Aer Liebestrank.
Bon A»ton F endlich.
Die Welt war ein Meer wirbelnder Flocke», und di« Tannen seufzten schwer im Schneesturm. Auch der Ankensalomo seufzte und fluchte, wenn er trog seiner großen Schneerciscn an den Füßen hin und wieder einmal bis an den Bauch in eine Schneewehe einbrach, und der vierzigpfündige Ankenballen, den er, wohl «ingeschlagen in Tücher, in seiner Hotte auf dem Rücken trug, ihn nicht mehr aus dem Loch kommen lassen wollte. Aber er kam jedesmal wieder oben auf im Kampf mit dem Sturni, dem Schnee und dem Ankenballen. Wenn er dann mit gespreizten Beinen, wie cs die runden Schneeteller an den Füßen nicht anders znließen, wieder weiter schritt, dann setzte sich die Ankenmarei, die während des Saionios Ringen mit den weißen, weichen Gewalten ruhig wie eine große Bildsäule stehen geblieben war, auch wieder in Bewegung, trat vorsichtig und fast behaglich in die von ihrem lebendigen Schneepflug gemachten Spure», bis das nächste Einbrechen des Salomo ihr wieder eine willkommene Gelegenheit zum Ausschnaufen gab. Sie selbst hatte nur zwanzig Pfund in der Hotte. Tenn zehn von den ihren trug der Salomo, der sich wie ein« kleine schwarze Lokomotive durch den Schnee von Hinterzarten den Feldberg hinausbohrte, während die Marci gemächlich hinter ihm herkam.
Als sie nach fünfstündigem Schneeivaten endlich a» den Türpfosten der Wirtsstube im Feldbergerhof die Schuhe abklopftcn und sich aus zwei wandelnde» Schneesäulen wieder in den Ankensalomo und die Ankenmarei verwandelt hatten, da fanden die beide», cs sei genug für heule: die fünf bis sechs Stunden bei solchem Wetter bis hinab nach Todtnau konnten sie auch morgen machen.
Das war in der Zeit, wo die allerersten Schnecfchnhläufer auf den Feldberg kamen, und wo im Winter von den zwanzig Betten des Feldbergerhofs selten einmal eins über Nacht eine» Gast bekam. Die Marei wollte von dem neumodischen Kaibenzcug nichts wissen und infolgedessen der Salomo auch »icht. Nur der Jäger- uazi fuhr am ganzen Feldberg als der einzige unterm Mannenvolk auf den Tüselsbrettern, und der saß natürlich akkurat wieder in der Wirtsstube, als die zwei hereingetranlpt kamen und nach Nacht- quartier fragten, obwvhl's »och nicht vier llhr war.
„Ha, warum nit?" sagte die Feldbergerhofwirti», und meinte, bei solchem Wetter sei man doch am wohlsten unter einem Dach.
„Wenn der Salonio Eonrage hätte, dann hätte er sich schon lang ein paar Brettli machen lassen und tät in einer Stunde nach Todtnau hinabflitzeu; aber natürli, wenn einer keine Courage hat. . .!"
So spottete der Jägernazi, strich seinen semmelblonden, ver- rupftcn Schnauz und sah mit der ihm eigenen nichtssaaendcn Grimmigkeit in, Gesicht so vertraulich als möglich zur Marei hinüber.
Diese hatte indessen das Tuch vom Kopf genommen, den Nock mit der eingenähten Hüftcnwulst ousgcschlittclt, die gescheitelten Haare zurechtgestrichen, das rote Gesicht mit den kleinen Aeuglein und deui ewigen Tropfen an der langen Nase abgelrocknet und sich dann in der ganzen Bucht ihrer Erscheinung auf die Bank am blauen Kachelofen gesetzt. Erst nach einer Weile ruhigen Wartens, während dessen der Saloino mit seinem breiten, an eine ncgerhaflc Abstammung erinnernden Gesicht und den schwarze» Locken aus- geregi bald zur Marei, bald zum Nazi schielte, erhob die Marci ihr« Stimme und sang ein volles Lob ans den Salomo: den» so wie der sei ihr noch keiner vorausgewatet; cs sei eine wahre Pläsier mit ihm z'gau und aus deti Salomo lasse sic »üt kommen.
Ter Belobte tat einen triumphierenden Blick zum Jägernazi hinüber und bestellte sich dann mit nachlässiger Geberde ei» Viertel Markgräfler. Dem Kcrli wollte er es schon zeigen, ivas es heißt, ihn bei der Marei anssteche» zn wolle».
