Ausgabe 
29.5.1914
 
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Verwesungsgerüche bildeten, als auch in bk» inaiigelhaften Schmelz Vorrichtungen selbst. Diese Verhältnisse haben sich nun geändert; Pas Schlachten und Verarbeiten der Tiere erfolgt nur in seltenen Fällen auf den Schiffen selbst, sondern in eigenen, auf dem Fest­lande befindlichen, gnt eingerichteten Fettschmclze»; auch ist die Fahrtdaucr aus den Dampsschissen ein« wesentlich kürzere, als die der früheren Segler. Uebcrdics ermöglicht das in den letzten Jahre» mit großem Erfolg durchgesührte Verfahren der Kctthärtnng, soivohl eine Veränderung in der Konsistenz, als auch hinsichtlich des Geruches. Gehärteter Waltran ist nicht schmelziocich. sondern bart wie Hammeltalg und nahezu geruchlos. Man glaubt daher, in ihm rin willkommenes Rohprodukt der Kunstspeisefektfabrikation ge­funden z» haben. Diese einseitige Hoffnung hat jedoch bei den Kunstspciscscttsabrikantcn nicht nur keine Gegenliebe, sondern eine vollständige Ablehnung erfahren. Sic machen nicht mit Unrecht geltend, dast ein Produkt eines derartigen Ursprungs im große» Publikum aus Widerstand stosteu müsse. Diese Ablehnung ist auch aus Gründen des Ratnrschuhes zu begrüßen, denn schon jetzt hat der Walbestand der Ozeane stark nachgelassen, und nur durch Gesetze, ivie bas eingangs.erwähnte norwegische, kann einer völligen Aus­rottung dieser Riesen des Meeres durch rücksichtslosen Spckiilations- fang vorgebcugt werden.

Soziale ^'age und Gewicht der Bc'ttgeöm etten.

Für die Frage, ob und in welchem Maße die soziale Lage der Mütter das Gewicht der von ihnen zur Welt gebrachten Kinder beeinflußt, lagen bis jetzt nur ungenügende Unter­suchungen vor. Höchstens war festgcstellt, daß von Frauen, die bis zum letzten Augenblick erwerbstätig waren, leichtere Kinder geboren wurden, als von solchen, die sich vor der Ent­bindung eine gewisse Schonzeit hatten gönnen können. Jetzt hat S. P c l l e r an der Hand eines sehr umfangreichen Materials, das 5187 Neugeborene umfaßt, die Frage nach dem Einfluß der sozialen Stellung der Mutter aus das Ge- tvicht der Neugeborenen untersucht und ist'dabei zu dem Er­gebnis gelangt, daß die Kinder reicher 1111 b den höheren Ständen angehörcndcr Eltern bei der Geburt ein beträcht­liches Mehrgewicht aufweisen gegenüber den Kindern, die den unteren Volksschichten entstammen. Peller hat über seine Untersuchungen in der Umschau berichtet.

Tas von ihm untersuchte Kindermaterial war entweder im Sanatorium (Wohlhabende) oder in der Klinik (Unbe­mittelte) zur Welt gekommen. Tie Klinikkinder teilt er noch einmal in drei Gruppen: 1. eheliche Kinder, 2. uneheliche

Kinder, deren Müter erst kurz vor der Entbindung ausge­nommen wurden, 3. uneheliche Kinder, deren Mütter längere Zeit, niindestens aber 8 Tage vor der Entbindung die Anstalt aufsuchten (sogen. Hau-sschwaugere). Tas Resultat ist folgendes:

Erstgeborene Zwcitgcborene

Knaben Mädchen Kunden Mädchen

Klinik

s

K

g g

Ledigen Nichthausschwangcren

321»!

3108

3330 3215

Verheirateten

3108

3141

3428

3291

Ledigen HaiiSschwangcreu

3334

3234

3475

3331

Sanatorium

3377

3239

3494

3305

Die Ergebnisse sind

hochinteressant.

