der Charakter des zwingenden Rechts. Selbst wenn es aber sofort in Kraft träte, würde die Nachtarbeit für Frauen doch für die nächsten 15 Jahre noch nicht anfhörcn, da eine so lange Ilebcrgangsfrist vorgesehen ist.
Mutter Martens Feierabend.
Von Julius Zersaß.
Sie hatte nie Zeit zu Tagträumen gehabt und war deshalb überrascht als eines Tages ihr Lcbensfcierabend sic in sonniges Nichtstun locken sollte. Jahrelang wüttschte sie, des Schindens und PlackcnS müde, sich Ruhe und bessere Tage. Aber ihr Mann, der Hannes Marten, wollte noch nicht. Im Gegenteil, eS schien, als ob jeder alternde Tag neue Kräste in ihm wecke. Und bas ging so von der Frlihjahrsfaat bis zur letzten Hcrbstcrnte in mühevoller, harter Arbeit, um dem Boden den Preis des Schweißes; bas Notwendige für die kurze Gnadenfrist, die man Leben nennt, abzutrotze». Mutter Martens, die an sich nnr «ine schwächlich« Person war, hatte das Leben, das seit ihrer Schulzeit in Feldarbeit bestand, nieder- gebückt und den Rücken gekrümmt. Dazu hatte sic mehrere Krankheiten und schwere Wochenbetten dnrchgcniacht und war nie ganz zu einer fröhlichen Gesundheit gekommen. Nur die letzten Jahre ging es etwas besser. Das Leben war nicht mehr so karg. Das Esten bestand nicht mehr allein aus Kartoffeln. Milch und Hiilscnfrnchlcn, ja ihr Hausstand hatte sogar den Ruf einer gewissen Wohlhabenheit für die Verhältnisse in einem kleinen Landstädtchen, wo es den Fabrikarbeitcrslcutcn viel knapper ging.
Von neun Kindern, die sic geboren hatte, waren fünf am Leben geblieben. Davon hatten vier Handwerke gelernt, standen in der Fremde auf eigenen Füßen und nur einer war daheim geblieben, der die Landwirtschaft hätte übcrnchnien sollen, damit die Tradition einen Erben habe. Der aber halte es vorgczogcn, auf Handwerk und freies Ilauernium zu verzichten und ging in dick Fabrik. Diese Lebensgrundlage brachte alle Woche bares Geld ins Haus, während die anderen, ans die die Martens die größte Hossnnng gesctzt hatten, höchstens bann ltnd wann zu Besuch kamen, aber nie von erübrigtem Geld sprachen, geschweige etwas dcni begonnenen Häufchen auf der Sparkasse hinzulegt«». Tenn, baß es nicht vergessen wird, die alte» Martens hatten sich nicht nur aus den Schulden herausge- arbeitet und ihr Häuschen ganz bezahlt; ohne je die Länderpacht schuldig zu bleiben, hatten sie auch einige Tausend Mark auf. der Sparkasse liegen. Das könnte auf den ersten Blick nicht recht glaublich erscheinen. Und es wäre auch wohl so, wenn ich nicht kurz erklären würde, wie das zugegangcn ist.
ES gibt und gab in Deutschland bcstinnntc ländliche klein- städtische Gegenden, die ans Grund ihrer günstigen Lage beizeiten von industriellen Unternehmern zur Anlage von Fabriken bevorzugt wurden. Diese Gegenden, vorwiegend von einem bescheiden und mühselig lebenden Kleinbancrntum bevölkert, bieten die Gelegenheit, billigste Arbeitskräfte zu bekommen, als ausgesprochen industrielle Gebiete. Ganz einfach darum, weil wenigstens der größte Teil der Bauern, so lange sie Landwirtschaft betreiben, im Grunde genommen, ein halbes- Dasein fristen. Einige Ländereien besitzen sie selten und die Pachiwirtschaft ist nur ein bäuerlicher Nebenverdienst, von der etwas siir Küche und Keller übrig bleibt. Diese Bauern, froh, wenn sich ihnen irgend «in Barverdienst bietet, sind dann im Sommer am frühe» Morgen und späten Abend Bauern, und tagsüber, oft auch den ganzen Winter durch Fabrikarbeiter. Sic führen auf diese Weise ein zerteiltes, aus die äußerste Kraftcntsaltung eingestelltes Leben und werden damit entschädigt, daß es ihnen immerhin. soweit die Magenfrage in Itelracht kommt, besser geht als ihren gewöhnlichen Brüdern. Sic müffen früher aufstehen als diese, haben oft ein bis zwei Stunden Wegstrecke zu überwinden, oder, was auch oft der Fall ist, müssen ein Logis nchinen und Frau und Kinder» den Feldbau Überlassen. DaNir genießen sie nicht nur den Vorteil, bessere Kunden der Tparkancu zu sein, sondern vielfach sind sie auch die besser behandelten Arbeiter in den Fabriken.
