Aer inlernalionase Wadchensiandek.
In den letzten Wochen sind wieder zahlreiche Mädchen- Händler in den verschiedensten Teilen des Deutschen Reichs und in Oesterreich verhaftet worden. So wurde in Leipzig ein Kellner namens Vetter verhaftet, der Mädchen aus Sachsen nach Hamburg verschleppt«, in Nürnberg auf dem Hauptbahnhof eine Mädchcnhänd- lerin, welche drei Mädchen nach Leipzig bringen wollte, in Gnesen ein Deutsch-Amerikaner, der als Heiratskanvidat auftrat und Töchter von deutschen Ansiedlern nach Amerika locken wollte. In Traren- bach in Salzburg wurde der Kroate Dranccnowlc dingfest gemocht, der nach polizeilicher Eriniillung bereits 15 Mädchen aus der dortigen Gegend unter allerhand Versprechungen verpfllchtet hatte, nach Amerika anszuwanderu. Di« Dtraskammer in Beuthen in Oberschlesien veniririlt« erst vor kurzem den internattonalen Mädchenhändler Lubclski ans Mnslowitz zu mehrjähriger Gefängnisstrafe, der sein« Stellung als Vertrauensmann der preußischen Aus- wanderer-Kontrollstatton in Myslowitz und der dortigen Transportgesellschaft mißbraucht hatte, um einen schwunghaften Mädchenhandel aus Rußland und Oesterreich Uber Deutschland nach Amerika zu betreiben.
In keinem verbrecherischen Geschäftszweig«, selbst nicht einmal bei der Gcheimfabrikation von Rubel- oder Dollarnoten, beim organisierten Bankdiebstahle, beim gewerbsmäßigen Auspliindern von Uhren- und Juwelenläden wirb soviel Geld „verdient" wie beim Mädchenhandel. Ter Gewinn ist «in ganz enormer, und viele dieser Gauner können sich, trotz der außerordentlich luxuriösen und vcrschivenbcrischen Ledensivcise, welche sie führen, oft schon nach einer Geschäftstätigkeit von einem oder anderthalb Dutzend Jahren als reiche Leute zur Ruhe setzen. Ein gewisser Scheiner, der ober Dutzende von Püffen auf allerhand Namen besitzt und der sich bald als Spanier, bald als Italiener, Schweizer oder Brasilianer ausgibt, wurde vor mehreren Jahren wegen zahlreicher schwerer Verbrechen in Buenos SlircS ins Gefängnis geworfen. Während seiner Haft verlor er etwa 300 000 Franken. Scheiner war aber imstande, diesen Verlust zu verschmerzen. Ein Kollege Scheiners, der „berühmte" Mädchenhändler Lazar Schwarz, welcher die letzten Jahre sich viel in Budapest, Genua und Alerandrien (Aegypten) aushielt, „verdiente", wie behördlich nachgewiesen worden ist, bei einer kurzen etwa dreiwöchigen „Geschäftsreise" von Ungarn nach Kairo nicht weniger als 12 000 Franken. Lazar Schivarz ist in jeder Beziehung «in Genie. Er spricht zwölf Sprachen, nämlich ungarisch, deutsch, griechisch, arabisch, türkisch, italienisch, französisch, russisch, porttl- giesisch, spanisch und persisch. An Legitimationspapieren besitzt Lazar Schwarz mindestens 17 Sttirk ans die verschiedensten Namen. Er führt türkische, porttigiesischc, serbische, amerikanische Pässe usw. hei sich und kann sich ganz nach Belieben einmal als „Ibrahim Effendi", das andremal als „Don Gomez", dann wieder als „Joses Katz", als „Israel Margowitsch" uftv. auswcisen. Frau Julie Roscnstock, welch« früher vorzugsweise in Temesvar, Budapest, „operierte" und ihre Ware hauptsächlich noch Bukarest und Kanstonttnopel lieferte, hatte bei einem ungarischen Bankhaus« längere Zeit etwa 200 000 Kronen stehen. Als sic einmal in der Nähe von Temesvar polizeilich sisttert wurde, trug sic ein« mit Diamanten besetzte goldene Uhr, die «in«p Wert von einigen Tausend Kronen hatte. An den Finger» batte sie über ein halbes Dutzend kostbarer Diamantringe stecken. Der Mädchenhändler Grinbanm, der hauptsächlich nach Konstantinopel. Saloniki, Smyrna und Kairo erportterte, legte seine Gelder der Sicherheit halber in englischen Banken nieder und war überdies in London Hausbesitzer. Seit einiger Zeit scheint sich Grinbanm vom „Geschäft" zurückgezogen z» haben und als Reuttier zu leben.
