dehnung. In einer Privatklinik wird sogar die Leistung von 41 Stunden innerhalb 48 Stunden verzeichnet: bei 500
Schwestern kommen mit der Nachtwache ein- bis dreimal monatlich, aber auch öfter 30 bis 40 Stunden Dienst hintereinander vor. Etwa 700 Anstalten gewähren keine Pausen in der Arbeit, die nur durch das notwendige Einnehmen der Mahlzeiten unterbrochen wird; etwa 250 Anstalten geben nicht einmal hierzu regelmähige Gelegenheit zu festgesetzten Stunden. Schlimmer fast ist oft noch das Los der Gemeindeschwestern und deren Ueberbürdung. Als Beispiel nur, daß eine Stadt von 70 000 Selen „zwei" Schwestern hält, die zu ihren Krankenbesuchen 4 bis 6 Treppen steigen, für sich selbst kochen und die Hauswirtschaft besorgen müssen. Etwa 3000 Pflegerinnen steht keinerlei Urlaub zu, und 1000 kennen nicht einmal einen Ansgang: dieser Zustand ähnelt dem Leben der Gefangenen.
Der Rücksichtslosigkeit in der Ausnutzung der weiblichen Arbeitskräfte entspricht die Rücksichtslosigkeit in der Bezahlung. Diakonissen, deren es rund 14000 gibt, erhalten ein Taschengeld, von dem sie sich Schuhe und Unterkleidung beschaffen müssen, von durchschnittlich 10 Mark monatlich, wobei Schwankungen von 6 Mark (Nürnberg) bis zu 20 Mark (Guben) Vorkommen. Dafür werden im Alter und bei Dienstunfähigkeit noch allerlei Dienstverrichtungen verlangt, wen» sie in Altersheimen untcrgebracht werden wollen.
Das Rote Kreuz, etwa 3000 Schwestern, kündigt Bezüge von 300 bis 600 Mark an: daran halten sich aber über Frauenvercin 240 bis 480 Mark, und zwar dies Höchstgehalt Frauenverin 240 bis 480 Mark, und zwar dies Höchstgehalt nach 20 Jahren, Piel 240 bis 420 Mark, ebenfalls nach 20 Jahren, Kassel nach 18 Jahren 500 Mark. Nach 10 Dienstjahren tritt bei Dicnstunfähigkeit ein Ruhegehalt ein, daS mit 450 bis 500 Mark als Durchschnitt ungefähr rUstig angegeben zu sein scheint. Es gibt aber auch Häuser, die dafür jeder Schwester mit 300 Mark Gehalt 50 Mark und mit 500 Mark Gehalt 200 Mark abziehen. Dabei erlischt dieser Pcnsionsanspruch beim Ausscheiden einer Schwester aus dem einen Hause; tatsächlich gehen dadurch die meisten Schwestern der Pension und des abgezogenen Betrages verlustig. So Ware» bei einem Verbände des Roten Kreuzes von 120 Schtvcstcrn 10 Jahre später nur noch 12 dort.
Die der (nicht kampffähigen) Berufsorganisation angehörenden 3300 Schwestern sind darauf ange- tviesen, sich selbst zu versichern. Je nach dein Alter des Beitritts gehen vom Gehalt hierfür einschließlich Unfall- und Invalidenversicherung 120 bis 240 Mark ab. Sie erhalten dann bei voller Dienstunfähigkeit oder spätestens nach dem 55. Lebensjahre etwa 600 Mark Pension. Für die dann noch verbleibenden, keiner Organisation angehörendcn Schwestern, etwa 25 000, kann man nur Rückschlüsse auf ihr Einkommen und ihre Altersversorgung niachcn. Besser stehen sie sicherlich nicht da. Daneben erhalten die fest angestellten Schwestern freie Wohnung und Verpflegung und von den Krankenhäusern in der Regel auch Obcrkleidnng oder ein bescheidene? Kleidergcld. Bei diesen kläglichen Bezügen sind in einzelnen Anstalten noch Strafgelder bis zu 50 Mark eingeführt; vielfach werden Kautionen verlangt: es müssen bis 600 Mark Lehrgeld bezahlt toerden, trotzdem auch die Schülerin den vollen Dienst niittnt. Und schließlich kommt noch der Steuereinnehmer!
Ungünstiger noch stehen sich die G e m e i n d c - schwcstern, im besten Falle auf 700, 800 bis 1000 Mark, davon müssen sie sich kleiden und beköstigen. Es gibt aber auch solche, die mit 30 Mark Wirtschafts- und 10 Mark Taschengeld im Monat auskoinmen müssen.
So sieht die Lage der Krankenschwestern ans, die die hehre Pflicht erfüllen sollen, der leidenden Menschheit beizn- stehen. Unsere Stützen der Gesellschaft, die so viel das Wort von der W ü r d e d e s W e i b e s ini Munde führen, schämen sich nicht, dem weiblichen Geschlecht nicht nur die schwersten vielfach auch ekelhaftesten Dienstverrichtungen znzuinnten und sie dafür in einer Weise zil entlohnen, die jeder Würde bar ist. Was Wunder, daß dabei der iveibliche Körper infolge Ueberanstrengung und Ansteckung vielfach vorzeitig
zugrunde geht. Gibt es etwas Beschämenderes für unseres heutige Gesellschaft und etwas Bedenklicheres für unsere Kranken als die Tatsache, daß bei den Krankenschwestern die Sterblichkeit 2% mal so groß ist, wie sonst bei der weiblichen Bevölkerung, und daß davon 70 Prozent anTuberkulose starben? Noch einen dunklen Schatten werfen die überanstrengenden Anforderungen auf diesen Beruf: unter seinen Angehörigen grassiert der Selbstmord aus Verzweiflung am Leben. In dem einen Jahre kamen auf 35 Todesfälle 9 Selbstmorde, in einem andern auf 12 Todesfälle 5 Selbstmorde.
