Iiouen mehr Männer als Frauen diesen Planeten bewohnen. Mit dem Durchschnittsverhältnis von 106 zu 100 zugunsten der Männer vergleiche man aber nun die Geschlcchtcr-Ver- teilung in den jungen Frauenstimmrechts-Staaten Arizona, Washington und Oregon. In dem Bergstaate Arizona kamen im Jahre 1910 auf 118 574 Männer 85 780 Frauen, in Washington, dem äußersten Nordwest, war das Verhältnis 658 633 zu 483 327, und in Oregon 384 265 zu 288 500. Auf je hundert weibliche Einwohner kommen demnach in diesen drei Staaten 140, bezw. 142 und 129 männliche Personen. Diese drei Fälle sind aber zugleich die extremsten Beispiele des Uebergcwichts der männlichen Bevölkerung in den Staaten der Union, und es ist demnach klar, daß hier politische Macht und numerisches Verhältnis der Geschlechter in umgekehrtem Verhältnis stehen. Das wäre eine natürliche Ausnahme von der Regel, die sonst Macht und Zahl in ein gleiches Verhältnis setzt, selbst wenn man daraus keine verallgemeinernden Schlußfolgerungen im Sinne des erwähnten Philistertrostes ziehen will. Gegenwärtig haben nur sechs Staaten mehr Frauen als Männer, und • alle diese sechs Staaten sind ausgesprochen frauenstimmrcchtsfcindlich und reaktionär: Massachusets und Rhodc-Jsland im industriellen Neu-England und die alten südlichen Sklavenhalter-Staaten Maryland, North Carolina und South Carolina, wozu dann noch der Distrikt Columbia, mit der Bundeshauptstadt Washington und ihrer Umgebung identisch, hinzutritt. Erwähnenswert ist noch, daß die Elementarschulen des Landes von etwa 100 000 mehr Knaben als Mädchen besucht werden, wogegen die höheren Schulen — die, soweit sie öffentlich sind, keinerlei Schulgeld erheben — 64 000 mehr Schülerinnen als Schüler zählen. Besonders in der Negebevölkerung ist der Bildungsdrang der Frauen weitaus stärker als der des ulänulichen Elements.
Der erwachende Aruhlirig
lockt an schönen inarmen Tagen alt und jung hinaus in Flur und Wald, wo viele fröhlich« Menschen sich an den alte» und doch immer wieder neuen Reiten des Lenzes ergötzen. Freudig ivird jeder sprossende inid grünende Busch, jedes noch so einfache Blümchen be- grllsit, weil sie di« ersten Zeichen des wiedererwachenden Lebens in der Natur sind. Aber auch in der Tierwelt regt sich neues Leben. Tic Finken und Amseln lasten wieder ihren schönen Schlag erschallen und die anderen Sänger kehren nach und »ach zurück, beziehen ihr altes Heim oder bauen ein neues. Hervorgelockt durch die ersten warmen Sonnenstrahlen, schwingt sich ein Schmetterling durch die Luft, im Grase zeigen sich Schnecken, und Käfer machen die ersten schüchternen Versuche, zu laufen und zu kriegen. In Gräben und Wasserläufen wird es lebendig: es wimmelt förmlich von junge» Fischen, Fröschen und Larven in allen Stadien und Größen. Ta das Gras »och nicht hoch und das Laich noch nicht dicht ist, so spielt sich dies neue Leben fast ganz offen vor aller Blicken ab. Besonders die liebe Fugend ist es. die ein scharfes Auge für all diese Vorgänge hat. Da gilt es denn, diesen Trieb zur Beobachtung und Versolguiig aller neuen Erscheinungen in die richtigen Bahnen zu lenken.
