Ausgabe 
12.6.1914
 
Einzelbild herunterladen

vg*7 öflöß2öö2 äi Ö£^3£i2 y^yg ^j^2 %w &:&*

^DasGIattdecFcau 1

Sfc

Wöchentliche Geilage der Gberöessischen Golkszeitung

illummer 23

Siefien, Freitag den 12 . Suni 1914 .

6 . Sakrgang

55 !CS!K$SK 3 Ö^S!Ä 3 SK 553835 )S 52 ftK 35 f^ 5 iS 5335533 f^ 5 CR 3 fiti 3 SRlR$ 355 ^ 3 K 5

mK

Wirkungen der Kranenbewegung.

Die Suffragettcnattentate haben in der letzten Zeit auch in Deutschland wieder größere Beachtung gefunden. Nicht nur in rechtsstehenden Blättern, sondern bis weit in die liberale Presse hinein entrüstet man sich über das verächtliche und ver­brecherische Vorgehen der,,Wahlweiber". Vielfach wird vcr- sucht, die gesamte Frauenstnnmrechtsbewegung für die Suffra» gettentaktik verantwortlich zu machen. Tie Tatsache, daß nur ein kleiner Teil der englischen Stimmrechtlcrinnen die militant tactics" ausgenommen haben, wird ebenso vcr- schwiegen, wie man sich hütet, an die Erklärung des liberalen Ministers Hobhouse au erinnern, der nicht an dcir unbeug­samen Willen der Frauen, das Wahlrecht zu erkämpfen, glau­ben wollte, da sie noch nicht zu Brandstiftungen und Zer­störungen. denen die englischen Männer ihre politischen Rechte zu verdanken hätten, übcrgcgangcn seien.

Es soll hier nicht untersucht werden, ob die Susfragetten- taktik der Frauenstimmrechtsbewegung mehr nützt oder schadcr aber es muß als durchaus unstatthaft bezeichnet werden, daß die bürgerliche Presse fast durchweg die Handlungsweise der Suffragettcs verurteilt, ohne sich die Mühe zu machen, über ihre Ursachen nachzndenkcn. Man sucht nur diese Leidcn- schastsausbrüche unter eine bestimmte Norm zu bringen, um dann die ganze Bewegung umso leichter abtun zu können. Einige reden von Hysterie, andere suchet^. den Grund in sexuellcm Unbefriedigtscin der unverheirateten Frauen, aber es ist ihnen doch nicht möglich, ganz allgemein einen krank- haften Zustand als die Ursache jener Vergehen gegen das private und staatliche Eigentum nachzuweiscn.

Neuerdings interessieren sich auch die deutschen Juristen für das Problem. In der Deutschen Strafrechts-Zeitung ver­sucht Regicrungsrat Tr. Lindenau Zusammenhänge zwischen Frauenbelvcgung und Verbrechen festzustellen, und er be­spricht bei dieser Gelegenheit auch die Susfragettenbewcgung. Er meint, daß die günstigere Kriminalität des weiblichen Geschlechts auf die geschützte Stellung der Frau ini Hause zurückzuführen sei, daß bei stärkerer Beteiligung am Berufs­leben und am ösfentlichen Leben auch die Frau stärkeren Reibungen ausgeseht sein werde und damitin die Feuer- linie der gefährlichsten Verbrcchensursachen" rücke. Gleich­zeitig gibt er jedoch zu, daß durch die Vermehrung der Bil- dungs- und Erwerbsmöglichkeitcn die sittliche und wirtschaft­liche Widerstandsfähigkeitkeit des weiblichen Geschlechts er­heblich gesteigert worden sei, und daß infolgedessen die Krimi­nalität nicht den vorher befürchteten Umfang angenommen habe. Er hätte hinzufügen können, daß die Organisation der Frauen ebenfalls in hohem Maße auf die Stärkung der sitt­lichen Qualitäten eingewirkt hat. Jede Organisation mit ernsten Zwecken und Zielen ganz gleichgültig'ob Partei, Berufsorganisationen oder andere Vereinigungen weckt in ihren Mitgliedern durch die Disziplin, die sie verlangen muß. durch die gemcinsanic Arbeit und durch das llntcrordnen unter den Willen der Mehrheit sittliche Kräfte, die sic zum Lebenskampf tüchtiger machen.

