihnen ,mein Visavis io verhaßt war?" Sie machte einen spöttischen Knix, und sagie lackend:»nd wie, mein genialer Herr, wenn ich nun «leinen wirklichen Geliebte» erwartet hätte? Ich empfehle mich Ihnen!" »nd damit schlüpft« sic in ein Nebenzimmer. Ich machte recht, um und zog ab. indem ich den zweideutigen Regenschirm aus den Lisch legte. Darauf ichricb ich diese erbauliche Historia nieder, zur eigenen, öiicntliche» Selbstgcißelung, und zum moraliichen Krempel für die Eitelkeit und Eigenliebe sämtlicher Mannspersonen weit.

Äus und Leben.

Die Ehcjcheidnnqszisskr der Kulturländer. Bis zu einem ge­wisse» Grade läßt sich der Kulturgrad eines Landes an der Zahl seiner Scheidungen ablesen, sofern nicht besondere Gesetze wie in Italien und Oesterreich der Ehctrenmrng hinderlich sind. Sonst aber führt die nnt der Kultur wachsend« Differenziertheit, vor allem der Frauen, daneben allerdings auch üblere Einflüsse der Kultrir, wie Verwilderung der Sitten, immer häufiger dazu, daß das an­geblich sürs Leben geschlossene Band nach kürzerer oder längerer Zeit wieder zerristc» wird. Tr. Johann Müller hat sich in der Zeit­schrift für Nationalökonomie und Statistik die Mühe gemacht, an der Hand des amtlichen Materials der verschiedenen Länder deren Schcidnngszifsern zu berechnen. Wir geben in nachstehcndcnr die Zahlen für die letzte Periode wieder und zwar nicht die absoluten Zahlen, die in diesem Fall« wenig besagen, sondern di« Zahl der Scheidungen berechnet auf die der jährlichen Eheschließungen. Es kamen ans je 1000 Eheschließungen Ehescheidungen:

Deutschland (1900-10) 27 Italien (1906-09) 3,4

Preußen 27s Frankreich (190610) 38

Bayern 17 Niederlande (190010) 19

Sachsen 38 England (188185) 1,9

Oesterreich 10 Schweden (190610) 17

Ungarn 33 Ver. Staaten (190105) 84

Schweiz (190105) 45 Japan (190609) 146

Bei Italic» handelt cs sich übrigens um Trennungen von Tisch und Bett, da dieses Land keine gesetzlichen Scheidungen kennt. Ten Rekord an Scheidungen hat also Japan! ihm folgen die Vereinigten Staaten, sodann die Schweiz, Sachsen und Frankreich. Am Ende der Reihe steht bas bigotte England. Außer in Japan ist in allen Ländern die Ehescherbungsziffer in der Zunahme begriffen. In Deutschland hat sich die Zahl der Ehescheidungen pro 1000 Eh« schlicßungen seit der Periode 188185 erhöht von 15 ans 27, in Oesterreich von 3,6 aus 10, in Schweden von 8,0 aus 17, in den Vcr- cinigien Staaten von 65 (in 189105) auf 84. Dagegen hat Japan seit 188690 die Rclativzahl seiner Ehescheidungen von 337 aus 146 herabgesetzt.

Fälschuiigen im Unterricht. Ausgehend von dem Grundsatz, das; für unsere Jugend gerade das Beste gut genug ist, jucht man in den Lehrmittelsammlungen unserer Schulen immer höusiger die Bikdertafeln für den biologischen Unterricht durch sogenannte Jn- scktenbiologicu, die die einzelnen Entwicklungsstadien der bctressen- bcn Insekten in natura zeigen, zu ergänzen. Leider lasse» jedoch kiele dieser Biologie» bei näherer Prüfung viel, manchmal sogar

