Apparat gerät ins Stocken, sobald Las auslösende Moment — hier also die Jugendbewegung — an Zugkraft einzubützen beginnt. Auch aus ganz anderem Gebiete stellt der kindliche Konsument seine kategorischen Bedingungen. Auf dem Büchermarkt entstehen der Produktion Probleme, die nur mit genauester Kenntnis der kindlichen Seele gelöst wer- den könnem Eine versuchte Reform der Jugendliteratur muß, ob sie will oder nicht, auf den Geschmack und die Interessen des Kindes Rücksicht nehmen. Sonst tvird sie an das „Kindliche" eben überhaupt nicht herankommen können oder der Schundliteratur das Feld räumen müssen, die nur allzu gut mit den kindlichen Instinkten zu rechnen versteht.
Z)ie ganz feinen Damen.
Neulich hat in der Kölnischen Bolkszeituna, dem Zentrums- blatt, jemand Beschwerde aeslihrt über „die unhöflichen Berliner": ein anderer hat mit Geaenbeispicle» geantwortet. Darauf nahm am Freitag der erste Einsender wieder das Wort. Er schreibt:
„Ich mutz sagen, batz mein Gegner auch recht hat. Aus seinen Darlegungen geht hervor, datz er hauptsächlich mit Personen aus dem Arbeiterstands in Berührung gekommen ist. Dafür spricht auch feine Stadtbahnfahrt in einem Abteil für Reisende mit Traglasten, also dritter Klasse. Tie Berliner Arbeiter sind allerdings mit ganz vereinzelten Ausnahmen gefällige und hölliche Leute, und ich habe in meinem ersten Artikel eine Nnterlasiung begannen, datz ich dies nicht ausdrücklich festgenagelt habe. Ich bin selbst schon Studien halber mit Arbeiterzügen gefahren, und das Verhalten der Leute hat auf mich immer einen guten Eindruck gemacht. Mein« Beschwerden bezogen sich, wie der Inhalt meines Artikels ergibt, auf die höheren Klassen. Ich hatte dabei besonders die Damen im Auge, die Dame» wenigstens noch mehr als die Herren. Zur Illustration will ich noch ein paar Beispiele anführen. Neulich begleitete ich eine Dame, die einige Karten mit Ansichten aus der Umgegend Berlins kaufen wollte, in ei» Warenhaus. Die Verkäuferin hatte zahlreich« Kartons, in denen die Karten nach ihrem Gegenstände gruppiert waren. Während wir noch niit der Auswahl beschäftigt waren, kam in schwerer Seide eine jener Damen herangerauscht, die in der Wahl ihres Gatten sehr vorsichtig gewesen sind: sie haben sich z. B. einen Millionär aus der Tauentzinstratze oder so etwas Aehnliches geheiratet. Sehr viele von ihnen tun nichts, absolut nichts: nur die wirklich gebildete Mitglicderiahl lieh, schreibt, malt oder spielt. Ick lmb« aber eine ganze Anzahl kennen gelernt, die das ganz« Jahr über nichts tun, und da sie auch vom Haushalt nichts verstehen, widmen sic einen grotzcn Teil ih-er Zeit der Betrachtung der Neuigkeiten in den Warenhäusern. Also die erwähnte Dam« stürzt« aus die Ansichtskarten zu und begann darin zu wühlen. Nur aus Neugierde, denn sie wollte augenscheinlich nichts kaufen, wie sie auch, ohne etwas gekauft zu haben, ivicder fortging. Ich stand vor dem Ladentisch und sic drängte sich ganz nahe an mich heran, osfenbar in der Absicht, mich vom Ladentische fortzustotzen, wenn ich nicht freiwillig fortaing. Sie wollt» das sehen, was vor mir lag und dachte wohl, ich würde unwillkürlich oder aus Höflichkeit ihr den Platz räumen. Darauf bitz ich aber nickt an. sondern sagte ihr in ruhigem Tone: „Bitte, lasse» Tic mir mehr Platz." Nun tat sie. als ob sie bas überhöre und starrte wie rin Taubstummer in die Luft. Dann griff sic nach den Postkarten und in kurzer Frist hatte sie alle Kartons umacstülpt und die Karten kunterbunt durcheinander geworfen, worauf sie fortaing. Die Verkäuferin weinte fast und sagte: „Jetzt brauche ich wohl ein bis zwei Stunden, um die Karten wieder zu ordnen." Aus meine Frag«, ob so etwas wohl öfter vorkomme, antwortete sie: „Wohl jcdc Woche, aber