In einer solchen kleinen ländlichen Industriestadt lebten die Martens. Ter alte Marten hatte bis zu seinem sünszigstcn Iahte ein solches Doppelleben ans seinen Schultern getragen, und obwohl er gearbeitet hatte siir zwei, blieb doch noch genug für Mutter Marten übrig. Nachdem die Jungen die Schul« hinter sich hatten, lag fast alles aus ihren Schnltern. Erst als Marten schon über die Fünfzig war, warf er in einem Zwist mit dcni Fabrikanten den Bettel hin und ward ganz Bauer.
Um diese Zeit waren die Kräste seiner Frau säst verbraucht während sich in ihm erst recht die Lust spannie. noch lange Bauer zu spielen. Er pachtete jedes Jahr ein neues Stück und es schien, als sei er nicht umzubringen. Wenn auch oft die Mutter Marten sagte, sie könne nicht mehr, cs sei genug, sie könnten's sich auch jetzt einmal besser machen, so hatte das nur de» eine» Erfolg, daß er selbst umso mehr ins Zeug ging.
In dieser Zeit sehnte sie sich nach Ansrnheu und endlichem Feierabend.
Es gibt Menschen, die sich ihr Leben ganz genau zurcchigclcgt haben. Alle Wege und Stege sind wie bei einer Soiintaxswaudc- rung nach einem Plan bestimmt. Sie malen sich in der Gewißheit, daß sie wirklich der Kapitän ihres Glückes sind, ganz genau aus, daß sie an, Abend dieser Wanderung sicher an einem bestimmten Punkte landen und wissen im voraus, daß sie Hunger auf Koteletts
mit Salat haben werben. Oder man denke an die Fantasie jener Beamten, die de» Blick aus dem Fenster ihrer ticktackgraucn Eintönigkeit gelenkt, den Herbst ihres pensionssichcren Daseins unruhvoll erwarten. Im Sommer werden sic mit her Gattin und den Enkeln, die hoffentlich auch einmal wie die Valcr Beamte werden, spazieren gehen. Und im Winter — doch darüber ziehen sie einstweilen den Vorhang der Znkünst, denn man ist ja selbst ohne Märchen ausgewachsen.
Auch die Mutter Marten war ohne Märchen ausgewachsen, und ihre Nachtträume waren nicht wie die jener Mcnschenart, die im Traum gleichsam aus hundert Augen sehen.
Die Träume der Mutter Marten waren so einfach, wie ihre Plaudereien mit ihren Enkeln, und schlicht, wie überhaupt ihre Tage. Zupfte einmal wirklich das Geräusch des Tages an ihren Gedanken im Schlaf, so war es selten mehr als ein Flüstern mit dem alten märchengraucn Gott, zu dem sie täglich betete; oder cs klang die Arbeit und Sorge der taghellen Wirklichkeit mit sichel- hellem Ton wieder. Dann war cs, als läge leise eine harte Hand auf ihrer Stirn. Dennoch leuchteten ani Morgen ihre biauen Augen wie der Somnicrhimmcl im Spicgcltau der Auen. Diese fromme Fröhlichkeit überstrahlte hell ihr faltiges, zerfurchtes Gesicht und die schmalen leidegespannten Lippen. So war die Mutter Marten, als sic eines Tages sich ausdenkcn sollte, baß sie mm für immer Sense und Hacke in die Ecke stellen könne. Die knochigen Hände sollten nun gleich den schwach und müde gewordenen Füßen ans- ruhen. Sie vermochtc kaum, sich der wohltuenden, wärmenden Ausstrahlung dieses Gedankens hinzugeben. Hatte sie früher keine Zeit für die Phantasie, so hatte ihre Phantasie jetzt gar nicht genug llebuug, »in ihr das bis ins kleinste auszumalcn. Sie dachte daran, wie sic im Sommer mit ihren Enkeln spaziere» gehe und im Winter nnt dem Strickflrumps beim glutgrinsenden Ofen mit ihnen sitze.
