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Wöchentliche Seilage der Oberkeffifthen VoikLZeitung
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Nummer 24
löiesten, Freitag den 19. Juni 1914.
6. Jahrgang
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Eine Geschichte der Geschtechtsmoral*).
Tie besondere Methode der materialistischen Geschichtsforschung, alle gesellschaftlichen Erscheinungen ans eine einzige Wurzel zurückzuführen, und zwar die ihrer ökonomischen Bedingtheit, ist von der bürgerlichen Wissenschaft oft genug verspottet und als unsinnig bezeichnet worden. Freilich: in den letzten Jahren sind die absprechenden Stinimcn aus dem Lager ihrer Gegner denn doch ganz sachte verstummt. Seit Marx und Engels vor nunmehr zwei Menschenaltern die Grundsätze des historischen Materialismus geformt, sind mit seiner Hilfe wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen, geschichtliche Zusammenhänge ansgezeigt worden, welche der bürgerlichen Ideologie zu entdecken nie- gelungen wäre. Zuerst auf dem Gebiete der Nationalökonomie: Marx war der erste, welcher mit der neuen Methode die Bewegungsgesetze deS nwdcrncn Kapitalismus aufdecktc, um die der Streit der Gelehrten lange getobt hatte. Ueber die sogen. Weltgeschichte, die man sich noch bis vor ungefähr einem Jahrhundert allen Ernstes nur als von Fürsten und anderen großen Herren gemacht dachte, die man als eine grandiose Kette zufälliger Begebenheiten ansah, die lediglich zu konstatieren, aber aus denen keinerleit Schlnßsolgerungen zu ziehen waren, über die Weltgeschichte und ihre treibenden Ursachen warf zum ersten Male die historisch-materialistische Geschichtsforschung das Licht der Erklärung. Zwar hatten schon am Anfänge d-'s vorigen Jahrhunderts die französischen Oekonomen St.- Simon und Charles Fourier dunkel geahnt, daß winschaft- liche Klassengegensätze der treibende Motor in der Geschichte gewesen seien — aber erst die materialistische Geschichtsforschung konnte klipp und klar beweisen, daß die Weltgeschichte tatsächlich nichts anderes darstelle, als eine Geschichte der wirtschaftlichen Kämpfe und Entwicklung der Menschheit.
Aber auch auf dem Gebiete der eigentlichen Kulturgeschichte feierte der historische Materialismus seine Triuniphe. Erst mit seiner Hilfe gelang cs, die besondere Entwicklung der Kunst, Literatur und Philosophie zu den verschiedensten Zeiten zu erklären: sie bewies die Abhängigkeit ihrer besonderen Gestaltung und Tendenzen von der ökonomischen Struktur der Zeit, in der ihre Träger wirkten.
Das Gesetz von der ökonomischen Bedingtheit aller ge- sellschaftlichcn Erscheinungen hat nun abermals eine neue und zwar überaus glänzende Bestätigung erfahren. Eduard Fuchs gab sie mit seiner „Illustrierten Sitten- geschichte", deren letzter Band vor einiger Zeit erschien. Tie Darstellung der Entwicklung der geschlechtlichen Moral Vom Mittelalter bis zur Gegenwart ist das Thema des Werkes. In zahlreichen Einzcluntersnchungen werden darin die Wandlungen der sittlichen Anschauungen, soweit sie das Geschlechts- leben des Menschen betreffen, die Betätigungs- und Ent- äußerungssormen der geschlechtlichen Liebe, ihre Entstehung und Bedeutung untersucht. Fuchs begnügt sich aber nicht mit der bloßen Auszählung der Tatsachen auf dein Gebiete der Geschlcchtsmoral. Natürlich hätte ein solches Untcr- faugeu auch überhaupt keinen wissenschaftlichen Wert, da ja Hauptaufgabe der Geschichtsforschung ist, die Bewcgnngs- gesetze alles Geschehens auszuspüren, uni daraus erkennen
*) Eduard Sudj»; „Illustrierte Eittengcschichic vom Mittelalter bis zur Gegenwart". — Verlag Albert Langen, Miiudie».