Ist ein Junge sick selbst überlassen, so wirb er in den aller- seltensten Fallen die ihm zu Gesichte kommenden Tiere vorsichtig und mit Teilnahme beobachten, sondern die Tiere zu fassen oder niederzuschlageti versuchen, ohne jede Ueberlegung, ohne Sinn und Verstand. Wie viele Roheiten und Quälereien kommen dabei vor! Kein Schinetterlina in den Lüsten, kein Käfer im Grase, kein Frosch «in User, keilte Eidechse im Graben, kein Wurm an der Erde, kein Ameisenhaufen ist sicher vor Ler Verfolgungs- und Zerstörungsfucht der Knabe». Nun ivürde es in den meisten Fällen vollständig verkehrt sein, solche Unarten und Grausamkeiten ohne iveiteres zu strafen. Mai, ivird nieist finden, daß die Kinder aus Unkenntnis riiid Gedaiikenlosigkeit handeln. Moralpredigten würden da auch luenig helfen. Man inusi das Jntereste der Kinder wecken, indem man sie, das Leben und Treiben der sogenannten niedere» Tierwelt still zu beobachten, ankcitet und ihnen die nötigen Erklärungen zu den geiiiachtcii Beobachtungen gibt. Wie spannend ist es z. B., den Bau der Ameisen anziisehe», wie sie sich gegenseitig helfen, wie tapfer und ausbaiiernd sic einen Feind, ob groß oder klein, ob stark oder schwach, angreise», wie vorsichtig sie seine» Wasfen ausweichen. Schwieriger und viel größere Geduld und Vorsicht ersordernd, ist schon eilte genauere Beobachtung der Vogelwelt. Aber auch das Wenige, das man bei vorübergehender Betrachtung erblickt, wird genügen, die Knaben von deni Zerstören der Nester abzuhalten, ivenii mit einigem Geschick ihre Teilnahme bis zuin Wohlwollen aiisgebildet wird.
Auf einen Puiikt soll aber »och gaiiz besoiiders hingewiesen werden. Die meisten Verfolgungen haben die Tiere zn erdulden, die »ach der landläufigen Meinung schädlich oder giftig siiid, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Air habeil ja nur ein giftiges Tier, vor teilt «an sich Hilten »nd bas >nan töten muß: die Kreuzotter. Von
den weitaus meisten Menschen wird alles Getier, bas auf dein' Bauche kriecht, für schädlich und giftig gehalten und unbarmherzig verfolgt und erschlagen. Was besonders die Großstädter in ihrer anmaßenden Unfehlbarkeit an Unkenntnis in diesen Dingen leisten,' ist geradezu haarsträubend: Blindschleichen werden zu Kreuzottern gemacht, und die nützliche Kröte oder der schöne harmlose Sala- nianber für giftig und gefährlich erklärt. Ter Unterricht i» der Schule allein kann hier nicht zum Ziele führen, wenn er nicht durch Anleitung zur Beobachtung im Freien, ganz gleich, ob voll Lehrern oder Eltern oder sonst wem. unterstützt und fortgesetzt wird.
Ist in den Kindern die Neigung zur Tierwelt geweckt, bann liegt eine andere Gefahr nahe: sie wollen sammeln, lebendig für ein Aquarium oder Terrarium, tot für Schmetterlings- und Käfersammlungen. Das Lars unter keinen Umständen geduldet werden; es müßte denn unter sachkundiger Aufsicht geschehen, so daß Grausamkeiten ausgeschlossen sind. Das unbeaussichtigte Sammeln ist der Jugend unbedingt zu verbieten. Man sehe nur, wie die Jungen gedankenlos und grausam Käfer, Raupen, Salamander ». a. in. in Flaschen, Dosen und Büchsen einsperren, diese fest schließen, so daß die Tiere selten lebend uad> Hause gebracht werden. Und kommen sie wirklich lebend an. so fehlt oft jede Einrichtung für eine paffende Unterkunft: das Jntereste nimmt auch bald ab, und die Tierchen kommen langsam um. Die Entschuldigung, die Tiere könnten im Hause besser beobachtet werden, ist nicht stichhaltig, da ein Tier in der Gefangenschaft, wo ihm die wichtigsten Lebensbedingungen fehlen, sich nicht in seinem natürlichen Wesen zeigen kann. •
Schule, Familie und Tierschutzvereine müsse» zusammenwirken,' um den Kindern begreiflich zu machen, wie unrecht es ist, Tiere zu peinigen, oder ihnen die Freiheit und das Leben zu nehmen. Daß. durch eine rücksichtsvollere Betrachtung der Natur und menschlichere Behandlung der Tiere der Verrohung der Jugend wirksam entgegengearbeitet werden kann, beweist die Tatsache, daß in England, wo der Tierschutz viel verbreiteter ist, seit Jahren die Zahl der jugendlichen Verbrecher stetig abnimmt. Zur Erreichung dieses Zieles auch bei uns sollte jedermann freudig mithelfen.
