worben und Somit auf dem rechten Wege zur Heilung der Schäden, die durch unvernünftig unterdrückte oder auf falsche Wege geleitete Geschlechtlichkeit hcrvorgcrufcu wurden. Wir sind Somit wieder leichter in die Lage versetzt, in natürliche Bahnen zu kommen.
Zu dieser Freiheit der Anschauungen auf dem Gebiet des Geschlechtslebens zu gelangen ivar nicht leicht,, „Betrachten wir an einem Beispiel, wie der Versuch eines weitblickenden Gelehrten ab- .lief, um die Wende des siebzehnten Jahrhunderts die sexuelle Frage wenn auch nicht in aller Form aufs Tapet zu bringen, so doch unbefangen zu streifen, Pierre Bayle gab anno 1007, als er selber fünfzig Jahre alt war, seinen Dictionnaire historique et critique heraus, ein gigantisches Werk gelehrten Fleißes in vier eng bedruckte» Folianten, bas für alle späteren Enzyklopädien vorbildlich geworden ist und in alphabetischer Reihenfolge die wichtigsten Fragen des damaligen allgemeinen Wissens behandelte. Es ist klar, daß in solchem Werke unter anderem juristische, mythologische und geschichtliche Dinge berührt werden mußten, die .ins Sexuelle hinüberspielten. Darob Geschrei und Entsetzen auf der ganzen Linie der Perückcnträgcr, Eine Flutwelle von Beschimpfungen brach Uber den Verfasser herein. Wie konnte er den „Schmutz" aus der Gosse sammeln, ein wissenschaftliches Werk zur Kloake machen, die Gemüter der llnschuldigen vergiften usw,! Bayle aber zog tapfer vom Leder, Er gab einer späteren Auslage einen Anhang bei „lieber die Obszönität", in dem er die Heuchler nur so nieder- säbclle. Er wies nach, daß die Sexualität im Hirn sitze und mit uns geboren werde, was jetzt eben erst die Frcudsche Schule der Scclenforschung von neuem ermittelt hat. Er wies itach, das; es ganz unmöglich sei, erotische Vorstellungen zu vermeiden, weil sie von innen heraus und von selber entstehen. Wer die Ascxualität so sportmäßig betreibe, daß er jede und jede obszöne Vorstellung von der Psyche fernhaltcn wolle, der müsse nicht nur taub und blind werden, sondern sich ans der Hirnrinde alle „diesbezüglichen" Er- inncrungsbikder hcranstrcpanicren lassen. Solange man noch alles, ivas da fleugt und kreucht, mit Auge» ivahrnimmt, solange man mehr als drei Dutzend Wörter einer Sprache versteht: so lange sei auch die Möglichkeit eines aiexucllen Vorstcllungslebens ein frommer Wunsch, Dem Bcwußtwerdcn der Begriffe stehen wir machtlos gegenüber, sobald uns die Sinne von irgend einem adäquaten Objekt einen Eindruck übermittelt haben. Der eigene Wille sei dabei vollkommen ausgeschaltet. Wäre für die Sittlichkeit das Vermeiden solcher Eindrücke Lebcnsbedingung, so müßte er entschieden vom Kirchcnbcsuch abratcn: da werben Fehltritte getadelt, Verlöbnisse verkündet, vor der Begierde nach des Nächsten Weib gewarnt und so fort. Sei das nicht Anstoß zu weiteren Gedanken, die niemand verhindern könne? Ucberhaupt sührt er an anderer Stelle aus, fei die angeblich sittlichere Sprache der Gegner, ja das Wortgctuc der Prüden und Preziosen nur eine Maske, Begriff und Vorstellung seien immer die gleichen. Früher, in der „guten alten Zeit", habe man „Hure" gesagt, wie die Lateiner alleweil und unbedenklich von „merctrix" sprachen. Jetzt klebe man eine neue Etikette darauf und nenne so eine Person Hofdame, „Kurtisane", Wie lange wird es dauern, bis auch dieser