Ausgabe 
15.5.1914
 
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Arauenemanzipation und Hrassenl-ygien.

Es kann nicht Wunder nehmen, daß ein so wichtiges Problem, wie die moderne Frauenbewegung, von unseren Rassenhygienikern unter die kritische Lupe genommen wird, und daß man festzustellen sucht, ob diese für die Rasscn- hygiene ein günstiges oder ungünstiges Moment darstellt. Meist lauten die Urteile ablehnend. So glaubt Reibmayer, daß die heutige Frauenemanzipation bis zu einem gewissen Grad der natürlichen Ausmerze ungeeigneter Individuen entspricht. Sie kommen nur in Zeiten eines Degenerations- Prozesses zur Entstehung, welche ja gewöhnlich mit Wirtschaft- lich abnormen Zuständen kombiniert sind. In gesunden Zeiten haben die Frauen auch bei schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen nie das Bedürfnis, ihre geschützte Stellung in der Familie zu verlassen, sich in den Kampf ums Dasein zu stürzen und in Konkurrenz mit dem Mann zu treten. Diese; abnorme, unnatürliche Trieb ist aber eines jener merk­würdigen Mittel der Natur, die Vermehrung degenerierender Individuen zu verhüten und sie zur Ausmerze zu bringen. M. Dieze findet die Grundursache der Früucnemanzipation in der Ungebundcnheit, der Sucht nach Wohlleben und sinn­lichen Vergnügungen der männlichen Jugend. Ein im zermürbenden Erwerbsleben abgcarbcitetes, schlecht ernährtes und schlecht gepflegtes Weib kann keine gesunde Rasse ver- erben. Das Weib, in den wirtschaftlichen Kampf gezogen, degeneriert noch rascher als der Mann. Die moderne Frauen­bewegung wird eine gesunde Generation der Zukunft schuldig bleiben. Sie sollte sich zur Aufgabe machen, die Ehe be­festigen zu helfen, sie sollte nicht ihre Bestrebungen darin erfüllt sehen, die Frauenwelt in die Männerberuse hineinzn- drängcn. Die Männer müßten sich organisieren, um mit vereinten Kräften eine Bezahlung für ihre Arbeitsleistung zu erzielen, die für die Bestreitung des eigenen Haushaltes mit Weib und Kindern erforderlich ist. Der Gelderwerb sei allein Sache des freien Mannes, denn ein Weib liebt im Grunde seiner Seele die Lohnarbeit nicht. Hans Tehlinger findet, daß man in den Ländern, wo die Frauenemanzipation am meisten vorgeschritten ist, die meisten männlichen Frauen­typen findet. Die Frauenemanzipationsbewegung kann nur verschwinden, wenn die Verhältnisse wieder jene Personen am meisten begünstigen, die ein starkes Muttergcfühl haben. Das beste Mittel, die Geburtenziffer zu heben, ist eine Steigerung der Produktivität der Männerarbcit, die de: Frau die Rückkehr ins Haus und zur Mutterschaft ermög­lichen würde. Damit würde die Wertschätzung der Frau als Mutter steigen und die Wertschätzung von weiblichen Per­sonen müßte sinken, bei denen der Trieb zur Mutterschaft schwach entwickelt ist, die cs vorziehcn^ mit dem Mann aut wirtschaftlichen! und politischem Gebiet in Wettbewerb zu treten. Demgegenüber glaubt Dr. Goldstein in Königsberg, daß die Fraueneinanzipation für die Rasse nicht schädlich sei, weil in der zweckmäßigen Mitarbeit der Frau mit dem Manne ein hoher Vorteil für die Rasse liege.

Die Wciöerfierrschaft.

