Sind Kahentjaare giftig?
Von Tr. Th. Z e ll.
In manchen Gegenden herrscht der Glaube, daß die Haare der Katzen giftig seien. Der vortreffliche Naturforscher Lenz, der selbst viele Katzen hielt, ist der Sache nach Möglichkeit auf den Grund gegangen. Er gelangt zu dem Ergebnis, daß der Glaube durchaus unbegründet sei. Ec habe beispielsweise viele Jahre hindurch Familien beobachtet, bei denen fortwährend in den Stuben Katzen waren, namentlich in den Händen der Kinder. Niemals habe er den geringsten Nachteil feststellen können, ebensowenig bei Leuten, die im Winter Katzenpelze trugen. Auch Hunde, die sich mit Katzen rauften und das ganze Maul voll Katzenhaare bekamen, hätten darunter in keiner Weise gelitten.
Bestätigt wird diese Ansicht von Lenz dadurch, daß viele Menschen wegen Rheumatismus Katzenfelle tragen. Wäre an dem Glauben etwas wahres, so hätte sich doch längst irgendein Nachteil Herausstellen müssen.
Wie konnte überhaupt der Glaube entstehen, daß Katzen giftig sind, wenn man gerade Katzenfelle als Heilmittel be- nutzt? Lenz geht auf diese Frage nicht ein. Auch sonst ist mir nicht bekannt, daß sich irgendein Naturforscher hiermit beschäftigt hat.
Sehr naheliegend ist der Gedanke, daß die Eigentümlich, fett des Katzenpelzes, elektrisch zu sein, zu diesem Glauben Anlaß gegeben hat. Bei manchen Katzen knistert das Fell zuweilen stark, wenn es mit der Hand rückwärts gestrichen wird, wobei sich im Dunkeln Fünkchen zeigen. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, daß man d.ie Eigenschaft, elektrische Kräfte zu offenbaren, zuerst am Bernstein (elektron) beobachtet hat. Kein Mensch ist aber je auf den Gedanken gekommen, den Bernstein deswegen für giftig zu halten. Man benutzt ihn bekanntlich mit Vorliebe zu Mundstücken.
Der Grund muß also anderswo gesucht werden. Landbewohner pflegen gute Tierbeobachter zu sein, zumal sie zum Betrachten der Tierwelt die vortrefflichste Gelegenheit haben. Da ist cs ihnen sicherlich ausgefallen, daß Fliegen, die sich aus jeden Gegenstand sehen, sich niemals auf eine Katze setzen. Der Wissenschaft halber habe ich viele Jahre Katzen gehalten und mir diese Erscheinung für Zufall erklärt. Sonnte sich nämlich eine Katze, so waren auch Fliegen in der Nähe und umkreisten sie. Manche machten auch den Versuch, sich auf die Katze zu setzen, aber niemals führten sie den Plan aus. Da es sich bei meinen Katzen um Ausnahmeerscheinungcn handeln konnte, so habe ich überall, wo Katzen gehalten wur- den, gebeten, auf diese Merkwürdigkeit Obacht zu geben. Es war bisher niemandem ausgefallen, aber von allen Seiten wurde mir bestätigt, daß man niemals eine Fliege auf einer Katze habe sitzen sehen.
Drei Gründe könnte man für dieses Meiden geltend machen, nämlich folgende: Tie Fliege kann den Katzengeruch nicht vertragen. Damit steht in Widerspruch, daß Fliegen auf großen Katzen, z. B. Löwen usw., wovon ich mich wieder- holt überzeugt habe, in großer Anzahl sitzen. Oder die Fliege meidet die Katze, weil sie vortrefflich Fliegen fangen kann. Daß die Katze eine Fliege häufig fängt, ist bekannt, aber ein geschickter Junge macht es mindestens ebenso gut. Auch Affen fangen, wie ich oft gesehen habe. Fliegen sehr gewandt. Trotzdem setzen sich Fliegen äußerst dreist auf Knaben und Aften. Der wahre Grund ist, wie ich annchme, der Bau des Katzenhaares. Dieses ist sehr fein und so schwach, daß es nicht einmal eine Fliege trägt. Deshalb seht sich diese nicht darauf.