Hin Märchen der Wirklichkeit.
Von Maxim Gorki.
Auf dem kleinen Bahnhofsplatz in Genua hat sich ein dichter Volkshaufen versammelt. Es sind vorwiegend Arbeiter, auch viele solid gekleidete, wohlgenährte Personen sind darunter. An der Spitze des Haufens stehen die Mitglieder der städtischen Verwaltung.' In der Luft flattert die schwere, kunstvoll mit Seide gestickte Fahne der Stadt und neben ihr glitzern die bunten, farbigen Fahnen der Arbeiterorganisationen. Die Quasten, Fransen. Schnüre und die Spitzen der Fahnenstangen glänze» von Gold, die Seide knistert,' und wie ein halblaut singender Chor ertönt das Eelumme der feierlich gestimmten Menschenmenge.
lieber ihr, auf hohem Sockel, ragt die schöne Gestalt des Kolumbus empor, dieses Träumers, der so viel leiden mußte, weil er glaubte, und der den Sieg davontrug, weil er glaubte. Amt heute »och schaut er aus die Menschen herab, als wollten seine Marmorlippen sagen:
„Nur die siegen, die da glauben!"
Rings um den Sockel, zu seinen Füßen, haben die Musikanten ihre Messingtroinpeten ausgestellt, und das Messing glänzt in der Sonne wie pures Gold.
Das schwarze Marmorgebäüde des Bahnhofes steht wie ei» offener Halbkreis da und hat seine Flügel ausgebreitet, als wollte' es die Menschen umarmen. Aus dem Portal dringt das dunkle Keuchen der Lokomotiven. Kettengeklirr, Gepfeife und Geschrei; auf dem mit heißem Sonnenlicht übergossenen Platze ist es ruhig und drückend heiß. Aus den Balkonen und au den Fenstern der Häuser stehen hellgekleidete Frauen mit Blumen in den Händen, festtäglich geputzte Kin'dergestalten. die selbst wie Blumen aussehen.
Da pfeift eine Lokomotive, die sich dem Bahnhof nähert. Die Menge gerät in Bewegung. Schwarzen Vögeln gleich, fliegen einzelne Hüte in die Lust, die Musikanten greifen nach ihren Instrumenten, ein paar ernste, ältere Männer trete» hervor, wende» sich mit dem Gesicht der Menge zu und sprechen, eifrig mit den Händen fuchtelnd, aus sie ein.
Schwer und langsam weicht die Menge auseinander »nd läßt einen breiten Ausgang nach der Straße zu frei. . v i
„Wen erwartet mau hier?"
„Die Kinder aus Parma."
Dort unten in Parma waren die Arbeiter in den Ausstanb getreten. Tie Unternehmer wollte» nicht nachgeben, 'die Lage der Arbeiter wurde immer schwieriger. Darum haben sie ihre Kinder, die schon vor Hunger zu kränkeln begannen, zu ihren Genossen nach Genua gesendet. . , 1
Hinter den Säulengängen des Bahnhofes kommt jetzt eine sonderbare Prozession von kleinen Menschen hervor: sie sind nur. halb angekleidet und sehen in ihren Lumpen wie seltsame, zottige Tierchen aus. Sie marschieren zu fünf in einer Reihe, sich fest an den Häitden haltend . . . seltsam, klein, verstaubt und sichtbar er-' müdet. Ihre Gesichter sind ernst, aber die Aeuglein glänzen lebhaft und klar, und als die Musik ihnen zn Ehren Le» Garibaldi-Marsch anstimmt, huscht ein fröhliches, zufriedenes Lächeln über diese mageren, spitzen, hungrigen Gesichter.
Die Menge begrüßt diese Menschen der Zukunst mit ohren^ betäubendem Geschrei: die Banner neigen sich vor ihnen, die Trom», peten schniettern. Die Kinder sind von diejnn Knpsang ein wenig


