kr Sinder sind nicht so kräftig wie die der Erwachsenen. Im allgemeinen erscheinen Mädchen empfänglicher als Knabe» für Empstndungßreize: bas birgt bei ihnen aber auch wieder die Gefahr einer gröberen Oberflächlichkeit in sich. Ter Borstcllungsschatz der Linder ist nur beschränkt: trotz einer gewissen Neugier zeigen sie wenig Bestreben nach Erweiterung; auch aus ethischem Gebiete ergibt sich ein gewisses Beharrungsvermögen. Natürlich ist der Vorstellungsschatz nach dem Milieu verschieden. Wie die Mädchen empsänglicher für Empfindungsreizc sind als die Knaben, so bilden sie sich auch leichter Vorstellungen, doch sind dies« dafür auch wieder nicht selten etwas flüchtig und unklar. Beim Schulantritt pflegen die Knaben mehr als die Mädchen zu wissen, aber in sozialen und religiösen Fragen sind meist die Mädchen überlegen.
Mit der Aufmerksamkeit ist cs bei den Kindern im allgemeinen schlecht bestellt. Zerstreutheit kann verschiedene Gründe haben. Mitunter geht die Zerstreutheit aus körperlich« Ucbel zurück. Auch die Beobachtung häuslicher Zwiste führt Kinder zur Zerstreutheit. Wer ein zerstreutes Kind erziehen will, muh zunächst die Ursache ermitteln. Tic Zerstreutheit steht durchaus nicht immer im geraden Verhältnis zur Begabung, eher im umgekehrten. Will man ein Kind zur Aufmerksamkeit erziehen, so suche inan seine Neigungen auf, die einen nützlichen Charakter trage»; an ihnen bilde man die Aufmerksamkeit des Kindes aus, dann übertrage man die so geübte Aufmerksamkeit auch aus andere Gebiete.
Es ist ein von Juristen häufig gemachter, aber deshalb doch falscher Schluß, bei einem jugendlichen Ucbeltäter zu sagen: Weil er seine Tat so raffiniert ausführt«, deshalb mußte er die Erkenntnis der Strafbarkeit besitzen. Das Kind denkt nicht wie der Erwachsene. Logisches Denke» liegt dem Kinde scrn. Das Kind ivird sich nicht anstrengcn. wenn es gilt, sich Gebote des Sittengesebcs vorzustellen. Die Gedanken der Kinder sind oft sprunghaft. Tie Gedankenverbindung ist impulsiv, mehr von Gefühlen als von der Logik diktiert. Das Kind denkt mehr in konkreten, sinnlich wahrnehmbaren Vorstellungen als >n abstrakten. Gerade die Sittenlehre arbeitet ja ober mit unsinnlichen, abstrakten Begriffen sRecht, Verbrechen usw.) Das alles bewirkt, daß ein Kind, selbst wenn es eine Tat noch so geschickt, scheinbar durchdacht, begangen hat, sich deshalb doch noch nicht ihre Zulässigkeit beziv. Strafbarkeit klar gemacht zu haben braucht.
Sehr wichtig ist für die Ausbildung dieses Denkens die Zeit vom 14. bis zum 20. Fahre. Hier ist cs von hächster Bedeutung, daß den jungen Menschen ein« Anleitung zuteil wirb. Daraus folgt die Notwendigkeit eines ausgedehnten Fortbildungsunterrichts der Knaben und Mädchen. Viele Verbrechen würden dadurch verhindert werden: denn die allermeisten entspringen nur Unkenntnis und Leichtsinn, find Zeichen von Fahrlässigkeit und nicht von Logik.
Die Phautasietätigkeit des Kindes darf nicht durch den Lernzwang erstickt werden: sic ist für jeden Beruf wichtig, auch moralisch bedeutsam. Ohne Phantasie würde es kein« neuen Entdeckungen und Erfindungen geben. Tie Phantasie ist es auch, die zum Mitleid und Mitgefühl führt, indem sie dem Menschen die Möglichkeit gibt, sich in die Lage des andcren hineinzuversetzc». Bei Phantasiearmut sollte der Erzieher durch Spielsachen, Modellarbeiten, Märchenerzählungen, Musik und geeignete Auswahl der Lektüre nachhelscn. Ueberwuchernd« Phantasie ist freilich zu beschränken, da sie gefährlich werden kann und auch zum Graue», ja zum Verbrecherischen binleitet. Ueberphantastischc Kinder soll man nicht allein laffeu; man soll sie in beschränkter Wirklichkeit sehen und hören laffeu, soll ihnen mit Bedacht nüchtern« Geschäfte austragen: ebenso ist auch hier die Lektüre zu überwachen.
