Ausgabe 
12.6.1914
 
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spateren qcrjcit Tonne. $(Dct iljrc Stimme ward bade! Immer leiser. Die blaue» Augen sanken täglich tiefer in ihre Gruben, wurden blafler und schlossen sich oft. Marten frug sie, ob er den Pfarrer holen sollte. Sie schüttelte den Kopf. Ob er den Jungen dransien in der Fremde nicht schreiben solle, dass sie kommen möchten. Mutter Marten wollkd nichts davon wissen.

Am siebenten Tag kamen trotz ihres Widerstandes ihre Söhne herbeigeeilt. Der Pfarrer war ebenfalls bei ihr gewesen. Als sie ihren Söhnen die magere Hand reichte, sagte sie, es wäre gar nicht schlimm, sie hätten deswegen nicht die weiten Reisen zu machen brauchen. Tie Söhne ginge» nach diesem Grus; hinaus und weinten.

Mutter Marten wollte »och nicht sterben, sie wollte leben. Jetzt leben, wo die Tage so sonnig und ruhig wurden. Wie könne ein Schicksal so grausam und ein Gott so hart sein und sie setzt ans der friedlichen Stille und Glückseligkeit ihres Feierabend herausreiße-.. Das konnte Gott, zu dem sie täglich treu wie ein Kind gebetet hatte, nicht wollen.

So waren ihre Gedanken, wenn sie aus dem Fieber erwachte. Ihr ganzes Gesicht, ihr ganzer Körper war e i» Kamps gegen die heranschleichende tückische Umzingelung des Todes. Sie wehrte sich. Jeder Nerv schien zu schreien: Gehe! Nur noch diesmal gehe. Warum gehst du nicht? Ich möchte noch ein wenig im Hellen stehen. So gehe, es liegen so viele herum, die jahrelang nach dir rufen. Geh zu diesen, ich rief dir nicht! . .

Wenn sie in die Stille zurücksank, schien es immer, als ob sie gesiegt habe. Sie lag dann friedlich mit gefalteten Händen nnd schlief.

Indessen war das Regengeprassel gleichmäßig klaren, schönen Tage» gewichen.

Es ivar Samstag. Einer jener Abende, die ln der kleinen Stadt so feierlich sind, fast feierlicher als der Sonntag selbst. Tie Sone warf ihre letzte Glut ins Tal und übergost das knospende Land mit einer Fülle purpurgoldenen Lichts, das; es die Angen trunken machte. Ter leuchtende Reichtum des Abendrots drängte sich bis in die weihgetünchte Stnbe, wo die Mutter Marten lag und in scheidenden traurigen Blicken mit dem fliehenden Leben flüsterte. An jenem Abend begann ihr verzweifelter Endkampf mit dem Tode und endigte erst am andern Morgen, als die Sonntagsglocken schon zum dritten Male ihre bittende Zunge lösten.

Sie wehrte sich mit aller Kraft. Sie wollte, muhte diesmal »och Sieger bleiben. Jetzt, wo sür sie die Welt so pnrpnrgrlln, so schön war, so sonntäglich an jedem Tage.

Bald ivaren ihre Hände fest gefaltet, bald krallte» sie sich krampfhaft an der Decke fest oder suchten hilfeoerlangend nach denen ihres Mannes oder ihrer Söhne, die abwechselnd bei ihr ivaren. Das Fieber stieg. Von Stunde zu Stunde ward ihr Atem kürzer, das Herz schwächer im Kamps. Ter Arzt sagte: Es geht zu Ende. Die Kräfte sind zu verbraucht sür solch eine Kraftprobe.

Gegen Morgen schien das Fieber ein Flammenmeer zu werden, das immer um ihren Herzschlag kreiste. Ihre Füge waren kalt wie Eis. Tie Zunge lag stets auf den Lippen nnd verlangte nach Kühlung. Der letzte Glanz der Augen wich. Das Gesicht verbog, verzerrte sich und war wie ein einziger Schrei. Nur noch ein einziger langer Schrei: Helft!

