Au!
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Vo» Leo Äolisch.
Du! Ich bin irgendwo weil weg und habe Dich zurücklasseu müssen. Ich mutzt«, denn noch wutzt« ich nicht, ob ich mich auch nur «llein würde durchschlagen können. To lebe ich nun. ein Körper ohne Seele. Und frag« mich jeden Dag aus« Reue, w o z u ich denn «iaenilich leb«. Warum ich von Dir ging. Weil fl« mir das bisserl Arbeit, von dem wir uns fristeten, abgeschnitten hatten? «eil Du auf .klare Verhältnisse" drängest?
Alle» Leben beruht aus Liebe. Darum war auch bas kärgliche Dasein von damals Leben, und die Auskömmlichkeit von heute ist langsames Hinsterben. Weil wir uns nicht habenI
Wie ich lebe? Versteht flch, mein Weib, datz ich vor allem der Erinnerung lebe an Dich. Versteht flch. datz ich Nachts von Dir träum«. Bon Dir allein, hörst Du. Ausschließlich von Dir und mir. Da kommt der Morgen. Ich öffne die Augen und find« mich allein. Ich kleide mich an und mutz dabei Tränen verschlucken, weil ich mich plötzlich erinnere, wie schön das war, wenn wir uns gegenseitig beim Ankleiden halfen. Weißt Du noch, wie ungeschickt ich mich dabei anstellte? Wie ich Dir einmal das goldbraune Haar durchkämmt« und «» blieben mir einig« zwanzig der leuchtende» Spinnfäden in der Hand? Ach, ich habe sie mir sorgsam auf- bewahrt! Zwischen den Rückendeckcln meiner Uhr rühm fle, und manchmal, wenn ich Gelb zum Auslösen habe, atme ich den Dust Deiner Locken. Weißt Du noch, welch langwierig« Kämpfe ich mit Deinen Lleiderknöpfen durchmachen mutzt«? Und wie ich dann später einig« Knöpfe nicht mehr zubrachte I .Weil Du auch so ungeschickt warst!" sagtest Du dann. Ich aber kützt« Dich voll scheuer Ehrsurchi. Oh Du. daß ich fern von Dir sein mutz!
Die Hauswirtin bringt mit den Kaffee. Frühstücken gehörte von jeher zu meinen liebste» Beschäftigungen. Nun aber schütte ich de» heißen Trank mechanisch in mich hinein. Und wenn ich Brötchen in Angriff nehme, bann mutz ich an Deine weißen Finger tanken, die mir so flink und zärtlich das einfache Frühstück be- retteten. Und wenn ich mich dann von meiner Wirtin — Du w«itzt, ich bin ein höflicher Mensch — empfehle, dann denke ich daran, wie siitz der morgendliche Abschied von Dir war. Besonders wenn einmal ausgiebig Honorar erhalten hatte. Ach ja! Deine Küsse! Und mein« Honorare ...
Nun, Du mein Abgott, bars ich Dir aber doch nicht verschiveigen, datz dann, wenn ich daß Tagwerk beginne, jede Sehnsuchtsregung unterdrückt ist. — Je—be! Und ich weih. Du nimmst mir das nicht übel, gelt? Denn Dienst ist Dienst und waö man tut, soll man ganz tun. Weil ich aber von halber Sehnsucht doch nicht den richtigen hold schmerzlichen Genuß hätte und von der ganzen, aus- füllenden Sehnsucht allein nicht leben könnte, habe ich »ir fest vor- genomin«», während der Arbeitszeit nicht an da» ju denke», was sonst den Inhalt meines Lebens ausmacht.
Wisst. Geliebte, datz das Leben ein« endlose Kette von Kompromissen ist mit dem Nächste» und mit sich selbst. Darum darsft Du auch daS. was ich Dir jetzt schrieb, so wörtlich uicht nehmen. Manchmal denke ick auch in den Schafsensstunten an Dich. Dein Bild, Du weißt, jenes, bas Dich im anli«g«nben dunklen Kleide zeigt, im rotpolierten Rahmen steht es vor mir auf dem Schreibtisch. Wenn ich den Spitzeneinsatz sehnsüchtig betracht«, der unter der halsfreien Bluse hervorlugt. dann kommt «S wohl vor, daß Dein« Augen auf einmal zu lachen anfangen. Und Dein, ach ja, Dein Mund ruft mir zu: „Mach was, Faulpelz!" Gehorsams» wir immer, folge ich alsoglcich.
