FqB BadcMen zu jener Zeit im Leben spielte, sowieso tagaus, tagein traf, dadurch ganz von selbst zu den Mittelpunkten der Opposition gegen ein unliebsam empfundenes Adels- oder Patrizierregiment wurden — in demselben Augenblick proklamierten die in ihrer Hcrrschaftsübung bekämpften und bedrohten Geschlechter das öffentliche Baden als der Sittlichkeit widersprechend und verboten es, wo sie die Macht dazu hatten. Dies der zweite Faktor (siehe oben), der neben der Syphilis der früheren Herrlichkeit des Badehauslebens im 16. Jahrhundert ein Ende bereiteteI ..."
Genug der Beispiele, die aus abertausenden heraus- tzegriffen worden sind. Fuchs hat sie in den einzelnen Kapiteln seines Werkes durch ein außerordentlich reichhaltiges Tatsachenmaterial — zeitgenössische Flugschriften, Dichtungen, Pamphlete, Sittenmandate, Kleiderordnungen, Darstellungen der bildenden Kunst usw. — aufs eingehendste illustriert. Seine Sittengeschichte ist das erste Werk, welches die Geschichte der geschlechtlichen Moral vom Mittelalter bis in unsere Zeit im Zusammenhänge darstellt. Es ist aber zugleich auch ein Fundament geworden, auf dem die sittengeschichtliche Forschung getrost und mit Erfolg weiter bauen kann, um spezielle Fragen aus dem Gebiete der geschlechtlichen Moral zu unternehmen und aufzuhellen. Sie'hat sich eben immer nur der Tatsache — die Fuchs in seiner Sittengeschichte immerfort kraß herausstellt — zu erinnern, daß zur Erkenntnis und richtigen historischen Würdigung der Moralansichten unbedingt notwendig ist die genaueste Unter- suchung des wirtschaftlichen Milieus, das sie in ihren Besonderheiten gebar. Dies in seiner Sittengeschichte bewiesen zu haben, ist das große Verdienst von Eduard Fuchs — deshalb gehört sein Werk auch zu den Glanzleistungen der materialistischen Geschichtsschreibung, deshalb möchten wir den Arbeiterbibliotheken auch die Anschaffung der Sittengeschichte empfehlen, so kostspielig sic auch ist!
Die öfajfe Zpolloilin.
(Schluß.)
„Ja," siel bi« Alt« Ivi«b«r ein, „und wenn si« noch ein Wochener zwo gewartet hätte, so war« das auch von selber geschehen, denn bas Kind hätt« keine vierzehn Tage mehr gelebt: das Hab' ich seinen «igenen Vater nachher mehr denn einmal sagen hören. Aber wenn's einmal mit einen, Menschen hinunter will, so ist der Tensel gleich bei der Hand und hält ihm die Leiter dazu."
„Da hat Ihr Mund ein sehr roahres Wort gesprochen," sagte der Buchdrucker mit feierlichem Ernst. „So ging es auch mit der armen Apollonia, denn in den, unglückseligen Gemütszustand, von dem ihre Herrschaft keine Ahnung hatte, wurde sic eines Tages, da eben Besuch im Haus« war, in die Schenk« gesendet, um eine Flasche Wein zu holen."
