Dichtende Kinder.
Sie haben alle einmal einen Angenblick, La sie fühlen: bie Sprache ist doch mehr alö nur Verständigungsmittel. Einmal kommt iiber sie alle der Reiz der Form, die Freude mit den Worten zu spielen. Denn so sänat's an, wenn Kinder dichten:
„Da komnit der alte Kaspermann Und sagt guten Tag.
Er sagt schön' guten Tag,
Dann macht er wieder ei» Kompliment zu früh Hat er kein' Kassee müh . .
Hat er kein' Kassee müh... so ist's recht. Denn noch ist's gleich, was man sich dabei denken soll, ivenns gleichklingt, wenn sich s reimt. Und von diesen Äleinkinderreimen bis zum Tagebuch der jungen Dame, bis zur iveltschmerzlichen Dichtung des Achtzehnjährigen ist ein weiter Weg. den uns erst jetzt einer eröffnet hat. mit allen Kurven, Eck und kleinen Nebenwegen.
Fritz Giese hat Im Verlag von F. A. Barth sLeipzig 1914) „Das freie literarische Schaffen bei Kindern und Jugendlichen" untersucht. Es ist ein stattlicher Band geworden; denn er enthält nicht nur eine gute und scharfe Untersuchung über diese seltsame Literatur, er enthält etwas, bas uns in dieser Vollständigkeit noch nie geboten worden ist. Er bringt 502 Proben einer „Jugendliteratur", bie aus kleine Zettel und Heftseiten geschmiert, ängstlich versteckt wurde, und nur gelegentlich von stolzen Müttern ans Licht gezogen wurde. In Zeitschristen und kleinen Bücher» waren ja schon Ansätze zum Sammeln gemacht, aber eine solche Ausführlichkeit hat noch keiner erreicht.
Es handelt sich, wie der Verfasser an einer Stelle scharf betont, hauptsächlich um das Schassen 'deS guten Durchschnitts, um diesen periodisch auftanchenden Drang, einmal anders als das tägliche Leben zu sein, einmal Verse zu schreiben oder eine feierliche Prosa. Und gerade das macht diesen Band so unendlich reizvoll; denn schließlich haben wir ja noch kaum zu wissen bekommen, wie es denen ums Herz ist. die nicht durch bedeutende dichterische Leistungen ihre Jugend vergessen machen. Hier ist die tppische Leistung des geistig angeregten Kindes, die man — wie Giese mit Recht warnt — ja nicht überschätzen solle. Er gibt zu, das; sich schreibende Kinder wohl immer später einmal mit intellektuellen Dingen befassen wer- beti. „Doch wäre es falsch, sogleich an eine Bedeutung in der Dichtung selbst zu denken." Hört's, Tanten, bie ihr das „kluge Kind" auf den Tisch stellt und es seine VerSchen herplappern laßt 1 Und so hat denn auch in den meisten Fällen nicht der literarische Kritiker eine Freude an diesen Dichtungen, sondern immer nur der tastende Psychologe und vor allein der Pädagoge, der viel, viel aus diesem Band lernen kan».
Ein riesiges Material türmt sich auf. Es ist unmöglich, hier auch nur den kleinsten Teil zu bewältigen. Da sind die Märchen der Kleinsten, die oft an die Phantastik des Herrn Scherbart streifen. „Geschichte von einem Mann, der einen Bauch hatte, so lang wie die Hohenzollernstratze, weil er immer eine» großen rote» Käse nach dem andern aß. Und er war auch einmal ans der Eisbahn. Und da platzte sein Bauch, und rollten alle Käse raus." Und da ist die Geschichte von der leeren Stadt, „in der wohnte kein Mensch, nicht einmal ein Viertelmensch." Und da ist ein ganz kleines Prosastück „Die Here in London", das braucht man nur neben Grimms „Unke" zu stellen, und wir haben den gemeinsamen Grunbton aller Volks- und Kinderromantik. Worte, Worte — aber zusammenae- hälten durch einen straffen Rhythmus, der alles Wirre der direkten Reden und subjektiven Berichte überwindet. Interpunktionen gibt's nicht, dafür aber eine so starke Empfindung für das Grauen im Herenkeller, erlöst durch das harmlose Wort „Mehlsack", das man liest und liest, und nicht weis;, von wannen es kommt. Da sind die Junaens, die in freien Rhythmen an Arno Holz gemahnen, da sind die Mädchen, die iveichere Töne finden, volksliedhaft, aber durchaus nicht süßlich. Da entpuppen sich schau frühzeitig die Reimtalente, die flotte Refrains erfinden. Da sind Reminiszenzen . . .! Ach, hie Erinnerungen a» die Lektüre! Bierbauni, Hölderlin, die Tageszeitung, Busch, Lilieitero» . . . bas geht noch alles bunt durcheinander. Und der Gipfel wird erreicht, wenn die Tanzstunde kommt, die erste Liebe: Pubertät. <Ueber die man Kindern hinweahelsen soll, ohne sie darin stecken zu lassen.) Da sind die ängstlich gehüteten Tagebnchblätter der jungen Mädchen, die bereits mehr vom Leben und von der Liebe wissen, als ihnen utid den Tanzstundenherren gut ist; niemand hat es ihnen gesagt, sie haben es eben im Gefühl, daS sie ungeschickt und ein bißchen geschminkt stilisieren. Das Ge- schriebetie spielt vor dem Autor Theater. . .
