Ausgabe 
19.6.1914
 
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fetfeufeR, fo'tfi auch der Mann stets der einzige Gesetzgeber gewesen, der die Gesetze ausschließlich nach seinen Interessen formuliert hat. So hat er zwar fast immcr streng die Keusch- heit der Frau gefordert und die Untreue der Frau ebenso oft zuni größten Verbrechen gestempelt, cs aber immer gleich­zeitig selbstverständlich gefunden, daß seinen eigenen Begier­den nur ganz primitive Schranken errichtet wurden. Alles das ist, wie gesagt, nichts mehr und nichts weniger als die innere Notwendigkeit der Sache und darum ebendie natür­liche Ordnung der Dinge" wie es im Jargon der bürger­lichen Ideologen heißt!

Eine Unmenge von geschichtlichen Belegen erhärtet die Tatsache des Vorhandenseins inniger Zusanunenhänge zwischen dem jeweiligen Zustande der geschlechtlichen Moral und der jeweiligen wirtschaftlichen Basis des gesellschaftlichen Seins. Einige der wichtigsten mögen hier kurz angeführt werden. So waren bekanntlich im Mittelalter die Badc- häuser Hauptstättcn des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Männlein und Weiblein badeten zusammen in paradiesischer Nacktheit, abgelegene Kammcrn boten Gelegenheit zu ver­liebten Abenteuern kein Wunder daher, daß das Bade­stubenleben in der allgemeinen Beliebtheit stand. DaL änderte sich wie mit Zauberschlag zu Anfang des 16. Jahr­hunderts. Die Badehäuser wurden fast überall von den Be­hörden geschlossen aber ncht etwa deshalb, weil wie das behauptet wird die Reformation strengere Moralanschau­ungen unter die Leute gesät hätte! Nichts ist unsinniger, als diese Ansicht! Die Badestuben mußten vielmehr ihre Pforten schließen, weil sic plötzlich sehr ungesund und zu einer Gefahr für das ganze Volk geworden waren durch das Eindringen der Syphilis in Europa! In den Bade­stuben verkehrten natürlich auch Leute, die bereits mit der Franzosenkrankheit behaftet waren und so blieb es nicht aus, daß die Bäder sehr bald Brutstätten der Seuche wurden. Das war der eine Hauptgrund zu ibrcr Schließung. Den anderen, ebenso wichtigen, zeigen wir in anderem Zusamnien- hang.

Zum Teil noch bis heute werden auf dem Lande die sogen.Komm- und Probenächte" abgehalten, in denen die Bauernburschen in den Stuben ihrer Geliebten von deren körperlichen Vorzügen sich überzeugen, ehe sie heiraten. Die Teilnehmer wollen wissen,Ob er (oder sie) gerecht zur i'Liebe ist", das heißt, ob Kinder zu erwarten sind; das zu proben wird als sittlich berechtigt von der bäuerlichen Moral- anschanung sanktioniert.Ferner ist in den bäuerlichen Weistümern des Mittelalters ausdrücklich das Recht des Mannes festgelegt, seine Frau jedem Beliebigen ins Bett legen 8ii dürfen, wenn sie unter seinen eigenen Umarmungen un­fruchtbar bleibt. Weshalb das, weshalb die Institution der Probenächte? Weil der Bauer aus ökonomischen Grün­den unbedingt Kinder haben mußte, weil sie für ihn das wertvollste ökonomische Gut waren, weil sie allein ihm die billigen Arbeitskräfte abgaben, die er zur Bestellung seiner Wirtschaft unbedingt bedurft und ohne die er nicht existieren konnte. Ob die Kinder nun von ihni selbst gezeugt waren, oder ob ein anderer das Amt desEhehclfers" übernommen hatte, war von völlig untergeordneter Bedeutung! Daß zu­mal bei unfruchtbaren Rassen gegen die wichtigsten Tendenzen der Monogamie verstoßen wurde, dafür gab Fritjof Nansen einen Beweis. Er berichtete in seinem Werke über seine Nordpolfahrt von den Eskinios, daß sie sehr häufig die Hilfe anderer in Anspruch nehmen, wenn ihre Frauen unter den Umarmungen der legitimen Gatten unfruchtbar bleiben. Nansen meint dazu:Der Grund liegt wohl darin, daß. während die Erhaltung des Erbes, Geschlechtes und Stainm- baumes bei den Germanen stets eine große Rolle gespielt hat, alles dies für den Eskimo bedeutungslos ist, da er wenig oder nichts zu vererben hat und es für ihn hauptsächlich darauf ankommt. Kinder zu haben."

