Ausgabe 
10.4.1914
 
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Wöchentliche Gelinge der Gberkessischsn Go!k 5 Zeitung

Nummer >4

öiesren, Donnerstag den 9. Kpri! 1914.

6. Sakrgang

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Z)ie Arbeiterinnen und die Gewerkschaften.

Es gibt noch immer Millionen Frauen des Proletariats, die mit einer gewissen Abneigung jeder öffentlichen Betäti­gung gegenüberstchen, die sich am liebsten verkriechen würden, wenn man sie zur öffentlichen Tätigkeit anfruft. Ob sie wollen, ob sie sich sträuben, sie werden genötigt, sich zu ent­scheiden, weil die in unserer heutigen Zeit verloren geht, die sich nicht einer großen Gruppe anschließt, die gemeinsam ihre Interessen aller ihrer Mitglieder zu vertreten versteht.

Vor 20 Jahren stand es um die Anteilnahme der Ar­beiterinnen an den Gewerkschaften noch weit schlechter, als es heute steht um die sich erfreulicherweise von Jahr zu Jahr bessernde, wenn auch freilich noch nicht in befriedigender Weise bessernde Teilnahme der Arbeiterinnen am politischen Leben. Vor 20 Jahren war ein weibliches Mitglied einer gewerkschaftlichen Organisation eine viel angestannte Aus­nahme, wie selbst heute noch eine Arbeiterin als Vertreterin ihrer Berussgenossinnen auf mancher Generalversammlung einer Gewerkschaft einiges Aufsehen hervorruft. Damals gab cs bloß einzelne weibliche Mitglieder in den Gewerkschaften, und doch war auch damals schon die Industrie in hohem Maße ans weibliche Arbeitskräfte angewiesen,

Sehen wir nun zu, wie es jetzt um die Arbeiterinnen in den Gewerkschaften bestellt ist. Wir haben zwar durchaus keinen Anlaß, schon zufrieden zu sein, denn die weitaus über­wiegende Zahl der in unseren Industrien beschäftigten Ar- beiterinnen ist noch immer nicht gewerkschaftlich organisiert. Verglichen aber mit den Zuständen vor 20 Jahren, müssen wir bekennen, daß sich die gewerkschaftliche Organisation bei den Arbeiterinnen großartig entfaltet hat.

Heute haben die modernen Gewerkschaften soviel weib­liche Mitglieder, als sic vor 20 Jahren männliche Mitglieder hatten. Das ist eine Errungenschaft für die Gewerkschaften, die sicherlich niemand vor 20 Jahren geträumt hätte. In den ersten Statistiken nach Ablauf des Sozialistengesetzes, in den ersten 1800er Jahren, wurden überhaupt keine weib­lichen Mitglieder in den Gewerkschaften gezählt, und noch in einer so kurz hinter uns liegenden Zeit, wie im Jahre 1905, zählten unsere Gewerkschaften nur rund 74 000 weib­liche Mitglieder, Von da ab stieg mit der einzigen Unter­brechung ini Jahre 1909 ununterbrochen die Zahl der Ar­beiterinnen, die sich den Gewerkschaften angeschlossen hatten, im Jahre 1912 zählten die Gewerkschaften 222 800 weibliche Mitglieder. Wohl ist in jener Periode auch die Zahl der männlichen Mitglieder stark gestiegen, aber doch hat sich deren Anzahl von, Jahre 1902 ans 1012 noch nicht verdoppelt, während die Zahl der weiblichen Mitglieder sich verdreifachte.

