Ausgabe 
17.4.1914
 
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ttjm mehr sind, nl§ ich, Sie für ihn wichtiger und für feine weitere Entwicklung größere Bedeutung und gröberen Wert hüben. Jeder Schulfreund dann ihm eine ganze Welt werden, jeder Junge, den er beim Spielen trifft, jedes neue Buch kann ihm zu einer Quelle von Anregung und Erlebnissen werden. Es ist das einfache Gesetz der Tinge und ich wäre betrübt, wenn'S bei ihm anders wäre . . . Aber wo bin nun ich? Und in den stillen Stunden, wenn wir so ganz deutlich in uns die innere Stimme hören, dieser Tag verdrängt da suhle ich mich obwohl ich mein Kind unter meinem Tache habe, jo allein, dass mich ein Schwindel übcrkommt. Wie im Dunkeln auf einen, einsamen Felsen, umringt von Tiefen. . . .

Ich habe es wiederholt gehört, und es waren nicht die schlechtesten, Männer, die es geäußert haben: die Mutter ist gerade dem Heran­wachsenden und erwachsenen Manne ost so viel und immer kommt ein Tag, an dem der Sohn zu seiner Mutter zuriickkehrt, ihr? weißen Haare küßt und ihr seine Seele öffnet. Mag sein, dieser Tag mag auch iffiin fein. Aber? . . . Ich will nichts davon sagen, wie wenige der Mütter, die diesen Lohn verdient haben, ihn auch genießen: ineist ist es nur ein Schatten, den der Sohn in später Sehnsucht mit dem Lorbeer bekränzt. Ich will auch nicht davon sprechen, daß dieser große und schöne Tag, auf den die Mutter in stiller Ergebenheit warten soll, gewöhnlich der Tag der großen Enttäuschung oder des Unglücks im Leben des Sohnes ist. Aber überhaupt: woher die heilige Resignation nehmen, die darin liegt, aus die Gegenwart zu verzichten, wegen einer fernen, edlen Belohnung? Und wenn eine so geschaffen ist, daß ihr Wesen nicht auf Resignation, sondern auf tätiges Mitleben, ans Bewegung eingestellt ist? Wenn iiir ste lieben .. . ein inniges Hand in Handgeheu mit den anderen bedeutet? . . .

Du, Marie, wenn ich dieh höre . . . Tann wäre am Ende der richtige Weg ... der ni'iner Mutter: neunmal Mutter zu werden, uni immer wieder das Mntterglück zu erneuern.

Ja, das ist wohl auch eine Lösung, aber d i e Lösung ist es doch nicht.

Kennst du eine andere?

Vielleicht, ich ahne sie! , . . Wir sollten nicht unser ganzes Wesen an einzelne Menschen Höngen, wir sollten nick» in anderen aufgehe»! Sieh mal: die Männer kenne» das nicht und sind . . . sicher auch des­wegen ., . glücklicher als wir. Wie oft habe ich an das Wort denken müssen:Tn sollst dein Herz nick» an Tinge hängen, die nick» Gott sind". Es ist kein veraltetes Wort. Einem Gott, einer Idee, einem Etwas, was außerhalb und über unserem Alltag steht, zu dienen . . . das macht den Sklaven zum Herrn. Von einer Idee zu widmen . . . das ist die Kunst, immer jung zu bleibe». Uns aber sich tragen lassen . . . das gibt Selbstaesiihl. Und ihr das Leben wird der Mann, den wir lieben, zum Schicksal unseres ganzen Da­seins. Und In den .Kindern wollen wir dann Ersatz finden siir alle Träume, um die uns das Leben gebracht hat, bringe» mußte. Lebens­inhalt in unseren Kindern zu suchen . . . heißt das nicht an ein rollendes Rad sich klammern, um vorwärts zu kommen? . . . Höre: wen,, ich einmal vor meinem Keo träte und ihm sag:Tu hast mir eine Rechnung z» begleiten, ich habe dir mein ganzes Ich geop'er!" . . . glaubst du nicht, daß er berechtigt wäre, mich mit einem Wort obzufertigen: Mutter, warum hast du es getan? . . . Wir selbst ziehen die bestehende» Schranken noch enger zusammen und merken nicht, daß wir dabei ersticken. In mehrfacher Hinsicht. In allen jene» Hinsichten, wo dem Leben Glücksborizonte sich eröffn«» . . . und wir willen- und wissenslos davorstehen und verhungern. Gewiß, es gibt eine Lösung . .. aber sag nur, >»rs Hab ich davon, was hilst's mir? Die trüben Tage, die meinen Sommer oft znm Herbst ver­dunkelten, werde» mir die sonnigsten nick» mehr ersetzen. Und sch, die glückliche Mutter, möchte oft in die Welt hinausschreien:Gebt mir das Glück, um das ich gekommen bin!"