Die Mittagspause aber. Schatz, gehört wieder ganz Dir. Wenn mein Nachbar am Stammtisch di« Kartoffel» mit dem Messer einschaufelt oder dar weiße Tuch beklert, so höre ich Dich entrüstet protestieren: „Schweinterl!" Und schließe mich — wie immer —
Deiner Ansicht an Oder ich triirke — ausnahmsweise, bilt«, denn wir müssen sparen! — einmal ein Viertel Markgräfler. Tann höre ich alterkennend lagen: „Dös ist amol a Weinderl! Obr datz
Di net--1" Nattirlich nicht, Geliebte. Du weiht ja, ich bin so
oft und so viel es mir möglich ist, Temperenzler. Oder es gidt eine Mehlspeise: „Ach, do legst Di nieder!" hör ich Dich rufen, ,a Möll- speis: Die mog t net, die konnft ollani papperln!" Was ich auch «ewissenhast besorge.
Und dann Herzerl. gehe ich ins Kaffeehaus, Darfst net bös fein, daß ich das täglich «de. Das gehört halt schon einmal znm Leben. Und weißt Du, ich kann da so schön von Dir träumen. Ich habe mir «in* Ecke ausgesucht, di« wahrhasttg so ausschaut wie unsere im Cafe. »a. Du weißt, welches ich meine. Dort fitz« ich, trinke meinen Schwarzen und rauche «ine österreichisch« Memphis. Da Du, die gidts auih hier. Und gedenke dabei der Zeiten, do wir täglich beisanimenlatzen: ena. so datz der alte Herr vom Rebentisch immer sehr mißbiliiaend ds Haupt schüttelte. Kvpsschüttelnd ist ganz ivirkrrngsvoll, wenn genügend graues ober gar iveitzeS Haar vorhanden ist und dazu noch eine golden« Brille, über die der Schüttelnd« dann hlnwrgzuschauen hat. Aber wir zwei waren »n- verbesserlich, was Schatz! Wir sahen da. schauten uns an, sprachen manchmal, manchmal auch nicht und bekamen nie genug von einander Weißt Du noch, wie der kleine Herr mit dem Schmer- athletlker-Gchnurrbart und de» Eezesflonsdeinen rinnial mit Dir anbandeln wollt«, als ich mich verspätet hatte? Und wie Du ihn. Dein rasche» Züngielu wett herausstrecktest, so daß er auf das Epeanzln fürder vergaß? Und wir zwei müsse» uu» durch eine slinfzehnsttintig« Schnellzuasstrecke von «iuander gehalten sei»! Du, im Kaffeehaus sind wahrhastig auch Wiener Zeitungen, Also, die
berühmt« Korrespondrnzrubrik kann ich ganz genau mit verfolgen, Hörst du! Wenn <ch einmal lesen werde:
Jen, «ntz. Frl, tm br. Kostüm, schw. Pelzhut und Krage»; b, Mont. Vi9 mit Linie 86 gegen Schotternr. fuhr, w. v, fl« beobacht. Herrn inst. u. freunbl. Wiedersehen geb.
Ch. Stgfried 166 06« Erped. N. «. 7. dann werde ich wissen, daß wieder einer aussitzen wird. Du, Schatz, bestelle den Herrn Sigi bann hinaus zum Zentralfriedhof. Hai sHofsentlich regnets auch!) Du selbst aber setz Dich in unser Cafe, schreib« mir «inen braven Brief und rauch« zwei Aegypttsch« dazu, mir zu Ehren!
Findest du etwa, ich sei unbeschcibeu? Aber ivarum denns Brief« und Gedanken idak andere ist nämlich nicht oft das ein«) sind für laug« Monate die beiden Brücken, die uns verbinden. Da können wir nie zuviel davon bekommen unb geben.
Ja. Und dann fitze ich wieder vor dem Schreibtisch und sehe wieder von Zeit zu Zeit auf die Spitzen unter Deinem Hals, seufze und schaue, schaue und seufze, beiße bi« Zähn« zusammen und arbeite weiter. Manchmal gehts, manchmal nicht. Dann ruht dt« Arbeit auf eine halbe Stunde und der Spitzeneinsatz triumphiert. Bis Deine Augen plötzlich ,u Iack>«n anfaiigcn. Dann weiß ich, daß ich weiter arbeiten soll und folge
Das, mein Liebes, ist mein Tag. Ich brauche Dir mm nicht weiter zu schildern, wie ich abends trostlos henimlaufe, wie jeder Schritt, jede Hantterung, jeder Bissen in mir die Erinnerung weckt an gleiche Lagen, die ich mit Dir erlebt«.
