Blick der Neugier und des Grauens aus di« Blutstätte. Längst ist das Gemäuer nun von der Erd« verschwunden und die Wildnis, die damals noch öd« und traurig, ohne Baum, mit niedrigem Gesträuch« bewachsen war, hat sich in blühende Gärten verwandelt, aus denen da und dort freundliche Gartenhäuser blinken.
Die inlernalionate Drbeilerinttenvewegttng im Jahre 1912.
Der zehnte Internationale Bericht über die Gewerkschaftsbewegung im Jahre 1912 zeigt in bezug auf die Art der Berichterstattung ein etwas anderes Bild als der des Vorjahres. Wir hatten im vorigen Jahre bedauert, daß nicht alle Länder die Zahl der organisierten Arbeiterinnen angebcn, sodaß der Bericht über die Beteiligung der Arbeiterinnen in den Gewerkschaften keine Auskunft gab. Diesmal ergibt sich ein etwas günstigeres Resultat.
Für 1912 machen die Landeszentralen von Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und den Niederlanden Angaben über die Zahl der organisierten Arbeiterinnen in den ein- zelnen Verbänden. Außerdem bringen die Landeszentralcn von Ungarn und Bulgarien (Weitherzige) die Ziffern der insgesamt organisierten Arbeiterinnen.
Das allgemeine Resultat ist folgendes:
Zahl der orgauisierlcu
Im Vergleich zur Eesamtziffer
Arbeiterinnen
Prozent
Deutschland .
8.6
Oesterreich. .
14,8
Schweiz . .
..... 8 487
9,8
Ungar» . .
5,8
Niederlande .
5,9
Bulgarien . .
5,3
Aus den übrigen Berichten geht die Ziffer der organisierten Arbeiterinnen nicht hervor.
Verschiedene Landeszentralen machen auch Angaben über den Umfang der Frauenerwerbsarbeit im Lande. Deutschland bringt hierüber eingehendes Material durch eine Bearbeitung der letzten amtlichen Berufszählung. Hiernach ist die Hälfte der Zahl aller erwerbstätigen Personen heute Frauen, und in einigen Berufen hängt der Erfolg der gewerkschaftlichen Aktionen wesentlich von der Haltung der Arbeiter- innen ab. Die Bekanntgabe dieser Ziffern zeigt, ein wie wichtiges Kapitel für die Gewerkschaften heute die Organisierung der Arbeiterinnen sein muß.
Den gleichen Beweis liefert die Schweiz durch den Nachweis der Tätigkeit von 11 Arbeitsämtern.
Von diesen wurden gemeldet:
Offene Stellen Arbeitsuchende Besetzte Stellen
Männer Fronen Männer Fronen Männer Fronen
58 491 29 303 75 151 22 037 43 604 14 298
Auch hier spielt also die Frauenarbeit eine erhebliche Nolle.
Dasselbe ist der Fall in Rumänien. Dort waren 1911 in der Groß- und Kleinindustrie 113 143 Männer und 20 743 Frauen beschäftigt. Selbst in Bulgarien, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent landwirtschaftliche Tätigkeit ausübt, arbeiten in der Industrie unter 10 163 Personen 2907 Frauen. Auch hier gewinnt außerdem die Industrie immer mehr an Umfang und damit auch die Frauenerwerbsarbeit in diesen Berufen.
Die wirtschaftlichen Tendenzen der Frauenarbeit sind bekannt und überall die gleichen. Sie werden besonders hervorgchoben in dem Bericht des internationalen Berufssekretariats der Buchbinder. In Rücksicht darauf dürfte sich deshalb eine genaue Berichterstattung über den Stand der Frauenarbeit und der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen auch von den übrigen Landeszentralen empfehlen. Erst dann werden auch Wirksamkeit und Erfolge der gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterschaft in vollem Umfange zum Ausdruck kommen.
Der zweideutige Wegenschirm.
Ein Abenteuer mit nassem Anfang und trockenem Ende.
Bon M. G. S a p h i r.
Es war einer unserer schönsten Sommertoge, mir klapperten bi« Glieder in den kalten Zimmern: ich hüllte mich in «inen leichten Sommerpelz und zog durch di« Strotzen Wiens.
Ich habe schon oben gesagt: es war einer unserer schönste» Sommertage, es fing also gleich zu regnen an.
Ich trag« seit langer Zeit keinen Regenschirm mehr, erstens, weil ich keinen habe, zweitens — denn es gibt Menschen, die mit dem gründlichsten Grund nicht zufrieden sind — und drittens, weil ich nicht gern der Diener meines Regenschirms bin. der sich, wenn es nur ein bitzchen schlechtes Wetter ist, von mir tragen lätzt. Sobald ein Regenschirm erfunden sein wird, der bei schmutzigem Weiter mich tragen wird, schaffe ich mir auch gleich einen an. — Ter Regen sing an, dermaßen in Strömen hcrabzustürzcn, batz ich genötigt war, in ein Hcrustor zu treten, und müh. wie man hier sagt: unterzustellen.
Tatz Regen und Sturm. Donner und Blitz der Liebe günstig sind, ist eine bekannte Sache. Wie hieß nur gleich die da? Tidol richtig!
