Ausgabe 
1.5.1914
 
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Teit bringt bann strömt jedesmal ei» großes Ahnen vom heraufbämmernbcn Morgcnschein bcr neuen Zeit hinaus in die Welt bcr Entrechteten. Und es ist nicht ber geringste unter bcn praktischen Erfolgen unserer Feier, baß sie immer aufs neue wieder mit einer Welle kräftigen Willens die Heere ber Arbeit zu ihrem geschichtlichen Werke durchbringt.

Hoch lebe der internationale Festtag der Arbeit!

Die Grziei-ung des Kindes.

(Schluß)

Dem Spieltricb verwandt ist auch der N a ch a h m u » g S - trieb. Leicht ahmt das Kind etwas Unsoziales nach. Das Bei­spiel einer Schweineschlachtung vcranlaßte ein Mädchen, Das Schlachten an ihrem Schwesterchen zu probieren. Die Erzählung vom Opfcrtod Christi liest einem Jungen den Gedanken kommen, sein Brüderchen an die Erde zu nageln. Das lehrt, wie nötig cs ist, den Kindern alles fern zu halten, was bei einer Nachahmung st» verbrecherischem Treiben führen könnte. Tie Kinder haben einen Zug zum Sensationellen. Das richtet ihre Aufmerksamkeit naturgemäß aus alles Ungewöhnliche und Grausame. Das erleich­tert auch der S ch u n d ! e k t ü r c ihre große Verbreitung und kann sic so gefährlich machen. Kindern mit nüchterner Beobachtungsgabe wird sie freilich nicht schaden. Auch kann die Schundlektüre gelegent­lich wohl zur psuchologische,, Ableitung eigener Triebe führe», so baß diese, nachdem sie sich beini Lescit entladen haben, sich nicht auch noch in Wirklichkeit zu entladen brauchen. Aber in viele» anderen Fällen führt die Schundlcktüre zu schlimmen Exzessen.

Die Kindcrlügc erwächst aus den, V e r st e l l u n g s - i » st i n k t, der den Menschen angeboren ist, ererbt vom Urmenschen her, dem die Verstellung ein Mittel sein mußte, stärkerer Gegner Herr zu werde». Nicht jede Unwahrheit eines Kindes darf als Lüge bezeichnet werden. Oft handelt es sich nur darum, daß das Wahre nicht scharf genug ersaßt ist, oft um ein Spiel mit Aussage», oft nur Darum, daß das Kind die Aufmerksamkeit ablcnkcn will, ohne die Absicht, die Unwahrheit zu sagen. Doch auch echte Lügen­haftigkeit kommt vor. Dabei handelt cs sich vielfach um abnorme, pathologische Kinder, bereu Nervensystem die Sensation der Lüge braucht. Hier gilt cs, den Kindernervenarzt zn fragen. Im übri­gen wirkt auf die Kinder in ganz ungeahnter Weis« das Beispiel der Eltern. Beobachten sic, wie hier kleine Notlügen gebraucht werden, wie man sich gegenseitig etwas verbirgt, so werden die Kinder sofort mißtrauisch und nneinpfindlich für den Unterschied von Wahrheit und Lüge. Mitunter lügen Kinder auch, um ihre Unzufriedenheit mit sich selbst zu verdecken sie renommieren. Bei größeren Kindern entspringt eine Lüge nicht selten dem Troß gegen den Erzieher. Ter kluge Erzieher sucht vor allen Dingen Anläffc zur Lüge zu vermeiden. Er wird sich auch hüten, den Ver­dacht zu äußern, daß er belogen wird, wenn er cs nicht genau weist. Es ist ganz verkehrt, immer wieder zu fragen:Du lügst doch nicht etwa?" Gewaltsame Aufrechterhaltung von Legenden wie der vom Storch erzieht zur Lüge. Alle Kinder, die stehlen, sind zugleich Lügner. Nichtlügner stehlen nicht. Viele Verbrechen erwachsen aus dem Verstcllungstricb.

Heftigkeit und Eigensinn Im Kinde haben ebenfalls nicht selten krankhafte Grundlagen. Sie können aber auch die An­zeichen eines besonders energischen Charakters sein. Auch hier ist für den Erzieher die Hauptaufgabe, nach den Ursachen zu suchen. Wenn diese nicht auszufinden sind, soll man nicht alles versuchen, um den Eigenwillen zn brechen. Jedenfalls muß mau sich hüten, Ungehorsam und Troß zu provoziere».