Liebe Marie, meinst du nicht, daß du . . . zu große Ansprüche an das Leben stellst? Daß d» etwas zuviel verlangst?

Zuviel? . . . Das verstehe ich nicht. Ich denke: es kann niemand mehr vom Leben verlangen, als ihm zu kommt. Tenn verlangt er viel . . . da»,, liegt schon darin seine Berechtigung! Meinst du nickst? Ach. es wurdens so gut tun, wen» wir es verstunden, größere Ansprüche an das Leben zu stellen. Es würde auch unseren Kinder» so gut tun, glaube mir. . . .

Hus Wett und Leben.

Verheiratete Frauen in Handel und Industrie.

Frauen sollen sich um Kochtopf und Strickstrumpf kümmern. Für mehr reicht ihr Verstand nicht ans. Sie sind dumm und genuß­süchtig. So plappern einige dumme Männer, »nd Frauen leiern es nach, wenn sie vom Striimpsestopsen, von der Kochkunst keinen blauen Tunst haben, richtige Arbeit überhaupt nur vom Hörensagen kenne». Tie ganze, an her Ausbeutung der Arbeitskraft interessierte Gesellschaft will nichts von Rechten der Frau wissen. Das ist er­klärlich. Die llnterdrlickung und Ausbeutung der Fra» ist so ossc»- kundig, so empörend, so aufreizend, daß die Ausbeuter und Unter­drücker alle» Grund habe», zu besürchten, daß jedes der Frau er­teilt« Recht einen Hieb gegen dse ihr feindliche Klassenherrschaft be­deutet. Gewinnmacher und Modedamen ereifern sich über Arbetter- fraie», die angeblich aus Trägheit und Genußsucht ihre Wirtschaft vernachlässigen. Tie Statistik beweist das Gegenteil. In wachsendem Maße ist die Frau auch Trägerin der Gntererzengnng. Nicht ans

Vergnügungssucht, nicht ans Freude an dumpfen Werkstätten, nschk aus Sehnsittht nach giftigen Dämpfen und verdorbener Luft gehen die Frauen in die Fron der Erwerbsarbeit. Nicht nur Ledige suchen in Fabriken und Werkstätten, int Bureau und hinter dem Ladentisch ihren Lebensunterhalt, »ein, in erschreckend großem Umfange nimmt auch die Erwerbsarbeit der verheirateten Frau zu.

Sehr groß ist ihr Anteil in Handel »nd Industrie. In den Altersgruppe» von über 30 Jahren ist der Anteil der Verheirateten größer als der der Ledigen, und die Zunahme der Verheirateten auch stärker als die jener. Von den in Industrie und Handel beschäftigten weiblichen Angestellten standen im Alter

Ledige

Verheiratete

1895

1907

1805

1907

von 30 bis 40 Jahre»

