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Nummec 18
Siesten, Freitag den 8. Mai 1914.
6. vastrgang
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Geburtenrückgang und die Arauen.
In der Zeitschrift Neue Frauenkleidung und Frauenkultur schreibt Frau Else Wirminghaus (Köln): Die Frage des Geburtenrückganges ist in Deutschland die Tagesfrage geworden. Die Tatsache, daß die Zahl der Geburten fortlaufend abgcnoimnen hat — beispielsweise in Berlin von 240,3 auf 1000 Ehefrauen im Jahre 1876 bis auf 90,5 —, wird in den regierenden Kreisen mit steigender Unruhe betrachtet. Das „Gespenst der Zukunft", der allgemeine Bevölkerungsrückgang Deutschland, ist bereits so drohend emporgestiegen, daß die katholischen Kirchcnfürsten in ihrem letzten Hirtenbriefe ihre Stinimen warnend, drohend erhoben haben; daß sie Tinge gegeißelt haben, die zwar allgemein gekannt sind, die aber an solcher Stelle nur unter dem Ein- druck höchster Gefahr ausgesprochen werden konnten.
Und seltsam: während man im Interesse des Staates diese Fragen verhandelt und sich anschickt, mit polizeilichen und gesetzlichen Maßregeln vorzugehcn, werden diejenigen, die es doch wohl am nächsten angeht, die Frauen, nicht ge- fragt. Gewiß, die Frauen werden die Geburtenfrage zunächst nach ihrer persönlichen Erfahrung, nach ihrem eigenen Interesse, nach dem ihrer Kinder und ihrer Familie ins Auge fassen. Das allgemeine Staatsinteresse und zumal das unserer Wehrfähigkeit wird für sie erst in zweiter Linie kom- nien. Tatsächlich haben denn auch die Frauen, wenn sie zur Frage des Geburtenrückganges Stellung genommen, meist einen wesentlich andern Standpunkt vertreten als die unmittelbaren Vertreter des Staatsinteresses. Frauen können nicht mit der Anschauung des bekannten „Vorkämpfers" gegen den Geburtenrückgang, Medizinalrats Bornträger, übereinstinimen, wonach nur schwerste Erkrankung der Mutter als Grund für Einschränkung der Geburten gelten könne. Die Frauen wissen nur zu gut, daß in sehr vielen Fällen die Einschränkung der Kindcrzahl zurückzuführen m aus ein gesteigertes Pslichtbewußtscin gegenüber dem Kinde und der Gcsamtfamilie. Sie wissen, daß kinderreiche Familien oft doppelt und dreifach die Schwere des Daseins fühlen müssen, daß ihnen im Beruf, in bezug auf ihre Wohnung tausend Steine in den Weg gelegt werde». Tie Frauen denken auch daran, daß die kinderreiche Mutter oft durch körperliche Erschöpfung und durch Sorge nicht mehr imstande ist. ihre Aus- gaben zu erfüllen, daß sie dann nicht nur sich, sondern die ganze Familie schädigt. Man muß das Buch von Dr. Mcn- singa, Flensburg, „Hundert Francnleben" gelesen haben, um zu wissen, was Mutterelend ist. Die Frauen empfinden cs, daß man nicht blindlings nach Steigerung der Geburten rufen darf, solange Tausende von Kindern unterernährt di; öffentlichen Schulen besuchen!