Als die Sonne schon gegen Mittag stand, hatte der Tod sie überwunden. Ihr krampf- und kampfzerquältes Haupt lag in den Kiffen, schmerzoerzückt. Ein ergebener Trotz reckte die blauen Lippen. . .

Vater Marten hatte ihr die Augen zugedriickt und zu seinen Söhnen gesagt:Sie bat sich so lange »ach Feierabend gesehnt. Nun ist sie von aller Sehnsucht erlöst."

Seine Augen blickten traurig ohne Tränen.

Dann verbannten sie das blendende Mittagslicht hinter die Läden und sanken dranhen in der Helle weinend zusammen.

Aus Welt und Leben.

Was das Frauenstimmrecht vermag. Eine imposante Bilanz der Ergebniffe, die das Frauenstimmrecht in den Vereinigten Staaten gezeitigt hat, zieht George Creel in einem umfassenden Aufsatz des Century Magazine. 45 Jahre sind vergangen, seit der erste Staat der neuen Welt, Wyoming, den Frauen da-s Stimmrecht gab, und seitdem sind neun andere Staate und ein Territorium dem Beispiel gefolgt. Zu diesen elf Ländern wer­den sich aber in kürzester Zeit noch weitere gesellen; Gesetze, die das Frauenwahlrecht einfllhren, werden wahrscheinlich schon 1914 in Montana, Nevada und den beide» Dakota erlaffen werden, nnd auch in den Staaten Newyork, New Jersey und Iowa ist die Ein­führung des weiblichen Stimmrechts nur noch eine Frage der Zeit. Die Erfahrungen, die man während der vier Jahrzehnte in den einzelnen Staaten mit den Frauen als Wähler gemacht hat, gipfeln alle in der Tatsache, daß die Frau in der Politik sür den Fortschritt eintritt. Sie ist leicht für bas neue begeistert, und natürlich hat sie, sobald sie auf die Gesetzgebung Einfluß gewann, ihre soziale Stellung verbessert und ist allen liebergriffen gegen Frauen und Kinder entgegengetreten In Kolorado, wo die Frauen seit mehr als 20 Jahren wählen, haben sie bewirkt, daß die .soziale Fürsorge In diesem Lande weiter gediehen ist als in allen

übrigen Staaten Amerikas. Auf ihre Anregung hin wurden von Staats wegen Heime für Kinder eingerichtet, großartige Er­ziehungsinstitute werden geschasseu, Jugendgerichtshöse eingesetzt und das Schutzalter für Mädchen auf 18 Jahre bestimmt. In Kalifornien nnd andern Staaten hat das weibliche Geschlecht einen erbitterten Kanipf gegen alles Laster geführt, ohne Rücksicht auf irgendwelche geschäftlichen Vorteile. Die Frauen setzten die Schließung zahlreicher Vergnügungslokale durch, und als man ihnen entgegenhielt, baß das Geschäft dadurch geschädigt werde, antworteten sie:Wenn Trunkenheit nnd Ausschweifung not­wendig sind, um gute Geschäfte zu machen, bann muß diese Art Geschäft je eher desto bester aushören." Die Trunksucht ist heute in den Staaten, die Franenwahlrecht haben, »nenbltch viel ge­ringer als in &c» andern Staaten. In Wyoming sind gegen 90 Prozent der Bevölkerung Abstinenten. <?) Unter de» 02 Be­zirke» Kolorados ist in 50 der Alkoholgennß untersagt. Aehnlich liegen die Verhältniffe in lltah und Jdoha, und in Kalifornien sind dietrockenen" Städte seit der Einführung des Frauenstimm­rechts von 200 auf 000 gestiegen. Eine andere Forderung, für die sich die Frauen mit aller Entschiedenheit einsetzten, war der Acht­stundentag; doch gelang es ihnen bisher nur, den Neunstunden- tag durchznsetzen. Doch sind sie auch mit diesem Resultat den meisten andern Staaten der Union voraus. Viel getan worden ist t» den Staate» mit Frauenstimmrecht, hauptsächlich auf An­regung des weiblichen Geschlechts, für das Erziehungswesen und die Gefängnisreform.

chesundßeilspssege.