Sogar bas prosaische Ding im Lebe» kann einem Licbcsgenie zum glücklichen Slehelf werden: Zeuge dessen: der Rkantel. den Lei- ccster über den Morast legt«, damit Elisabeth darüber spaziere: Herr Loth ist sein« Frau los geworden, iveil sie sich nach einem Feuer- regen umsah: kurz, bas Grollen der Element« ist der Liebe günstig, so auch mir dieser Platzregen, dieser Regen und dieser Platz.
Es war in der — Gasse, der Leser kann nicht fehlen, denn gerade über den, Haus« steht alle Abend, wenn der Himmel mit Wollen umzogen ist, das Sternbild: die Spika.
Fch stand im Tor und sah zum Himmel empor, denn der Mensch richtet leider nur bann erst seinen Blick zum Himmel, wenn Sturm und llngewitter ihm droht. Da erblick ich plötzlich, auf dem Wege zwischen mir und dem Himmel, «in Fenster vis-ä-vis, und an dem Fenster — ach! an kein Fenster! — Nun meint der L«s«r gewiß, eS wird heißen: „lind au den, Fenster ein weibliches Wesen usw.?" nicht wahr, das meint der Leser?
ES ist auch wahr, und an dem Fenster ein weibliches Wesen. Ein weibliches Wesen, ivie soll ich cs gleich schildern? Lieber Leser, schildere sie dir selbst, nach eigenem Belieben, ich bin mit allem zu- frieden. — Wie du sie schilderst, so soll sie gewesen sein.
Sic saß am Fenster und — las? Nein! Begoß die Blumen? Nein! Tändelte mit der Nachtigall? Nein! — Ich will die Leser nicht täuschen. Ich bin in diesen, Augenblick Historiker und nicht Romantiker! Ich gebe historisch« Wahrheit! Sie saß am Fenster und spitzte sich die Nägel.
Ich sah hinaus, sie sah herab, es war richtig: wir sahen uns, wir liebten uns, wir schwuren uns ewig« Treue! Alles durch Physiognomik!
Die Scheibe! Tic Fenst«rsch«ibe! Tie verdammte Fensterscheibe genierte mich gewaltig. Der Mensch traue nie einer Fensterscheibe! Ein Mädchen hinter der Fensterscheibe ist ein ganz anderes Wesen alz ahne die Fensterscheibe. Tie Glasermeister haben die größten Illusionen im Leben hervorgebracht. Ein Mädchenkopf hinter einem Fensterglas bringt die größte optisch« Täuschung hervor! prima regula j„ris est (Die erste Sprachregel lautet): Mail verliebe sich nie, bevor sie das Fenster aufgemacht hat!
Sie machte das Fenster ans! Ach, welche Schönheit! Sie war schön, wie, wie, siehe meine gesammelten und noch ungesamm-clien Schriften, Seit« 17, 39, 44, 67, 120, 201, 304. 506 und so weiter und wähle ein Muster — Honoratioren zahlen dafür nach Belieben.
Sie sah zum Himmel empor und dann zu mir! Ich war ja auch ihr Himmel! — Daun macht« sie das Fenster wieder zu! Warum machte sic bas Fenster wieder zu? Weil es regnete! Richtig! Dse Leser wissen jetzt gleich alle?, man kann sie gar nicht mehr liber- raschen!
Sie sah wieder herab, ans einmal sprang sie auf, eilte von» Fenster weg. blieb einig« Minuten weg, kam dann zurück und lächelte. In diesem Augenblick kam bi« beflügelt« Iris ober, um deutlicher z» sein, ihr Stubenmädchen, über die Straße gehüpst, bracht« mir einen R^en schirm und sagt«: „Das gnädige Fräulein sendet Ihnen hiermit «inen Regenschirm!" — Sagt's und verschivand, indem ich ihr noch nachrief: „Ich werde die Ehre haben, den Schirm mit meinem Dank dem Fräulein selbst zu überbringen."
Man sag«, was man will, bi« Frauen sind liebenswürdiger als die Männer, auch sogar wie ich! Und si« wissen mit solchem ?ln- stand uns Gelegenheit zu geben, mit ihnen bekannt zu werden, daß wir Herren d«r Schöpfung wahr« Tölpel der Schöpfung dagegen sind. —
Am andern Tag«, es war gerade gleich den Tog daraus, cs war sehr schönes Wetter, ging ich zu ihr.
Welch' ein Unterschied: gestern und heute! Gestern ging ich in, Regen ohne Regenschirm, heute im Sonnenschein mit einem Regenschirm Ti« Natur ist reich an solchen sinnig«» Kontroversen!
Ich ging hinauf, legte mein Herz an die Tür. es klopfte: „Herein!" rief «ine slötenweiche Stimme, und ich trat hinein. Sie. saß am Fenster! ich nahte mich, das Pfand der Liebe aus dem Arm, den Regenschirm.
„Fräulein", sagte ich, und korrigierte mich sogleich«: „Halbes Fräulein! Im Leben gewährt der Mann den Frauen Schutz, und die Frauen den Männern Schirm!" Hier wartet« ich, um den Efftft dieser brillanten Introduktion abzuwartcn. Sie machte keinen Effekt.


