Äian wehrt sich, well sich der Körper gegen das Leiden ausbännit und die Nerven der Annen. der Ohren nnd des ganzen Gesichts eine solche Marter nicht ertraaen wolle». Es ist ein Kampf zunächst gegen acht bis neun Wärterinnen. Am häusigsten wird man von dieser Zahl überwältigt, gewaltsam aufs Bett geworfen, wo sich dann jede Wärterin eines deiner Glieder bemächtigt. Drei Frauen werfen sich auf deine Beine mit ihrem ganzen Gewicht, wie wen» sie sic zerbrechen wollten. Deine Schuhe werden dir hcruntergerisicn nnd die Muskeln deiner Knöchel grausam gezwickt. Zwei Wärterinnen halten dich an den Schultern fest, vier weitere haben deine Arme umklammert, und von jeder Seite knien dann »och zwei ans dir, so dah du beinahe erstickst. Dann schlingt man dir ei» Tuch um, bas die Stirn bedeckt, und der Kops wirb von einer Wärterin gehalten, die dir die Schläfen mit ihren Nägeln zerfleischt. In diesem Augenblick erscheint der Arzt, und du siehst seine Hände sich über dir bewegen durch die halbgeschlosieuen Augen. Er führt zuerst die Rohre mit Vorsicht in die Nasenlöcher ein, dann stößt er sie plötzlich gewaltsam durch die engen Nasenwege bis in den Schlund, was schrecklich iveh tut, und so geht die Röhre, die fast 1 Meter lang ist, bis in den Magen, in dem daun langsam das von der Regierung verordnete Medikament hinabläuft. Es ist unmöglich zu sehen, was es ist. denn cs befindet sich in einem undurchsichtigen Glas. Auch sich zu wehren, ist nun nicht mehr möglich: ein entsetzlicher Husten und ein furchtbarer Erstickungsanfall haben sich deiner bemächtigt und dauern an bis zum End« der Prozedur. Tränen strömen dir wider Wille» aus den Augen, die dich schrecklich schmerzen. Ist die Sache zu End«, dann reißt der Arzt bi« Röhr« mit «inem kräftig«» Ruck heraus, den du durch den ganzen Körper fühlst, wie wenn er entzwei gespalten würde, nnd der Rest der Flüssigkeit träufelt aus dein Gesicht. Der Arzt entfernt sich eilig, die Wärterinnen lassen dich endlich los und du bleibst schwer atmend, zitternd, erschöpft zurück. Dann setzt du dich in dumpfer Verzweiflung der weißen Mauer gegenüber und ivartest so die 7 Stunden, nach deren Ablaus deine Qual wieder beginnt. Ich habe hier die Zivangsernährung durch die Nase beschrieben: die gleiche Prozedur durch den Mund ist noch schmerzhafter, weil der Erstickungsausall noch schlimmer ist und man die Nahrung, die allzu rasch in den Magen gestoßen wird, schwerer verdaut. Man tötet uns langsam, indem man uns „das Leben rettet".
Hewinnttllg und Schulung der Krau für die politische Betätigung.
Ueber die Notwendigkeit der Politisierung der Frau wird in der Sozialdemokratie nicht mehr gestritten. ES handelt sich nur noch um die Frage, wie ist diese Politisierung am schnellsten und wirksamsten zu erreichen.
Diese Aufgabe ist bei der Frall zweifellos weit, weit schwerer als lvie beim Manne. Nicht etwa, daß die Frau von Natur aus begriffsnnfähiger wäre, ach nein! Aber die ungeheure Belastung der breiten Frauenmassen mit Hausarbeit, Erwerbsarbeit und dem Taufend- erlei der Mutterpflichten, die die Kräfte der meisten im Uebermaß in Anspruch nehmen — und ihr Interesse für außerhalb des Hauses liegende Dinge leicht im Keime ersticken, dazu die anerzogene Anschauung, daß die Politik sich nicht passe für die Frau — alle diese Verhältnisse, unter denen die Frauen leben und ausgewachsen sind, bringen es mit sich, daß ihre Mehrzahl politisch viel uninteressierter und unwissender ist, als die Mehrzahl der Männer. Diese Tatsache ist die böse Folge der politischen Rechtlosigkeit der Frauen. Als Wählerinnen würden sie ungleich verständnisvoller, politisch geschulter nnd leichter zu organisieren sein.
Do aber gilt es erst mal ihr anerzogenes Vorurteil gegen die Beteiligung am öffentlichen Leben zu verscheuchen, politisches Interesse erst zu erwecken, und zwar vor allem dadurch, daß man zunächst jene öffentlichen Fragen ihnen näher bringt, für deren Erfassung sie in ihrer Eigenschaft als Frauen nnd Mütter besonders veranlagt sind. Zum vollen Erfolg bleibt dann aber innner noch besondere Sorgfalt, bleiben besondere Mittel und Wege anznwendcn.