Freilich: sicht man, wie unsere Lebenshaltung oberfläch- lich geworden ist, wie Sensations- und Modesucht alle Kreise durchseucht und dem Familienleben entfremdet, wie zahlreiche Ehepaare aus Bequemlichkeit den Kindersegen verleugnen — dann denkt man nicht an die zahlreichen Tragödien der Mütter, der Kinder und ganzer Familien, die sich im Vcr- borgenen abspiclen. Man übersieht dann zu leicht, daß der Geburtenrückgang zwei ganz verschiedenen Ursachen entspringt: einer augenscheinlichen Entartung einerseits und der schwierigen wirtschaftlich-sozialen Lage anderseits. Man
vergißt, daß Polizeimaßregeln und Gesetze gegen den Geburtenrückgang dasselbe bedeuten, wie wenn der Arzt ein Symptom einer Krankheit behandeln würde, ohne den Zustand des ganzen Körpers zu berücksichtigen. Mit einer rein nationalistischen Behandlung der Frage des Geburtenrückganges können wir nie und nimmer vorwärts kommen, sondern nur dadurch, daß wir zu heilen suchen, indem wir in die Tiefe gehen. Denn der Staat möge doch seine Macht nicht verkennen: Niemand wird aus Staatsinteresse mehr Kinder in die Welt setzen, als er mit seinen eigenen Beweggründen — seien sie nun rein egoistischer oder praktischer oder auch ideeller Natur — glaubt vereinigen zu können.
So möge nun der Staat Wege bcschrciten, die er beschreiten kann, und hier möge er die Frauen befragen, die Mütter, die den Fortschritt unseres Volkes wollen; die zwar nicht das Ideal des Staatsinteresses in der Höchstzahl der Geburten verwirklicht sehen können, die aber dem Uebel des Geburtenrückganges begegnen wollen durch Zurllcksühren unseres Volkes zur inner» Gesundheit in wirtschaftlicher, generativer und sittlicher Beziehung. Ter Staat möge sorgen, daß das Menschcnmaterial, das heranwächst, gesünder werde, also nicht nur Säuglingsfürsorge, sondern mehr noch ausgedehnte Pflege der Schuljugend niuß er betreiben. Hier wäre sicherlich der Punkt, der die Sterblichkeitsgrenze noch um ein Beträchtliches nach unten verschieben müßte. Es ist durchaus nicht anzunehmcn, daß diese untere Grenze schon bald erreicht werden sollte, wie in vielen statistischen Angaben bemerkt wird. Stehen wir doch erst am Anfang einer eigentlichen Wohnungsfürsorgc!
Ferner wird der Staat mit äußerster Energie den Kampf gegen den Alkoholismus und gegen die Geschlechtskrankheiten führen müssen, der in gleicher Weise dem Schutze der Mutter wie des Kindes dient. Er wird besonders auch hinzuwirken haben auf eine durchgreifende Kräftigung des Fraucnge- schlechts, die vielleicht i!n spätern Jahren noch einmal ihre Erfüllung in einem weiblichen Dienstjahr finden wird. Sollen doch nach neuen Erhebungen in Deutschland 14 bis 20 Prozent der Frauen überhaupt nicht mehr normal, d. h. ohne künstliche Eingriffe gebären können! Ter Staat möge die Leistung der Frau in der Mutterschaft als eine Leistung für den Staat anerkennen durch Ausdehnung der Mutterschaftsversicherungen, durch eine gesetzlich festgesetzte Schonzeit der im Erwerb stehenden Mütter vor und nach der Entbindung, und er unterstütze die Tätigkeit der „Hauspflcge", die den Wöchnerinnen in so hohem Maße zugute kommt.
Vor allem muß der Staat jedoch nach Verbilligung der Lebensbedingungen streben und nach einer Aenderung seiner sozialen Organisation, soweit sie eine bedeutende Herabsetzung des Heiratsalters für den Mann herbeifllhrcn kann. Nicht widerstreben sollte er der Heirat der Berufsfrau. Die Entscheidung darüber, was die neue Mutter leisten kann und wird, darf er nicht selbstbestimmend regeln wollen, sondern muß ihrer eigenen Erfahrung überlassen bleiben. Es muß eine höhere Bewertung der Mutterschaft eintrcten, eine moralische Kräftigung der Frauen durch erhöhtes Verantwortlichkeitsgefühl, damit der Staat auf ihre Hilfe rechnen kann in dem Kampf gegen den Geburtenrückgang.
In dem Kampf aber gegen alle die Erscheinungen, welche das Geschlechtsleben vergiftet haben — gegen die Schund-


