Ausgabe 
19.6.1914
 
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armer Bauernleute, von den frühesten Jahren au das blasse Appele genannt. In diesen Familien pslegt man nicht viel Umstände mit­einander zu machen und so wuchs auch die Apollonia unter gleich­gültig kühlen Umgebungen heran: doch hatte sich in dem Kinde früh ein eigener Geist entwickelt,"

Ja, ein dummes Ding war sie," fiel die Alte ein,Ich hab's nachher oft gehört, Weil sie das Jüngste ivar und schwach dazu, so musste sie oft tagelang die Schafe hüten, und sie freute sich auch immer darauf: wenn aber Leute durch das Eichwäldchen kamen, wohin sie ihre Herde trieb, so sah man sie meistenteils in bitteren Tränen sitzen, und wenn dann bi« Leute hingingen und fragten, warum sie weine, so sagte sic, sie wisse cs nicht. Kann es etwas Einfältigeres geben?"

Bei einem grasten Hange zur Einsamkeit," ergriff der Buch­drucker ivicder das Wort,empfand sie doch beständig die schmerz­liche Sehnsucht nach den Ihrigen. Wer», sie abends nach Hause kam, so ivar's, als wenn sie von einer weiten, vieljährigen Reise heimgekoonnen wäre: da sprang sie zu ihren Eltern und Geschwistern hi» und wollte sie vor Freude säst erdrücke». Natürlich hicst cs da nur:Dumme Appel, mach' dich fort, last mich in Ruh'!" Und gelegentlich bekam sie für ihre Zärtlichkeit auch noch einen Pusf, Dann grämte sic sich wieder, bis sie zu ihren Schafen kani, und bei ihren Schafen hatte sic abermals keine Ruhe, bis die Abendglockc zum Einsahren läutete.

In ihrem fünfzehnten Jahre wurde sie »ach der Stadt geschickt, um in einen Dienst zu treten. Da sic keine schwereren Arbeiten verrichten konnte, so kam sie als Dienstmädchen in ein ivohlhabcndes Haus, wo man, ohne sich sonst viel uni sie zu bekümmern, mit ihr zufrieden war. Sie hatte ein sehr kränkliches Kind von etiva zwei Jahren zu lstitcn, das ihr viel Unbequemlichkeit und Mühsal m° »rsacht«. Ich erinnerte mich, dast ich sie manchmal mit ihm sah, ivic sic an sonnigen Abenden traurig aus den Kirchenstasseln säst. Wen» ich d>r vorüberging, das Kind und das Mädchen anschauend, so wollte mir, obgleich ich kaum die Kindcrlchr« hinter mir hatte, das Herz beinahe vor Mitleid brechen: sie kamen wir vor wie zwei Blllmlei», die man in einem Glase ohne Wasser stehen lästt," Aus diesem kii»>nicrliä>e» Leben," fuhr er fort, nachdem er sich über die scharfe Lust beklagt und die Angen gewischt hatte,sog ihr angeborenes sehnsüchtiges Wesen immer mehr Nahrung: ihr Heimweh, das früher gleichsam heimatlos gewesen war, nahm setzt eine bestimmte Richtung, alle ihr« Gedanken waren nach der Heimat, nach den Ihrige» gewendet,"

Wohin sie eine Stunde und nicht einmal so weit zu gehen hatte," siel die Alte ein,

Ja, Frau Nachbarin, aber allein zu gehen, dazu hatte sie keine Muste, und mit dem Kinde durfte sic sich nicht so weit ent­fernen, Die Ihrigen kamen auch nicht ein cinzigesmal, um »ach ihr zu sehen,"

Darum ivar es ja auch so einfältig," rief die Alte,solches Hcimiveh nach ihnen zu haben,"