Hier kann der Pädagoge lernen. Hier mag er sehen, wie es in einem Kitide aussieht; denn kratzt man die angeleniten Forinen herunter, das schreiende Pathos, die ausgeliehenen Masken, dann bleibt die Individualität des Kindes — wenn's eine hat. Nun ist ja auch bei der Maste dieses plötzliche Aufloderu der Intelligenz interessant genug, auch wen» nichts dahintersteckt als die Pubertät. Aber manchmal ists doch jemand, der da schreibt, manchinal klingen doch Töne, die anshorche,, machen, lind daß diese Kinder nicht in plumpe Finger fallen, scheint wichtig genug zu sein. Es sind aber nicht viele in den, Buch, und es werden auch überhaupt nicht viele sein.
„ Einer ist allerdings da, der schrieb mit 15 Jahren ei» Gedicht ans seine Mutter, das zu de», Schönsten und Innigste» gehört, das ich je von einem Kinde las. Ich dachte an das „Lied" von Bob- man», aber dies hier war doch »och kunstloser, »och unmittelbarer. Die Verse desselben Junaen nachher, in, Alter von 19, 2» Jahren, sind eine gelinde Enttäuschung; wer weiß, was daran schuld ist.
Wer aber so begabte und seltene Kinder sein eigen nennt, sollte darauf achten, daß richtige Erzieher sie durch die schwierigen und gewundenen Pfade der Jugend leiten. Und weil daS Gedicht so rührend schön ist, weil es alles sagt, was einer aus seine Mutter GuteS sagen kann, foll's hier stehen.
Mutter singt.
Meine Mutter geht durch die Stuben und singt. Selten, daß meine Mntter singt, sieht immer so ernst aus und sorgenvoll.
Heut aber singt sie,
und das klingt so schön, daß ich,
baß ich ganz stille sitze
und weinen möchte.
Den» meine Mutter geht durch bie Stuben und singt.
Ich dächte, man sollte solche Kinder durch zarte Hände gehen lassen. — KurtTucholsky im Berl. Tgbl.
Das Kind ass Konsument.
Dic Bedeutung der kindlichen Ansprüche und Gewohnheiten für die gewerbliche Produktion wird nicht immer hin- reichend gewürdigt. Das Kind empfindet ein plötzliches In- tercsse für ein besonderes Spiel, versetzt damit die Industrie in die Notwendigkeit, die für jenes Spiel erforderlichen Gegenstände zu produzieren, sck>afft also die Bedingungen neuer Industriezweige und kann sogar bedenkliche Schwankungen des Geschäftsganges in einzelnen Gewerben Hervorrufen. Weniger unabhängig von „plötzlichen Interessen" ist das, was als Objekt allerrcalsten Interesses zum Standard of life im Haushalt des Kindes gerechnet werden kann. Also alle die Dinge, die mit der besonderen Ernährungsweise des Kindes, vor allem des Säuglings, im Zusammenhang stehen. Aber dieses stabile Verhältnis zwischen Produzent und Konsument hört da auf, wo das Spielbcdürfnis des Kindes in Betracht kommt. Das spielende Kind ist heute sehr anspruchsvoll. T-as war nicht immer so. Als die jetzige Generation der Erwachsenen in Kinderschuhen umherlief, war das „Jahrhundert des Kindes" noch nicht angebrochen. Man verschonte das Kind mit „individueller" Erziehung und „individuellem" Spielzeug; dafür zeigte das Kind sich dankbar, indem e§ das Wenige und verhältnismäßig Priniitive, das man ihm gab, mit Hilfe seiner Phantasie zum Gegenstand reicher, ans Wunderbare grenzender Erlebnisse gestaltete. Wie hat sich das alles geändert. Auf dem Spiclwarenmarkte werden heute Tinge verlangt, die mit den tatsächlichen, im Gebrauch befindlichen Objekten ddr T e ch n i k niöglichst photographische Aehnlichkeit besitzen sollen. Indem man diese fertige Ware dem Kind übergibt, nimmt man ihm die Möglichkeit persönlicher Anregungen, verkümmert die kindliche Phantasie, dic mit der exakt konstruierten Hochbahn oder dem tadellos funktionierenden Kinematographen nicht viel anzufangen weih und bald ihrer überdrüssig wird. Also müssen neue Spielwaren angeschafft werden, und der Industrie erwächst die Aufgabe, solche auf den kindlichen Geschmack abgestimmtc zu erfinden und herzustellcn. DaS seinerzeit mit Enthusiasmus begrützte Diabolo-Spiel, das einige Monate alle öffentlichen Straßen und Plätze unsicher machte, verschwand ebenso schnell, wie es entstanden war. Der deutlichste Beweis der Abhängigkeit der Produktion vom tonangebenden Ge- schmack des Kindes. Es sei noch besonders auf die neu erstandene Rcklameniarkenindustrie verwiesen. Dieselbe Erscheinung nimnit konkrete Formen an im Umkreis des S p o r t l i ch e n. So war es z. B. mit den R o l l - s ch u h e n I Zuerst jener lebhafte Verkehr und Lärm auf den von Rollschnhlänfern „bevorzugten" Straßen, Gründung von Rollschuhbahnen uslv.; allmählich wurden die Rollschuhtöne schwächer und schwächer; dann war alles wieder ruhig. Im Zusameninhang mit dem Sportlichen stehen die neuerdings so stark im Aufschwung befindlichen Jugendbewegungen der Pfadfinder und Wandervögel. Wieder treten neue Anforderungen an die Industrie heran, diesmal namentlich an die Konfektion, die Musikinstrumentenindustrie (Laute und Gitarre) sowie die Herstellung von Feldflaschen, Kochgeschirr usw. Es werden Betriebsvergrößerungen vorgenommen, neue Arbeiter eingestellt und das große Rad volkswirtschaftlicher Zusammenhänge ins Rollen gebracht. Doch der ganze


