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Wöchentjicbe GeS!age der OderkessSschen L)oSk5Aeitung
Nummer 20
Siesren, 5ceitag den 22. Mai 1914.
6. öakrgang
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Sozialistische Krziestnng im Kaufe.
Vor kurzem besprachen wir die wichtige Jnsormations- schrift der Genossin Zieh „Gewinnung und Schulung dcrFra u". Hierbei wiesen wir darauf hin, wie die Partei zur Unterstützung und Vertiefung unserer Frauenbewegung eine ganze Broschürensolge schafft unter dcni Uebcrtitel „Sozialdemokratische Fraucnbibliothek".
Berufene Autoren besprechen darin im sozialistischen Lichte allerlei wichtige Gesellschaftsfragen, die die Frauen insbesondere berühren.
In einer der letzten dieser Broschüren richtet nun Kätc D u n ck e r feine, verständliche Worte an die Eltern — und besonders an die Mütter —, um die K i n d c r e r z i e h u n g im sozialistischen Geiste zu beeinflussen. Tie Schrift trägt den Titel
„Sozialistische Erziehung im Hause".
Es liegen ihr Gcdankengänge zugrunde, die in einer Reihe von Jahren in Diskussionsabenden mit Genossinnen noch vertieft wurden und zur Reife kamen und dann auf der 5. Fraucnkonsercnz 1908 in Nürnberg von der Verfasserin vorgetragen wurden. Ucber den Rahmen ihres damaligen Referats ist aber ihre jetzige Schrift weit hinausgewachsen.
Sie geht von dem Grundsätze aus, daß als der wichtig st e Erziehungsfaktor immer noch die Familie, das Hans dasteht. Mag die Schule noch so wichtig sein — sie spielt die Hauptrolle nur in der geistigen Ausbildung; für die eigentliche Erziehung, d. h. die Charakterbildung, kommen die Eltern, kommt die Familie, das Haus hauptsächlich in Frag«.
Die alte Familie der Vergangenheit, die Bauernfamilic ans dem Lande mit ihrer Welt von Haus und Hof, Stall und Scheuer, Garten und Feld, die kleine Handwerkerfamilie in der Stadt mit ihrer innigen Verbindung von Haus und Werkstatt, alles Lebensgemeinschaften, in denen die Kinder von früh an die Eltern bei der Arbeit sahen, in denen sie neben den Eltern in nachahmendem Spiel, dann mit bewußtem Ernst die kleinen Hände regten, in denen sie unter der Zucht der Eltern auf allen Wegen ihrer engen Welt behütet wurden — diese alten Produktions- und Kon- fumtionsgemcinschaften, in denen der Kinderarbeit nicht die körper- »nd geisttötenden Gefahren der heutigen kapitalisti- fchen Kinderarbeit anhaftcten, sind längst untergegangcn. „Aus der Handarbeit ist die Maschinenarbeit, ans der Werk- statt die Fabrik geworden; Wohnung und Arbeitsstätte sind getrennt, die Arbeit ist aus dem Gesichtskreise der Heranwachsenden Jugend gerückt. Sie verbirgt sich hinter himmelhohen Mauern, sie ist eine Welt für sich, in die das Kind nur selten hineinblickt. Es bckonunt allenfalls die Rohprodukte und die fertigen Erzeugnisse der Arbeit zu sehen. Ten Menschen bei der Arbeit sicht es nicht, und der stärkste Er- ziehnngsfaktor ist damit ansgeschaltct."
Ns unter dem Kapitalismus die produktive Arbeit das Heim verließ, zog sie die einzelnen Familicnglieder nach sich. Zuerst den Vater. Ihm bleiben in fast allen Klaffen der Ge- sellschaft zur erziehlichen Beeinflussung seiner Kinder nur die Sonntage und ein paar müde Abendstunden übrig. In zahllosen Familien muß auch die Mutter der Erwcrbsarbeit außer dem Hanse nachgehen. In jeder Beziehung ist cs schwerer
geworden, der elterlichen Erzichnngsanfgabe gerecht zu werden — schwerer, während zugleich die Anforde- rungenandenjungenMenschenaußerordent- lich gestiegen sind. „Allein durch das großstädtische Leben, durch die weiten Schulwege bei dem stets wachsenden Verkehr ist das Kind weit früher auf sich selbst gestellt. Die Schaufenster, die Automaten, die Kinematographc» bergen gar vielseitige Versuchungen und sittliche Gefahren. Vor alleisi das frühe Eintreten in das Erwerbsleben außer dem Hanse, das den kaum der Schule Entwachsenen oft schon wirtschaftlich unabhängig niacht, setzt ein hohes Maß von Selbständigkeit, von sittlicher Festigkeit und Reise voraus."
In diesem Zusammenhang klingt gar überzeugend die Forderung der Verfasserin, durch Verkürzung der Arbeitszeit beiden Eltern wieder die Zeit zu geben, sich ihren Kindern zu widmen, die Forderung nach umfassender Wohnungsreform, nach pädagogischer Vorbildung beider Geschlechter, die mit der Fortbildungsschule zu verknüpfen wäre.
Aber dann legt die Verfasserin dar, wie die Eltern trotz aller sozialen Ursachen der Erziehnngsnöte sich erzieherischen Fragen gegenüber nicht mit unserm allgemeinen Kampf uni eine bessere Gesellschaftsordnung begnügen sollen. Ausgehend von ihrem eingangs erwähnten Grundsatz: Das Haus ist der stärkste Erziehungsfaktor, zeigt sic die Notwendigkeit und gibt dem gewandelten Elternhaus auch die Wege an, die Kinder von heute nnt der Moral und dem Geiste unserer Bewegung zu durchdringcn. Sie zeigt die elterliche Ver- pflichtnng, sich des Alkohols usw. z» enthalten, gibt über die körperliche Erziehung praktische Ratschläge, uw möglichst gesunde, kräftige Menschen zu erziehen, Im Anschluß daran betritt sie das Gebiet des Geschlecht- lichen in der Erziehung — ein Boden, auf dem die heutig« Gesellschaft unter altüberlieferten Einflüssen in ganz verkehrter Weise verfährt und auf dem auch unsere Genossinnea wohl vielfach eine ganz enge, unbeholfene und schiefe Stellung einnehmen.
Es ist ganz unmöglich, im Rahmen dieses Artikels den« Inhalt der seingehaltenrn Schrift gerecht zu werden. Nu« Hinweisen wollen wir auf sie und das Interesse unserer Genossinnen auf sie lenken. Die Verfasserin wünscht, das, die Schrift kapitelweise an den Diskufsionsabenden geleser wird, und zwar so, daß eine Vorleserin vorlicst, während di« übrigen Nachlesen, daß also alle Teilnehmerinnen eie Exemplar der Schrift in Händen haben. An jedes Kapite- kann eine Diskussion ansctzcn. Ergeben sich dabei Unklar, heiten oder tauchen cntgegenstehcndc Meinungen auf, wir) die Verfasserin den Leitern der Tiskussionsabende dankbar sein, für die Ucbermittelung solcher Erfahrungen. Mit ihre« Hilfe würde es möglich werden — sofern sich das als notwendig erweisen sollte —, in späteren Auflagen die Schrift immer vollständiger den Bedürfnissen der proletarische!« Frauenwelt- anznpassen.
Wie alle bisher erschienenen Broschüren der Sozialdemokratischen Franenbibliothek, so wird auch diese bei Massen- bezug durch die Organisation von der Buchhandlung Vori wävts zum Preise von 8 Pfg. geliefert.


