Ausgabe 
5.6.1914
 
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diäten die Balte» geschickt, hobelte» unb sägten. Hier wurde daß Rahmenwerk der Fenster nnb Schiebetüren zusammengenagelt, hier sab einer oben auf dem Dach und legte die Ziegel. Alles wirkte einfach und zweckmäßig. nach europäischen Begriffen etwas provi­sorisch leicht. So wurden Latten usw. oft nur fest zusammengeschnürt. Aber bei dieser Holzarchitektur rechnet man aus eine durchschnittliche dreißigjährige Dauer, und die Arbeit an und siir sich war gut und solid. Das Häuserbauen ist ihnen ja auch eine heilige Sache. Wenn auch einforeign style" sFremdenstilj-Gebäude nur eine Geschäfts­sache darstellt, hat die Errichtung eines echt japanischen Hauses etwas vom goitesdienstlichen Ritus: der Zimmermeister übt ei» priester- liches Anit. Feder Teil deL Hauses wie auch jeder Gegenstand des täglichen Gebrauches Gesäße. Besen hat einen besonderen Echntzgeist. Schludrige Arbeit würde sich rächen. ES ist ein wahres Vergnügen, diese Männergestalten zu betrachten. Die kurzen weißen Hosen lasten die kräftigen Schenkel fast frei, der dunkelblaue baum­wollene Schurz wird hinten zugebunden, darüber kommt ein dunkel­blauer kurzer Rock, vorn offen, den Schurz zeigend, hinten mit dem unglaublich malerischen, großen, heraldisch stilisierten Wappen­tempel des Arbeitgebers der Gilde. Ilm die Stirn schlingt sich das weiße, gefällig mit blauen Ornamenten geschmückte Handtuch, bas jeder Fapaner und jede Japanerin bei sich trägt. Gewiß ist die Frauentracht, ist der Umriß dieser schlanken, zierlichen Musmes (Frauen) überaus gefällig. Weit schöner jedoch und bas war mir eine der vielen Ueberrafchuugeu wirkt die Männertracht der unteren Kreise.

Fm letzten Hau? wurden die grobe» Balken eingerammt. Etwa zwölf dieser nacktbeinigen. wie mit mittelalterlichen Heroldsröcken bekleidete Männer zogen: ein Chorführer fang eine Strophe, die anderen antworteten im Chor. So ähnlich, mit solchen rhythmischen Liedchen Hirt auch die griechische Lyrik begonnen. Das Bild, die ganze Umgebung, war unverdorben, echt, tröstete mich für die später kommenden Fabrikkomplere. Unverdorbene Bilder des heutigen Japans sind noch im ganzen Land zu finden, aber meistens als be­glückende Episoden. Schon allein die schreckliche, selbst auf dem Land fast durchgängig von Männern und Knaben getragene europäische Mütze läßt eine langatmige, ungetrübte Harmonie nicht mehr zu . ."

Es war spät nachmittags geworden. Das Meer hatte ties- gokdenen Glanz; in der Ferne rauchte und qualmte Yokohama. Glücklicherweise brauchte ich diese reizlose Stadt nicht zu berühren.

Hierauuma. Die Fadoja (Herberge) war so echt jepanlsch, als Ich es nur verlangen konnte. Später habe ich allerdings in viel besseren gewohnt. Diese war eher komisch als behaglich. Ein zwei­stöckiges Holzhaus mit Aufschriften und bunten Laternen. Ich fragte nach dem Wirt, überreichte ein in feines Papier gewickeltes Cilberstück alsTeegeld". Diese Kenntnis japanischer Umgaugs- sormeu machte einen guten Eindruck. Aus den Absatz de» erhöhten Estrichs mich setzend, zog ich die Schuhe aus, erhielt Pantoffeln, in denen ich dann vorsichtig die glattgebohnte steile Treppe zum oberen Stock hinaufschlürfte. Enge Korridore, geöffnet« Zimmer. Gleich im Flur stand ein Japaner vor einem kleinen Wandspiegel, band sich sorgfältig seinen europäischen Schlips, war im übrigen nur mit dem europäischen Hemd und mit Haussandalen bekleidet. Als er wich sah, verbeugte er sich freundlich und brachte einige englische Wort« hervor. Nebenan lag mit dem Rücken auf den Ratten ein anderer Japaner. Einzig und allein mit kurzem Kimono bekleidet, rauchte er Zigaretten und las die Zeitung. Ties« und die anderen Herren hatten schon gebadet, ruhten sich nach Landessitte aus­reichend bekleidet aus und genossen den Abenbfrieden.

