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Wöchentliche Beilage der Bberkessischen Volirszeitung
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Nummer 22
Liehen, Freitag den 5. Juni 1914.
6. Jahrgang
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Krauen herbei!
„Der Mensch soll arbeiten, aber nicht wie «in Lasttier das iinter seiner Bürde i» den Schlas sinkt und nach der notwendigsten Erholung zum Tragen derselben Bürde wieder ausgrstört wird. Er soll angstlos mit Lust und Freudigkeit arbeiten und Zeit übrig behalten, seine» Geist und sein Auge zum Himmel zu erheben, zu dessen Anblick er gebildet ist." Fichte.
Tie Arbeit eine Lust und eine Frcudel Wie weit sind wir noch von diesem Ideal Fichtcs entfernt! Tritt doch die Arbeit noch gar zu oft der groben Mehrzahl der Menschen wie eine Feindin gegenüber, die ihnen für den kärglichen Unterhalt, den sie ihnen schafft, die besten Lebenssäfte aus den Adern saugt.
Und doch soll die Arbeit eine Freude werden! Tausende von Arbeitern, die sich auf ihre Menschenwürde besonnen haben, sie kämpfen heute in ihren Organisationen um die Verwirklichung dieses Ideals. Immer enger und enger schließen sich die Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft; immer weitere Kreise zieht der Gedanke der Organisation, und neben den kämpfenden Mann tritt heut als eine neue Erscheinung feine Arbeitskollegin, die Frau. Mutz doch die Frau, ge- zwungen durch die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse, genau so wie der Mann, kaum der Schule entwachsen, den Kampf um die Existenz ausnehnien. Auch ist die Zeit der Berufstätigkeit für sie heute keine Uebergangszcit mehr, die mit der Ehe ihren Abschluß findet, sondern die beständige Zunahme der verheirateten berufstätigen Frauen beweist, daß sic zum größten Teil auch nach der Verheiratung noch gezwungen sind, an der Erwerbsarbeit teilzunehmen. Leider aber nimmt die Zahl der organisierten Frauen nicht in dem gleichen Matze zu, wie die Zahl der weiblichen Erwerbstätigen, und doch bedürfen gerade die Frauen weit dringender noch des Zusammenschlusses wie die Männer. Leidet der männ- liche Arbeiter schon unter den unzureichenden Löhnen und der zu langen Arbeitszeit, wieviel mehr trifft dies noch auf die Frauen zu! Wird doch die Frauenarbeit in allen Berufen, ganz gleich, ob es sich um die Privatindustrie, um staatliche oder Gcincindebctriebe handelt, bei weitem niedriger bewertet, wie die Männerarbeit.
Und wie mit den Löhnen, so ist es auch mit der Arbcits- zeit. Langsam nur kommt den Frauen die Erkenntnis, daß sie für gleiche Arbeit gleichen Lohn zu fordern haben. Sie haben sich durch eine jahrtausendelange Unterdrückung daran gewöhnt, zu entsagen und ihre Arbeit als nicht vollwertig zu betrachten, als ein Opfer, das sie der Familie pslichtschul- digst darzubringcn haben. Kam aber die häusliche Arbeit der Frauen früherer Zeiten den Familien zugute, so ist das heute nicht mehr in gleicher Weise der Fall; heut opfern sie damit in erster Linie dem Kapitalismus. Nicht nur um sich selbst und ihren Angehörigen, für die sie ja oft genau so wie die Männer zu sorgen haben, ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, müssen die Frauen an der Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsvcrhältnisse arbeiten, um dem Manne gegenüber nicht länger als Lohndrückerin aiifzutreten.
Wahrlich, nicht darum handelt es sich für uns, die Frauenarbeit zu beseitigen. Ist sie cs doch, die trotz der großen Mängel, die ihr heute noch anhasten, uns unabhängig und selbständig macht, die unseren Blick und unsere Jnter-
teressen weitet und viele wertvolle Kräfte innerhalb der Frauenwelt, die bis dahin brachgclegen haben, zur Entwicklung gebracht hat. Sondern es handelt sich für uns darum, die Verhältnisse, unter denen die Frauen arbeiten müssen, so zu gestalten, daß auch ihnen ein menschenwürdiges Dasein und eine ausreichende Entlohnung gesichert ist.
