sondere keine eheliche Beiwohnung stattgefundcn hat. Dar- über soll die damalige Wirtschaftsdame im Hause BülowS vernommen werden.
Und das alles wegen lumpiger paar tausend Mark? — Bedenken die feindliche^ Geschwister und Frau Cosima nicht, w-e erwünscht das Ganze allen jenen Spießern ist, denen die '.iudererzeugung außerhalb der amtlich abgcstempelten Liebe s schwerste sittliche Verbrechen ist?
Kinderphanlaste.
Mariechen und Franz«! spielten Kirchgang. Mariechen mimte die Frau Pfarrer. Das war für ein kleines Mädchen wie sie die l (gehrensiverteste Position im Dorfe, denn die Frau Pfarrer war schön, hatte lockiges Haar, feine Kleider und «in vornehmes Auf- treten. Di« Frau trug natürlich auch einen Hut. Darum hatte sich Mariechen «inen groben Puppenrock über das wirre Eelock gezogen. DknIterS üüchenschiirz« hing ihr über die Schultern und wurde mit viel Grandezza über de» Fußboden geschleppt. Franzel hatte Vaters Hauekäppi aufgestülpt und als Chorrock Muttcrs Unterrock über- geworfen mit dem Schlitz noch vorn. Die nach. Bewegungsfreiheit ringenden Hände des Bnben hatten hier schon eine bedenkliche Erweiterung geschaffen. „Hast du auch einen Nagel und Hammer im Rock?" fragte di« Frau Pfarrer. „Wozu?" „Na, um den Kindern, di« vor der Kirche Spektakel machen, einen Nagel in den Kopf zu schlagen: das tut doch der Pfarrer. Hier, nimm den Bleistift. Ter Ist fpitz und grade so grob wie einer von des Pfarrers Nägeln. Und bar hier wär' Dein Hammer."
„Jawohl, aber nur für Späh," sagte der Pscudopfarrer und steckte Bleistift und Holzscheit in die Hosentasche, was sich nicht ohne Gewalt bewerkstelligen ließ. Dann schritten die beiden in scicrlicher Prozession durch bi« Stube. Mariechen hatte Mutters Kochbuch, Frauzcl das Kirchengcsangbuch in der Hand, verkchrt natürlich.
„Nu fang an zu fliifl-en!" gebot «r und Mariechen stimmte mit dramatischem Augenanfschlag an: Nach Hause, nach Hause spricht er und säuft so schwer.
Franzel fiel ein. „Tu darfst aber nicht so hoch singen, Franzel. Die Männer singen doch anders als die Frauen. Hör mal zu!"
Sie pflanzte sich vor ihm auf und quakste ihm ihren schönsten Baß vor.
Franzel machte es nach. Sobald sie aber wieder hoch sang, vergaß er seine männliche Würde und quiekst« mit. Es dauerte eine ganze Weile, bis er fest genug im Ton war, und nun sangen die beide», er tief, sie hoch, so laut und unrein, baß ein Hund hätte heulen mögen. Da drang ein Ton vom Hofe herauf, eine Trchorgel — und im Nu lagen die Bücher und die ganze Maskerade aus der Erde und die Kinder stürmten die Treppe hinunter. Unten stand die Orgel auf einem Gestell und der Orgelmann war in der Nachbarschaft Geld einsammeln.
„Siehste", deutete Mariechen auf die bunten Bilder an der Orgel: „Was schöne Frauen und Engelchen. Tie eine hat ein Kleid an wie der Himmel und die andere wie lauter Rosen, und wenn der Orgelinan,, dreht, dann tanzen sie inwendig drin herum und singen: drum klingt das so schön."
„So?", sagte der Bruder, „und ivenn wir drehen?"
„Probiert mal!"
„Dann krieg sch meine Keile. Dreh Du!"
„Diimmkopf! faß an. Wir drehen zusammen." Und die beiden Kinderhände fingen langsam an, den Hebel zu drehen — nur einmal herum: es gab wahrhaftig einen Ton! Tann ließen sie erschrocken hie Arme sinken, denn der Orgelmann kam zurück. Er halte gute Einnahmen gehabt und war garnicht böse.