Tie niedrigste:

Gewichte zeigen die Kinder der ledige» Nichthausschwangeren, also von Frauen, die meist ohne jede Schonung und Pflege sind und während der Schwangerschaft schwer arbeiten müssen. Ihnen am nächsten stehen die Kinder der Verheirateten aus den ärmeren Ständen, die in der Klinik entbinden. Don den Klinikkindcrn haben das höchste Gewicht die der ledigen Hausschwangeren, die wenigstens die letzte Sckwaiigcrichafts- periode hindurch eine bessere Pflege und Ernährung genossen haben. Alle diese Gruppen aber werden überragt von den Kindern der in Sanatorien niedcrkommendcn wohlhabenden Frauen.

Auch ein Vergleich der Lange der Neugeborenen zeigt dieselben Unterschiede. Es hatten beispielsweise erstgeborene Knaben eine Länge von 49,9 Zentimeter bei den unehelichen Nichthausschwangercn, von 50,5 Zentimeter bei den Ver­heirateten, die in der Klinik entbanden, von 50,4 Zentimeter bei den ledigen Hausschwangeren und von 54,2 Zentimeter bei den in Sanatorien Entbindenden. Tie Untersuchungen Peilers füllen eine bemerkbare Lücke in der sozialmedizinifchcn Wissenschaft aus; sie zeigen mit aller Teutlichkeit die Not­wendigkeit und den Wert eines höheren Schwangcrenschuhcs.

Kttuk.

Bon G I j« b U s p e » s k i.

Ruch dem Tode des verwitweten Kürschners Juras blieb «ln Sah» zurück, ein kränklicher, zwölfjähriger Knabe, der wegen seines beständigen Kränkclns nicht einmal das Handwerk seines Vaters erlernt hatte. Die Verwandten hatten sofort nach dem Tod« des Skaters unter seinem Kopfkissen gesncht und dort das entdeckt, zpas der Vater für seinen arbeitsunfähigen Sohn zurückgelegt hatte. Sie wurden sogleich von besonderer Zärtlichkeit zu diesem Sohn erfüllt und hielten es für uiunöglich, ihn ohneFürsorge" zu lassen. Im Kamps nni den verwaisten Knaben, der nun unter den Verwandte» entbrannte, trug ber Handwerker Kotelnikow dank seiner Eber- stostzähnc und den zentnerschweren Fäuste» den Sieg davon. Der Waisenknabe bekam seinen Plast auf der Pritsche in der Küche, wurde mit einer baumwollenen Krankenhaushose bekleidet in die Kirche geführt und während Kotcinilow gemächlich seinen Tee hinunter» trank, zu dem ihm das Geld des verstorbenen Juras verholfen hatte, erzählt« er von den Sorgen und Ausgabe», di« ihm der Verwaiste verursache. Der Knabe blieb vier Jahre ans der Pritsche liege» und wurde ein langer, magerer, sechzehnjähriger Bursche, nachdenk­lich, still, mit hellblauen Augen und säst weißen Haaren. Während seines vierjährigen Liegeus hatte er das ABC-Buch, das ihm fül ii.iif Kopeken gekauft worden war, gelernt, kannte alle Gebete, Fabeln und Spruche, die darin standen, answendig. Tas Lesen wurde für * ihn ctivas ganz anderes als für die Menschen seiner llmgcbnng. Es wurde ihm zu solcher Leidenschaft, daß er sich entschloß, an seinen Bo NU und mit der Bitte heranzngehcn. ihm ein Blich zu lausen. Ter Bormund hatte ein Einsehe« und kauft« ihm ein Buch. Der Waisen­knabe las cs mit atemloser Spannung, unfähig, sich von den zanbcri. scheu Blättern loszurrißen. Das Buch hieß:Tic Reise des Kapitäns Eook, ancgcführt von den englische» SchissenRevolution" »nd Advcnlurc". Alisa» lso hieß der Waisenknabe) vergaß Schlaf und Speise und las Hunderte Male immer wieder das Buch. Kapitän Eook fesselte ihn immer mehr und nahm endlich von Alisans Herz und Kops gänzlich Besitz. In der Rächt phantasierte er und rief sortwährend Worte ans der Seoniannssprachc; er stog mit seiner Pritsch« in die Höhe lci Schissbrüchcn und versetzte die Familie seines Vormunds in tödliche Angst. Kotelnikow nutzte diesen Wahn­sinn in eigener Weise ans.