Die Necklust der Kinder ist oft ein Ventil für gefährlichere Triebe, für Schadenfreude, Bosheit usw. Eine wichtige Ausgabe des Erziehers muß es sein, die Kinder schon früh siir den Tierschutz und Pslanzenschuh zu gewinnen. W«r roh gegen Tiere und Pflan- ßcn ist, zeigt leicht auch gegenüber Menschen Roheit.

Tie Furcht ist ein Abwchrinstinkt. Erziehungsmittel kann die Furcht nur in verschwindendem Maße sein. Durch Furcht und Bangemachen" erzogene Kinder sind später meist die srcchsten und werden leicht zu Verbrechern.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Kinder nichts so sehr relzt wie ein Verbot. Verbote rufe» Unlustgefühle hervor, und cs ist dann siir ein Kind mitunter eine innere Notwendigkeit, durch Uebcrtrctung dieses Verbotes die Unlust- und Lustgefühle zu ver­wandeln. Die Lehre für den Erzieher sollte daraus sein, nicht zuviel zu vcrbielen. jedenfalls niemals ein Kind zu schikanieren.

Das Abhängigkeitsgefühl im Kinde entlockt manchen heimliche» Seufzer. Dies Gesühl sollen wir Deshalb möglichst erleichtern. Das Kind ivill wie ja auch der Erwachsene aus sich selbst her­aus tätig werden. Hier müsicn wir versuchen, das kindliche Be­streben zu fördern.

Die meisten Verbrecher haben eine freudlose Jugend hinter sich. Freude schassen ist deshalb ein wesentliches Erziehungsmittel Der Trauer ist ein Kind nur im geringe» Maße fähig. Es empfindet aus sich heraus auch keinen Schmerz über eine eigene jschlechtr Tat. Dagegen zeigen die Schüterscibstinordc, daß das Kind wohl in anderer Weise ein tiefes Schmerzgefühl entwickelt: Furcht, gekränkter Ehrgeiz, unglückliche Liebe sind die Ursachen der meisten Schülerselbstmorbe.

Schon kleine Kinder find voller Zärtlichkeit: aber darin osfcn- hart sich mehr ihr Schuhbcdürfnis und ihr Abhängigkeitsgefühl als

ein altruistischer Trieb. Keinem Vater bleibt die Gegnerschaft seines Kindes früher oder später erspart. Tie Psychologie weiß, daß schon kleine Kinder Todesiviinsche gegen ihre Eltern habe», wenn sie davon auch nicht unverhohlen sprechen. Tic Gc- fühle der Kinder für dritte Personen sind meist sehr gering. Näch­stenliebe ist von Kindern nicht zu verlangen.

Die Kameradschaft ist ein unerläßliches Erziehungsmittel. Ja. Kinder entfalten sich im Verkehr mit Kameraden leichter als in der Obhut der Eltern, ivcil sie hier kein Anhängigkeitsgesühl bedrückt. Erotische Licbcsgesühle hat man schon bei Kinder» von 812 Jahren beobachtet: das kann auf eine tiefe Begabung, aber auch auf seelische Erkrankung Hinweisen. Der Kriminalist weiß zu be­richten, daß Kinder sogar in diesem Alter bereits aus Eifersucht verbrecherisch« Pläne hegten.