„Weißte war?" schlug jetzt Mariechen vor: „Wir spielen mal Herr und Dame und machen Besuch« "
„Was soll ich denn da machen?" fragte der Bub.
„Mach mir nur alles nach und komm!"
Sic schob ihren Arm in den seinen, und nun ging's von Haus zu Haus. Ueberall klopften sie an und sagten beim Eintreten höflich guten Tag mit einer Verbeugung. Man begrüßte sie überall halb erstaunt, halb belustigt.
„Wie geht cs Euch?", fragte der kleine Besuch.
„Danke gut! Euch auch?" „Jawohl! Adieu!" Tamit wandten sie sich nach einer Verbeugung wieder der Türe zu. Manch« Leute brummten hinter ihnen her. manche fragten: „Wollt Ihr denn schon wieder gehen?" Alle aber lachten sie. Eine Frau gab jedem ein Stück Zucker, eine andere einen Apfel und in einem Laben bekamen sie Bonbons. Man konnte das natürlich nicht ausschlagen.
Als sie wieder einmal auf bi« Straße traten, siel wie silberne Peilcnschnüre ein Sonnenregen nieder. Mariechen haschte jauchzend nach den glitzernden Tropfen. Die Löckchen flimmerten in der Sonne und die Augen strahlten vor Glück. Der Bruder, der cs vorge- nommen hatte, sich unter einen schützenden Baum zu stellen, schaute, ein Auge zugeknifsen. dem tanzenden Schwesterchen zu und dachte an ein Märchen, das die Großmutter erzählte. Langsam trat er unter dem Baum hervor, da traf ihn ein Tropfen aus bi« Nase und er zog' sich schleunigst in sein« geschützt« Stellung zurück.
„Wenn Du naß nach Haufe kommst," warnte er, „gibt's Keile."
„Und wenn es einschlägt und der Baum fällt auf Dich, dann gehst Du tot."
„Wie kann «s denn «inschlagen, es ist ja gar kein Gewitter. Hörst Du es etwa donn ern? Urberhaupt, Ihr Weibsleute habt
gleich so « Zucht. Ich, ei ich war neulich mal Im Walde, da gab'S «inen Wolkenbruch
„Einen Wohlkenbruch?"
„Jawohl, da fallen die Wolken auf di« Erde."
„Das glaub ich nicht. Tann wärst du ja totgegangen, wenn so «ine Wolke auf dich gefallen wäre."
„Ja, bas war auch eine kleine, so groß wie ein Kopskifscn und ganz reicht. Ich Hab sie aufgehoben, bin mit der Leiter hinauf gestiegen und Hab st« wieder hingchängt. Du, du wärst einfach davongelaufen."
„Set nur still! Wie du dich neulich im Walde verirrt hast und der Vater hat dich suchen müssen, da Haft du doch auch geflennt."
„Garnicht! Ich war einem Hirsch begegnet, so groß wie die am Platter Schlößchen sind. Der hat sich ganz breit vor mich hingestellt. Meinst du vielleicht, ich wär fortgelaufcn? Ich Hab ihn an den Hörnern gekriegt und Hab ihn gehörig herumgezansclt."
„Es regnet nicht mehr, komm wir wollen gehen. Ach «in Regenbogen, hätten wir doch dahingeguckt, wie sie den herausgestellt haben."
Sie machten noch einen Besuch und als sie wieder auf die Straße traten, war auch dieses Himmelswunder verschwunden.
„Wie sie nur den großen Bogen wieder hereingekriegt haben? fragte das Schwesterchen und Brüderchen versichert«:
„Da nehmen sie eine große Zange, packen oben an und ratsch, wird er hercingczogen. Natürlich helfen da all« Engel mit."
Mutter war sehr empört, als si« mit vollen Händen nach Haus« kamen. Franzel hatte auch noch s«in Taschentuch verloren.
„Na sieh mal einer den Kerl an, was der für einen Butzemann in der Nase hat."
„Zeig! zeig!" rief interessiert das Schwesterchen, bückt« sich nieder und sah von unten her in den Gesichtsschornstein des Bruders. Wahrhaftig, «in schwarzes Leiterchen stand darin und «in winziges Schornsteinfcgcrlein kletterte daran herauf. Aber schon hatte di« Mutter das Wunder vernichtet.