Wenn die ökonomischen Interessen es erforderten, ist immersittlich" geworden, was einstmalsunsittlich" war und unter schwerer Pön stand. Sogar die Bigamie ist ge­setzlich erlaubt gewesen und zwar zu der Zeit, als Deutsch- land an der durch den Dreißigjährigen Krieg hervorgcrufcnen Entvölkerung litt! Jedem Manne war cs danials erlaubt/

zwei Frauen gleichzeitig zu heiraten zu dem ausgesprochc- nen Zwecke, möglichst viele Kinder zu zeugen, um die Be­völkerung des Landes zu heben rind Handel und Wandel, Handwerk und Landwirtschaft neue Arbeitskräfte zuführen zu können. (Schluß folgt.)

Schulspeisung.

Tic Stabt Berlin stcht nicht in dem Rnf, in sozialpolitischen Dingen der Welt mit gutem Beispiel voranzugchcn. ja noch vor wenigen Jahren konnte der greise Nationalökouom Adolf Wagner Berlin die sozialpolitisch rückständigste Stadt von ganz Deutschland nennctt. Um so lieber wird man cs vernehmen, das, auch diese von altetnFortschrittS"gciste beseelte Großgemciudc sich aus die Tauer dem wirklichen Fortschritt nicht ganz verschliehen kann. So berichtet seht die Berliner Presse, das, die städtische Schnldeputation beschloffen hat, die seit 1908 bestehende Entrichtung der Schul­speisungen fiir bedürftige Kinder ettvas weiter auszubaueu. Tie Kinder der Hilfsschule» und der Volklassen soücn künftig in jedem halben Jahr in der Schule gemcssen und gewogen werden, um Rück­gänge der Entwicklung fcstznstclleu und gegebenenfalls rechtzeitig durch Gewährung von Frühstück und Mittagsspeisen helfen zu können.

Was in Berlin und in a»-«rn Städten geschieht, ist ein, ivenn auch nur bescheidener, Schritt zur Verwirklichung einer alten sozial­demokratisch«» Forderung, die noch zu Ende des vorigen Jahr­hunderts von den inciftcn bürgerlichen Konimunalpolilikern als durchaus utopistisch angesehen wurde. Ganz ungeheuerlich erschien den alten Manchesterpolitikern der alten Schule das Verlangen, die Grenz« zivischrn Schule und Haus zu verwischen, Eltern di« Sorge tim die Verköstigung ihrer Kinder abzunehnicn, die Allgemeinheit fiir die Nöte der Einzelnen haftbar zu machet,. Tausendmal wur­den sie gehört die alte» Phrasen, die überall anstauchen, ivo um einen sozialpolitischen Fortschritt gekämpst wird, die Phrasen von dem Recht des Hauses und von der Pslichi der Selbstverwaltung, die durch sozialistische Erperiniente getötet werde. Aber in einer Zeit, in der über diekörperliche Ertüchtigung der Jugend" große Reden geschwungen werden und in der über Geburtenrückgang beweglich geklagt wird, schien es vielen doch nicht angängig, die Schuljugend durch Unterernährung verkomtiie» und die schoti Ge­borenen verhungern zu lassen.