eine einfache Frau tnt's nie und ein Herr tut'S auch nie, cs sind imnier nur die ganz feinen Damen." Nicht minder empörende Szenen sieht man fast täglich, wenn nun diese reichen Damen, die nichts tun, mit der Stratzcnbahn wieder nach Hause fahren. Haben sie den halben Tag hcrumgebummelt, so sollte cs ihnen auch mit der Rückfahrt nicht so cilia sein, aber da sieht mau «in anderes Bild. Wenn an einer Haltestelle viele Personell warten, so wollen sie absolut die ersten sein. Ick, habe selbst mit eigenen Augen gesehen, daß müde, abgehetzt« Geschästsmadchen, die abends nach Hanse fahren wollten, voll dicken, aufgepuhten „Kommerzienrätinucn" kaltblütig weggedrängt und an der Mitfahrt verhindert ivurden, indem die „Dicken" selber cinstiegcn. Kommen sie danli in de» Wagen, bann wollen sic auch gleich sitzen und mustern die anwesenden Herren wie ein Oberst, der Parade abnehinen will, sei» Regiment. Der Blick besagt: „Steht auf, ihr Schurken, setzt ivollen wir nnS placieren!" Wenn Herren darauf nicht reagieren. lveLdeii sic manchmal sogar ausgelacht und höhnisch geiuustert. Als dies neulich einmal geschah, «lltstand unter den Herren eine Diskussion darüber, ob mall vor Damen aufstehell lniissc, vor alte» ober auch vor jungen. Zwei mir aegenübersitzende jllllgc Herren fragten mich um meine Meinung und ich sagte: „Dar Alter ist wohl nicht allein maßgebend, eS kommt hauptsächlich darauf an, ob jemand erschöpft und abgearbeitet ist." Dann machte ich sic ans zwei elend aussehende Fabriklnädchcil aufmerksam und sagte: „Diesen beidcli armen Geschöpf,,, können Sic ruhig den Platz abtrcten." Sie taten das, und die beiden vornehmen Damen, welche stehen bleibe» »lutztcn und die Unterhaltung gehört hatte», warfen mir Basiliskenblicke Ist. In meinem letzten Artikel llgltc ich sagen walle», datz Ist de»
Kreisen der sogenannten gebildeten Gesellschaft die Höflichkeit gegen Unbekannte in immer steigendem Matz« abnimmü Das halte ich aufrecht und, um einer abermaligen Mitzdeutnng vorzubeugen, hebe ich es ganz klar und deutlich hervor. Und ivenn Sie mit Leuten, welche die Berliner Verhältnisse genau kennen, darüber sprechen, verehrter Leser, so wird man es Ihnen in den aller,neisteil Fällen bestätigen."
Ter Mann hat la so recht. Aber um die Sorte der „ganz feinen Damen" kennen zu lernen, braucht man nicht nach Berlin zu gehen.
Mutter.
Ein Wechselgefpräch.
Von Nadja Straffer.
Tu mutzt dich wiederfinden, Marie. Ich verstehe deine Klagen wie niemand anders. Ich weiß, wie stolz und hoffnungsvoll du ins Leben hinausgetretcn bist, und wie grausam die Tinge sich dir zeigten. Aber sieh, du bist Mutter, gibt dir nicht deine Mutterschaft Freude und Lebensinhalt genug?
Mutter, Mutterschaft ... Es ist mir beinah, als hörte Ich eS aus ivcitcr Ferne. Ja — früher. Als Geo noch klein ivar. Da war cs sein vollklingendes, beglückendes Gefühl: ich bin Mutter! Damals —! Weißt du: wenn ich di« kleine», zarten Glieder fühlt«, wenn ich die unbeholfenen Bewegungen, die dummen flatternden Händchen sah, dieses ganze süße, neue Wesen, das nichts und olles war — wie Hab ich es da angebctct, ganz einfach angebctct! Ich war wie berauscht, wenn ich den zarten Körper an mich drückte und mit tausend Küssen bedttktc. Dieser rosige Klumpen Mensch, den andern so unbedeutend lind unwesentlich, flötzle mir säst Ehrfurcht ein. Und ivenn plötzlich in mir der Gedanke auftaucht«, klar und eindringlich, als wäre er vom Hinimcl hcradgekommen: das ist dein, ganz dein, cinfoch ein Stück von dir, bas sich losgelöst und eigene Form angenommen hat — das war mir wie ein Klang, wie ein süßer, goldener Klang. Ich konnte niederknien vor dem lachenden Tierchen, das nichts wußte, und weinen vor Glück, weil cs da war, weil ich es hatte. . . .