In richtiger Würdigung dieser Aufgaben hat deshalb der Nürnberger Parteitag 1907, als er die Einheit der Organisation für beide Geschlechter cinsührte, beschlossen, innerhalb dieser Einheitsorganisation besondere Veran - ss a l t u n g e n zur G e w i n n n n g u n d S ch n l n n g der !Fraucn zu treffe».
Die Partei hat sich zu diesen! Zweck einen schon viel- gliedrigen Agitation»- nnd Dchnlnngskörpcr herangebildet. Insbesondere auch hat der Parteivorstand die Buchhandlung vorwärts veranlaß t, csiie D o z ial d e in o k r n t i sch c
Frauenbibliothck heranszugeben, worin berufene Autoren nach und nach allerlei Einzelfragen der Frauen-
bcwegung im Lichte des Sozialismus nnd im Züsammen- hang mit ihr behandeln.
Als achte nnd neueste dieser Broschüren hat Louise Zieh jetzt verfaßt
„Gewinnung nnd Schnlung der Fran für die politische Betätigung".
In diese»! Büchlein gibt unsere nimmermüde Genossin ans ihrem reichen Schatz von Erfahrungen eine so große Fülle von Anleitungen zur Förderung der Frauenbewegung, daß es als ein Katechismus der praktischen Arbeit den tätigen Genossinnen allerorten warm empfohlen werden kann — nicht minder aber auch allen Genossen in führender Stellung, die in Gcnieinschaft mit jene» Frauen die Franen- agitation zu betreiben haben.
Eine Menge von Mitteln nnd Wegen, die Genossin Zieh in ihrer steten Praxis als gangbar und erfolgvcrhcißend aus- geprobt, sind hier aufgezeigt. Und zwar so ausführlich und allgeineinverständlich, daß die örtlichen Funktionäre bei allen vorzubereitenden Aktionen das Büchlein zu Rate ziehen, ja seine Anleitungen als Unterlage des jedesnialigen Vorgehens nehmen können. Unsere Funktionärinnen sollten sich stets in diesem Büchlein Informationen holen, es mit in die Sitzungen nehmen: sic werden dann gute, brauchbare Vor- schlüge haben, durch die die Bewegung überall gefördert wird.
Die Schrift gibt Anleitung über das W i e der Gewinnung der abseits Stehenden durch Volksversammlungen, F r a u c n v e r s a m in l n n g c n , Hansagi - tation. Ueber die Spezialisierung der Agitation für dir besonderen Gruppen der Handlungsgehilfen, der Fabrikarbeiterinnen der verschiedenen Branchen, der Landarbeiterinnen, der Hausangestellten, der Proletarierinnen, die unter dem geistigen Einfluß des Zentrums stehen, der Lehrerinnen nnd weltlichen Krankenpflegerinnen.
Tann über die Schulung der gewonnenen Frauen zu überzeugten Parteigenossinnen, ihre Erziehung zur tat- kräftigen Mitarbeit in der P a r t e i b e w e g u n g wie zur ehrenamtlichen Tätigkeit auf jenen Gebieten des Genie i n d e w e s e n s, die den Frauen heute schon offen stehen.
Kurz, eine drängende Fülle von Mitteln zur Gewinnung der Frauen, aber auch von Arbeitsgelegenheit und BetätignngSnotwendigkeit für dieselben, enthüllt uns das Schristchen.
Und alles Mittel, die die Frauen nicht abhalten, von ihren häuslichen Walten nnd der Erfüllung ihrer Muttcr- pflichten, sondern sie reicher dazu befähigen sollen.
Eine Fran, die ein reiches Wissen und ein tüchtiges Können ihr eigen nennt, die Solidarität, Opferwilligkeit und Begeisterung als Tugenden in sich trägt, tvird auch allen Fleiß und alle Fürsorglichkeit, alle Fähigkeit nnd Aufopferung, der gerade solche Frauen fähig sind, ans ihr Heim verwenden, um es traulicher und behaglicher zu gestalten nnd jene Atmosphäre zu verbreiten, unter der alle guten und edlen Interessen der Ihrigen geweckt nnd herangepflegt werden.
Und weiter Mittel, die gerade jetzt doppelt notwendig sind, wo unsere „Rote Woche" uns Tausende neuer Mit- sireiterinnen zugcsührt, die durch die Not des Lebens reif für den Beitritt zn uns geworden, die aber alle noch in die volle Gedankenwelt des Sozialismus cinzuführen sind.
Möge das Schristchen ein tatkräftiger Helfer bei diesem Werke sein. Es ist gerade zur rechten Zeit gekonimen. Es trägt den Erfahrungsschatz, den bewährten Rat und ein Stück der Begeisterung der Verfasserin hinaus ins ganze Land, es geht im entferntesten Torf allen Genossinnen, die guten Willens sind, an der Hand, das Evangelium unserer Bewegung tiefer einzusenken nnd erfolgreich weiter zn verbreiten.
Die Schrift Ivird — wie alle Broschüren der Sozialdemokratischen Franenbibliothek — bei größeren Bezügen durch die Organisation für 8 Pfg. pro Stück abgegeben.