Aber als der Jügcrnazi gtcich nachher hinaus vors Haus ging, um ciunial »ach dem Wind und den, Thermometer zu schauen, da interessierte cs die Marei gerade auch, ob sich das Wetter nicht anshelte» ivollc, und sie steckt« bei der Gelegenheit dem Nazi eine neue Tabakspseisc zu utid ein Päckli „Blauer Ritter", die sic in der Neustadt für ihn gekramt hatte. Dann meinte sie leise zu ihn,, wenn er warte, bis der Winter vorbei sei, wolle sie ihr Wort halten und ans den Herbst Hochzeit mit ihm mache»: aber bis zun, Frühjahr könne sic den Salomo beim Borauswaten »icht entbehre»,
Währcnddcn, die Ankenmarei den Jügcrnazi atsu beschwichtigte, ging der Schieber zwischen Wirtsstubc und Küche häufiger ans als sonst einmal im Taa. Hilft zwei kohlschwarze Augen sahen hinüber zu dem einsam sitzenden Salomo. Wenn der aber nicht dergicichen tat, als ob er etwas merkte, fuhren nachher di« Kafferolen und Häfen so stürmisch tu der Küche herum, daß die Feldbcrgerhoswirtin es einmal für nötig fand, einen Blick durch die Türe zn tun und der rabiaten Köchin ihre Gegenwart warnend ins Gedächtnis zu ruscn. Die Babettc war ein schwarzes Wüldermaibli, nicht mehr gerade im ersten Flaum, aber dock» auch noch nicht in den bestandenen Jahren, in welchen die Rarei sich befand, Tchassig und htisig, freundlich und fröhlich geriet die Babett nur in einen Zustand unkoiitrolllkrbarer Auswailnnge», wenn der Salomo mit der Marci zusammen in die Wirtsstnbe kam, Ter Salomo war das einzige Mannsbild im Waid, das aus sie Eindruck machte. Denn er war interessant. Die Babett war aber von jeher für bas Jn- tereffanie gewesen. Sie sah «s ihm »ach, daß er gern den Fitzer spielte und gelegentlich unverniutete Lustrcislein anirat, auf denen er sein Erspartes verklopftc, kurz alles sah sie ihm nach, nur das nichts daß ex mit der Ankenmarei allwöchentlich ei nmal jiber &cji
Feldberg und wieder zurückging, er, der ihr bas Heiraten schon vor acht Jahren versprochen hatte.
Dieses Viereck übers Kreuz konnte nicht mehr lange gut tun. Das sah jebcrmann am Feldberg, Die Ding« waren in das Stadium der höchsten Spannung getreten, und man nnißte über kurz oder lang eine Katastrophe erwarten. Die zwei Hingchaltcnen, der Jägcrnazi und die Babett, sprachen sich wohl gelegentlich Trost zn und gerieten dabei selbst i» ein flüchtiges Funkensprühen, aber bald stellte sich der alte Zustand der Gefühle wieder her, und ihre Reden über die beiden Abtrünnigen schwankten zwischen verhaltenen Lobeserhebungen und nicht zurückhaltenden Prisen Pfeffer und Salz, Indessen beherrschte die Marei die Situation vollständig, da sie wußte, daß alle beiden Mannenrölker in erster Reihe ans ihr Büchlein aus der Todtnauer Sparkasse spitzten. Solcherlei Freier ergeben sich immer ins Warten, Das feurige Herz der Babettc aber drängte zu irgend einem Abschluß,
Ta kam ganz von selbst die Stunde der Tat.
Im Gefühl seines Sieges geriet der Salomo, wahrend sangsam bi« Nacht herabsank, ins Schwadronieren, Als die Lampe ange- stcckt wurde, trug die Babettc für die Feldbcrgerhoswirtin auf einem sauberen Brett in einem porzellanen Kännlein etwas herein, was der Ankensalomo nicht kannte. Er sei alleweil schon weit in der Welt herumgekommen, bemerkte er, aber was die Herrelüt zuni Vieri tränken, das habe er noch nicht herausgebracht.
Was in dem Kännlein eiaentlich sei, — so fragte der die Wirtin.
Die antwortete dem Salomo, das sei Tee, der in China wachse.
