Ausgabe 
8.5.1914
 
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Die Zeit verstrich. Von dem kleine» Gcbirgsdorf sah man nur noch einige Schornsteine; der Winter hatte die Häuser mit einer ivcisie» Decke vollkommen cingchlillt. Ich lernte das Rodeln und fand Gefallen an den wöchentlichen Ausflügen in die tief verschneiten Berge hinein.

Stundenlang konnte ich, cingcwickclt in Pelze, auf dem Liege- stuhl zubringen, und wenn die Schneeflocken neckisch in Nase und Ohr hineinkrochen, da kannte ich kein Verlangen nach großstädtischen Genüssen.

Der schnelle Tod einer Kranken brachte große Unruhe und Auf­regung unter die Patientinnen. Jede glaubte, ihr letztes Stiindlcin habe nun geschlagen. Choralgesänge und traurige Volksweisen schallten kurze Zeit durch das Haus. Als aber eines Tages die Oberin nach dem Mittagessen verschiedene Stellenangebote bckannt- gab, da war die Tote, die man kaum gekannt und der man so viele Tränen nachgcwcint hatte, schon vergessen. Tie Frau Apotheker B. im Ort und die Frau Gutsbesitzer <5. im Nachbardorf und noch einige andere Frauen suchten tüchtige, fleißige Dienstmädchen, denen sie bei mäßigem Lohn ante Behandlung zusichertcn. Und wenn auch die Oberin noch so viel Rühmliches von den Frauen zu erzählen wußte, die Mädchen waren mißtrauisch, es ließ sich keine ködern.

Zwei Monate war ich bereits in der Heilanstalt, als die Schwester von der dritten Station, völlig erschöpft von der über­großen Arbeitslast, zusammcnbrach. Tie Kranke wurde in bas Mutterhaus gebracht und eine andere junge, kräftige Schwester übernahm die Vertretung. Aber nun war guter Rat teuer. Tie Abendandachten mußten ohne begleitendes Harmoniumspiel abgc- haltcn werden, denn nur die Kranke ivar im Spiele geübt. Tie Oberin intonierte, doch ihre eigene Unsicherheit im Gesang übertrug sich auf die kleine Gemeinde. So entstand ein Chaos von Tönen, das nicht gerade lieblich klang. Ta trat man an mich mit der Bitte heran, das Harmoniumspiel bei den Andachten zu übernehmen. Ich ivar's zufrieden. Ta habe ich, d i cH c i d i n", 4 Wochen noch allabendlich die Pedale getreten.

Tann kam auch für mich der Tag des Abschiednchmcns. Ter Klcidersack Nr. 47 lag aus meinem Bett, und ich war froh, wieder meine eigenen Kleider anziehcn zu können. Einige Schwestern brachten kleine Blumensträuße mit an die Bahn und recht vergnügt fuhr ich dem Frühling entgegen, der Großstadt zu.

Tie Landesvcrsschcrungsanstalten vergessen ihre Pfleglinge Nicht. Und wenn mich auch mein Weg viele hundert Kilometer weiter führte, suchte und sand mich die Versicherungsbchördc. Tie wohl zu statistischen Zwecken gestellten Fragen, ob ich noch a m Leben sei und ob die Kur den gewünschten Erfolg gebracht habe, konnte ich glücklicherweise mit einemJa" beantworten.

Meta F i l i p.

Aus Welt und Leöen.

