Ausgabe 
15.5.1914
 
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Las Zaus jeder Hebamme und jedes Geburtshelfers bis zur Errichtung eines allgemeinen Geburtshauses für diese Un- glücklichen ein Zufluchtsort sein und zwar soll jede Hebamme, die eine solche aufnimmt, die Bewirtung und Beköstigung sowie die Entbindungskosten vom Staate vergütet erhalten Die Kinder der ehelosen bedürftigen Mütter abersollen als Weisenkinder oder Stiefkinder des Staates angesehen, und unter kinderlose unfruchtbare Eheleute, wie in dem VI. Gesetz geboten ist, zur Erziehung verteilt werden".

Der Gesetzentwurf Mais wäre vielleicht zur Annahme gelangt, denn der damalige bayerische Kurfürst Max Josef stand ihm sehr freundlich gegenüber, wenn nicht die politi- schon Umwälzungen der Zeit, die Heidelberg an Baden fallen ließen und so Mai einen anderen Landesfürsten gaben, dem im Wege gestanden hätten.

Leider dauerte es trotz des Eintretens all dieser Männer noch dreivicrtel Jahrhunderte, bis im Jahre 1877 in der Schweiz der erste gesetzliche Mutterschutz eingeführt, und sogar bis zum Jahre 1883, bis in Deutschland im Anschluß an die Krankenversicherung der Beginn einer staatlichen Mutter­schaftsversicherung zögernd in die Wege geleitet wurde.

Aie ^SmiDciiüofontc *).

Eine Frühjahrsbetrachtung f!ir soziale Leute.

Von Paul West heim sBerlln).

Vomsozialen Grün", von Volksparks mit Bürgerwiese», Planschbecken, Spiel- und Sportplätze» ist nun auch bei uns ersrcu- lich oft die Red«. Die großen Städte dehnen sich, Straße reiht sich an Stratze, Haus pfercht sich an Haus, das Land mit feinem Wachsen und Blühen wird immer weiter aufgesogcn von dem wuchernden Stcinmecr. Menschen leben da, gehen ihren Gesck>äften nach, ver­dienen Geld, gründen «inen Hausstand, haben Frau und Kind, und bei allem Komfort haben ste fauch wenn sic kein Wort darüber ver­lieren) bas Gefühl, als ob ihnen etwas fehle, etwas gleicherweise für Leib und Seele Unentbehrliches: die freie Gottcsnatur, die

grünt und blüht, die lebt und Lebende verjüngt. Jedes Frühjahr, wenn über die Brandmauern hinweg die ersten Sonnenstrahlen in die Höfe ihrer Mietshäuser hincinblinzcln, geht durch die ver­steinerte Großstadtmcnschheit ein Aufzncken. Wie Erinnerungen aus der Kindheit, wie ferne Ahnungen, die vom Vater und Groß­vater her noch im Blut pulse», konimen Feld und Wiese und Wald auf einmal herein in ihre Phantasie, füllen sie mit Wünschen und Sehnsüchten, machen sic gierig nach einem Grashalm, einem Pflänz­chen, das für sie, für ihr Auge nur wächst.

Nun erst fühlen sie sich als die Entwurzelten. Und wie bas Samenkorn, das ein widriger Wind auf allzu steinigen Grund ver­weht hat, beginnen auch sic nach dem Fleckchen irgendwie noch er­reichbarer Erde auszugrcifcn. Rührend, wie das mit jedem über­flüssigen Groschen hinauszieht an das Wasser, in den vorläufig noch nicht abgeholztcn Wald. Rührender noch die Anstrengungen, die gerade die kleinen Leute machen, um ein winziges bißchen lebenden Grüns vor sich zu haben. Wo sie hinauflangcn können über die ihnen gesetzte Baufluchtlinie und sei cs auch nur die Handbreite eines Balkons da reizt es sie. ihr Schicksal zu betrügen, sich mit ein paar Stcngclchen Wein, ein paar rankenden Bohnen oder etlichen blühenden Töpfe» aus ihrer Mietskafcrncneristenz herauszuillusio- nieren. Vielleicht besser und liebevoller als ein Kind wird das bißchen Kraut Tag um Tag. morgens und abends besorgt. Die große, für die meisten nie erfüllte Sehnsucht aber sind ei» paar Quadratmeter wirklicher Erde, heißt in dieser Welt Laubenkolonie.