104 302

134 700

82 436

154 307

von 40 bis 50 Jahren

40 721

67114

55 079

99 720

über 50 Jahre

49523

51020

38174

03 067

Zusaminen

203 546

252 834

175 689

317 094

Ti« Zahl der über 30 Jahre alten Ledigen ist um 49 288 oder um 21 Prozent gestiegen, die der gleichalterige» verheirateten Ar­beiterinnen aber um 141 403 oder »in 80 Prozent, Außerdem hat sich die Zahl der unter 30 Jahre alten verheiraten Frauen von 74 077 auf 130 831 erhöht. Somit ergibt sich insgesamt eine Zu­nahme der Verheirateten von'230 066 aus 447 047 oder »»> 107 281 gleich 78 Prozent. Wenn verheiratete Frauen, Mütter in solchen Massen, s» solch schnell steigender Zahl zur ErwerbSarbeit eilen, dann muß bittere Not sie treiben. Kein veriilinftiger Mensch kann glauben, daß ohne Sorge »ms Brot, ohne peinigende Angst sür bas Wohl der Kinder ältere Ehefrauen schwere, schmutzige, gesundheits­zerstörende Arbeit verrichten. Hier hat man den untrüglichen Be­weis von einem Wachstum der soziale» Not i» breiten Schichten der Arbeiterschaft. Tie starke Zunahme der verheiratete» arbe!teden Frauen, ihre große Zahl machen eine Ausgestaltung des Schwange­ren» und Wöchueriiiiienschiltzes dringend erforderlich. Man morde und vernichte nicht immer weiter Mutter »nd das Kind Im Mutter­leibe.

Wahres Geschichtchen. Ich bin vor einigen Tagen aus Nord- deiitschland i» einerstockschwarzen" südlichen Stadt angekominen, habe ein Zimmer gemietet, meinen Meldezettel ausgesiillt und fange an, mich häuslich einzurichte». Das zehiisährigc Töchtcrchen meiner Wirtin Hilst mir dabei. Als ich nun eine Reproduktion von Tizians Venus" an die Wand hänge, schaut die Kleine sich bas Bild an und erklärt bann kategorisch:Dös is a Schwein."Aber Kind", sage ich entsetzt,das ist doch eine schöne Fra», eine Götti»." Aber sic hat koane Kleideret an und zweg'n dem is [ a Schwein", wiederholte die Kleine. Doch als sie nun meine fassungslose Be­stürzung steht, kommt sie tröstend auf mich zu und sagt:Aber Freilei», bei Eahna macht dös ja »ix. Sie sa» ja net katholisch!"

chesttttdiieilspffege.

Infiziertes Paniermehl. Mehlspeisen können einen recht günstigen Nährboden für die Entwicklung »nd Vermehrung der Paratnphusbazillen abaeben. Mitunter gelingt es nachzuweiseii, baß die Jnsektiv» der Mehlspeisen durch einen Bazillenträger, der mit der Verarbeitung des Mehles zu tun hatte, zustande kam. Für die Verschleppung günstiger gestalten sich die Verhältnisse, wenn das Rohmaterial der Mehlspeisen infiziert ist, wenn z. B. die Para- tnphusbazillen im trockene» Mehl, z. B im Paniermehl, sich lange Zeit halten Aus de», NntersuchungSamt in Freiburg berichten die Doktoren Langer und Thomann über eine Epidemie, bei der die Erreger durch iiiftziertes Paniermehl liberlragen wurden. Es er­krankten in einen, Torfe des mittlere» Schwarzwaldes 11 Personen nach de,» Genuß von Frikadellen unter de» Erscheinungen eines, fieberhaften Brechdurchfalles und starken, Kräfteverfall. Zwei der Erlrankten starben, mehrere andere schwebten längere Zeit in Lebensgefahr. Tie in Frage stehenden Frikadelle» hatte der bc- t,essende Metzger aus frischem Rind- »nd Schweinefieisch unter Verwendung von fabrikmäßig hergestelltem Paniermehl zubereltet, Tie noch vorhandene» Flelschreste ,»achten einen vollkouinie» »ver­dorbenen Eliidrnek. Dagegen gelang es, a»S dem Paniermehl Para- typhusbazlllei, zu züchten. Tie Tatsache, daß die mit dem Panier­mehl I» die Fleischspeise geratene» Bazillen durch daS Brate» nicht »bgetötet wurden, war nicht schwer zu erklären, weil ln. Inner» des Fleisches nicht immer Teinperatnre» erzeugt werden, die zur Tötung der Keime genügen. Tie Veinnreinigung des Paniermehles war wahrscheinlich bei einem Händler erfolgt, der z»i» Z,necke der Mänseverlllgnng Mänsettzphnsbazillen verwendete.