Jetzt endlich haben sich auch diesen Berufsangehörigen die Augen geöffnet über ihr schmachvolles Dasein. Sie sehen ein, daß ihnen von oben keine Hilfe kommt, daß diese nur von unten, ans den eigenen Reihen möglich ist. Ihre Forderungen, die sie jetzt in der Oeffentlichkeit erheben, sind überaus bescheiden. Beschränkung der Arbeitszeit auf „ein vernünftiges Maß". Einen vollen freien Tag in jeder Woche. Eine den hohen Anforderungen entsprechende Bezahlung und ein Ruhegehalt vom 65. Lebensjahre ab. Fürsorge während Krankheit und Urlaub. Schließlich eine angemessene Behandlung, besonders durch die Aerzte: nicht
mehr bloß als Nummern zu gelten, sondern als weibliches. Wesen.
Diese Forderungen, deren Hauptpunkte wir hier hervor- gchoben haben, sind so selbstverständlich, daß man e§ nur als ein trauriges Mcrknial hinstellen muß, daß sie erst erhoben werden müssen.
Minzen und Minzestinnen.
Bon Dr. Robert SB tun.*
Am 30. Januar i>. I. waren seit dem Drama im Jagdschloss Meycrling fünfundzwanzig Jahre vergangen. Statt nun dieses Er. cignis, dessen Granenhafttgkeit tn der Geschichte einzig dasteht, mit Stillschweigen zu übergehen, hoben katholische Zeitungen «s dazu bennht, sentimentale und frömmelnde Redensarten über den bedauernswerten Kronprinzen, die Kaiserin Elisabeth und andre in die Welt zu setzen. Brachten e? diese Blätter vor fündundzwanzig Jahre» doch sogar fertig, zn behaupten, der Naturforscher Alfred Brehm habe mit seinen materialistischen Anschauungen den Kronprinzen Rudolf verdorben!
In der Hofbnchhandlung von E. S. Mittler und Soh» in Berlin erschien 1887 der erste Band des auch kulturgeschichtlich äusserst wertvollen Werkes: „Ans meinem Leben. Aufzeichnungen des Prinzen Kraft zu Hoherilohe-Jiigelfingen, weiland General der Artillerie und Generaladjntant S. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelms I." Wim lese man in diesem Werre die Schilderung der hohen und höchsten österreichischen Gesellschaft, dann wird man das Drama von Mcyerling begreiflich finden. Es ging schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Wiener Hofburg so zn wie in Versailles. Trianon lind andern französische» Königsschlössern, lind wie dort verhüllten die feudalen Herrschalten ihre Cochonnerien mit dem Deckmantel der Frömmigkeit. Und di« Ehen dieser Kreise, zusammengekuppelt aus Staats- und Staude?-, Geld- »nd Reil» gionsriicksichie»: wie sollten die glücklich anssallc»!
lieber den Kronprinzen Rudolf gibt »ns nun ein Buch AnSschsnh, welches vor kurzem in dem angesehenen Verlag von I. Fontane u. Eo. ln Berlm-Dahlsm erschienen Ist: „Maria Freiin von Wallersee ci devant Gräfin Larisch. „M «ine B ergangen- heit". In der Vorrede sagt die Gräsi» Larisch: „Ein Retz voik Lüge» ist >nn meine Miischnid an deni Tode meines Vetters, des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich, und der Baronin Mary Vetters gewoben worden. Bisher habe ich den Verleumdungen über niich. als meiner Beachtung unwürdig, nicht widersprochen. Aber nachdem mein Sohn George Larisch sich infolge der Lektüre eines dieser Lügenbiicher erschossen hat und das Lebe» meiner Töchter durch all dl« unwahren Berichte über meine Rolle in dem Drama verbittert worden ist, habe ich mich entschlossen, bas Schweigen von slinsiuidzwanzig Jahren zu brechen und der Welt die Wahrheit der Ereignisse vor und nach der Tragödie von Meyeriing bekannt zu geben."
Dieses Buch trägt in jeder Zeile den Siempel von Wahrheit. Aber wir wollen nicht tu den Sumpf, den es ansdeckt, hinabstcigen. Wir bemerken mir, dass wir aus ihm zu misenn nicht geringe» Erstaunen sehen, wie sehr auch die gefeierte Kalsertn Elisabeth der Unmoral erlegen ist. Sie betrieb die Ehcbrlichelei ebenso sports- mähig wie die Fuchsjagden und wahrte dabei nicht einmal das sog. Dekorum. Die Leidenschaftlichkeit der Mutier wütete auch i» dem Sohn. Allerdings geriet diese Frau erst dann ans die abschüsstg« Bahn, als sie Beweise der Untreue ihres Gatte«, de? Kaisers Franz' Josef, erhielt (a. a. O. S. 90). Schliesslich dachte die Kaiserin kn Liebessragen so frivol, dass sic für ihren Mann selbst eine „Gesellschaftsdame" anssuchte, nämlich die Schauspielerin Kalharina Schratt, die den alten Franzl auch jetzt »och tröstet, lieber manch«
* Ans der Frankfurter Halbmonatsschrift Das Freie Wort.