Das müsse aber etwas sölli Guctes sein, ivenn's von so weit her komme, meinte der Salomo und beutete in nicht mißzuversteheu- der Weise an, es gelüste ihn schon lang einmal darnach, so etwas zu versuchen, Wcnn's nicht anberscht sei, bestell« er halt eine Portion von dem chinesischen Tee ans seine Kosten. Die Fclbberger Wirtin aber antwortete, das sei ihre Sache, sie lade den Salomo, weil er der Marei immer so gut vorauswate, hiemtt zu einem Vieritee ein und die Marci auch. Diese aber lehnte dankenb ab. Tenn sie war mehr für Spirituosen und bestellte gleich »och ei» Gebranntes zn den bereits aenossencn.
Alk di« Babett in der Küche von der Feldbergcrhofiviriiu gesagt bekam, sie solle eine Portion Tee fiir den Salomo anrichten, gab es ihr einen Stupf ins Herz, ihre Beine versagten und in ihrem Kopf wirbelte es von wirren Gedanken.
„Ter Salomo und chinesischer Tee?l So ei» Lumpazi, der ihr schon vor acht Jahren die Heirat versprochen hat und nun mit einem Anienmensch durch die Welt zieht?! Anstatt drunten im Dorf bei feinem Bürstenbindergeschäst zu bleiben und sich auf ei» ehrliches anständiges Familienleben zu besinnen?!"
„Ter und Tee?!"
Es wird nie ganz zu ergründen sein, ob Rachsucht, Liebe oder ein bewußter Plan zur Errettung des Ungetreuen aus den Finger» der Ankenmarei den Arm und die Hand der Babett lenkte, als sie von dem Kuchenbrett anstatt der Teebüchse eine alte Blechschachtel herabholte, darinnen für aewissc Fälle im Haus Senncsblätter aufbewahrt wurden. Jcdcnsalls langte sie mit der Sicherheit, wie sie den Menschen nur in Schicksalsaugenblicken eigen ist, in di« Blech- schachtcl, tat einen guten Griff, brühte das Ganze an, ließ eS kräftiglich ziehen und schüttete den Trank von den verräterischen Blättern ab in ein schön glasiertes, mit lieblichen Blumen verziertes Häfelein.
Dann servicrie sie es dem Salomo mit psiichihaster Gelassenheit.
Neben manchen anderen menschlichen Schwächen besaß der Salomo die der Eiielkcit. Nichts war ihm so peinlich, als ungebildet zn erscheinen und sich in den Gewohnheiten der Herrenlüt unerfahren zeigen zu müssen. So llberwandi er denn seinen ersten Eindruck von dem neuen Getränk, den er dahin zusainmeiisasseir wollte, daß er 'chon bessere Sachen in seinem Leben genossen habe. Aber auch diese Aussprache seiner Empfindungen versagte er sich, tat auf den Rat der Feldbergerhofwirtiu zwei Stück Zucker mehr in jede Tasse und trank den Tee mit der lächelnden Miene des Keimers bis auf den Grund.
Nachdem der Salomo noch einig« lehrreiche Vorträge über China und die Hinozerrösser, welche dortselbst wild hcrumliesen, zum bcsteu gegeben: nachdem die Ankenmarei über ihr achtes Schnäpsle!» langsam eingcnickt war und der Jägernazi sich mit der genügsamen Stille des Wissenden aller weiteren Angrisfe auf de» Salomo enthalten und schweigsam verhalten hatte, gingen alle zeitig z» Bett, wie das f„ den Bergen im Winter der Brauch ist.
Am andern Moraen warf die Babett einen scheuen Blick durch den Schieber in die Wirtsstubc, wo der Saloino buSper und guter Dinge beim Kaffee fast Während der Nacht hatte es »och schwer geschneit und gefttirmt. Aber jetzt lag draußen die weiße Welt im Staat, als ob es Sonntaa wäre. Alles blitzte und funkelte und zuckte und slimmerte im blanken Sonnenschein. Ein Himmel, blau wie ein Dragonerrock, stand stell über der gleißenden Welt. Weiß und blau, so sauber ist die Welt nur nach einem Wiutcrsturml Aber tiefen, tiefen Schnee hatte cs geworfen. Weg und Steg waren verweht. Das machte der Marei jedoch nüt. Sie hatte ihren Schneepflug bei sich. Als sie auf der Treppe des Feldbcrg- hoss standen und „Bhüct Gott" wünschten, sagte sie ihrem Begleiter, wie man einem Rößlcin „HU" zürnst:
„Salomo, watt d» vorus!"
Und der Salomo watete voraus, und die Marei mit hoch» gcrafftcm Rock breit und leicht in seinen Spuren hinten nach.
Wie lange das so gehen würde, baS zu wisse», versetzte di« B abett in der Küche st, tinen Instand beängstigender Aufregung,