Irgendwo nach der Peripherie der Stadt zu ist ein Stück Land den Maurern entgangen, die Entwicklung hat den Weg zu dem Terrain noch nicht genommen, «in Spekulant will warte», bis auch diese Gegend für die hoben Preise reif geworden ist oder was sonst für Gründe es für eine liegen gebliebene Parzelle gibt. Dieser Zwischenraum zwischen zwei Brandmauern wird der Sommcrluxus der kleinen Leute. Die pachten ihn, fangen an zu düngen, zu jäten, zu graben, zu pflanzen, zimmern sich, wenn di« gröbste Arbeit ge­tan ist, aus ein paar Latten eine Laube und erleben nun mit de» anderen Kolonisten, die Teil habe» an dem Fetzen Land, von: Saat­korn bis zum Erntefest die Wunder des trächtigen Bodens. Tie Laube ist stärker als Kasse und Kneipe, macht glücklicher als Kino und derlei Ergötzungen. Aber das Glück ist vergänglich. Eines Tages, noch che das Kartoffclbcct abgcerniet, noch che ein Bäumchen sein« paar Früchte getragen, ist die Parzelle verkauft und die Kolonie muß wandern weiter hinaus an eine Stelle, die, wie man hofft, in ein paar Jahren erst von den Bauleuten ausgcschachtct werden wird.

Das ist bas tnpischc Schicksal der Laubenkolonie. Die Leute wissen es steht ja deutlich genug in ihren Pachtkoutraktcn daß sse jeden Tag, den der Herr schicken mag, ohne die Wimpern zu

*) Harry Maas,:Ter Deutsche Volkspark der Zukunft

»Laubenkolonie und Grünfläche". Frankfurt a. O., Trowitzsch u. Sohn.

zucken, ohne Entschädigung aus ihrem Gärtchen vertrieben werden können, wissen, daß sie In diesem Falle die Kosten für di« Aussaat und den etwaigen kleinen Gewinn ohne weiteres elnbllße», was alles ste aber doch nicht abhalten kann, immer wieder das Grabscheit anzu- setzcn und immer wieder elendigen Großstädtboden urbar zu machen. Sie werden von Zwischenpächtern auf alle Weise bedrängt: die Poli­zei sicht in ihnen ein besonderes Objekt für ihre Reglementierungen. Es wird verboten, die Lauben häuslich einzurichten, in ihnen zu kochen, zu schlafe» und am Sonntag, der den Leuten für ihre Gartcu- bestelluug recht eigentlich geschenkt Ist, darf aus dem Ländchen nicht gearbeitet werden. Trotzdem lassen sie sich's nicht verdrießen, trotz­dem suchen sie sich für jeden Sommer wieder ein Plätzchen tm Freien.

Dieses Laubenleben ist eine deutsche Eigentümlichkeit. Schon in den mittelalterlichen Stadtgemeinden hatte der Bürger vor den Festungstorcn Gartenland: die Frelweidc», di« Gänse-Anger,

Vogelwiesen, Brinks und dergleichen gehabt. Das Bearbeiten eines solchen Gärtchens entspricht unserem Volkscharakter vielleicht mehr als bas Leben auf den Spiel- und Sportplätzen, das die Leidenschaft der Engländer und Amerikaner ist, die wir ja schon angesangeu haben, uns zum Vorbild zu nehmen. Aber die Laubenkolonie, dieses merkwürdige Dokument einer trotz Fabriken und Werkstätten noch nicht ganz erloschenen Liebe zur Natur, kennen unsere Städte­bauer nicht. Sie sehen in ihr so etwas wie ei» nicht wegzutilgendes Nebel. Gewiß, so sehr feudal, so besonders prachtvoll wie die Prachtstraben, für die unsere Stabtbaunieister schwärmen, muten ste nicht an. Die Lauben sind oft mehr als provisorisch: unangenehme Gerüche werden entwickelt usw.: das alles aber sind zum größten Teil doch nur Folgen des provisorische» Charakters dieser Siede« lungen. In ihrem Grün könnte man vielleicht ein« gar nicht reiz­lose Bereicherung des Großstadtbildcs habe», wenn es gelänge, ihnen eine gewisse Dauerhaftigkeit zu geben, sie als etwas organisch Gegebenes in das Stadtbild einzubcziehen.