Mir wurde ein Zimmer mit dem Blick aus die bewaldeten Ab­hang«, ans goldgerötete Wolken angewiesen; eine Nesang (Dienerin) brachte bas Holzkohlenaesäy, den Kibachi, den Teekessel aus ge­hämmertem Kupfer. Während ich mir den Kakemono mit seinem fliegenden Kranichschwarm, das- schwarzlackierte Kleidergestell ausah, bereitete sie mit heißem (nicht kochendem) Waster den Tee. Plötzlich war etwas im Zimmer. Lautlos war der Hausherr ans den Knien hcreiugeruscht, überreichte mir kniend die Quittung siir das Teegeld. Er sprach mit dem fonderbar zischenden, den Atem zwischen den Zähnen einschlürfenden Ton. wie sich dies Herrschaften gegenüber geziemt. Tann holte er mir mit offenkundigem Stolz einen alten europäischen Feldstecher, den ich also pflichtschuldigst aus die Land­schaft eiustellte. Mit meinen Reisesückeist rückt« ich mir einen so einigerniaßen möglichen Sitz zurecht, denn meine derbarischen Knochen können nicht länger als fünf Minuten das korrekt« japa­nisch« Sitzen vertragen (Knie aneinander, das Gewicht auf die Fersen). Oben an den Wänden waren durchbrochene Ramma-Friese; ich hörte das Sprocken, Husten, die Bewegungen meiner Nachbarn In, Nebenzimmer. Gelegentlich wurde ein« Schiebetür leise ge­öffnet: ein neugieriger, würdiger Kimonoherr berührte den Boden mit seiner Stirn und begrüßt« mich mit schwungvollen japanischen Worten. In einer Ecke war eine zerrissen« Papierscheibe: durch das kleine Loch sah ich ab und zu «in dunkelbraunes, rollendes Auge.

Das elektrische Licht wurde angedreht: ich erhielt meine Aüend- niahlzeit: in der einen vorzüglichen Fischsuppe schwamm Seetang, der wohl von den vorhin beobachteten Fischern eiugesammelt wor­ben war: in der anderen etwas unheimlichen Brühe lag ein hart­gekochtes Ei. Tann noch Rettiche, gepökelt« Gemüse und Pilze in niedlichen, kleinen Porzellanschälchen. Außer den, Bratsisch gab es auch rohen, in feine Scheiben zerschnittenen; dazu Soya (Sauce). Fa, der Geschmack des Fisches ist fein, erinnert hauptsächlich an Austern . . ."

Liegt über dieser Schilderung nicht ein ganz eigenartig märchen­hafter Hauch, der eine Ahnung von der Seele des Ostens gibt? Und mitten in diese wundersam exotische Stimmu ng klingt plötzlich ein

Ton nuferer Kultur, wenn ei in einer selbstverständlichen Wendung heißt:Das elektrische Licht wurde ongedreht." Fein ist auch die Beschreibung einer echt japanischen Amtsstube.