In Chikago befinden sich die verrufensten Ouarttere, wo diese Mädchenhändler täglich zu tun haben, in der Näh« de? Stadthauses, der Justiz- und Polizeibehörden, der Hauptpost, der Tele- graphenbureaus, der Börse und der Zeitungspaläste. Aber keine Hand röhrt sich, um diesem Skandal ein Ende zu machen. Ai» aller- schlimmsten sieht es in Zentral- und Südamerika aus, ivo die bestochen« Polizei sehr oft direkt gegen die verkauften hilflosen Geschöpfe Partei ergreift. ES kommt noch heute vor, daß, sobald Konsuln oder Privat« irgend ein Mädch«» aus den Krallen dieser Verbrecher befreien wollen, die Polizei einfach den Mädchen Händlern Hilfe leistet, um solch armes Erschöpf für einige Zeit „unsichtbar" zu machen, wie der GcschäftSanSdvnck lautet. In Zentral- und Südamerika wird der Schacher noch ganz offen betriebe». Dieser erfolgt übrigens dort, wie überall, nach streng geregelten „kaufmännischen" Grundsätzen. Die großen Händler verfüge,, über Dutzend« von Nnteragenteu und Ilnteragentinnen. Es ist auch gar nichts Seltenes, daß beispielsweise in England, Frankreich und ander» Ländern die Inhaberinnen sogenannter Gouvernantenhrime, kleiner Theater, schulen und ähnlicher Institute indirekt Lieferantinn«» für diese großen Händler sind. Dies« Frauen spielen stellenlose und bei ihren Ouartiergeberiunen verschuldete Gouvernanten, ferner angehend« Schauspielerinnen, die aber auch nicht einmal au einer kleinen Bühne Anstellung finden können, den Verbrechern in di« Hände. Auch sind viele Inhaber vo„ HeiratSburcaus. besonders i» Amerika, nichts anderes als Vertreter dieser großen Händler, die von irgend «inen, gut gewählten Versteck aus und mit Hilfe entsprechender Kapitalien ihr Geschäft durch zahlreiche Hände betreiben taffen. Auch viele Heiratsschwindler, welch« hübsche und arm« Mädchen heiraten »nd uiit diesen sich dann ins Ausland begeben, wo die Betrüger angeblich ihr Domizil haben, führen diel« arglosen Opfer den Mädchcnhänd- lern direkt zu. Von diesem Augenblicke an bleibt dann der sting« „Ehemann" spurlos vcrsch,vunden. In Amerika entführten fftlher vielfach hübsch« junge Männer, die im Solde dieser Händler standen.
I junge Mädchen, denen di« Entführer di« Eh« und Trauung in der nächsten großen Stadt versprochen hatten. Dort augekommen, verließ aber regelmäßig der „Bräutigam" sein« „Braut" und das übrig« braucht nicht weiter geschildert zu werden.
Aie feindlichen Kinder Kichard Wagners.
Gegenwärtig spielt sich ein Streit in der Familie Richard Wagners ab, der in seiner Kleinlichkeit und Philisterhaftigkeit in seltsamem Kontrast zu der „künstlerisch freien" Auffassung Wagners in faniiliären Dingen steht.