Titel anstößig sein werde? Dann könne man ja, wie cs ein besonders zimperlicher Historiker schon jetzt tue, von Frauen reden, die sich „heiliger Werke enthalten". Ob aber deshalb die Vorstellung von der Sache eine andere sei? Ob der Ausdruck „eheliche Pflichten" eine andere Vorstellung erzeuge als jenes Wort, das Hans Stosfel auf dem Torfe gebrauchen würde? Alle Worte der Sprache seien bloß entweder fein oder ordinär, aber in bezug auf die Jdecnassoziationcn gleichwertig. Und dann komme in Betracht: es sei geradezu gerichtsnotorisch, daß wissenschaftliche Werke wie das scinlgc nicht den Vereinskränzchcn konfirmierter Jungfrauen als Lesestoff zu dienen pflegen und daß cs etivas anderes sei, ob ein erwachsener Mensch mit Willen ein derartiges Buch kaufe ober ob man etwa eine Dame, die gar nicht begehrt, in ihren Gedanken auf einen gewissen Punkt gelenkt zu werden, im Salongcspräch mit der Darstellung eines sexuelle» Themas belästigt, das vielleicht in jenem Buche durchaus am Platze ist," Bayle hat nun allerdings an der Wende des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gelebt. Aber die falsche Schamhastigkeit hat bis in die neueste Zeit geherrscht und cs ist nicht sehr lange her, daß die medizinische Wissenschaft, die Hygiene und der wachsende Rationalismus in Leben und Wissenschaft die Lust von den Schwaden der Heuchelei und der Geheimtuerei etwas gereinigt haben. Aber die Widerstände der alten Mächte sind noch immer stark. <Man denke an die Lex Heinz« in Deutschland und ähnliches,)
Das vorliegende Werk nun ist schon durch die streng wissenschaftliche Behanblnna des Stoffes daraus angelegt, die Schilderung des Weibes als Gcschlcchtswcscn lm Kulturleben der Menschheit so darznlcgcn, daß wir aus ihr Erkenntnisse allgemeiner Art ziehen. Denn wie immer die weitere Entwicklung der menschliche» Gesellschaft vor sich gehen möge, welche Stellung die Frau immer innerhalb der Gesellschaftsordnung erringen möge, immer wird sie ihre geschlechtliche Art behalten und dadurch schon ein« ewige, in ihrem Wesen begründete VorrechtsstcUnng behaupte». Diese Stellung wird im gewissen Sinne immer eine Hcrrschastsmacht bedeuten, freilich in der Zukunft in vielleicht ganz anderer Form als heute. Tenn heute muß sie sich diese Herrschaft auch durch Selbstentwürdi- gung erkaufen, in der freien Gesellschaft der Zukunft wird sie begründet sein auf ihrem eigenen Wert und ihrer eigenen Würde.
Neben dem vortrcsslichen Text ist das Bild eine hervorragende Zierde dieses Buck>es, A, Kind lgrt den Text geliefert, E, Fuchs fat den Jllustrationsstoss ausgcivählt. Er hat mit seiner i» demselben Verlag schon früher crschincncn „Sittengeschichte" bewiesen, wie sehr SS über den gesamten Bildstoss unterrichtet ist und wie sehr er
es versteht, das Eharaktcristischc ausznwählcn, Das schon in diesem großen Werke bewiesene Geschick betätigt er hier auss neue. Er bietet uns von den ersten und bedeutendsten Kunsterscheinungen der verschiedenen Zeiten prächtig ansgcführte Proben und geht mit Recht bis zu bezeichnenden Zeitkarlkaturen, So ist dieses Werk ein« Ergänzung der „Sittengeschichte". Die Nachbildungen sind auf das geschnwckvoliste hergestellt, sowohl was die großen selbständigen Blätter als die im Texte eingestrcuten Bilder anlangt,
,_ (W. ^lrb.-Ztg.)
Aus Well ititb Leöeil.