Männer haben, nach der herrschenden Ansicht, die Weltge­schichte gemacht. Sic waren die Herrscher, die Heerführer, die Träger der Wisienschast. die Ausiiber der Kunst. Wo in diesen Be­ziehungen eine Frau austritt. gilt sie immer als eine Ausnahnic von der Regel. Es mag daher als sonderbar erscheinen, bah in einem großen Werke von der Wciberhcrrschaft gewindelt wird.*) Es ist hier natürlich von der Macht die Rede, die das Weib als Gcschlcchts- wesen in den verschiedenen Stufen der menschlichen Entwicklungs- geschichtc ansgeübt hat, die selbstverständlich immer gleich groß ge­wesen ist. Dabei Ist cs völlig gleichgiltig, ob die jeweilige Periode, wie man zu sagen pflegt,sittlich" oderausschweifend" war, höchstens baß die Formen des geschlechtlichen Lebens eine gewisse äußerlich geändert« Art dieser Macht vortänschen. Mit einer ge­wissen Beschränkung kann man also mit Fug und Recht von einer Wciberherrschaft reden, denn einer der stärksten menschlichen Triebe, der GcschlechtStrieb, hat immer «ine große Rolle gespielt.

Die alten, vorchristlichen Kulturen haben sich in naiver Er­fassung des Geschlechtslebens von aller Muckcrei ferngehalten. Ter

*> Eduard Fuchs und Alfred Kind. Die Weiberherrschast in der Geschichte der Menschheit. Mit 666 Tertillustrationen uni 90 Beilagen. München. A. Langen. 1. vd., X, l348 S., 2. Bd. 849712 S. GO. 40 M, '

Zeugungstricb war nicht religiös geheiligt, seine Symbole wurden gewöhnlich öffentlich verehrt. Das waren nach christlicher Auf­fassungunsittliche" Zeiten. Aber das Christentum hat doch nicht recht Wandel erzeugen können. Aber es hat der europäischen Mensch­heit die naive Offenheit geraubt und die natürliche Freude am Ge­schlecht, indem es sie ächtet«, ins Verborgen- getrieben. Di« christ­liche Askese hat zwarHeilige" gemacht, die die Sinnenfreude flohen und dabei vielfach in das Laster des Schmutzes verfielen, aber sie auszurotten war sie nicht imstande. Ja die christlick,« Ohrenbeicht« gab den Priestern vielfach Gelegenheit, pflichtgemäß, wie sic meinten, i» die Abgründe des Geschlechtslebens einzubringcn. War der Sinncngenuß überhaupt eine Sünde, so mußte man ihr nachforschen bis in ihre letzten Winkel.Das ganze Dase'u mit all seivem Tun und Lassen mußte durchdrungen, erforscht, kb'-tzitet und sc nach Be­darf unterdrückt oder angefpornt werden. Für den Priester stellt« cs sich bald heraus, wie vielfach und verschlungen die Motive menschlichen Handelns aufs Geschlechtlich« zurückgehen, wie hier vielleicht der stärkste Hebel anzusehen sei. Nicht jedes Mitglied der Gemeinde kommt zu Gewisscnsqual und Reue, weil «S Mord und Totschlag verübte oder Tiedstahl und Unterschlagung oder auch nur, weil cs verleumdet« oder falsches Muß gab Aber jeder kam in Kollision mit dersündigen Fleischeslust". Das Gebiet war umso wichtiger, als es sich bcini näheren Studium als höchst mannigfaltig herausstellte und der Richter wohl immer in der eigenen Subjek­tivität befangen war. lieber andere ethische Konflikt« zu urteilen war ein leichtes. Aber die Interna des eheliche» Lagers oder die ersten erotischen Gcdankenrcgungen einer Jungsrau svon denen die heutige außerkatholische Moral will, daß sie keinen Tritten was anzugchen haben), die machten zuerst ein ratloses Kopfzerbrechen. Das Ingenium der Jesuiten überivanb auch diese Schwierigkeiten und schuf zum erstenmal, wenn wir von den antiken und orien­talischen Jahrbüchern der sogenannten Liebeskunst absehen, eine richtige Scxnalwissenschast, deren tatsächliche Feststellungen uns ebensoviel Anerkennung abnötigtcn, wie uns der ganze Zweck der Hebung und die unglaublich sinnenfeindliche Tendenz empören. Elarct, Tebreyne, Liguori, Gury, Sunchez, Busenbaum sind ein paar der Hauptmatadore dieser lateinisch geschriebenen Theologia moralis, aus der sich noch heute die angehenden jungen Priester in den Seminaren über alle möglichen und, man kann beinahe sagen, unmöglichen Einzelheiten deS Sexuallebens unterrichten, um vor- kommendensalls zu wissen, wie über die Angelegenheit zu entscheiden ist... Es liegt in der Natur der Sache, daß dieses priesterliche Wissen vom menschlichen GeschlechtSlcbcm niemals Gegenstand einer allgemeinen und öffentlichen Diskussion gewesen ist. Jeder einzelne wurde zivar in der Beichte ausgefragt, während beute in der ärzt­lichen Sprechstunde nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Gesamtheit zur psychischen Untersuchung kommt und noch dazu alles Patienten", die entweder unter einem Extrem der erotischen Ver­anlagung leide» oder wegen eines Verstoßes gegen die Sittlichkeits- Paragraphen des Strafgesetzbuches ein Gutachten über die beliebte vorübergehende Störung der Geistestäiigkcit uachsuchen. Aber das priesterliche Wissen ist immer ein Gcheimwissen geblieben, das dem Laien ebensowenig z,Island wie das Lesen der Bibel. Kein Wunder, daß das Römertum in unserem Gcisteslcbc» sich heftig gegen solche Diskussionen erhebt, weil es sich in seinem Alleinbesiv geschädigt sieht, genau so, wie die Geheimbünde der Südsec, zum Beispiel der Tuk-Tuk, den Uneingeweihten bei Todesstrafe verbieten, hinter das Abrakadabra ihrer Maskenzeremonien zu kommen."