Die sozialdemokratische» Frauen der Schweiz sammeln für eine Masscnpetition an die Strafrechtskommijflon Unterschriften und verlangen Aufhebung des Verbots der freiwilligen Abtreibung. Bereits hat sich der Widersinn der Strafbarkeit von Manipulationen der Frauen am eigenen Körper bei völliger Straflosigkeit der Ver­führer auch im Volksbewußtsein geltend gemacht. So haben die Geschworenen im Kanton Zürich i» vielen Fällen von Abtreibung frcigesprochen, obwohl das Gesetz Gefängnis, ja sogar Zuchthaus vorsieht. Selbstverständlich verlangt die Petition der sozialdemo­kratischen Frauen nur die Straffreiheit der Frauen, die au sich die Abtreibung vornehmen lassen, nicht aber die Straslosigkcit der Kur­pfuscher, die die Acngslc und Unwissenheit der Frauen ausbeutcn. Trotzdem dieses Begehre» allseitig als gerecht anerkannt wird und ie Unterschriftenbogen sich füllen, haben es die katholischen Arbeiter­vereine für notwendig gesunden, gegen dieseunsittliche" Petition zu protestieren. Tie geistlichen Führer dieser Frauen wollen also, daß an Stelle offener ärztlicher Behandlung der Kurpfuscherschwindel weiter blüht denn die Abtreibung selbst können die Gesetze doch Nicht verhüten.

Mutterschastssiirsorge in der Kleinstadt. Tie Sorge sür die Mütter: die werbenden und die nährenden, die in Paris und einigen anderen großen Städten beachtenswerte Einrichtungen geschasfc» hat, ist nicht an die Großstadt gebunden. Das ostsranzösische Städtchen Remire- mont (Tep. Vogesen), das n»r einige 10 000 Einwohner zählt, zeigt, wieviel mit Eifer und Verständnis auch in kleinen Verhältnissen ge­leistet werden kan». Tort entschloß man sich zur Nachahmung des Pariser Vorbildes, um die ungeheuerliche Kindersterblichkeit (1903/04 38 Prozent!) cinzudämmen. 1000 begann man; im August erhielten etwa 15 stillende Mütter freies Mittagessen in einem besonderen Raume des alkoholfreien Restaurants. 1012/13 nahmen 52 Mütter die Speisung in Anspruch. Vom 1. September 1012/13 wurden 10 020 (auf den Tag 30) Mahlzeiten verabfolgt. Die Kosten stellen sich für die Mahlzeit aus 34 Pfennige. Tic Mütter erhalten sie ge­wöhnlich sür 12 bis 15 Monate, bis zur Entwöhnung des Kindes. Gestorben ist nur ein Kind: eine Stcrbcrate von 2 Prozent, während

der allgemeine Satz in der Stabt f. I. 1912 15 Prozent war. Kinderwäsche wurde an 31 Mütter verabfolgt. Ein Wettbewerb wurde veranstaltet, bei dem 6 Preise und 80 Franks bar sür gut- gehaltene Kinder verteilt wurden. Achtmal wurde ärztliche Be­ratung in allgemeinen Zusammenkünften erteilt. Doch besucht der Arzt auch die Spcisehalle und nötigenfalls die Familien. Dank dem verständnisvollen und hingebcndcn Zusammenwirken aller Be­teiligten und der Beihülfe der Gemeinde ist der Beweis erbracht worden, daß es schon heute selbst in kleinen Verhällnisscu möglich ist, die Masscnsterblichkcit der Säuglinge zu banne» und die Grund- läge.sür das Heranwachsen eines kräftigen lind leistungsfähigen Ge­schlechts zu legen.

Ter Ttrcikcngkl von Calumet. Unter diesem Namen kennt man ini Gebiete der streikenden Kupserbcrgleute Michigans ein reiches junges Mädchen aus Ncwyork, Marie Braca, die ihr luxuriöses Heim verlassen hat, um den Streikenden zu Helsen und der Härte des strengen nordwestlichen Winters mit ihnen zu trotzen. An der Newyorker Universität studierte sie Nationalökonomie und bestand alle Examina, worauf sie sich dem rauhen Leben der Vieh- hirtcn des fernen Südwcstens zuwandtc und den ganzen Tag im Sattel zubrachte. In Los Angclos wurde sie durch die Reden Job Harrtmans und die Romane Jack Londons und Upton Sinclairs zum Sozialismus bekehrt, dem sie jetzt dient. Mit Empschluugs- bricfen versehen, reiste sie in bas Streikgebiet, wo sie seit zwei Monaten alle Strapazen der Agitation erträgt, bei bitterer Kälte Schlittensahrte» von 30 Kilometern mache usw. Aus eigene» Mitteln schasste sie Kleidung und Schnhwcrk in großen Mengen für die Frauen und Kinder der Streikenden andie wackersten Frauen und Kinder, die ich je kennen gelernt habe," erklärte sie.