Das ist eben das Seltsame," versetzte der Buchdrucker etwas ungeduldig,Wenn alle Leute so gescheit wären wie Sie, Frau Nachbarin, so würde gar nichts Merkwürdiges in der Welt Vor­fällen, Ja, seltsani ist es: aber wer je aus Reisen gewesen ist wie ich, der begrcist auch, wie die Abwesenheit nicht nur das Herz, sondern auch die Eiubildungskrast des Menschen umwandeln kann. So ging es dein armen blaffe» Mädchen, das bei seiner Herrschast ivic ein Schatten umhcrschwcbte, Das ärmliche Häuschen, das schlechte Essen, das rohe Betragen der Ihrigen hatte sie vergcffen: mit einem Worte, ihre Heimat ivar das Feenwort ihrer Gedanken, Diese Empfindung gewann nach und nach die Oberhand über alle anderen, und es kam so weit, dast, wie man nachher erfuhr, Apollonia eines Abends heimlich ihre paar Habseligkciten zusammen- schnürte, um nach Hanse zu fliehen, Aber die Furcht vor der Strenge ihres Vaters inachte, dast sie ihren Entschluß wieder aufgab und das Bündelchen auseinandcrrist. Es scheint jedoch, dast sie von diesem Augenblick an nicht mehr reck>t bei sich gewesen sei, Tie viele» Anstrengungen, die ihr die Pslcge des Kindes verursachte, der Kummer bei Tag und die schlaflosen Nächte u»tergr»ben ihre von Natur aus zarte Gesundheit: der Drang nach der Heimat, der immer wilder und heftiger wurde, während sie doch nicht den Mut hatte, ihm zu folgen, zerrüttete ihren Geist, Sie sah das Kind, dessen tägliches Leide» ihr im innerste» Herzen wchtat, doch als die Ursache ihres ganzen Elends an. In ihren ungeordnete» Gedanken verfiel sie darauf, wenn das Kind stürbe, so würde ihre Herrschaft sie als unnütz nach Hause schicken. So scheint es, dast nach und nach, nur wie dämmernd, der Wunsch in ihr ausgestiegen sei, cs möchte daS Kind und mit dem Kinde sie selbst erlöst werden,"

(Schluß folgt,)

Aus Welt und Leben.

TieEhekrisc" in Deutschland, Angesichts der immer mehr zu- nehniendcn Zahl der Ehescheidungen in Deutschland muß nian schon heute von einer Ehekrise sprechen, die vielleicht noch schwerere Ge­fahren in sich birgt als der jetzt so viel erörterte Geburtenrückgang, Dies geht mit groster Deutlichkeit hervor aus de» statistische» Auf­stellungen Uber Ehe und Ehescheidung, die Hermann Friedemann in der bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erschelnende» Zeitschrift lieber Land und Meer veröffentlicht, Tie Ehelosigkeit nimmt zwar bei uns in Deutschland nicht zu; unter den weiblichen