Und Du! All Deine tapferen Versicherungen, «s gehe Dir gut, Du würdest Dich bald daran gewöhnen ohne mich zu fein, Du würbest sogar einmal, vielleicht sogar bald dazu kommen, einen anderen zu nehmen: Alle diese Versicherungen find mir nur ein Beweis mehr, wie auch Du mit jeder Faser au mir hängst, E» also willst Du mir die Zeit des Getrenntseins erleichtern, Geliebte? So willst Du den Sturm, der durch mein« Briefe tobt, besänsttgen! Oh du liebes Dnmmerl, weißt Du denn nicht, noch immer nicht, Daß Du ein Stück meines Lebens bist, schon lange gewesen bist, ehe in Dir unser neues, gemeinsame» Leben zu knospen begann?
Du mein Weib, ich spare, hörst Du! Trotz Kaffee und Zigarette und Markgräfler spare ich. Und weißt Du, aufrvaS . . .
Du, ein Meer von Glück, ein Abgrund von Seligkeit, ein neue» Weltwunder wirb da» fein. Bedenke doch! Dn und ich: Und dann ein Wesen, das unserer himmelstürmenden Liebe entspringt, «in Wesen, das uns Beide enthält: bas ist die Göttlichkeit!
Mein alles! Ich fasse all daS, waS ich Dir schrieb, noch einmal zusammen: Ich sehne mich nach Dir! Riesengroß steht in mir nur der ein« Gedanke: Du!
Ich küsse Dich . . .
Aus Wett und Leßeu.
Frauen- und Klnderausbeutung In der Senter Letnenindustri«,
Im Peuple gibt F, P a u l s e n auf Grund des ihm von Jan Samy » , Sekretär des Genter Letnenarbeiterverbande«, gegebenen Materials eine Ueberficht über Arbeitszeit und Berbtenft der in dieser Jndnstri« beschäftigten Kranen und Kinder. Seit 1882 hat der Verband einen harte» und nicht erfolglosen Kampf geführt. Arbeiteten doch von 1889—82 in den Fabriken die Kinder von morgens 814 biS abends 7)4 Uhr: 12 Stunden nach Abzug der Pausen. Durch harte gewerkschaftlich« und poltttsch« Arbeit wurde 1889 bas Gesetz betr. Regelung der Frauen- »nb Kinderarbeit bnrchgesetzt, ans Grund dessen durch königliche Verfügung vom 26. Dezember 1892 die Arbeitszeit für Kinder und für Krauen unter 21 Jahre» aus 11% Stunden herabgesetzt wurde. Degen des notwendigen ZusammcnarbeitenS bedeutet da» »«gleich eine Regelung der Arbeitszeit der Erwachsene». Von 1898—1904 würbe weiter ei» zäher Kampf geführt, der zur wetteren Verkürzung auf 11 Stunden (6% für Kinder von 12—18 Fahren) im Juli 1904 führte. Run find weiter 10 Jahre »ergangen und dt« Organisation hosst, ihr nächstes Ziel: den Zehnstnndentag, bald zu erreichen. Außerdem sind wesentliche gesundheitlich« Verbesserungen bnrchgesetzt worben: die vordem sehr üblen Luftver- hältnisse wurden durch Einführung von Ventilatoren, di« Mtl- lione» kosteten, erheblich verbessert. Auch bi« Löhne find gestiegen, trotzdem aber noch immer künimerlich. Bei der Gewerbe- zähtung von 1896 wurde für Arbeiter unter 18 Jahre» ein Loh» von 6—10 Francs wöchentlich ermittelt. Jetzt beträgt er, einschließlich der Untcrnehmerprämien, 7)4—12 Fr. Für envachsen« Arbeiterinnen stieg der Lohn von 12—18 auf 17)4—21, sür männliche Tagelöhner von 14,40 aus 18,90, für Wollkämmer vo» 17 aus 22,80 Fr, als Minbestlohn. Verglichen mit der tu der gleichen Zeit erfolgten Steigerung der Lebensmittelpreise bleibt di» Steigerung der Löhne lvon denen noch bi« nicht seltene» Aussälle durch verkürzte Zeit abgehe») sehr gering. Jedenfalls haben dt« U » t« r n e h m c r g e w i n » c unter der „unerträglichen sozialen Belastung" nicht gelitten. Bon 1892—1912 erzielten zwei Fabriken