Bis zum 13. Lebensjahr pflegen die Mädchen ein bcffcres Gedächtnis zu haben als die Knaben: dann ändert sich das Verhältnis. Vom 13. Fahre ab läßt sich ein erstaunliches Steigen des Gedächtniffcs beobachten. Das Gedächtnis ist wichtig für die Ge» in ü tsb i l d u n g. Undankbarkeit ist eigentlich nichts anderes als «in Sich-Nichterinnern. Kinder erinnern sich oft nicht, daß Tiere und Menschen leiden wie sie selbst, sic vergeffen in unglaubl--' kurzer Zeit Mahnungen, die ihnen zuteil werden, so daß der Er- ivachsene leicht geneigt ist, ein „Fch Habs vergessen" als Unwahrheit zu nehmen, was jedenfalls nicht der Fall zu sein braucht.
S ch u l le i stu n ge n und Intelligenz decken sich nicht. Ter Gesundheitszustand spielt bei den Schulleistungen eine wesentlich« Nolle. Dazu kommt die sogenannte Schulfaulheit. Ihre Ursache« richtig zu erkennen, ist wichtig, daun läßt sie sich durch planmäßige Erziehung zur Aufmerksamkeit und Stärkung des Selbstvertrauens bekämpfen.
Di« Höhe der Schulleistung«« bleibt sich lm allgemeinen gleich, da ja auch die Begabung gleich bleibt. Deshalb ist «S für die Schule am vorteilhaftest«», die Kinder nach ihrer Begabung in Abteilungen zu gliedern, wie es bereits in dem Mannheimer Schul- lnstem geschieht, bas nicht vom Lernstoff, sondern vom Schüler und dem Höchstmaß des von ihm zu bewältigenden Stoffes ausgcht. Dadurch werden die Unlustgefuhle beim Lernen ausgeschaltet, eine individuelle Behandlung wird möglich. Allgemein verbreitet haben sich ja schon die Hilfsschulen, di« falsch« Triebe ausrotteu solle» und auch kriminalpolitisch, vorbeugend, wichtig sind.
Daß aus Musterschüler» nichts wird, oder daß Schulletzle später an erste Stellen gelangen, ist gemeinhin nicht zutresfcnd, wen» cs auch Ausnahmen gibt. Fm allgemeinen werden Fntelligcnz- wcrte von Ellern und Großeltern vererbt. Sind sie bei den Elter» verschieden, so nähern sie sich beim Kinde mehr denen der Mutter v», doch scheinen größere inIrNektueNc Fähigkeiten auch eine größere Pcrcrl'iingssähigkeit zu besitzen als geringere.
Der Charakter «ines Menschen wurzelt nicht so sehr In feinem Vorstellungsleben, als in seinem Gefühlsleben. Die Gefühle sind es, die den Gedanken Kraft und Lebendigkeit verleihen. Als primitivste Gesühlsregungen sind die Instinkte anzu- sprechen — durch Generationen ererbte Arten aus das Milieu zn reagieren. Wenn die Instinkte bewußt werben, spricht man von Trieben.
Einer der ersten Triebe des Kindes ist der S p i e I t r i c b. Et dient der Ausbildung, indem er Ererbtes zum Erworbenen vervollständigt. Darum bedürfen die Kinder des Spielzeugs. Das modern« Spielzeug ist freilich meist zu vollkommen, so baß die Phantasie nicht genügend Raum findet. Durch Spielzeug und Spiele ist es möglich, antisoziale, b. h. verbrecherische Trieb« im Kinde zu entlade». Bandendiebstähle von Kinder» gehen meist aus einem Spieltrieb hervor, den sie sonst nicht befriedigen konnten! das zeigt sich dem Kriminalpsnchologen deutlich genug aus der Art, wie meist wahllos, »hne Rücksicht auf den Wert, alles mögliche zu- sammengcrafft wird.