Diese Erscheinung ist Wohl vielen Landbewohnern auf- gefallen, und sie schlossen daraus, daß die Haare giftig seien. Daraus fabelte man, daß, wer ein Katzenhaar verschluckt, die Schwindsucht bekommt, und was dergleichen Aberglaube mehr ist.
Patientin Ar. 47.
Heilstätten.Erinnerungen.
Mitten im Winter erhielt ich bie Aufforderung, mich in der Heilanstalt des kleinen GebirgSdorfes Sch. einzufinben. „Für den tigenen Bedarf sind nur die notwendigsten Gcbrauchsgegcnsiändc
mitzubringen." So oder ähnlich lautete das Schriftstück. Also packte ich Kamm, Bürste. Seife und einige Bücher in die Handtasche und überließ mich der Klingelbahn, die mich an mein Ziel brachte.
Recht freundlich wurde ich in der Heilanstalt, einem früheren, alten Schlöffe, ausgenommen. Mein Zimmer mußte ich mit noch zwei Patientinnen teilen. Ti« Wäsche, die eine Schwester mir übergab und die ein Gewicht von mindestens 5 Kilo repräsentierte, sollte ich am nächsten Tage anzichcn. Zur Vervollständigung meiner Toilette brauchte ich natürlich auch «in Kleid, — also hinunter in die Flickstube. Tort wurde ein recht ausgewaschenes, aus blaubedrucktem Kattun hcrgcstclltes Kleid für mich herausgefucht. TaS sogenannte Sonntagskleid — ebenfalls ans demselben Stoff, in ctivas dunklerer Tonung — wurde mir gleich initg«geben. 1. und 2. Garnitur! Ra so ähnlich mag's wohl bei den Soldaten zugehen, so dachte ich mir, packte gleichmütig die Kleider und legte sie zu dem übrigen Ballast. Fch besand mich unter den Patientinnen der dritten Station, die von einer noch jungen und kränklich ausfchendcn Schwester geleitet wurde. Vor jeder Mahlzeit sprach sic automatisch ein kurzes Gebet, langte ebenso automatisch nach der Pillenschachtel und teilte an die Blutarmen zwei Pillen aus. Sic war es auch, die di« „Ehrenämter" iibcrtrug, die den Streit unter den Kranken schlichten und bei Entwendungen sich als Sherlok Holmes betätigen mußt«. An dem unterwürfigen To», den die Patientinnen im Verkehr mit den Schwestern vielfach gebrauchten, konnte man merken, daß die Kranken sich zum größten Teil aus der unaufgeklärtesten Bcrufsschicht — den Dienstmädchen und Hausangestellten — rekrutierten. Wenn man gewohnt ist, als aufrechter Mensch durch baS Leben zu gehen, dann berührt einem die kriecherische Manier unan° genchni.
Früh um 6 Uhr wurden wir geweckt. Ein Dienstmädchen brachte ein Talgstümpflein, seht« es auf den Ofen und verschwand wieder. Und nun begann bei mir die „große Kunst" des Anziehens. Tic vielen Unterkleider brachten mich fast in Verzweiflung. Auch der Nock wollt« nicht so recht paffen. Aber um 7 Uhr zum ersten Frühstück konnte ich mich zu den anderen Blauen gesellen. Damit war ich «ingcreiht in die Schar der Heilnngsnchendcn und zwar als Nr. 47. Nach dem Kaffee brachten meine Stubengcnoffinncn bas Zimmer schnell in Ordnung, nahmen eine Handarbeit vor und vertieften sich darin. Ich schaute ihnen eine Weile z». Tie Cache wurde mir aber bald zu langweilig, und ich holte mir kurz ent- schloffen aus meiner Reisetasche etivas zu lesen. Es ivar Dostojewskis Raskolnikow, dieses in psychologischer Hinsicht außerordentlich intcreffant und packend geschriebene Meisterwerk. Allerdings kaum die geeignet« Krankcnlektllrc.