Wir haben Organisationen, in denen die Zahl der weib­lichen Mitglieder größer ist wie die der männlichen Mii- glieder. Das ist bei den Hausangestellten der Fall, wo cs fast überall keine männlichen Mitglieder gibt, dann bei den Handlungsgehilfen, >vo fast zwei Drittel der Mitglieder weib­liche sind, bei den Bliimenarbeitern und bei den Buchdrnckerei- Hilfsarbcitern kommen noch ans rund je 550 weibliche Mit­glieder nur 450 niännliche. Annähernd ebenso viele weib­liche Mitglieder wie männliche haben die Tabakarbeiter und die Buchbinder, etwas schwächer schon ist die Zahl der weib­lichen Arbeiterinnen bei den Hiitmachern. lieber ei» Drittel

der Mitglieder 381 von je 1000 sind Arbeiterinnen bet den Textilarbeitern, freilich bei der überragenden Bedeutung der Frauenarbeit in der Textilindustrie noch lange nicht ein befriedigendes Verhältnis. Unter je 100 Mitgliedern des Kürschncrverbandes sind 32 Arbeiterinnen, rund ein Fünftel der Mitglieder sind Arbeiterinnen in den Verbänden der Schneider, der Porzellanarbeiter und der Schuhmacher. Noch nicht ein Sechstel der Gesamtmitgliedschast ist weiblich bei den Bäckern und Konditoren. Rund ein Achtel der Mitglieder sind weiblich im Fabrikarbeiterverbande, nur der 14. Teil der Mitglieder sind Arbeiterinnen im Gastwirtsgehilfenverband und nur ein Achtzehntel der Mitglieder gehören als Arbeiter- innen dem Lagerhalterverband an. Genau ein Zwanzigstel im Mctallarbeiterverband, noch nicht ganz ein Dreißigstel im Transportarbeiter- und Holzarbeiterverband sind Arbeiter­innen.

Freilich bekommen die Zahlen ein anderes Gesicht, wenn wir die weiblichen Mitglieder nicht nach dem Verhältnis zu den männlichen Mitgliedern, sondern lediglich nach der Zahl der weiblichen Mitglieder betrachten. Da steht dann an der Spitze mit fast dem vierten Teil der gewerkschaftlich organi­sierten Arbeiterinnen, mit über 53 000 weiblichen Mitgliedern, der Textilarbeitcrverband. Ihm folgen mit fast 27 000 Mit­gliedern der Metallarbeitcrverband und mit über 25 000 organisierten Arbeiterinnen der Fabrikarbeiterverband, mit fast 18 000 Mitgliedern der Tabakarbeiterverband, mit fast 16 000 Mitgliedern der Bnchbinderverband, mit fast 11000 der Handlungsgehilfenverband, mit rund 10 500 der Schneidcroerband. Ueber 8900 weibliche Mitglieder haben die Schuhmacher organisiert, 8750 die Buchdruckerei-Hilfsarbeitcr, über 7700 die Transportarbeiter, annähernd 7000 die Holz­arbeiter, bald 6000 die Hausangestellten, bald 5000 die Hut- macher, annähernd 4600 die Bäcker und Konditoren, über 3300 die Porzellanarbeiter, über 1200 die Kürschner, an­nähernd 1200 die Gastwirtsgchilfen, die übrigen haben weniger wie 1000 Arbeiterinnen organisiert.

So sehen wir fast überall erfreuliche Ansätze für die gewerkschaftliche Organisation, aber freilich, bei aller Würdi­gung der Agitationsarbeit für die Gewerkschaften wissen wir alle, daß weit mehr Arbeit in der Zukunst zu leisten ist, weil nvch Millionen Arbeiterinnen außerhalb der gewerkschaftlichen Organisation stehen. Wir verhehlen uns auch nicht, daß von den gewerkschaftlich Organisierten sehr viele der Gewerkschaft zwar regelmäßig ihre Beiträge bezahlen, aber sich nur aus­nahmsweise innerhalb der Gewerkschaft an den organi­satorischen Arbeiten beteiligen, in ihnen kräftig wirken, an der Agitation teilnehmen und für den Ausbau und für die Kräftigung der gewerkschaftlichen Organisation tätig sind.

Das Streben einer für unsere Bewegung tätigen Ar­beiterin muß es sein, nicht bloß die gewerkschaftliche Organi­sation allen Arbeiterinnen als notwendig zu erweisen, sondern auch dahin zu streben, daß die in der gewerkschastlichen Organisation Aufgenommenen sich in ihre betätigen und wirken und damit die volle Gleichberechtigung der Arbeiter­innen den Arbeitsgenossen erst aufs klärlichste erweisen.