Personen in mittleren Jahren sind mindestens 88 Prozentehe- versorgt", d, h, verheiratet oder verheiratet gewesen. Als man vor einiger Zeit in Preußen bei der Frage der Junggeselle,isteuer Er. Hebungen über di« unverheirateten Beamten über 30 Jahre an. stellte, fand es sich, daß nur 7 Prozent unverheiratet waren. Das Durchschnittsalter der Eheschliestenden ist gerade i» den letzten Jahr- zehnten gesnnke». Die Zahl der Eheschließungen ist sich im letzte» halben Jahrhundert ziemlich gleich geblieben, aufs Tausend der Be- völkerung koinmeu während dieser ganzen Zeit mit geringe» Schwankungen etwa 8 Eheschließungen, Vor einigen Jahren ging die absolute Zahl der Eheschließungen in Dentschland z»m ersten Male etwas zurück, nämlich von 50k 000 im Jahre 1907 auf 500 600 und 49-1000 in den beiden folgende» Jahre»: sie hat sich aber seitdem rasch wieder gehoben und betrug im Jahre 1912 schon 526 000, Tie Ehekrisis beginnt aber nun mit den Ehescheidungen; hier liegt die eigentliche schwer« Gefahr, Das Bürgerliche Gesetzbuch, daS die Ehescheidung erschwert, bracht« zunächst einen beträchtliche» Rück­gang: dann aber ist seit dem Jahre 1901 die Zahl der Ehescheidungen ständig und mit großer Schnelligkeit gestiegen. Wurden im Jahre 1901 in Preußen noch 4675 Ehen geschieden, d, h. 77 auf je 100 000 bestehende Ehen, so waren es im Jahre 1912 nicht weniger als 10 797 oder 145 von 100 000 bestehenden Ehen, Also hatte sich die Zahl der Ehescheidungen innerhalb von 11 Jahren mehr als ver­doppelt, Die Ehescheidungen kommen in den Städte» mcit häufiger vor als aus dem Lande, und zwar um so größer, je größer der Ort ist. So weist Berlin das Viersache der preustischc» Durchschnitts­zahl an Ehescheidungen auf, die Provinz Posen dagegen nur den dritten Teil, Nach der Zahl der bestehenden Ehen berechnet, wurde in Preußen 1912 auf dem Lande von je 1800 eine Ehe geschieden, im Durchschnitt aber kam auf 689 Ehen eine geschiedene, in den Stadtgebiete» schon auf 4M, in den Großstädten auf 3M und in Berlin auf 180 Ehen, Da der Scheidung durchschnittlich «in« Ehe- dauer von etiva 8 Jahren vorausgeht, so kann man annehmen, daß die 1904 geschloffene» Ehen 1912 geschieden werden. Danach kamen auf 478 0M Eheschließungen 1904 17 400 Scheidungen 1912. Es wurde demnach durchschnittlich jede 27, bis 28, Ehe gefchiedcn: in den preußischen Städleu aber wurde jede 18. Ehe geschieden, in den Großstädten jede 13,, in Berlin jede 10, Tauer die Zunahme der Scheidungen i» gleicher Weise sort, dann gäbe es in Berlin nach etwa 40 Jahre», in Deutschland »ach höchstens 60 Jahre» keine Ehe mehr, die nicht früher oder später geschieben ivllrbe. Am schlimmsten haben es bei diesen Ehescheidungen die Kinder, von denen jährlich etwa 10 0M, die meisten 1 bis 2 Jahre alt, scheidungs­verwaist werden. Gegenwärtig gibt es in Deutschland mindestens 120 000130 000 solcher scheiduugsverwaister Kinder, deren Zahl aber in den nächste» Jahren bis auf eine halbe Million und mehr zunehme» wird.

chesundkeitspsseqe.

DaS schwache Kind. In der Wiener Gesclljchasl für innere Mcdi- zin und Kinderheilkunde sprach Tr, S p e r k Uber das schwache Kind, Die konstitutionelle Schwäche erstreckt sich mehr oder weniger aus alle Organ«, Diese Schwäche kann schon bei Säuglingen ausgc- sprach«» sei». Bei ältere» Kinder» sindet man als Zeichen derselben einen langen, schmalen Brustkorb, schmale abstehende Schulterblätter, schwache Knochen, dürftige Muskulatur, geringes Fettpolster, ausgc- sprochcne Bläffe, verminderte Funktion der Organe, große Ermüd­barkeit, Neigung zu Herzschwäche bei Anstrengung, Bei derartigen Kindern wurden manchmal Blutarmut und Tuberkulose sestgcstellt, ferner leiden solche Kinder an Kopsschmerz und Appetitlosigkeit, Das Herz ist leicht ermüdbar, es komnit leicht Kurzatmigkeit und Herz­klopfen, Zu diesem Bilde komme» alsdann noch nervöse Symptome: reizbare Schwäche, rasche Ermüdung bei geistiger Arbeit, Häusig ist eine familiäre Disposition zur Blutarmut vorhanden. Die Schwäche tritt erst um das Schulalter deutlich auf. Schlechte hygienische Ber- hältniffc oder seelische Erschütterungen können schon ein früheres Auftreten der Schwäche verursachen. Wichtig ist die Vorbeugung, die Anlage mnst srühzeitig erkannt werden, damit man dagegen an- kämpien kann.

Kür Kaus und Kof.

Gartenbesister sollten mit dem Scheren der Hecke» zurückhalten, bis die späte Brut der Singvögel erst noch flügge werden kan». Es wäre zu wünsche», wenn auch bei uns, wie anderswo, die Zeit des Heckenschcrcns gesetzlich ebenso scstgcstcllt wäre, wie etwa der An- sang der Jagd aus Rebhühner und Hasen, Man legt immer noch nicht genug Wert und Gewicht aus die Erhaltung und Schonung unserer Vogelwelt, besonders der Jnsektcnfreffcr,