Ein Gedanke, für den ein Büchlein:Laubenkolonie und Grün­fläche" des Lübecker Gartcndirektors Harry Maaß werben möchte Ei» Gedanke, der sich unschwer verwirklichen ließe von allen Kom- munen. die wo wäre das heute nicht das Ziel? bestrebt sind, einen Teil des vorhandenen Bodens in ihrer Hand zu haben und zu behalten. In den dichter bevölkerten Quartieren, die sowieso ja über die sbekanntlich nicht allzu billig zu unterhaltenden) Parks und Spielplätze hinaus nach Grünflächen verlangen, könnte man von diesen Kolonisten noch ein paarLungen" mehr anlegcn lassen. Maas; macht in einer Reihe von Planskizzcu sehr hübsche Vorschläge, wie diese Laubenanlaaen geradezu zur Erweiterung der städtischen Grünanlagen bienen könnten. Ilm eine Bürgerwiese oder einen Spielplatz legt er sie wie einen Gürtel herum. Einen Gürtel, der gewiß sympathischer anmutct als der Kranz von Mietskasernen, der diese Anlage» heute zu umschließen pflegt ltnb der der Stadt eigent­lich nichts kosten würde. Diese Leute sollen nämlich nichts geschenkt erhalten, ste zahlen wie jetzt auch ihre Pacht, durch die, wie hier ati einem Beispiel berechnet worden ist, bei dem normal zu nennenden Jahreszins von 18 Psennigcn für das Quadratmeter anßer den llnterhaltiingskostcn das Anlagekapital mit 4 Prozent verzinst und in 55 Jahre» amortisiert ivird, ja, durch die sich sogar vom 55. Jahre ab noch ein Reingewinn von über 40 000 Mark ergäbe. Die. Schrebcrvercine in Leipzig, die in ihren 15 000 Kleingärten nicht iveniger als 60100 000 Großstadtmenschc» gesunde Beschäftigung in frischer Luft bieten, haben einmal scstgestclli, baß für eine städtische Parkanlage in der Größe Ihrer Schrebergärten nicht iveniger als 400 000 Mark, abgesehen von 36 000 Mark jährlicher Unterhaltungskosten, gebraucht würden, wohingegen ihre Laubcn- gärten nicht nur keine Unterhaltung kostcicn, sondern sogar noch eine Pachteinnahme von 1520 000 Mark cinbrächten. Das einzige, ivas den Leuten gewährleistet werden soll, ist eine gewisse Sicher­heit in ihrem Pachtverhältnis, eine Stetigkeit, bi« ihnen erlaubt, auch aus Jahre hinaus Aufwendungen zu machen. Aufgabe der städtischen Parkvcrwaltungcu aber wäre es, diese Kleingärten derart zu organisieren, daß sic über ihre soziale und hygienische Zweck- funktion hinaus zu einem ansprechenden Schmuckwert würden. Bei aller Freiheit, die für den einzelnen Besitzer unbedingt zu fordern ist, könnten einheitliche Hecken angelegt, könnten in rhythmischer Folge größere Bäume gepflanzt werden. Die Wege entlang könnten Steinobst-Alleen entstehen, die im Frühjahr allen Stadtbewohnern zur Freude zu blühen anfangen würden, lind das alles brauchte sich nicht einmal auf die nnteren Klassen z» beschränken. Wie viel« aus dem sogenannten Mittelstand wären froh, so «in paar Quadrat­meter Garten für sich und ihre Kinder zu haben.

Statt dessen geht in unseren Kommunen die Siebelungspolitik gegen diese Laubcngärten. Am liebsten möchte man sie gar nicht auskommcn lasse». Und da di« Leute, die nichts anderes wollen, als ein paar Blumen und etwas eigenen Kohl pflanzen, als den Sommer über ein bißchen frische Lust einatmen, nicht zu den Schreiern gehören, haben die Stadtväter Besseres z» tun, als sich um solche Sehnsüchte zu kümmern. Tie Steinwüst« aber, die diese soziale Not erzeugt, die diesen Grllnhungcr entfesselt hat, wird aus sich heraus früher oder später Abhilfe schaffen müssen. Deshalb ist cs Sache aller sozial gesinnten Stadtmenschcn, diesen Leuten beizu« stehen in ihrem Kampf um ihr armseliges Fleckchen Laubenlaird.

sFrankf. Ztg.)