Das war im Herbst, als sic ihren Lieblingöblumen im Garten, den Stiefmütterchen, ihr Wintcrbctt bereitete. Sic plauderte dabei mit der Nachbarin über den Zaun von allerlei Dingen und strömte eine Frische und Klarheit auS, wie nie zuvor. Sie sprach mit einer Fröhlichkeit von ihren Sorge» und in iiberströmendcr Freude ! davon, daß sie es nun endlich auch so schön ssabcn werde wie die Stadtsraucn, die an, Abend noch spazieren gehen könnten.
Die Nachbarin sagte darauf: „Ich gönne cs Euch, Frau Marten. Ihr habt lange genug und mehr geschuftet, als manche andere von uns."
In diesem Herbst fingen ihre welken Wangen an zu glühen wie Rosen nach einem trockenen Sommer. Sic blühte auf und warb fröhlich, so daß sic sich an manchen Tagen kaum selbst mehr erkannte. Sic durchlebte den Winter bei Plaudern, Strumpfe- stricken und der Ausgelassenheit ihrer ersten Enkel, so baß die Kälte draußen kaum ihre Seele zu berühren schien. Ihren von Krankheit und Mühsal gedrückten Körper durchrieselten Kräfte, die wie ein neues, bevorstehendes Leben ihre Hoffnung nährten. Sic gab sich ganz dem gleichmäßigen Glück der Ruhe hin.
To verging der Winter und es ward Frühling.
Mutter Marten deckte als eine der ersten ihre Blumenravaiien auf und war so das sprossende Leben selbst. Ihre blancn Augen leuchteten hell in den weiten sonnigen Tag. Vater Marten gruv die Beete um, schnitt die Hecken aus und machte alles saatsertig. Daun säten sic gemeinsam und sagten auch miteinander: Walte Gott!
Ging der März, kam der April. Ein April, der seinen Ruf »ich! verleugnet«. Tag für Tag Regen und Wind. Die Sonne guckte nur dann und wann durchs Gewölk. Endlich brach an einem Mitlag die Tonne durch einen Berg schwarzer Wolken, die der Wind auseinanderirieb. Es wurde schnell warm, der Wind lcgic sich. Alles atmete schwer den Hauch des Frühlings.
Vater Marten war über Feld gegangen, denn es ließ ihm sänger keine Ruhe, er muß.te wissen, wie die Saaten siattden. Mutier Marlen saß auf dem Hof und sonnte sich. Aber nur ein« Viertelstunde, Dann ginn sie in den Garten. Ter dampfte und duftete, daß sic die Lust aniicl, „achzuschen, ob cs trocken genug sei, einige durch das Aprtlivctter versäumte Bestellungen nachzuholen.
Es ging. Sogleich holte sic Hacken und Harken, zog Rillen, legte Erbsen, holte sich Salatpflänzlingc und pflanzte «in Salatbeet, kurz, sie arbeitete, als gälte es, ein verloren gegangenes Jahr nachzuholen. Gegen Abend >var sie fertig. Sic irockucic sich den Lchn'ciß von der Stirn und setzte sich auf die Hosbank, um auszu- ruhcu. Dabei lauschte sie dem Stimmengewirr, das sich zwischen Frauen von Zaun zu Zaun forisetzie. Tenn mit der Mutter Marten waren alle Gärten lebendig geworden.
Tie hatte nicht lange gesessen, da überfiel sie eine se!tsam« Kühle. Es schüttcüc sic und sie ging hinein. Mutter Marte» wußte, was. es war. E ; c wußte, daß diese Kühle war wie der Tust, der den Blüten im Lenz wie in, Herbst so grausam fciubüch ist. Sie ward krank und !aa am nächsten Tag mit rotüberhanchten Wangen i» den Kiffen und aiuicte schwer. Ihr Mann wollte den Arzt hoken, ober sie wehrte ab. Es war ja nicht schlimm. Sie war doch schon ost krank gewesen, tolkrank sogar, »nd trotz ihres schwachen Körper» immer wieder durchgckommcn. Das ist nur eine Erkältung, sagte sie.
Am dritten Tage Holle man den Arzt. Ais er sagte, sie müsse sich schon in acht nehmen, es sei Lnngcncnlzüudung, zuckte es um ihre Lippen.
Ais der Arzt fort war, meinte sic zwar, sic fühle sich stark, habe die Krankheit schon zweimal überlvuudeu. Waruni sollte sie es nicht ein drittes Mat iibcrstehcu. Dennoch befolgte sie sorgfältig die Anordnungen des Arztes und war peinlich daraus bedacht, die Mcdikomcnlc ans die Minute ciiizunchmen. Mit jedem, der nach ihr sah, redete sic. daß sic sich ans de» Sommer freue, lvo sie