Wie im Nibelungenring Wagners Siegmund mit Sieglinde, der Gattin seines Gastgebers Hunding, die Ehe bricht, so hat Wagner selbst auch mit seiner späteren Frau Cosima, als diese noch legitime Gattin Hans von Bülows tvar, die Ehe dieses Freundes gebrochen. Aber wenn jenem Ehebruch nur ein Siegfried entsprang, so diesem außer einenr Siegfried auch noch eine Isolde und eine Eva. Und wenn jener Siegfried der Dichtung gegen den gierig auf seinen Schätzen liegenden Drachen in den Kampf zog, so kämpft dieser gegen seine eigen? Schwester, weil sie seine Schätze viel- leicht um ein paar tausend Mark jährlich beeinträchten könnte.
Dabei könnte man an der Energie, niit der sich die unlegitimen Kinder Wagners — aller gut bürgerlichen Sittlich. kcitSauffassnng zum Trotz — darum reißen, auch offiziell als Kinder Wagners anerkannt zu werden und nicht als solche des legitimen Gatten ihrer Mutter, seine helle Freude haben (die Tochter Isolde führt deshalb jetzt gerichtlichen Prozeß gegen ihre eigene Mutter), wenn eben die materielle Frage nicht allzustark in die Angelegenheit hincinspielte. Es wirkt wie Ironie des Geschicks: der Fluch des Nibelungengoldcs, das Wagner seiner Faniilie hinterlassen hat, wird aktuell.
Bei der Verhandlung des Bayrcuther Landgerichts am 17. April, das Feststellen soll, ob der Vater von Frau CosimaS Tochter Isolde Hans von Blllow oder Richard Wagner ist, wurde erwähnt, daß dieser jedem seiner Kinder eine jährliche Rente von 30 000 Mk. ausgesetzt habe. Acnßeren Anlaß zu dem Familienstrcit gaben Mißhelligkeiten zwischen Siegfried Wagner und dem Gatten Isoldens, des Kapellmeisters Franz Beidler, dem jener vorwirft, übermäßigen Aufwand getrieben z» haben. Der Vertreter von Frau Cosima, Justizrat Dr. Troll, schrieb dann weiter — ivie die Gegenpartei behauptet — im Aufträge von Jung-Si«gfried einen Brief an „Frau Isolde Beidler, geborene von Bülow", worin er ihr mitteilt, daß sie bisher „freiwillig gewährte Snbsidien" erhalten habe und daß keine „rechtliche Gebundenheit der Auftraggeber" bestehe. Der künftige Bezug dürfte 22 000 Mk. jährlich nicht übersteigen. Bei dieser Maßnahme stützt sich die Siegfriedpartei auf die recht unwagnerische Begründung, daß Isolde am 10. April 1866 geboren worden sei, als der Hausstand von Hans Bülow mit seiner Gemahlin Cosima noch bestand.
Dem erwidert Frau Isolde, daß sämtliche Kinder Cosima Wagners während ihrer Ehe mit Hans von Bülow geboren wurden. Sie beruft sich ferner auf Aussprüche und Niederschriften von Richard Wagner, Liszt, ja selbst von Frau Cosima, die zeigen, daß sie von diesen als Tochter Wagners betrachtet wurde. Unter anderem verweist sie auf folgendes hübsche Gedicht, das ihr Wagner an ihrem fünfzehnten Geburtstage widmete:
Vor 15 Jahren wurdest du geboren,
Da spitzte alle Welt die Ohren.
Man wollte „Tristan und Isolde",
Doch was ich einzig wünscht' und ivolltc.
Das war ein — Töchterchen: Isolde!
Nun mag sie 1000 Jahre leben.
Und „Tristan und Isolde" auch daneben!
Vivat Hoch!
Während so Wagner in dichterischem Freudenschwumw und mit stolzem Batcrgcfühl sich zu seinem Töchterchen bekennt, will die Mutter heute einen Eid nehmen, daß deni
nicht so sei.
DaS Gericht beschloß, Beweis zu erheben, ob in der Zeit vom 12. Juni 1864 bis 12. Oktober 1864 Frau Casiino und HanS von Blllow in häuslicher Gemeinschaft gelebt haben, bezw. ob in dieftr Zeit zwischen ihnen kein Verkehr, msbx-


