Ausgabe 
19.6.1914
 
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Land verteidigen, wenn man bi« Kinder des Landks nicht vor den, Hunger schützt, Die Sck>ulsp«isung, ans ihren jetzigen Ansängen heranSgehoben und dem wirklichen Bedürfnis entsprechend durch­geführt, mühte die Krast bcS Volkes in Krieg und Frieden ganz gewaltig heben, sie wlirde dem Staat nicht nur zahlreiche Anne erhalten, di« ihn gegen einen äußern Feind verteidigen können, sie würde ihm auch ungezählte gesund« Menschen geben, di« durch Kopf- und Handarbeit den Wohlstand des Ganzen vermehren. Es gibt also, wenn nian das Wort in seinem ehrlichen Sinne nimmt, keine nationalere" Aufgabe als die Sorg« um di« körperliche Wohlfahrt des Heranwachsenden Geschlcchls und dies« ivahrhast nationale Aus­gabe kann nicht gelöst ivcrden ohne Anwendung sozialistischer Grundsätze.

Bedürfte» dir Sozialdemokraten gegenüber aller Hetze, die gegen sic getrieben wird, und aller Verfolgung, mit der sic heim­gesucht wird, eines Trostes, sie könnt« ihn finden in dem Bewuht- scln, doh sie aus diesem Gebiet« bahnbrechend vorangeht. Sie könnten sagen: Es ist wahr, das; wir bei «lnein Kaiserhoch sitzen ge­blieben sind, wir geben auch zu, ein« Reihe von ähnlichen Schand­taten begangen zu haben aber dafür habe» mir Tausenden hungernden Schulkindern zu einer warmen Mahlzeit vcrholfcn und gedenken, in dieser Arbeit fortznfahren, Fst das nichts?

Kinderansöeulung.

Von einer unglaublich niedrigen Ausbeutung des Kindes zeugt eine amtliche Untersuchung, die in Oesterreich vorgenommcn worden ist. Tie Untersuchung wlirde 1908 begonnen. Es wurden Fragebogen verteilt, die unter Auf­sicht der Lehrer ausgesüllt werden muhten, lind diese Frage­bogen wurden dem arbeitsstatistischcn Amte zur Bearbeitung übergeben. Damit, dah die Zahl der arbeitenden Kinder groh ist, sagt uns der mm bekannt gegebene Bericht nichts neues. Das haben wir auch schon kn Deutschland festgestellt, wo die Zahl der arbeitenden Kinder unter 14 Jahren rund 300 000 beträgt. Aber interessant sind die Feststellungen hinsichtlich der Lohnfrage, da wir darüber noch keine statisti­schen Angaben besitzen. Und gerade diese Angaben beweisen uns die unsagbare Niedertracht, mit der die kapitalistische Gesellschaft das Kind behandelt. Ta werden z. B. in der Metallindustrie Kinder mit der Herstellung von Druck- knöpfen beschäftigt. In jeden Druckknopf sind zwei Stahl- drahtfcdern in der Stärke von Vt Millimeter und in der Länge von 3 Millimetern cinzuziehen. Und was bekomiiit das Kind für diese schwierige Arbeit? Für fast eine Stunde dieser Arbeit, die das Kind gebraucht, um in 144 Knöpfe zusammen 288 Federn einzulege», für fast eine Stunde dieser sauren, schweren Arbeit bekommt cs ganze 6 Heller, das sind rund 5 (fünf) Pfennige! Weich ein unvcrsck>üniter Diebstahl der Arbeitskraft! Ebenso traurig ist der Lohn in der Textil­industrie, in der die Kinder z. B. mit schwierigen Haarnctz- arbeiten usw. beschäftigt werden. Doch das ist noch eine glänzende Bezahlung im Verhältnis zu anderen In­dustriezweigen. So ist die Bezahlung noch schlechter in der Fabrikation von Holzspanschachteln. Hier beträgt der Tages verdienst in einzelnen Bezirken 10 bis 30, in anderen 15 bis 80 Heller. Und wie lange arbeiten die Kinder dafür? Die Hälfte der Kinder arbeitet inehr als acht, ein Drittel mehr o.ls zehn Stunden. Das macht ini ungünstigsten Falle 10 Heller in 10 Stunden, das macht für die Stunde nicht einmal einen Pfennig! Dabei leisten 72 Prozent der Kinder noch während des ganzen Jahres N a ck !- a r b e i t I In den anderen Industrien ist es genau so un­glaublich trostlos. Wir wollen nur noch die Bekleidungs­industrie neunen, weil in ihr die Kinderarbeit selbst für dasHeer in so schier unmöglicher Weise ausgebeutet wird. Die Kinder haben hier für das Heer Knöpfe aufzunähen und Achselstücke anzufertigen und sic verdiene» für diese Ar­beit bei neunstündiger Tätigkeit 24 bis 30 Heller. Nur für die Arbeit von 2 Uhr nachts bis 7 Uhr früh (!) erhalten sie 50 bis 60 Heller. Ob es bei uns viel besser ist? Wi>. glauben es nicht. Oft genug dringt ja eine traurige Aus- beutungsblüte an die Oeffentlichkeit. Jedenfalls wird cs die höchste Zeit, dah man auch bei uns einmal nach dieser Rich­tung hin amtliche Untersuchungen anstcllt, wie cs jetzt in Oesterreich geschehen ist, und dah man endlich einnml ganz energische Schritte zur Besserung der Lage der arbeitenden Kinder unternimmt. Daß selbst die paar Brocken des Kinder- schutzgesehcs nichts nutzen und unigangen werden, ist bekannt.