Man weiß, daß unter den amerikanischen Neichen und Ge­bildeten Erscheinungen wie Marie Braca nicht mehr ganz vereinzelt sind. Zählt doch der Sozialismus tausende Anhänger unter Studenten, Professoren und akademischen Berussangehörigen. Sie trennen sich von der Kapitalistenklassc, um ein Teilchen des von ihr verübten Unrechts gutzumachen und die Herbeiführung einer höheren Ordnung vorznbcrcitcn. Zum Ausgleich stehen dem Unternehmer­tum aus der Arbeiterklasse die Pinkertons, Kciling und Konsorten zur Verfügung. Welche Auslese nach oben und unten doch der Klassenkampf vollbringt!

Hesuttdkeitspssege.

Heilung des Keuchhustens durch Tuggession. Prof. Hamburger in Wien stellte in der Gesellschaft der Aerzte in Wien «in 3 Jahre altes Mädchen vor, bas von einem seit 5 Woche» bestehenden Keuch­husten durch Elektrizität in zwei Tagen geheilt wurde. Ter Fall soll ein typisches Beispiel dasllr sein, daß der Keuchhusten, wenn er einmal 5 bis 6 Wochen gedauert hat, sehr häusig nunmehr als eine Nervenkrankheit aufzusassen ist, in der Art, daß die Kinder die Hustenansällc mit allen charakteristischen Eigentümlichkeiten ans reiner Gewohnheit bcibehaltcn, obwohl die eigentliche Krankheit schon geschwunden ist. Man kann daher den Keuchhusten eintcilen in ein Stadium, in dem die Anjällc infolge der Gcivcbsvcrändcrun- gen austreten müssen und in ein Stadium, in welchem sie trotz Ab- hcilnug der organischen Veränderungen aus dem Wege des Reflexes erhalten hleibcn. Das organische Stadium dauert in den »leisten Fällen nicht länger wie 5 oder 0 Wochen, und Prof. Hamburger empfiehlt daher, um diese Zeit eine energische SnggessionSbchand- lnng zu beginnen und dazu eignet sich in ausgezeichneter Weise der farabische Strom. Man kan» dann oft in sehr kurzer Zeit die Häusigkcit der Anfälle wesentlich vermindern und die eigentlichen Kcuchhustc.iansällc ganz zum Schwinden bringe».

Kür Kans und Kof.

I» der Brutzeit der Vogel halte man nicht nur die Katzen, son­dern auch die Kinder von den Nestern sein. Die Vögel dürfen im Brüte» nicht gestört werde», und die Nester müssen »»berührt bleiben. Von den Katze» ist zu sagen, daß diese zwar die natürlichen Feinde der Vögel sind; aber das gibt dem Menschen noch kein Recht, gegen sie uiiincnschlich vorzugchcn, z. B. in Schnappfalle» ihnen die Bcinknochcn zu zerbrechen, und die Tiere stundenlang eingeklemmt liegen zu lassen. Eine ordentliche Peitsche und tüchtige Wasscr- spritzer Helsen schon viel, wenigstens bei Tage. Allerdings bei Nacht sind die Vogelnester gegen die umhcrftreifcnden Katzcii schutzlos, ivcnn man nicht Tornhccken oder Blechslachclkränzc um die Baum­stämme hcruinlcgc» kann, was freilich nur die Hochbrütcr zu sichern vermag. Hier muß noch die Gesetzgebung eingrcifcn und das Zuviel an Katzen einschränke», indein sie die Mitte zwischen Vogeftchutz und Katzenschntz 311 treffen sucht; denn unzwcifclhaft sind die Katzen als Mäiiscsäiigcr auch nützlich. Das Katzcnflngblatt Nr. 309 des Ber­liner Tierschutzvereins (Berlin SW. 48) deutet diesen Mittelweg an. Es wird aratis versandt..