Dazu aber gibt es nur einen Weg, das ist der Anschluß an die Organisation. So wie wir Seite an Seite niit den Männern arbeiten, so müssen wir auch Schulter an Schulter mit ihnen den Kampf um die Verbesserung unserer Lohn- nnd Arbeitsverhältnisse aufnehmcn. In diesem Kampfe gibt es keinen Unterschied der Geschlechter; hier niuß jeder, genau so wie im Arbcitsverhältnis, den Platz aussllllen, aiE den er gestellt ist. Der einzelne aber ist in diesem Kampfe ein Nichts, allein sind wir der Uebermacht des Kapitalisnius ohne weiteres ausgeliefcrt; zusammengeschlossen aber ist die Arbeiterschaft eine Macht, mit der heute schon alle Faktoren unseres wirtschastlichen und politischen Leben zu rechnen haben. Wieviel größer aber wäre erst die Macht der Arbeiterklasse, wenn alle, ohne Ausnahme, sich ihren gewerkschaftlichen und den politischen Organisationen anschließen würden! Deshalb dürfen wir nicht länger, weder als Frau noch als Arbeiterin, tatenlos beiseite stehen und glauben, daß es auf uns, auf die einzelne nicht ankommt. Jeder einzelne, der heute noch fehlt in dem großen Heer der organisierten Ar- beiterschaft, er macht sich mitschuldig an den bestehenden Verhältnissen, er ist ein Stein im Wege derer, die da vorwärts wollen. Jede einzelne Frau aber sollte zu skolz sein, sich ihren Arbeitsbrüdern und -schwcstern, die um die Verbesserung ihrer Lebcnsbedingungen ringen, hindernd in den Weg zu stellen und ihren Fortschritt aufzuhalten.
Auch wir Frauen wollen teilnchmcn an dem großen Kampfe der Arbeiterschaft um die Verwirklichung des Ideals, das Fichte uns aufgestellt hat. Wir wollen zeigen, daß wie an Mut und Entschlossenheit, an Treue und Ausdauer bei der Organisationsarbcit den Männern nichts nachgeben, und wollen stolz darauf sein, innerhalb der organisierten Arbeiter- schast selbständig unsere Interessen wahrnchmen zu können. Und wenn uns unsere Berufsarbeit auch heute noch wenig Freude bietet, die Arbeit in der Organisation, sie soll und wird uns eine Freude sein.
Wann unsere Höchter heiraten sollen.
Eine für die Geburtenpolitik außerordentlich wichtige Frage behandelt das „Archiv für Frauenkunde und Eugenik". Es untersucht in seiner wisienschaftlichcn Rundschau, welches Alter die besten Vorbedingungen für die erste Geburt aufweist, und zwar sowohl in bezug auf die Lebensfähigkeit des Kindes wie auf das Wohlbefinden der Mutter. Statistisches Material ist noch nicht in großen Mengen vorhanden, aber die von einigen Kliniken und Gebäranstaltc» an- gestellten Untersuchungen lassen doch den Schluß zu, daß das günstigste Heiratsalter früher zu legen ist als man bisher angenommen hat.
In den älteren Tabellen wurde die Grenze zwischen „jungen und alten Erstgebärenden" bei dem 27. Lebensjahre festgesetzt. Von diesem Zeitpunkt an vollzog sich die erste Geburt im allgemeine» unter weniger günstigen Chancen. Tie neueren Forschungen er- geben jedoch übereinstimmend, daß die Trennung schon früher erfolgen muß. So teilt Bonbu <m der Breslauer Universitäts- frauenklinik 1000 Erstgebärende in vier Altersgruppen von 14—17, 18—20, 21—23 und 21—27 Jahren und vergleicht sie mitesnander