zu können, wie die Menschheit ihre zukünftige Geschichte im Dienste ihrer Höherentwicklung mit Bewußtsein gestalten kann. So ist ja auch der Sozialismus nichts als eine angewandte Geschichtswissenschaft, die aus den Bewegungsgesetzen des modernen Kapitalismus die Notwendigkeit des Unterganges der herrschenden Gesellschaftsordnung erkannte und nun an ihre Stelle die sozialistische sehen will, die alle Kräfte der Menschheit in den Dienst der Allgemeinheit stellt, um mit ihr zugleich auch aufs nachhaltigste das Einzelindividuum zu fördern.
Fuchs deckt denn auch vor allem die wirtschaftlichen Untergründe, die einzig und allein zu allen Zeiten die jeweils herrschenden Anschauungen der geschlechtlichen Moral be- stimmten, auf. Alle Institutionen, Gebräuche und Sitten auf dem Gebiete des Geschlechtslebens sind nicht entstanden aus irgend welcher den Menschen „eingeborenen" sittlichen Idee, wie das die bürgerliche Ideologie behauptet hat, sondern sie verdanken lediglich Gründen wirtschaftlicher Natur ihre Gestaltung. In dem Kapitel „Ursprung und Wesen der Sittlichkeit" schreibt Fuchs: (1. Band, St. 15.)
„Die Basis unserer gesamten Kultur mit ihren tausend Ausstrahlungen und ihren tausend Errungenschaften ist die Institution des Privateigentums. Auf dem Privateigentum ist alles ausgebaut, mit ihm ist alles verknüpft, die erhabcndste Manifestation des Mcnschengeistes nicht minder als das Gemeine und Kleinliche deS täglichen Lebens. Tie Tendenzen des Privateigentums haben daher auch in der Richtung der geschlechtlichen Moral deren Grundform bedingt und geschaffen, und diese Grundform ist die Monogamie, die Einzelehe.
Tie Einzelehe wurde nicht nur früher, sondern wird auch heute noch gewöhnlich als die Frucht der individuellen Ge- schlcchtsliebe hingestellt. Tas ist ein fundamentaler Irrtum, denn sie hatte dainit weder in ihrem Prinzip noch in dem Zweck, den sie erfüllen sollte ünd erfüllte, zu keiner Zeit auch nur das Geringste zu schaffen . . . Sie entstand, wie Lewis H. Morgan in seiner Geschichte der Entwicklung der Familie erschöpfend nachgewiejen hat, aus der Konzentrierung größerer Rcichtümer in einer Hand — und zwar der eines Mannes — und aus dem Bedürfnis, diese Rcichtümer den Kindern dieses Mannes und keines anderen zu vererben. Legitime Erben sind ihr erster und ihr letzter Zweck und jahrhundertelang auch ihr einzigster Zweck gewesen. Tie Frau sollte Kinder gebären, die mit zweifelsfreier Sicherheit nur von einem besiimniten Manne gezeugt sein konnten. Tic Griechen, bei denen sich die Einzelehe zuerst entwickelte, haben das auch unumwunden als ihren ausschließlichen Zweck bekannt." Es folgt aus diesem Ursprung der Einzelehe auch ganz logisch die einseitige Unterdrückung und Rechtlos- machung der Frau in der Ehe, ihre Unterordnung unter die Herrschaft des Miannes. Nur die Frau nmßte unbedingt nionoganr bleiben, während der Mann sich ungestraft auch außerhalb der Ehe sexuell anslebcn konnte. Tenn (Bd. 1, St. 17): „Tie Entstehung des Privateigentums forderte also darum nur die Monogamie der Frauen, weil damit ja der Zweck, legitime Erben zu bekommen, erfüllt war. Ter offenen oder versteckten Polygamie der Männer dagegen stand nichts im Wege. Und da der Mann in der Ehe die herrschende Klasse darstcllt, die Frau die unterdrückte nnd aus-