Nennt sich unser Staat nicht immer stolzder christliche"? Dann sollte er doch endlich mal christlich sein und das tun, was wir wollen, die Kinder schützen im Sinne dessen, der da sagte: So ihr nicht werdet, ivie eine? von diesen.

Die blasse /lpollania.

Erzählung von Hermann Kurz.

Die wandelnde Chronik, die lebendige Sage, die Hand in Hand mii nur an schönen Sonn- und Feiertagen spazieren ging, kurz und gut. mein alter Buchdrucker hatte mich eines Abends an der Ein­fahrt seines Hofes erwartet, wohin ich in meinen Freistunden immer zuerst gesprungen kam, und munter zuschreitcnd verliehen wir mit­einander die hohen Stadtniauern, in deren Umkreis schon die Nacht cingebrochcn war und Lichter ans dcu Fenstern blinkten, während drautzcn vor hem Tor noch alle Vögel sangen und die Sonne, nach den westliche» Hügeln zu Golde gehend, mit sanft gebrochenen Strahlen durch das volle Laub der Baum« drang. Wir schleuderten Mischen Gärten, die von Stachelbeerhcckcn begrenzt waren, aus schmalem Pfade hin, bis wir einen sreien Platz erreichten, der, öde und reichlich mit Unkraut überwuchert, gegen das Flühchen zu ge­legen war. In der Mitte dieses Platzes erhob sich ein seltsames Ding. Es war ein runder Bau, «in« Plattforni, niedrig aus Steinen ausgeslihrt. Ich ivar nie zuvor hier gewesen, konntc nur auch nicht erklären, was dies« Erscheinung bedeuten sollte, und die milde Einsamkeit der brachliegenden, von des Menschen tätiger Hand gemiedenen (Stätte stöhle mir ein« unheimliche Empfindung ein. Aber eine Knabenseele, die den Schulstaub hinter dem räuchcrischen Stadttor gelassen hat, ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, und lachend sagte ich zu meinem Mentor:Ich will Hans heißen, wenn das Ding da nicht anssieht wie ein steinerner Käseleib": eine Vergleichung, welche durch irgend einen Anblick am Fenster eines Kaufladens, wo wir vorübergekommen, geweckt worden sein mochte.