Speise», die man nicht mehr ißt. Wie der Geschmack über- Haupt, so ist auch der Geschmack im eigentlichen Sinne des Wortes, nämlich der der Zunge, einem ewigen Wechsel unterworfen. Die Kunst der Küche hebt Speisen auf den Ehrenplatz der Tafel, die dann ein späteres Geschlecht achtlos und für immer in die Tiefen der Vergessenheit fallen läßt. Die „Knnstiverke" der Gaumcn- knltur, die aus den hohen Schulen der mittelalterlichen Kochkunst, den Klöstern, hcrvvrgingen, verlangten einen guten Magen und eine ausgepichte Zunge, Solch ein deutsches Klosterkochbuch vor 300 Jahren, ivie cs erst kürzlich bei einem Klvstcrabbruch in Leipzig in einer verniaucrten Nische gesunden wurde, wartete mit ganzen Auerochsen und Elentieren in Wcinsod auf, ließ die Pfauen im vollen Schmuck ihrer Federn braten, wobei das Gefieder durch oft genetzte Tücher während der Drehungen am Spieße geschützt wurde. An starken Gewürzen fehlte cs nicht, und der Schlund ivurde erst durch Bcrtrani, Myrtenbcercn, Pfeffer und Safran tüchkig gereizt, bevor man die brennende Zunge durch einen tüchtigen Trunk oder ein „schwebend Gallart" kühlte. Die Gelees beherrschten lange die Tafel, Das Nürnberger „Kllchcnmaysteray- Buch" von 1531 nennt ein solches „Galrabt" von gepreßtem Schwcinskopf „ein höfliches Essen" und rät für seine Bereitung sonderbare „Talse" an, „aus Agrcst, Raute, Ampfer, Knoblauch, Zymctplüt und Bumeranzcn". Andere Fleisch- oder Fischgelees wurden durch „ein gerecht Schäflciu", d, h, ein feines Sieb, getrieben und in phantastische Formen gestürzt. Ilcbcrhanpt legte man aus die äußere Gestalt der Speisen ein großes Gewicht, und so gab es künstlich gefärbte Schaugcrichte, die nicht nur durch Bestreichen mit Hvnigwasser und Schaumgold herrlich glänzten, sondern auch in bunten Farben prangten. Eine „gcschachzabelte Torte" stellte man z. B, mit fünf Feldern her, indem man die geschlagenen Eier mit Safran, Petersilie, Kornblume», Rosen und brauner Butter färbte, und das „Osnabrückcr historische Kochbuch" gibt ein „blaues Mohs" an, einen Reiscream, der aus Kornblumen gewonnen wurde. Solche künstliche» Zutaten erweckten sogar den Hohn, und eine Würzburger Pergatncnthandschrift des 14. Jahrhunderts rät den Feinschmeckern „ein gut lecker Köstlein" aus StichlingSmagcn und Mückcnfüßen, aus Meisenbeincn und Lo- vinkenzungen an. In Ghnlichcr Weise empfahl der große Koch La Varcnne ein wundervolles Gebäck ans Butter, Salz, Pfeffer und — Ofcnruß.
* Hesundljeitspffeqe.
Die Verhütung von Runzeln. Wenn das Alter naht, so nimmt, ivie dies insbesondere bei mageren Menschen der Fall ist, die Elastizität der Gesichtshaut ab, sic wird schloss und weit und cs entstehen die bedenklichen Fallen und Runzeln der Haut, die als Altersboten sehr ungern gesehen werden. Wie SanitälSrat Jcßner in seinem Buche „Kosmetische Hantlctdcn" sWürzburg, Kabihsch) aussührt, geschieht dies bei deni einen Menschen früher, bei deni andern später, je nach Anlage und Lebensweise. Ruhiges Leben, tüchtige Körperbewegung. reichlicher Schlaf, vcrnünstigc Ernährung, sorgcnsrcics Dasein sind die besten Vorbeugungsmittel der gesürchtcteu Runzeln, die aber wenige anwcndcn können und anwenden wollen. Es gibt aber auch Fälle, in denen vor der Zeit, in relativ jungen Jahren, Runzeln und Falten, insbesondere um die Augenlider, sich bilde», ohne daß Lebenssehlcr nachweisbar sind. Allerdings sprechen oft Sorgen und Kummer mit.
Kür Kaus imb Kof.
Schont Leu Maulwurs! Er ist im allgemeinen ein nützliches Tier, Wo er aber, wie in Gärte», durch Ausweisen von Hügeln unangenehm wird, sei folgendes Mittel, ihn ohne T ö t u n g zu vertreiben, bestens empfohlen: Denn der Maulwurf einen Hügel aufgeworfen hat, ebne man denselben und stecke in die Lausrohre einen mit Petroleum getränkten Lappe», der Geruch vertreibt dann die Tiere. Maulwürfe zu töten, um aus ihnen Pelz- werk herzustellen, ist ein Frevel, der sich, im Großen betrieben, an den Feldern bitter rächt.