Franz mußte sich in einer Eck« des Zimmers Hinsehen und Mariechen in Großniutters Stube. „Denkt euch mal an, Großmutter, das Bcttclvolk hat im Dorf hcrumgefochten."
Mariechen saß nach der Waud gekehrt, während die Großmutter am Fenster saß und strickte. An der Wand hing ein eingerahmtcr Spruch und ein Bild war daraus: ein Grab und ein Kreuz. Mariechen schaut« in Gedanken in das kleine Grab hinein. Darin war ein kleines Särglein und in dem Särglein lag ein kleines Menschlein noch kleiner als Maricchens kleines Fingerchen, ganz nackt und so still, wie der Großvater gewesen war, als er im Sarg« gelegen. Unter dem Bilde war ein Stück Tapete losgerisscn, so weit als Maricchens Fingerchen von ihrem Sitz aus reichen könnt««. Das hatte sie so nach und nach abgepflllckt, wenn sic zum Eckcnsitzen verurteilt ivar und hatte oft Keile dafür gekriegt. Heule aber wollte sie die Finger davon lassen. Das war eigentlich ein« Figur, eine Frau mit einer Kittcbari und einer Hochfrisur. Nur der eine Arm war etwas zu kurz und schon streckten sich di« Fingerchen aus, um cttvas nachzuhelfcn.
„Mariechen" sagte die Großmutter da: „Komm mal her!" und sie fetzt« sich auf Großniutters Fußschemel nieder. Sinter Groß- mutters Lehnsessel war ein Eckbrett an der Wand mit Perlenfranse» behängen. Auf dem Eckbrett stand ei» Männchen, das der Großvater aus Tannenhubelche» zusammengesetzt hat.
„Großmutter!" sagte bas Kind beklommen: „Warum habt
ihr das Hutzelmännchen nicht auch in den Sarg gelegt, es ist doch tot jetzt."
„Was sagst du mein Kind, das Hutzelmännchen? Wie kann das jetzt tot fein, cs hat doch nie gelebt. Tie Sachen sind doch alle tot."
„Tic sind nicht tot", begehrte bas Kind ans. „Das Männchen auf der Komniode mit dem Blumenwagen, das ist doch auch nicht tot. Ta guck doch, das macht doch einen Schritt und lacht doch ein bißchen. Der Großvater hat doch auch gelebt, und wie er tot war, da war das Hutzelmännchen auch tot, ganz tot, wie der Großvater — warum ha! ihr es nicht mitbegrabcn."
„Komm", sagte die Großmutter und brückte den Kopf des Kindes in ihren Schoß nieder. Es schloß die Augen und blieb ruhig liegen. Großmutter hob cs leise auf und legt« es in ihr Bett auf das braun und weiß gewürfelt« Kissen. Mariechen hielt die Augen noch immer geschlossen und kuschelte sich hinein. Bald aber hob es den Kopf und sah di« Großmutter an.
„Großmutter, du hast ja auch einen Schmied im Kopfkissen. Er hat ein braunes Schurzfell an, meiner hat aber ein weißes."
Die Großmutter fühlte ängstlich nach dem Kopf des Kindes, der war ganz kühl.
„Glaubst du nicht?" fragt« die Kleine. „L«g man dein Ohr aufs Kiffen, bann siehst du wie er "klopft mit dem kleinen Häinmer- Hen immerzu."
Die Großmutter schob ihren Stuhl an das Bett und legt« den Kops auf das Kissen. Sie war ganz ausgeregt über die Reden des Kindes, so daß ihr Puls laut hämmert«.
„Ach ja, Kind, ach ja. er klopft wirklich, das hatte ich noch garnicht gehört. Ruw aber gehen wir zur Mutter und essen unseren Brei und dann gehen die Kinder in ihr Bettchen."
Franzel hatte noch einmal Keile gekriegt, weil er Mutters Unterrock und seine Hosentasche zerrissen, den Bleistift verloren und beim Umblätter» im Gesangbuch ein Blatt heraus^eriffcn hatte. Großmutter mußte ihn erst hinter dem Fenstervorhang herausholen, wo er sich versteckt halt«.
„Großmutter, sieh mal", er deutete nach der Mondsichel: „WaS ist denn das?