Die moderne Welt steht den Gcschlechtsfragcn aller Art viel freier gegenüber als das Mittelalter. Es wäre aber falsch, zu glauben, daß daS Mittelalter sittlicher gewesen wäre als etwa unsere Zeit. Trotz kirchlicher Bekämpfung desFleisches" hat sich dieses im Mittelalter noch immer offen und ösfentlich ausgelebt. Das be­weist die Literatur, das beweisen Baulichkeiten und Denkmäler sman denke an bildliche Darstellungen >.n der Außenseite der Sebal- duSkirche in Nürnberg). DaS Fleisch war stärker als die Lehre, nicht allein an den Rittcrhöfen sznm Beispiel insbesondere der Provence), sondern auch bei den Bürgern in den Städten und bet den Bauern auf dem Lande. Heute debattiert man über die Zu­lassung oder bas Verbot sogenannter össcntiichcr Häuser. Im Mittelalter hatte jede Stadt, die etivas auf sich hielt gewöhnlich in eigener Verwaltung ein Freudenhaus, und wenn groß« Herren kamen, stellten sie cs ihnen wohl unentgeltlich zur Verfügung. Daran änderte auch die Marienverchrung nichts. Tenn diese er­richtete zwar ein neues Ideal der Jungfräulichkeit, aber so sehr dieses geeignet war, den Gedanken der Askese zu fördern, so erwies sich der Kcschlechtstrieb doch stärker als die Idee. Außerdem führte dieses Ideal ein neues Moment in das Gcscllschastslcben, insbe­sondere der ritterlichen Stände «in: die allgemeine Frauenver- chrung, die in dieser Gestaltung nur km westeuropäischen Kultur­leben sich vorfinbct. Von der allgemeinen Frauenvcrchrung ließ sich der Gedanke des Geschlechts niemals trennen, höchstens daß er in seinen verschiedenen Aeußernngen eine verfeinerte Form an­nahm. Im allgemeinen blieb die Sinnenfreude aufrecht, sie wurde offen zur Schau getragen und erst cingedämmt durch die furchtbar« Franzosenkrankheit, die Las Eingehen der meisten so zahlreichen Babcstuben zur Folge hatte, die legitim« Stätten frohen Geschlechts­verkehrs gewesen waren. Tenn Ende des sechzehnten Jahrhunderts war halb Westeuropa von dieser Krankheit verseucht. Und gewiß ist sie heute noch die wirksamste Abhaltung. Es wurde je länger je mehr unschicklich, von dieser Krankheit zu sprechen (Ulrich von Hutten und Benvenuto Ecllini, später Easanova tun eS noch ganz naiv). Erst die neueste Gegenwart ist da wieder freier geworden und erörtert diese Seuche wie die Frage der Prostitution ln vollster Oeffentlichkcit. Wir sinh aller Scheu und Heimlichkeit ledig ge-