Aber liebe Marie, du wirst doch auch später Freud« an deinem Kinde erlebt haben. Ich keime dich und weiß, wie fähia bn zur Lieb« bist.
Als ob es darum sich handelte! Als ob ich meinen Ge» jetzt zu wenig liebte! Aber damals war noch ettvas dabei, ettvas ganz anderes, was reich gemacht hat und froh. Ob du mich recht verstchcir
kannst? Znm Beispiel, wie Geo zum erstenmal gegangen ist.....
Weißt bn, Ick> Hab so daraus gewartet, es kan, mir fast »nwahrschein- lich vor. daß diese kugelnmben, ungeschickte» Füßchen, die zu gar nichts taugen und noch soeben in der Luft gezappelt hatten, stch i,un regelrecht und selbständig a,lf dem Boden belvegen werden und ich sehnte mich kindlich danach. Und als er wirklich endlich einmal, ganz plötzlich, hinter mir in das andere Zimnicr hercingctrippclt kam — triumphierend, überrascht, daß cr's nun kann, baß cr's doch zustande gebracht — da ivar's mir . . . nein, das ivar ein Frehgesühl, das ick, mit keinem andern vergleichen kann. Ein Jauchzen des Herzens, als wär's auch vierzehn Monate alt. Das ist Muttcrglück, ganz reines, ohne Zutat von Reflerionen und Romautik.
Das da . . . Nein, sichst du: gerade an diese Sei!« habe sch nicht gedacht.
Das weiß ich. Und doch . . . Oder auch später! Wie Geo zum erstenmal mit dem Rainen auf dem Rücken zur Schule ging. Da war ich so ergriffen, möcht ich sagen. Nun ivar er Mensch, mit Pflichten und Sorgen, die ihn nie, nie mehr sreilassen würden, er, der erst gestern — schien eS mir — nicht wußte, wo feine Hand und fein Bein ist, und beides in den Mund steckte. Wie ich da zur Schule begleitete und auf dem runden ApfelgcslH! die ernst besorgte Miene sah, die nervöse Erregung, die nichts war als versteckte Angst. Als ich fühlte, wie er sich in seinem Inner» an mich klanrmert«, bei mir Schub suchend, vor dem Unbekannten und Fremden, bas ihn erwartete ... Ich weiß noch, wie ich feine Händchen in die meinen fest drückte, und sie küßte, di« rührenden,, unschuldigen Händchen, die ganz kalt waren, iveil zum erstenmal das kleine Herz bange schlug... Da — weiß du, liebte ich das Kind mit Io schmerzhaft wonniger Liebe. — Und wenn da einer gekommen wäre, und gesagt hätte: verzichte für diesen Augenblick auf auf dein« Mutterschaft oder büß« einen Teil deines Lebens ein — ich hätte ohne Bedenken letzteres gewählt. Solche Momente — und es gab ihrer so viele — beschienen wie Sonnenstrahlen die Tage, gaben ihnen Fülle und Farbe. Aber das ivar früher. So lange das Menfchiverden im Kinde auch an mich neue Anforderungen stellte, mich znm Helfen, znm Mittun ouffor» dcrte, solange ich bas körperliche im Kind körperlich mit empfand. Jetzt ist es ans damit. Geo ist ein Mensch siir sich. Er ist einer, der mir wie kein anderes Wesen »ahestcht, aber er ist nicht mehr — ich. Was mich mit ihm verbindet: Pflicht, Mitgefühl, menschliches Verständnis und so weiter, dar reicht aus für manch« Freude und manches Leid, ober Mutterglück ist cs nicht nichr, nein ... — Wenn ich mir aber deinen Geo auschc und mir denke, ivaS du ihm bist, wie er dicht in allem und jedem braucht —.
Nein, komm mir nicht damit, du nicht. Ach, dieses sichnotwendig Fühlen, dieses Dienen der Liede — wie Hab ich es satt! Ich trug Jahre hindurch diese Fron und Hai!« das Gefühl eines Toten, der feinen Grabstein tragen muß. — Und auch jetzt: es füllt wohl den Alltag an?, wie die Buchstabe» eines Gedichtes das Papier auSfttllen, aber ist es das, ivaS bcfriediat, waS über das Kleinliche erhebt, was den Feierabend der Seele heiligt? . . . Geo hal lausend Tinge, dir