„Jetzt aber laßt mich ans Brett," unterbrach die Alte den Erzähler, „in dem Punkt weiß niemand so gut Bescheid wie ich. Ich bin sa dabei gewesen und habe jede Silbe mitangehört: denn der Wirt war mein Pater, und wo das blasie Appel« jene» Wein holte, das war meiner Eltern Haus und ich kannte sie recht gut, obgleich wenig mit ihr zu machen war. Ich seh' sie noch vor mir, wie sie z» uns hrreintrat und mit ihrer leisen Stimm« «ine Flasche Wein begehrt«: nämlich ihr Herr hatte sie aus Stolz ««schickt, weil sein« Gäste behaupteten, mein Bater schenke einen besieren Wein, als er einen im Keller habe, und nun wollte er einen Vergleich anstelle». Es ist thin aber übel bekommen. Wir hatten eben die Lichter an- «rzllndet und etliche junge Gesellen saßen um den Tisch. Wie nun manches unnütze Wort unter b«n Menschen geredet wird, zumal beim Wein, so ging's auch selbigsmal. Es ivar nämlich kurz zuvor der Fall vorgekommen, daß mit Mausgist in «inem Hause nahezu ein großes Unglück «»gerichtet worden wäre, und ein wohlweiser Rat, wie man dazumal sagt«, hatte ein Verbot an die Apotheker und eine Warnung an die Bürgerschaft ergehen lasten. Das Verbot aber wurde nicht groß beachtet und ick holte meinen Mäusen fort und fort ihr richtiges Futter, ohne daß mir jeniand etwas in den Weg gelegt hätte. Von dem Verbot aber war selbigen Abend die Rede. Die jungen Burschen schlugen auf den Tisch und machten «in groß Geschrei: der eine meinte, das Ding sehe aus, als ob man bi« ganz« Bürgerschaft für lauter Gistmischer hielte, der andere schrie, das gehe einen wohlweisen Rat einen Pfifferling an, und wieder einer sagte — das war der jibcrzwcrche Balthas, wiß ihr, er hatte so ein große Warze ans der Nase —: „DaS ist alles für nichts," sagte er, „die gestrengen Herren könne» verbieten Mausgist, Natten- Mst, — und da zählte er noch «in« Meng« Gifte her — „aber andere Sachen können sie nicht verbieten," sagte er, „und da gibt's noch genug Tränklein, die einen in die schwarze Schublade fördern können, ohne daß man sie für Gift ansgebcn kann. Wenn mir ein- nial des Lindenwirts Roter nicht mehr schmeckt, oder wenn ich sonst Wilrmcr im Hirn Hab," so geh ich in die Apotheke und kauf« mir Vitriolöl."
„Schwefelsäure!" unterbrach sie der Buchdrucker etwas lndig. niert, denn «r hatte sich auch einig« chemische Kenntnisse angeeignet.
„Meinetwegen auch Schwefelsäure. „Für einen Kreuzer," sagt« er, „krieg ich genug, um mit euch und der gaiizen Kameradschast ab. fahren zu können, ja vierspännig," hat er gesagt, und was weiß ich, was alles noch, es ist schon gar zu lange her. Di« anderen trieben ihren Schabernack mit seinem Geschwätz: ich hörte aber wenig aus sie, sondern schaute ganz verwundert dem blassen Appele zu, wie es mit starren A»g«n dreinsah. Ich meintc, es denke was ganz anderes, und habe von all den gottlosen Reden schier gar nichts vernommen. Aber, o mein Herr und mci» Gott! Wer hätt' sich das eingebildet, als meine Mutter aus dem Keller kam und nun das Mädchen mit seinem Wein von dannen ging! Es ist doch gar zu unglaublich, wenn ich wieder an das still« seine Kind mit dem blassen Gestchtlein denke. Aber deni Balthas ist's auch nicht gar wohl bekommen, ja wahrhaftig, es ist doch eigentlich der Grund, warum er das Leben lassen mußte: denn als eS hcrauskam, was er mit seinem losen Maul für «in Unglück angcrichtct hatte, und ihn alles in der Stadt dnim scheel anfah, so konnte er's am Ende selber nicht mehr aushalten und zog nach Holland und nach Amerika, und ivenn er bas nicht getan hätte, so könnte er heut noch da sein: so aber hat er unterivegs Schifsbruch ««litten und ist ersofsen, obgleich er In meiner Stube mehr als einmal geschworen hatte, das Wasser sollf ihm kein Leid antun."
„Was tat denn aber das blass« Mädchen?" fragte ich.
„Was wird sie getan haben?" versetzte di« Alte. „Aus dem Maule des jungen Burschen war der Geist in sic gefahren, und fort ging sie zum Apotheker. Nun, die Knochen will ich Euch zum Ab- nagen lassen, Nachbar."