Fa, davon hat cs ja auch seinen Namen", erwiderte er: nickend und mit dem verständigen Lächeln, das ihm so eigen ivar, unter­brach er sich i» seiner Rede, da er mich plötzlich gleich einem Wilde stutzen sah und folgte mit den Augen meinem Blicke, Der war auf ein altes Weib gefallen, welches, gebückt wie eine Kräuter suchende Zaubersrau, um das Gemäuer schlich und eben jetzt in unseren Ge­sichtskreis gekommen war,

Tressen wir uns hier, Frau Nachbarin?" rief ihr der Buch­drucker, gleichfalls ein wenig betroffen, entgegen,Was machen Sic denn?"

Ihr scht's ja, Erdbeeren such' ich," erwiderte sie und richtete sich empor, indem sic ein paar rote Beeren in ihre Schürz« warf. So ein altes Weib, das zun, Sckxrsfen nicht mehr brauchbar ist, muh doch sehen, wie es sein« Zeit Hern,bringt, lind in dem Revier gibt's föllich schöne: auch hat der Platz das Gute, dah mir die Buben nicht so ins Handwerk pfuschen,"

Das glaub' ich," sagt« der Buchdrucker,aber Sie, schm«» Sie das Blut nicht?"

Die Alte lachteBin nicht so dumm,"

Ich horchte aus, Blut, das war ein besonderes Wort, hinter diesen Reden muhte irgend ein Geheimnis sein,

Das ist längst vertrocknet," suhr die Süte fort,Wie lang ist's her, dah hier das letzte Blut geslossen ist? Fhr werdet etwa ein, zwei Fahre jünger sein als ich. Nun rechnet einmal: sie war gerade in meinem Alter, und ,vcnn sic lebte, so mühte sie gerade so ein altes steifes Scheit Holz sein wie ich: aber ich sch sie noch so deutlich vor mir, als ob's erst gestern gewesen wäre. Nun, FKr ivart ja auch dabei, werdet Euch an das blasse Appele noch wohl erinnern können,"

Fawohl, die arme Apollonia! Tic hastet fest in meinem Ge­dächtnis," versetzte der Buchdrucker, ivelchcr sich seinen eigentüm­lichen hochdeutschen Stil gebildet hatte,Tic besah di« feinste Ge- sichtsbilduuq, die man je bei einem sünszehnjährigen Mädchen sehen konntc, und dies« seltsam«, rührende Blässe , . . ich werde sie nie vergessen,"

Fa, fünfzehn Fahre, Ihr habt recht, so alt war sic, und ihr Gesicht, ja, das war auch so. So viel ist gewih, dah cs ein Wunder bleibt, wie sie unter das grobe Bauernvolk hineingekommcn ist, deren Gesichter wie mit der Solzhapc geschnitzelt sind. Wie nur die dumme stille Gans so etwas tun konnte!"

Was bat sie denn getan?" rief ich,

Ein .Kind umgebracht,"

Kinds-Mörderin mit sünszehn Fahren! To jung und so schlecht!" rief ich mit der ganzen Strenge eines unerfahrenen Richters aus.

Es war nicht ihr eigenes Kind," bemerkte der Buchdrucker mit seiner sanften Stimme,und überhaupt liegt etwas Seltsames in der ganzen Begebenheit."

Bei diesen Worten bereitete ich mich vor, ein« Geschichte zu hören: denn die Art und Weise, wie der Buchdrucker sein« Er- ählungeu cinlcitete, war mir wohl bekannt. Die alt« Frau zog ihre Schürze höher, warf einen liebäugelnden Blick hinein und setzte sich am Fuße des Gemäuers auf etwas, das wie verfallene Stufen aussah. Der Buchdrucker stützte sich auf einen Dornfteckcn, den er unterwegs abgejchnilte» hatte, und begann:

Ta drüben, wo der grün« Kirchturm etwas über die Bäume ragt das Dorf war uns zu Zeiten der Reichsstadt untertänig, da erwuchs das Mädchen, von dein die Rede ist, als bas jüngste Kind