alle? zn wünschen übrig. Das neueste Heft des Schul,nuscums (Stuttgart) beschreibt einen besonders krassen Fall, der als bewußte Täuschung beurteilt werde» muß. Wir sehen dort eine Biologie, die in einer ersten Lchrmiticlhaiidlung gekauft wurde und den Hirschkäfer darstellen soll. An der ganzen Biologie ist aber eigent­lich gar nichts echt. Statt eines schönen Hirschkäfer-Exemplars ent­hält die Biologie das Männchen und Weibchen der sogenannten Kümmerform des Hirschkäfers. Der Käfer ist kleiner und hat ein anderes Geweih. Derartige Kiimmerformcn, die auf mangel­hafte Ernährung der Larven zuriickzufiihrcn sind, können doch nicht als mnstcrgiltiges Präparat des Hirschkäfers bezeichnet werden! Auch die in der Biologie gezeigten Larven sind sämtlich falsch: ob sie vom Eremit oder vom Goldkäfer oder von sonst einem Biatt- hornkäfer stammen, bleibt sich gleich. Das angebliche Pnppcngehänse des Hirschkäfers ist eine ziemlich ungeschickt angcfcrtigtc Nachbildung ans Torf und wahrscheinlich mit echten Exkrementen des Hirsch­käfers überklebt. Wahrscheinlich! Denn auch die Exkremente brauchen nicht echt zu sein und können ebensogut auch vom Eremit sein. Endlich ist auch das kompakte Pnppcngehänse (in Wirklichkeit ist es ein hohles Gebilde) sehr schlecht zurcchtgcschnittcn »nd ziemlich »»natürlich montiert, so daß die Fälschung ohne weiteres auffällt. Es bleibt unverständlich, wie manch« Schulvcrivaltungen für solch minderwertiges Material große Summen ausgeben können.

Ein Kindergerichtshof. Ein intcrcssaittcr Versuch mit einem Volksgerichishos" ist imMünchener Jugendheim", einer Unter- knnftsftclle für obdachlose, gefährdete und straffällige Knaben gc- niacht worden. Uni die nötig« Ordnung in dem Unternehmen auf­recht zu erhalten, kam der Leiter auf den Gedanken, die Knaben selbst zur Mitarbeit hcranzuziche». Und so wurde ein Knadcn- gcrichtshof ins Leben gcruscn. Zum Stellen derStrafanträge" und zur Aussprache darüber werden sämtliche Zöglinge versammelt. Das Urteil selbst wird ingeheimer Beratung des Gcrichtshoses" fertig gestellt. Zeugen auch, wie jetzt die Zcitschrijt Ter Säemann berichtet, die beantragten Urteile von übermäßiger Strenge, so sind doch mit der Einrichtung die besten Erfahrungen gemacht worden. Vor allem ist eine rege Anteilnahme sämtlicher Zöglinge zu ver­merken. Sic arbeiten innerlich mit. Jeder denkt sich in die Lage hinein und überlegt sich, was er als Angeklagter für eine jämmer­liche Rolle spielen würde. Oft wird noch stundenlang bei der Ar­beit, bei der nicht die Psiicht bcs Slillschivcigcns herrscht, die Sache erwogen. Tic Knabe», die sich einander sehr genau und besser als der Erzieher kennen, trachten nach einem gerechten Sirasmaß. ES ist oft erstaunlich, so wird berichtet, welch feines Verständnis und Einfiihlcn in die Psyche ihrer Alters, und Schicksalsgenossen die jungen Leute haben. Mit unsehlbarcm Instinkt finde» sie die Strafe heraus, die den anderen am unangenehmsten treffen, ihn aber deshalb auch am frühesten zur Umkehr »nd Besserung bringen muß. Diese Beobachtungen unterstützen nur die sozialdemo­kratischen Forderungen nach Temokratisicrnng unserer Strgfrcchts- pslcgc.

Kür Kcnis «nd Kof.

Laßt nicht zuviel junge Hunde und Kasten lebe»! Aber man merke sich, wie man die kleinen Wesen am schnellsten und ichincrzlosestcn zum Tode befördert. Das Ertränken neugeborener Hunde »nd Katzen ist tterquälerisch. Die Tiere sterben am leichtesten, wenn man sic durch wuchiigen Kopfichlag lötet! Doch überlaßt bas Abtun nicht Kindern, auch nicht Personen, die von Gemüt roh sind.

(hdttlldkdlspffegc-

Kalk gegen Schnnpse». Die Schwellung der Nasenschleimhaut und die starke Absondcruirg wird bei vielen Formen des Schnupfens als besonders unangenehme Erscheinung cmpsnnden. Gegen diese wendet Dr. Iannschke in Wien seit nichreren Jahren die Kalk- bchandlnng an und er konstatierte, daß am zweiten oder längstens dritten Tag der Bchandlnng die Schwellnng der Nasenschlcimhant und bi« fliiisige Absonderung sich bedeutend verringert oder ganz be. seitigt ivird. Es wird daher milchsmires Calcium icclösfelweise ge­geben, sobald ein bcgininmdcr Schnupfen gespürt wird, linier den Patienten befinden sich viele mit chronischen Katarrhen der Nase und der Nasenhöhlen, ivclche früher jahrelang von häufigen Verschlim­merungen befallen würben. Seitdem sie den Kalk nehmen, sllhlcn sic sich von diesen Verschlimmerungen befreit.