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WöchsntUchs Beilage btt Gberbeffisckett Volk5Abitung
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Nummer 17
SSeften, Donnerätag den 30. föpri! 1914.
6. JciSjcgnna
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Aer 1. Mai.
„Durch AlltagLlärm uuö Fairikenstau!
Leuchtet ein Tag voll Licht und Land." Dieser leuchtende, erhebende Tug irrt Leben der denkenden Arbeiterschaft ist der erste Mai. An diesem Tage ruhen ihre fleißigen Hände, und in allen Weltteilen des Erden- rundes ziehen festlich gestimmte Arbeitcrhecre statt in den Lärm und die Fron der Fabriken und kapitalistischen Zwingburgen hinaus in die leuchtende Frühlingsfrische, um sich sichtbarlich mit allen Gleichstrebenden zu verbinden und den ausbeutendcn Klassen demonstrativ ins Gedächtnis zu rufen, daß auch die kulturberaubtcn unteren Klasse» sehnsüchtig zum Licht und zur Sonne drängen.
Es jährt sich in diesem Jahre — im Juli — zum fünf- undzwanzigsten Male, daß auf dein internationalen Arbeiterkongreß in Paris die Vertreter der inodcrnen Arbeiterbewegung der Welt beschlossen, in jedem Jahre ain ersten Mai ein Fest der Arbeit zu feiern — einen Weltfesttag, der Arbeiterschaft nicht von staatlichen und kirchlichen Gewalten gesetzt, nein, durch eigenen Willen, und der ihnen feindlichen Welt zum Trotz gesetzt. Nicht aus kleinlichem, kindisch-eigensinnigem und verbohrtem Trotz, sondern aus jenem großen, heiligen und notwendigen Trotz, zu dem schließlich jede Klasse erhoben wird, der inan nimmer als demütig gekrümmtem Bittsteller, sondern inimer erst als rebellisch emporgerafftem Kämpfer etwas an Menschenrechten zngcsteht. Diesem Kampstum soll der erste Mai eine besondere festliche Weihe geben, wenn am gleichen Tag, zur gleichen Stunde feiernde Menschen aller Nationen, obwohl durch Länder und Meere getrennt, so doch im Geiste vereint, brüderlich sich die Hände reichen und ihre internationale Geschlossenheit, ihre unerschütterliche Solidarität und ihren unbeugsamen Willen aufs neue bekunden, im Kampf um Lebens- und Gesundheitsschutz, um Entfaltung zum Menschentuni für die Mehrheit der Menschen nicht nachzulassen.
Die Forderungen, die zu diesem Ziele hin der 1899er Kongreß aufstellte, lauteten:
Achtstüudigcr Normalarlicitstag,
Abschaffung der Erwerbsarbcit aller Kinder unter vierzehn Jahren,
Verkürzung der Arbeitszeit aller Minderjährigen von 1t—18 Jahren auf 6 Stunden täglich,
Verbot jeglicher Nachtarbeit, mit den notwendigen Ausnahmen für jene Betriebe, die ihrer Natur nach ununterbrochenen Betrieb erfordern,
Verbot aller Nachtarbeit für Frauen und für männliche Arbeiter unter 16 Jahren,
Ausschluß der Frauenarbeit in alle» den Iveiblichc» Tr- ganismus schädigenden Betrieben.