Aber es scheint, als ob Tr. Lindenau der modernen Frauenbewegung diese Wirkung nicht zusprechen wolle. Wenn er sie auch nicht direkt verantwortlich macht für die von Frauen begangenen Verbrechen, so hält er sie doch für die indirekte

Förderin. Die Verbindung vonSuffragettenskandal" und Frauenbewegung sei gegeben, die Ucbereinstimmung liege im Ziele dcni Frauenstinimrecht.

Aber auch die Tat der französischen Ministersgattin, die den politischen Gegner ihres Ehemannes niederschießt, ist ein Symptom weiblichen Hinausdrängens in die Arena der Oefsentlichkeit und nur denkbar in einer Zeit, in der weite Schichten vom Jdcenkreise der Frauenemanzipation durchsetzt sind."

Diesem durch die Frauenemanzipation geförderten Hin­ausdrängen stellt Dr. Lindenau dieruhige Entfaltung der Frauenarbeit in gelernter Berufsausübung" entgegen, die zwar sicher die allgemeine Kriminalität der Frauen erhöhen, aber doch nicht zu gemeingefährlichen Ansbrüchen führen werde.

Gerade die Tat der Madame Caillaux darf man aber nicht als ein Symptom der Frauenemanzipationsbestrebungen ansprechen. Daß der Figaro-Redakteur der politische Geg­ner ihres Mannes war, spielte bei ihrer Tat sicher nur eine untergeordnete Rolle. Ausschlaggebend war, daß er ihren Mann bis aufs äußerste peinigte und daß sie ihren wie ihres Mannes Ruf bedroht sah. Ihr fehlte jede innere Disziplin, sie schoß den Gegner nieder, um vor allen Dingen ihren Mann vor seinem Haß zu schützen. Zweifellos hat es stets Frauen gegeben, denen die Leidenschaft die Fähigkeit raubte, über die Zweckmäßigkeit und die wahrscheinlichen Folgen einer solchen Tat nachzudenkcn. Sie handeln im Affekt und man muß sich hüten, ihre Tat mit einer großen Bewegung in irgend welchen Zusammenhang zu bringen.

Schwieriger ist eine Definierung der Wirkung der Frauenemanzipationsbestrebungen auf die Suffragettenbe­wegung. Sicher ist hier der Zusammenhang vorhanden. Die Frauenstimmrechtsbewegung ist aus der allgemeinen Frauen­bewegung hcrvorgegangen. Aber es sollte doch auch wieder zu denken geben, daß die fe st organisierten Verbände, in denen die Mehrheit der Mitglieder auf den Jahresver­sammlungen über die Fortführung oder das Aufgeben be­stimmter Kampfesformen entscheidet, bis jetzt trotz aller Provokationen durch wortbrüchige Abgeordnete und reaktiv- näre Minister an der durch das Gesetz erlaubten Kampfes- weise festhaltcn. Nur die Gruppe der Frauenstimmrechts- organisationcn, in der ausschließlich die Leiterinnen über die Taktik zu entscheiden haben, ist zu der kriegerischen Methode übergegangen. Daß die»'omens Social and Political Union" eine große Mitgliedcrzahl hinter sich hat. obwohl die Rechte der Mitglieder nicht sehr weit gehen, liegt wohl daran, daß die Regierung durch ihr brutales und in der ersten Zeit ungesetzliches Vorgehen Märtyrerinnen geschaffen hat, und daß diese Frauen, die von der Regierung mißhandelt wurden, geistig und sittlich hochstehende Persönlichkeiten sind, die in der öffentlichen Wohlfahrtspflege hervorragende Ar­beit geleistet haben.

Will man überhaupt nach dem Schuldigen suchen, so darf man nicht außer Acht lassen, daß die Unzufriedenheit mit dem politischen Regime bei den Männern in dem Stimmzettel bei den Wahlen ihren Ausdruck findet. Sie können das System, das ihnen nicht gefällt, durch ein anderes ersetzen, wenn sie stark genug sind. Der Unmut der Frauen speichert sich auf, wird er gereizt und geschürt durch Provokationen der an der,