Bis jetzt gründete sich die Erziehung wescutlich auf die Lehren Herbarts und noch mehr seiner Schüler, die darauf fußen, daß viel Wissen zu kräftigem Handeln und gutes Wisic» zu guten: Handeln führe. Das ist aber keineswegs der Fall. Auch die Gefühls- und Willensrcguugcn finb besonders auszubildcn. Eine gutgeglückte Handlung ist durch Lob zur Wiederholung zu bringen. Eine häufige Wiederholung gibt schließlich auch ein Wertgesühl. Durch Modellicr- übungeu und durch Zeichnen, besonders auch durch Turnunterricht ist die körperliche Ausbildung zu fördern: Körperliche und geistige Entwicklung gehen durchaus Hand in Hand. Religiöse Gefühle sinken bei Kindern keinen guten Boden. An einer Berliner Ge- nlciudcschule wurden die kill Schülerinnen einer Klasse aufgefordert, sich darüber zu äußern, was sic tun würden, wenn sie während eines Jahrmarktes ein Portemonnaie ruit 5 Mark fänden, indeß sie selbst kein Geld besäßen. Von Den 09 Befragten erklärte» 40, sie wllrdei: das Geld abliefern. 29 wollten «s behalten. Von den 40, die für die Rückgabe des Geldes eintraten, bezog sich aber kein ein­ziges Kind auf das religiöse Gebot; 30 führten das Sprichwort an: Ehrlich währt am längsten", bei den übrigen wirkten verschiedene Motive. Besonders interessant ivar, daß von den 29, die Das Geld behalten wollten, nicht weniger als 17 erklärten, sie würden mit dem Gelbe für ihre Eltern Geschenke kaufen: bei manchen wurde Gott gedankt für die gütige Fügung, baß er der Finderin die 5 Mark geschenkt habe.

Es ist eine alte Streitfrage, ob das Kind von Natur ein sitt­liches Bewußtsein hat. Sie dürste dahin zu beantworten sein, daß den: Kinde das Bewußtsein eines besonderen Tittengesetzcs nicht angeboren ist, wohl aber eine Fähigkeit, ein sittliches Bewußtsein zu entwickeln und auszubildcn. Eine gesunde Erziehung, besonders auch eine soziale, staatsbürgerliche Unterweisung, muß dann die Ausbildung übernehmen. Leider versagen hier die öffentlichen Er- stiehungsiustitute. I» Amerika ist mau hier bereits viel weiter, wie jene Jugendrepublik bei Rewyork beweist, die unter vollster Selbst­verwaltung der zur Zwangserziehung verurteilten Jugendlichen steht, so baß diese sich eigene Richter, eigene Polizeiorgane schassen.

Es ist nicht richtig, daß die Kinder heute schlechter sind als früher, aber Die Versuchungen lösen heute stärker eine Kriminalität der Jugendlichen aus. Eine psychologisch-soziale Erziehung muß hier dem Strafrecht zu Hilfe komme», sonst ist alle Tätigkeit der Gerichte und auch die Jugendgerichte Sisyphusarbeit.

cheschtechler-Werleilung in der Amon.

Das siegreiche Vordringen des F r a n e n st i m in r c ch t 3 in den Vereinigten Staaten seit dem Jahre 1911 ist oft mit dem nu»ierischen Itebergewicht der Frauen dorten in Ver­bindung gebracht worden, in den: Sinne, daß die Staate», in denen die Frauen besonders rar sind, naturgemäß zu jedem möglichen Zugeständnis bereit gewesen seien, uni ihre Ladies sestzuhalten und weibliche Zuwanderung anzulocken. Ei» flüchtiger Blick auf die amerikanische Bevölkerungs- Statistik lehrt, daß diese Erklärunghypothese nicht ganz da- uebenschießt. Seit dem genannten Jahre haben die Staaten Washington, Kansas, Arizona, Oregon und Illinois, sowie das Territorium Alaska den Frauen das Wahlrecht einge­räumt. In allen diesen Staaten (für das Territorium Alaska liegt das einschlägige statistische Material nicht vor) sind die Männer nun in mehr oder minder bedeutender Ueberzahl, am wenigsten in Illinois (1910: 885 912 Männer, 805 037 Frauen) und in Arizona (2 911674, bezw. 2 726 910), in allen anderen aber in einem Maße, das außer jedem Ver­hältnis zu der Verteilung der Geschlechter in der Gesamt­bevölkerung des Landes sicht. Das kontinentale Land Onkel Sanis, mit Ausschluß Alaskas, war Anno 1910 von 47 332 277 Männern und 44 639 989 Frauen bevölkert, das macht auf je 106 männliche 100 weibliche Personen. Wie man in den amtlichen statistischen Veröffentlichungen Nachlesen kan», ist das numerische Verhältnis der Geschlechter in den euro­päischen Staaten, wie Deutschland, Frankreich, England, Oesterreich-Ungarn, Italien, Rußland und der Schweiz, säst genau umgekehrt, wenn auch ein sranzösisckicr Statistiker kürzlich hcrausgcrechnct hat, daß insgesamt 5 oder 6 Mil-