Nach dem zweite» Frühstück würbe ich „zur Aufnahme" zu der Oberin gerufen. Meine Personalien wurden festgestellt. Religion: Tiffibent. „Was ist das", fragte die Oberin. Ich gab ihr eine Erklärung. „Dann sind Sie also eine Heidin. Wie vermag man s o zu leben!" Tie nun folgende IV- Stunden bauernde Unterhaltung brachte selbstredend keine Verständigung. Fch habe während meines Aufenthalts noch oft gcnua bas Wort „diff", das aus meiner am Bett angebrachten Tafel stand, erklären müssen.
Um 12 Uhr versammelten sich die 84 Patientinnen in drei Tpcisesälcn. Tie Kost war gut und ausreichend. Was mich allerdings befremdete, ivar das Ausschänken von Bier, deshalb, weil eine Anzahl Plakate auf den fragwürdigen Nährwert und auf die Gefahren alkoholischer Getränke hindcutctcn. Tic Tageseinteilung in der Heilstätte wurde mit großer Pünktlichkeit innegehaltcn. Gleich itach dem Kaffee bemächtigte sich der Krausen eine llnruhe. Alles lief in die Schlasräume und entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit. Tort lief eine Kranke mit Eimer und Scheuerlappen, eine andere mit Besen und Schaufel und Wischtuch, hier wurden die Bette» neu oufgeschüttclt, die diversen Strickstriimpfe versteckt. Bücher unter die Bettdecke geschoben. Eine sehr Neugierige stellte sich an die Treppe und lauschte nach den Geräuschen im unteren Stockwerk. Ter Ruf ertönte: Er kommt! Fed« Kranke stellte sich an ihr Bett, kerzen- grabe, mit geängstigtem Ausdruck. Und dann kam der Gefürchtete, der Arzt, der die Kranke» durch seine Brillengläser anfunkcltc und an jede die gleichmäßig stereotype Frage richtete: Wie geht's? Die Antwort lautete, wie ia auch kaum anders zu erwarten war: Gut. Hatte aber doch eine oder die andere Beschwerden und äußerte-biese, so schüttelte der Gestrenge ungläubig sein Haupt und verordncte irgend etivas. Tiefe hastenden Vorbereitungen für die Arzt-Visite, dieser lächerliche Aufwand und dieser fast preußische Drill hatten denn auch auf mich ihre Wirkung nicht verfehlt, und ich lachte aus Leibeskräften, was denn auf meine Stubengenoffinnen ansteckend wirkte. Ich, die Neue, mußte jetzt hinunter in die „Toktorstube". Nun war mir auch das scheue Benehmen der Kranken verständlich. Ter Herr Doktor beliebten recht kurz angebunden zu sein. Kurz — und grob. Nach einer oberflächlichen Untersuchung konnte ich auf der mir überreichten Fiebertabelle die Verordnung des Arztes lesen: Kreuzbinden. Tauchen, Pillen — eine Verordnung, bie fast ausnahmslos allen Patientinnen gegeben wurde. Drei Wochen später erhielt ich eine dreimalige Tuberkulin-Einspritzung, bi« Fieber hervorrief und mich bettlägerig machte. Ich wollte mich dieser diagnostischen Tuberkulinprobe widersetzen, doch half mir alles nichts, ich hätte sonst die Anstalt verlaffcn müssen.
Was mir den Aufenthalt behaglicher machte, war das Ueber- sicdeln in ein kleines Stübchen, das ich allein bewohnen durfte. Ta konnte ich nach Herzenslust lesen und schreiben, ich konnte auf den dick verschneiten Park hinunterschaucn und aufblicken zu den weißen Bergen. In meinem Stübchen las ich in Ruhe bie Parteizeitunge», die ich mir allwöchentlich vom Kolporteur holte. Aber auch manch Stündchen wurde mit einigen Schwestern verplaudert, die mich recht verwöhnten und mir oft Leckerbissen heimlich zustccktem