Bewundernd besah ich mir in einer Ortschaft ein stattliches japanisches Hans; es war nach der Straße zu geöffnet, hatte Täfe­lung, Wandschirme, messingbeschlagene Truhen. Vor kleine» Lack­tischchen knieten zwei Schreiber im blanseidenen Kimono; mit Aus­nahme der europäischen Uhr an der Wand war alles einheimisch echt. Anscheinend war es eine Schöffenstube oder hatte einen ähn­lichen amtlichen Charakter. So habe» ehemals die japanischen Amlsgebäude gewirkt, haben diese Würde besessen. In dieser Art konnte ich mir die von Kämpfer erwähnten Amtsstuben und Post­häuser des Tokaido (die altjapanische Heerstraße) denken." Nur zwei, drei Meilen lagen sie auseinander . . . Viel« Schreiber und Buchhalter besorgen di« Unterhaltung d«S Postwesens, die Vermitt­lung und Lastträger. Ter Preis siir die Passagier« ist durch baS ganze Reich festgesetzt . . . Auch stehen hier zur Fortbringung der kaiserlichen und lanbesfürstlichen Brief« Tag unb Nacht Postläufer bereit; diese bringen sie ohne den geringsten Verzug ln unuuter- brochenem Laufe bis zur nächsten Post und tragen sie in einem schwarzlackierten Kästchen, das mit dem Wappen des Absenders be- tnalt ist, vermittels eines daran befestigten Stabes auf der Schulter. Diese Boten laufen stets zwei miteinander, damit, wenn den, einen etwa was zustößt, der andere seine» Dienst versehen und mit dem Kästchen zur Seite eilen kann. Wenn er eben Briefe vom Kaiser trägt, alsdann muß ihm alles ausiveichen, um seinem Lauf nicht hinderlich zu sein, welches er denn jedesmal mit einem Geläute von ferne andenlet.Dies war im 17. Jahrhundert, ober schon in der Fudshiwarazeii, schon im achten bis zehnten Jahrhundert, war das System der Postrelais dnrchgeführl. Ich sehe sie vor mir, die Gestalten mit den entblößten glatten kräftigen ©einen, den, heral­disch geschmückten Kittel. Ich sehe vor mir ihren leichifeberiiden, nie aussctzenden Laus."

Aus Well rmd Leben.

Flauenbeschäftigung und -Enttohnuug in der oberschlesischen Bcrg- «nd Hüttenindustrie.

Es ist kein Ruhmesblatt für Deutschlands Kultur, daß Frauen und Mädchen in der schweren Monianindustr!« beschäftigt werden. Die Berg- und Hüttenwerke sind kein geeigneter Arbeitsplatz für den Organismus b«S weiblichen Geschlechts. Wer darüber im Zweifel ist, der lese nachstehendes Gutachten, bas der Werksarzl Dr. Seisfert- Antouieuhütte schon vor mehr denn 15 Jahren abgab:

Unsere Znikhüttenarbeiteriuneu, de, denen man doch im Gegensatz zu den bester situierten Ständen, Neigung zur Bleich­sucht nicht gerade voraussetzeu sollte, leiben häufig und intensiv daran. Tie Blutleere macht sich, gerade wie bei ien jugendlichen männlichen Arbeitern, durch intensive Bläst« des Gesichts, der Ohren, Schleimhäute, ferner auch durch monatelanges Ausbleiben der Menstruation geltend."

Ferner teilt derselbe Arzt in seinem Gutachten mit, daßselbst schwere lähmungsarttge Zustände an den Ilnterexlremitäten zur Be­obachtung kamen". Dieses für di« Berteidigkr der Frauenarbeit auf Berg- und Hüttenwerken vernichtende Gutachten wurde, wie schon gesagt, vor mehr denn 15 Jahren abgegeben. Heut« aber tverden noch Frauen unb Mädchen, und zwar in vermehrter Zahl, in den Zinkhütten beschäftigt. Und de» allerchristlichsten Berg- und Hnttcnbesitzern, den oberschlesischen Zentrumsgrafen, gebührt der Vorrang in der Beschäftigung von Frauen und Mädchen. Dabei werden ihnen Löhne gezahlt, die als himmelschreiend bezeichnet wer- den müssen. Hier dcr Beweis dafür:

Art der Industrie

Zahl der weiblich Bcschäfttgteu

JahrcSlobn für 1913

Steinkohleiibergbaii

5 786

412 ;ä

Eisenerzbergbau

368

321

Zink- und Bkeierzbergbau

2 584

341

Koks- und Cinderanstalten

180

393

Hochofenbetriebe

757

377

Eisen- und Stahlgießereien

32

323

Fluß- und Tchweißeisenerzeugniste und Wakzwerksbetriebe

581

384

Be rse i nerun gsbekrieb«

763

429

ZinkblenderLsthütten

372

405

Rohzinkdarstellnug

1 276

431

Zinkblechwalzwerke

15

329

Blei- und Silberhütten

32

442

Tie Not zwingt die Frauen und Mädchen zur Beschäftigung auf den gesundheitsgesähriichen Berg- und Hüttenwerken, in der Noi verbleiben sie auch, trotz schiverer Arbeit, bei diesen Löhnen. In Lumpen gehüllt, mit Kohlenstaub bedeckt, die Hände schwielig und rissig durch das Hantieren mit den Förderivagen, mit Hacke unü