In Berlin war es die Rundfrage von 1907, die das Eis der alten Vorurteile brach. Ta stellte sich heraus, dal, 11500 Schulkinder ohne warme? Mittagessen blieben, daß eine beträchtliche Anzahl auch ohne warmes Frühstück in die Schule kanien. Im Jahre darauf tvurden etivas über 100 000 Mark fiir Schulipeisungen ausgcgcben, nnd seitdem hat sich diese Stimme in lailgsainem Ausstieg bis 1912/12 nngesähr verdoppelt. Trotzdem ist statistisch nachgewiesen, daß noch inimer einige Tausend der bedürstigftcn Kinder unversorgt bleiben. Wenn inan seht dazu übergeht, die Bedtirstigkeii durch Messungen sestzustellcu. so muß die Folg« sein, baß eine sehr große Anzahl not­leidender Schüler iti den Kreis der Versorgung mit hineinbezogen werden. Allerdings muß man damit rechneti. baß dadtirch auch die Ausgaben eine beträchtliche Steigerung ersahreu werdet,.

Ein« große Zahl deutscher Städte hat zum Teil schon früher ähnliche Einrichtungen wie Berlin geschaffen. Daß das Geleistete hiiitcr dem Erforderlichen ,ucit zurückbleibt und in seiner Aus- führnng von Mängeln nicht frei ist, braucht nicht erst besonders gesagt zu werden. Auch in Ilcrlin besteht noch der Nebelstand. daß die unentgeltlich« Speisung den osseusichtlichin Eharakter der Arwcu- pslege trägt, mau kennt dort noch tiicht die z. B. in Stuttgart be­stehend« gute Einrichtnug. daß zwischen den Einpsängern entgelt­licher und utieutgcltlichcr Mahlzeiten kein äußerlich hervortretender »nterschied gemacht wird. Alles in allen, bleibt aber der Fortschritt dochverkcuubar, wenigstens ist das Stadium des grundlätzlicheu Widerstandes überwundeu und es sind Anfänge geschossen, an denen praktisch weitergebaut werden kann.

Soweit das Erreichte von dem Erstrebte» noch entfernt ist, wird inan aus diesem Gebiet doch schon vo einem grundsätzlichen Erfolge der so.zialistischeu Auffassutig reden können. Z,var sehlt es auch beute noch nicht an Leuten, die i» der Schulspeisung ein ganz gesähr- lichc? binabgleiien in den sozialistischen Znktinjtsstaat erblicken und diese Fahrt noch Krästen zu bremsen suchen. Aber weuigcr und weniger sind di« geworden, die sich mit den alten platten Redens­arten de? Manchester!iberalisnius einer so eininenteu Forderung der Menschlichkeit entgegeiiztistellen ivagen. Zu stark wirkt die Logik der Tatsachen, wirken die schon gentachieu Erfahrungen und da? Beispiel Englands, das täglich ungefähr S10 000 Kinder in den Schulen beköstigt und das zur Förderung diese? Ziveckes auch ln das neucstc Staatsbudget einen iiai»haften Betrag eingesetzt hat.

Wir sind iveit entfernt von der kühne» Vorstellung, daß bi« Sache der Schulspeisung auch in Deutschland mit Reichsmittelu ge­fördert werden könnte lim eine solche Phantasie zu verwirklichen, müßte» entweder die bürgerliche,! Parteien in der sozialpolitischen Einsicht viel tveiter fortgeschritten sein oder aber es müßte» noch viel mehr Sozialdemokraten im Reichstag sitzen. Ter deutsche Reichs- schatzsekretär würde ein sehr erstauntes Gesicht machen, wenn man ihm zutnutcu ivürde, den, Beispiel seines vielleicht nicht minder begabte» und einsichtsvollen englischen Kollegen Llopd George zu solge». Daß bei »ns alles für di« Zwecke derLaudeSverteiti- gutig" dranfgeht, ist selbstverständlich. Aber wie kan» man da?