Als diese Forderungen, die von späteren internationalen Arbeiterkongrcssen, 1896 in London, 1900 in Paris, 1904 in Amsterdam, einstimmig erneuert wurden, 1889 zum erstenmal zur Parole des überall abzuhaltendcn Maifestes erhoben wurden, wurde Fest wie Fm-derungen in allen Landen mit dem Wutgcschrei der herrschenden Klassen beantwortet. Sie glaubten zunächst, der gegen allen Fug und Brauch von den Arbeitern selbst geschaffene Tag der Arbeitsruhe werde Revolution, „pöbelhafte Ausschreitungen" bringe». Als sie sich daun
durch den würdevollen Verlaus der Maifeier in ihres Herzens Acngsten getäuscht, wenn auch vor den Arbeitern blamiert sahen, atmeten sie aus und glaubten diese „ruhige" Bewegung niit dem Fluchs der Lächerlichkeit behängen und abtun zu können. Aber die Bewegung selbst schritt über Wüten und Lachen zur Tagesordnung — und mindestens dieses Lachen ist den Herrschenden seitdem gründlich vergangen. Tenn in allen Kulturstaaten ist die Arbeiterbewegung in ein uneiu- dämmbares Wachstum gekonnuen, und keine Gegenmaß- regeln sind mehr iuistande, dieses Wachstum aufzuhalten. Tie Zahl Derjenigen, die unserer Bewegung noch verständnislos und feindlich gegcnüberstehen, wird immer geringer. In immer größerem Maße wächst die Jugend — Mädchen wie Jünglinge — mit ihren Ueberzeugungen der Bewegung zu. Es ist kein Zweifel: sie wird mit ihren Idealen schließlich die Mehrheit der Menschen erfüllen, und dann m u ß und wird sie über alle eiitgegenstehendcn Gewalten zum endgültigen Siege schreiten.
Blicken wir zurück, so wird uns klar, daß wir schon Großes auf dem Wege zum Siege hin erreichten. Als unsere Vorkämpfer zuerst den Achtstundentag forderten, antwortete nicht nur das Hohngclächter der Kapitalistenklasse, auch Massen von Arbeiterfrauen und Müttern, ja Massen boir Arbeitern selber begannen in bangen Zweifeln zu fragen: Werden wir, wenn wir kürzere Arbeitszeit haben, nicht auch geringeren Lohn bekommen? — Seitdem ist die Erkenntnis Gemeingut immer größerer Arbeitcrkreise geworden, daß cs ein Gesetz des Arbeitsmarktes ist, daß je kürzer die Arbeitszeiten, desto höher die Löhne sindl Unsere Agitation in den 23 Jahren hat auf die öffentliche Meinung gewirkt, die Gesetzgebung gezwungen, daS Schutzaltcr für Kinder cin- zuführcu, ihrer Ausbeutung in Fabriken und Bergwerken und der Hölle der Heimarbeit durch das Gesetz Grenzen zu ziehen, wenigstens für die Frauen in den Fabriken ist eine Höchstarbeitszeit gesetzlich festgclegt, eine gewisse Feiertagsruhe ist gesetzlich erzwungen worden. Ist dieser Schutz auf allen Gebieten auch noch so ungenügend, so ist er doch ein Großes gegenüber der früheren völligen Schutzlosigkeit. Und vor allem: wir haben durch die Praxis Millionen den Weg gezeigt, ein Mehr dieses Schutzes zu erringen: dieser Weg ist der ständig verschärfte wirtschaftliche und politische Klassenkampf.
Ladet für diesen Kampf die Arbeiterbewegung in allen Kulturstaaten heute zum internationalen Verbrüderungsfest ein, so dürfen unsere Frauen und Mädchen bei diesem Feste nicht abseits stehen. Sie mögen bedenken, daß die praktischen Errungenschaften dieses Kampfes das Los gerade all der Frauenuiassen, die unter den Nöten der heutigen Gesellschaft keuchen, vielleicht mehr noch als das der Männer erleichterten. Sie mögen bedenken, daß die höchsten Ideale des Sozialismus fast mehr noch als für die kämpfenden männlichen Proletarier für die nach Freiheit und Gleichbe- rcchtigung lechzenden Frauen bedeuten.
Darum Frauen und Mädchen: laßt Ihr erst recht am ersten Mai durch Eure Seele den hohen konnnenden Zu- kuuftstag der Befreiung rauschen. Wenn in allen Zungen der Sozialismus das moderne Evangelium kündet, wenn der Glaube daran und die Hoffnung darauf in allen Nationen und alleur Gcgcnwartsleid spontan an die Oesfentlich-^