Mit dem Spieltrieb wirkt oft zusammen der Zerstörungstrieb, auch ein Urinstinkt des Menschen, von Lustgefühlen begleitet. In Anschlägen au> Bahnen und Brandstiftungc» zeigt sich im Kriminellen dieser Zerstörungstrieb. Tie „erperimentclle Witz» bcgicrde" des Kindes gehört hierher, die man so oft in der Zerstörung deS Spielzeugs beobachtet, die aber auch dazu führen kann, daß das Kind seinen Zerstörunastrieb gegen menschliches Leben richtet und es die schwersten Verbrechen begeht.
lim den kriminellen Spieltrieb zu korrigieren, soll man ihm an Stelle der unsoziale» soziale Ziele stecken. Nirgends ist dieses Prinzip mehr durchgesührt als in Amerika, wo man schon jugendliche Bahnhojsdiebe dazu verurteilt hat, ans denselben Bahnhöfen die Reisenden gegen Diebstähle zu schlitzen, aus denen sic bis dahin die Reisenden gepliindert hatten. An die Stell« des einen Spieles wurde ihnen ein anderes aesetzt, dem di« jungen Leute nun nicht weniger eifrig oblagen. Auch hier zeigte sich wieder, daß es sich nicht um eine schlechte Vcranlaoung gehandelt hatte.
«Schluß folgt.)
Die Lage der Krankenschwestern.
gg. Wer jemals gezwungen war, einige Zeit in einen! staatlichen oder städtischen Krankenhaus zuzubringcn, der wird beobachtet haben, daß die Lage der Krankenschwestern nicht die rosigste ist. Meist rekrutieren sich diese Pflegerinnen aus Mädchen vom Lande oder aus unbemittelten „besseren" Familien dcS Bürgertums. Tie rcligiös-kirchliche Form, in der sie gewöhnlich organisiert sind, und die ihnen gegebenen strengen Regeln, die jede persönliche Freiheit erdrücken, verhindern fast jede Möglichkeit zur Besserung ihrer Lage. Nur so ist es zu erklären, daß dieser aufopfernde Beruf seiner, sozialen Lage nach gleich nach dem Elend der Heimarbeiterinnen kommt. Unterstützt von der Autorität der Kirchen kann sich auf diesem Gebiet die kapitalistische Gesellschaft die krasseste Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft erlauben. In der Tat ist eine 12- bis 16stündige Arbeitszeit jahraus jahrein keine Seltenheit. Wie groß das Krankeuschwesternelend heute ist, erhellt wohl am besten daraus, daß ein Aufruf von bürgerlicher Seite sich jetzt an das ganze deutsche Volk zur Linderung der Not wendet. Alle die Mißstände und Schäden, auf welche die Sozialdemokratie seit langem in staatlichen, städtischen und privaten Betrieben hingewiesen hat, um ihre Beseitigung herbeizuführen, werden in diesem bürgerlichen Hilferuf vollauf bestätigt und erneut mit reichem Zahlenmaterial belegt.
Die festgesetzte Arbeitszeit für die Krankenschwestern, die mit 11 bis 13 Vij Stunden an sich schon viel zu hoch ist, wird in weitestem Maße überschritten. Da die meisten Krankenhäuser über viel zu wenig Pflegepersonal verfügen, nicht zuletzt infolge der hohen Anforderungen und schlechten Bezahlung, ist eine Ueberbllrdung mit Tag- und Nachtarbeit eine ständige Erscheinung. Die Folgen sind bei diesem Dienst, der nicht nur an den Körper, sondern bei seiner hohe» Verantwortlichkeit auch an die geistigen und seelischen Kräfte schwere Anforderungen stellt, häufige eigene Erkrankungen, wodurch die Kolleginnen noch mehr belastet werden und mehrstündige Ueberschreitung der vorgesehenen Arbeitszeit die Regel wird. In manchen Krankenhäusern steigt die festgesetzte Arbeitszeit durch ganze und halbe Nachtwmhen möcfH'ntlicf) regelmäßig einmal auf 16% Stunden, vielfach sogar auf 18% Stunden aller vier Tage. Nach unangreifbarem statistischen Material beträgt der Dienst in 19 großen städtischen Krankenhäusern nicht unter 11 Stunden: in den Irren- und Pflegeanstalten erreicht er eine unglaubliche Ans-