Ranchplage und Lungenentzüiiduug.

Aus Grund statistischer Untersuchungen hat Kreisarzt Tr. Ascher- Hamm, wie er auf der letzten Tagung des preußischen Medtzinal- beamtenvereinS ansführte, gesunden, daß »eben anderen Ursachen besonders der Rauch sür das Zustandekommen der örtlichen Lungen­entzündungen wie überhaupt der akuten Erkrankungen der Atem- ivege verantwortlich zu machen ist. Durch Vergleich der Sterblich­keit in de» Krankenhäusern z» Gelsenkirchen und Hamm hat er neuerdings feststellen können, daß in Gelsenkirchen die Sterblichkeit an allen Erkrankungen der Atmungswege größer ist, als in Hamm. Er führt dies darauf zurück, daß Gelseukirchen im Zentrun; des rheinisch-westfälischen Jndustriebezirks liegt, während Hamm nach Osten hin durch keine größere Industrie begrenzt wird. Auch in London und in seinem südlichen Vorort Crojeton sind ähnliche Ver­hältnisse z» konstatieren. Tie anderen Schädlichkeiten des Rauches bestehen im Verliest an Sonnenschein, Zunahme der Nebeltage, Zer­störungen der Bauten, wie an; Kölner Tom und Schädigungen der Pflanzen, lim ein einheitliches Vorgehen, gegen die Rauchplag« an« zubahnen, empsahl Dr. Ascher die Bildung einer Kommission auS verschiedenen Ministerien, die in alle» wichtige» Fragen die Prüsung und Entscheidung zu treffen hat. Daneben wünschte er die Errichtung einer Anstalt, die durch Zusanimenarbeiten mit den; neuen Kaiser Wilhelm-Institut sür Kohlensorschung und mit hygienischen nnd tech- Nischen »ntersnchungsämtern die Frage praktisch bearbeitet.

Kür Kaus und Kof.

lleberreichee Fruchtanfaß erfreut dieses Frühjahr das Auge des Garten- und Obstgutbesitzers. Wer neidisch am Zaun vorüber wandert, zählt wohl die Hunderte von Birnen und Aepfel, die sich da an den Aesten schon langsam zu runden beginnen. Er bedenkt nicht, daß auch hier das Allzuviel vom Hebel wäre und das; der Besitzer deshalb da, wo die Früchte zu dicht stehen, einen Teil aus­brechen muß. Dadurch beugt er einer unnötigen Erschöpsung des Baumes vor und erreicht, daß die bleibenden Früchte größer und damit wertvoller werden. Aber auch die Natur hilft sich hier voll selbst durch selbsttätiges Auslichten. Sind die meisten der Blüten­blätter gefallen, so taffen sich schon an den Frnchtbüscheln einig« Früchte erkennen, die besser entwickelt sind als die übrigen. Tie znrückbleibenden, schlechter entwickelten Früchtchen fallen bald ab. Man darf daher nie zu früh mit dem Aussichten beginnen. Erst wenn di« Früchte etwa die Größe von Haselnüffen erhalten haben, so schreibt die bekannt« Zeitschrift Unser Garten (Stuttgart), be­ginnen wir mit dem AuSmerzen der Früchte, die in der Entwicklung etwas zurückgeblieben oder verkrüppelt sind. Dieses Aussichten der Früchte darf nicht auf einmal erfolgen, sotidern in Zeitabschnitten von 14 zu 14 Tagen. Tie einzelnen Früchte ziehen eine Menge Nahrung an sich und ein plötzliches Aussichten einer größeren Menge Früchte könnte eine Stockutig zur Folge haben. Beim all- inählichen Aussichten nehmen die übrigbleibenden Frücht« d>e Nahrung mit auf nnd entwickeln sich zusehends bester. I»; all­gemeinen rechnet man auf de» laufenden Meter Spalierarn; 15 klein«. 10 mittlere oder 5 große Früchte.