„Danke, will'? aber kurz damit machen. Das verwahrloste, verlassene, unsinnige Mädchen rannte allerdings in die Apotheke, denn leider trug sie ein paar geschenkte Kreuzer bei sich. Bei jenen Worten war ihr alles Denken und Fühlen vergangen; sie hatte nur noch einen dunklen gebieterischen Trieb. Eine Stimme, sagte sie nachher aus, habe ihr immer ins Ohr gerufen, sie müsse es tun. Leider war der Apotheker, wie es in solch verhängnisvollen Fällen zu gehen pflegt, arglos verblendet, und ihr sonderbarer Blick siel ihm nicht auf. Sie empfing das tödliche Mittel, brachte den Wein nach Hause, und während im Wohnzimmer fröhlich auf die Ge. nesung des Kinde?, auf das Gedeihen der Familie angestoßen wurde, eilte sic in die Schlaskammer, trat an das Bettchen und vollbracht«, ein kindischer Würgeengel, ihr abscheuliches Werk. Ein durch, dringender Schrei des Kinde?, der aber alsbald vcrstuinmtc, rief di« Mutter herbei, die, mit dem Lichte in der Hand, sich dem Bett« nähernd, schon von weitem ein gräßliches Bild erblickte. Di« schwächliche Natttr des- Kindes, di« sogleich unterlegen ivar, halt« die freilich unwissende Grausamkeit der bejammernswerten Mörderin vermindert. Man fand sie im entlegensten Wittkcl des Hauses. Di« Starrsncht ihres Gemütes, denn anders ivciß ich's nicht zu nennen, hatte nachgelassen. Sie lag auf den Knien, brückt« den Kopf an di« Wand und schluchzte beständig: „Tu bist jetzt ein Engel und wir kommen beide heim! Heim! Heim!" atittvortcte sie ans all« Fragen, die man ihr stellte. Bor den Mißhandlungen der Mutter schlitzt« sic der Bater mit Mühe: er fragte sie: „Wie hast du uns das antun könne» mit deinem unschuldigen Antlitz?" Sic gab nichts zur Ant- wort als „Heim!" Den herbeieilenden Behörden gestand sie ihr Verbrechen mit leisem, demütigem Kopfnicken. Das Sonderbarste ist, baß bald, ja gleich nach der Tat eine völlig« Verwandlung mit ihr vorging. Gegen die Gesät!genschaft, gegen die Einsamkeit de? .Kerkers hatte sie gar keinen Widerwillen. Nach den Ihrigen halt« sie keine Sehnsucht nichr: auch kam keines von ihnen zu ihr, ihr Vater verstieß und verfluchte sie. Der selige Herr Hanptprcdiger hat nachher oft gesagt, es sei ein merkwürdiger Geist in dem Mädchen gewesen, der nach dieser Tat der Finsternis auf einmal zum hellen Tag erwacht sei. Sie habe nicht nur ihr Verbrechen vollkommen erkannt und bereut, sondern auch über viele andere Tinge klar, vernlinstia und wie mit «iner Erleuchtung gesprochen. Jhni selbst sei durch dieses Mädchen manches klar geworden, waS er früher nicht begriffen oder an was er gar nicht gedacht habe. Dies sagt« er häufig, aber er sprach sich nicht näher darüber aus. Nur das erzählte er, daß sie gegen ihn geäußert Hab«, sie erkenn« nun deutlich, was es mit ihrem Heimweh gewesen sei."
„DaS ist ihr geschehen?" fragte ich leise und stockend.
„In ihrer Kindheit schon," sagt« das alte Deib, ,^ils sie «In» mal wegen ebnes kranken Schafes zum Scharfrichter geschickt wurde, soll sein Schivert von selbst nach ihr gezuckt haben. So sagte man, ich weiß nicht, ob es wahr ist: aber di« Herren vom geheimen
Kollegium müssen eS geivußt haben, denn sie machten «in« Wahrheit draus."
„Das war die Regierung und zugleich das Blutgericht," sagt« der Buchdrucker und nickte bedeutend init dem Haupte.
Ich blickt« nach deni steinernen 4tau und ein unheimliches Licht begann mir aufzugehen. Tie Alte, die auf den Stufen saß, zeigte mit dem Daumen über die Schulter rückivärts. „Hier," sagte sie, „hat dar Schwert zum zweitenmal nach ihr gezuckt, denn damal? fuhr man mit de» Mörderinnen nicht so säuberlich wie jetzt. Hat deini das junge Bürschlein ni« was von. Käs gehört?"
„Diese? Gemäuer," fügte der Buchdrucker hinzu, „war das Schafott in den späteren Zeiten der Reichsstadt. Den Reigen der Mörder und Uebcltäter, die hier gerichtet wurden, hat die blass« Apollonia beschlossen."
„Fa, und recht freudig ist sie gestorben," sagte die Alte, indem sie mir gutmütig von ihren Erdbeeren onbot. Ich wies die rot« Frucht, so herrlich st« hustete, mit Abscheu znriick und warf einen