Höre mal. Alisan," sagte er eines Tages zn dem Waisenknabe,^ du bist als Waise zurückgeblieben; ich nahm mich deiner an, ich kann ivvhl sagen mit letzter Anstrengung meiner Kräfte; die sechs Fahre hast du mich, gering gerechnet, jährlich an die hundert Rubel gekostet. Jst's nicht so'»"

Aber ich will mein Lebe» lang Ihnen Hände und Füße . . ."

Warte! Zum .zweiten habe ich nicht gegeizt, um dir in jeder Weise mein Wohlivoltcn zu zeigen und dir Vergnügen zu verschaffen. So habe ich dir ,-,mii Beispiel auch ein Buch gekauft . . ."

Ach!" rief Alisan entzückt.

Warte! . . . Also! . . L! Du warst beim Lese» des Buches

bald närrisch vor Freude, hast du aber uachgedacht, ob es mir leicht winde, djr es anzufchasf«, dieses Buch? . . , Folglich habe ich mich bis zum letzten Atem für dich verausgabt . . . Weil ick, aber vou, lieben Herrgott ein gnles Herz bekommen habe, so bemüh« ich mich nur deswegen, um für meine Opfer ins Himmelreich zu loiniueii. Von dir verlange ich fiir meine Wohltaten nichts. Rach Krall und Möglichkeit sollst du mir im Kleinen entgelten. Und so habe ich für dich eine deiner Krankhaftigkeit augomessen« Beschäftsgung gefunden, damit du eine Lebensait für dein Dnrchkoinmeil hast."

Den letzten Satz hat Kotelnikow aus dem Wortschatz eii»cr alten Frau entlehnt, die sich im Orte hcrnmtricb und die mit diesen Worten, die sie ihrerseits ans irgend einer Bittschrift eittnomniei, hatte, die Leute anbettclte.

Bald darauf trat Alisan de» ihm von Kotelnikow zugedachtcii Dienst an. lieber seiner Schulter hing ans esiiem dünnen Riemen ein kleiner Kasten, der mit Radeln. Siecknadeln, Haken. Waschlitzen und dergleichen für das weibliche Geschlecht uncnrbehrlicheii K leimig- keilen angcfüllt war. Alisan» Pslichten bestanden barm, den ganze« Tag durch die Straßen und von Haus zu Haus zu wandern, ivas ihm einen täglichen Verdienst von höchstens anderlhalb Groschen clnbrachtc. Diese anderlhalb Groschen nahm ihm Kotelnikow jedes­mal ab, zur A.isbeivahrung.

Bei mir ist es besser ausgehoben," meint« er.

Alisan gkanbte fest daran. Tos Buch und der Kapitän Eook verließen Alisan aber auch bei seinen, Geschäft nicht In Gedanken bc: irgend einer Heldentat seines Lieblings merkte er manchmal nicht, daß er statt eineinhalb Ellen Borte ihrer drei oder fünf der Kundin gab. Oder verirrte sich, versunken in Rachdeitklichkeit, weiß Gott ivohin, vergaß sein Geschäft und kehrte abends ohne eine einzige Kopeke heiui. Kam er in der Gefinbestube irgend eines herrlchält» litten Hanfes mit den Köchinnen und Kutschern ins Gespräch, da versehttc er es nicht, die Untcrhallnng ans Eook zu bringen. Stotternd und vor Aufregung blaß erzählt« er von den Heldentaten des berühmten Kapitäns Tie Kittscher und Köchimieu hörte» erst geduldig die unverständlichen Seefahrerausbrücke, die Geschichte vo» fremden Völkern und von Wundern, die nicht einmal in den ihnen bekannten Märchen vorkainen. aber dann wurde cs ihnen zuviel und sie lachten den unglückliche,1 Alisan aus. Bald war er von der ganzen Gasse nur nochKuuk" genannt und die Kinder brachen i» Lachen ans. sobald sie ihn erblickten. Zn den Kindern gesellten sich die Droschkenkutscher und ans den armen hausbackeneu Kuuk ivurden auch noch die Hunde losgelaffen. Selbst die alten Weiber, di« kein«