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Wöcken-tteke Gettage der ivderkesssschen OolksZsitung
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Nummer!3
öieften, fceitog Den 3. fflpcil 1914.
6. Sakrgang
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Die „Slittttnrechtsknäilett".
Eine solche Orgie von Roheit hat in der bürgerlichen Presse getobt, seit die Suffragette Mary R i ch a r d s o n die „Venns im Spiegel" des Velasqnez zu zerschneiden versucht hat, daß man sich nur mit Schaudern davon abwenden konnte. Die begeisterten und aufopfernden Kämpferinnen für das Frauenstimmrecht, die ihr Leben aufs Spiel setzen, uni einem hohen Ideal zu dienen, werden als Hyänen bezeichnet und sonst mit allen erdenklichen Ekelnanie» belegt, Zuchthausstrafe oder gar körperliche Züchtigung werden für sic gefordert. Männer derselben Richtungen, welche die Folterung Zehntausender von Menschen in den russischen Kerkern gntheißen, denen die furchtbarsten menschlichen Leiden gleichgültig sind, die keine Spur von Kunstsinn und Kulturgewissen haben, entrüsten sich vis- zur Raserei, weil eine Frau versucht hat, ein Bild zn beschädigen. In dieser wahnsinnigen Methode ist sich die ganze deutsche bürgerliche Presse von den rückschrittlichsten Dunkel- inännern bis zn den angeblichen Demokraten der Bcrlinei Volkszeitnng einig. Und der bürgerliche Verband für Frauen- stiminrecht in Deutschland ist schon wieder einmal weit von diesen „Wahlrcchtsweibern" abgcrückt. Aber eine Suffragette, die gerade gegenwärtig in Deutschland weilt, hat der Berliner Volkszeitnng auf diese Pöbcleien und Feigheiten einen famosen Antwortbrief geschrieben, in dem cs u. a. heißt:
De», englischen Manne aber, besonders dem englischen Juristen, der sich an jene durch Jahrhunderte vererbte Verhältnisse gewöhnt hat, der für das alte, mit der jetzigen Zeit in stetem Widerspruch stehend; Gesetz den ticfiten Respekt hegt, der durch die politische» Parteiintcrcssen sehr becinslubt ist und überhaupt dauernd zu jeder Frage die M ä n n c r a u j cha u u u g und keineswegs die Frauen- anschauung bringt, ihni scheint cs ganz natürlich, daß jemand iv e g e u des s ch l i in in ft t n Verbrechens gegen ei» u »- schuldiges Mädchen mit ei» paar Monaten Gefängnis oder sogar mit einer geringe» Geldstrafe von zwanzig Mark ab davon kommt. Ein Verbreche», das die Frau für ein größeres Unglück hält als den Tod, ist in Männeraugen nur „Natur"! „Vergehen gegen kleine Mädchen sind in England nicht gewöhnliche Verbrechen, wie Diebstahl oder Fälschung, sondern sie können von dem anständigsten Mann jeglichen Standes begangen werden" — dieses wurde vor etwa einem Jahr vom Richtcrstuhl ans erklärt svom „Recorder" von Zaudwichs.
Ein armes dreizehnjähriges Kind lag im Januar sterbend im Wochenbett sVotcs sor Women, 23. Januar), während der Mann, der ihr diese Grausamkeit angetan hatte, frei herumspazicrt, weil nach sechs Monaten ein Strafantrag nicht mehr gestellt werden kann. Ein anderes elendes Geschöpf desselben Alters erwartet ein Kind durch ihren Stiefvater lFulham Ehronicle, 13. Februars, der für eine solche Freveltat drei Monate einfacher Hast bekommt Als eine Folge dieser schreckliche» Zustände können ivir es bezeichnen, daß von einem einzigen Londoner Verein fünftausend unglückliche, ruinierte kleine Mädchen i» Asyle gebracht wurden.
Für Mißhandlung des Frauengcschlechts werden Beweise und Ncbcnbcweise verlangt, die für kein anderes Verbrechen nötig sind: darum gehen auch die meiste» solcher Verbrecher frei aus. Wegen Mädchenhandels kann einer nur auf frischer Tat sestgenoinmen werden, und sogar die stärksten Verdachtsmomente genügen nicht zur Verhastnng.
Tie gesetzliche Freiheit und Straflosigkeit des Mannes ist eine direkte Aufforderung zur Herabwürdigung der Iran, Wenn wir nur die sittlich tief stehenden Gesetze und die traurige soziale Lage betrachten, in der 4>/> Millionen arbeitender Frauen durchschnittlich 7 Mark die Woche verdiene», deren Armut aus ihrer potitischcn Hilflosigkeit hervorkommt: wenn man sich in die Lage der 50 00(1 uukhetiche» Kinder versetzt, die jedes Jahr schntzloS auf die Welt kommen und für die kein Mensch sorgt, so sängt man an zu verstehen, baß nur das Frauenwahlrecht cS verhindern kann, daß Frauen, Mädchen und Kinder zu Tausenden in Elend, Rot und
Schande verkommen. Wir verlangen das Wahlrecht, in» uns mit den Tinge» beschäftigen zu können, für die her männliche Herrscher keine Zeit findet, Ohne Wahlrecht ist eine Besserung der schlechten Verhältnisse nicht niöglich, davon haben uns längst unsere sozialen Bestrebungen überzeugt. Das hat uns der Staat bewiesen, indem er der Frau sogar das Recht bestreitet, eine Bittschrift zu überreichen, Sic ist keine juristische Person und darf keine Meinung und keine Klage aussprcchen: sic darf nur bestraft werden. Im freien England ist die Frau, gesetzlich betrachtet, eine wahre Sklavin,
Dazu z» schweigen, ist unmöglich, die Frauenehre muß verteidigt werden, selbst gegen den Staat, Nur vor Gericht kan» aber eine Fra» zu». Sprechen kommen, und um Äiesc einzige Gelegenheit z» erwerben, brechen wir das Gesetz. Tic Frau, die Mutter, die nicht nur das Muttcrgcfiihl für ihr eigenes Kind, sonder» für olle Kinder hat, wird den unglücklichen Schwestern, den hilflosen Kleinen bcistehen. Darum zwingt sich manche ruhige, glückliche Frau, die, wie ich selbst, ein geliebtes Heim, Mann und Kinder besitzt, und nichts für sich ans dem Wahlrecht gewinnt, zur öffentlichen politischen Betätigung, Tarum führt Mrs, Pankhurst, eine Frau erhabenen Charakters und hohen Verstandes, geleitet durch ein genaues Verständnis der sozialen und politischen Verhältnisse, diesen schweren erbitterten Kampf,
Man vergleiche die folgenden Urteile:
Mrs, Pankhurst, die für die Reinheit sich ausopferk, wurde in den Tagen des milderen Kampfes wegen einer zerbrochenen Scheibe im Werte von zwei Mark zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Ein vornehmer Herr dagegen, der mehrere kleine Mädchen ruiniert halte, büßte zu gleicher Zeit sechs Woche» milde Haft! Ein anderer Vergleich, Mrs, Pankhurst wurde letzten April wegen ihrer Reden gegen die Sittenlosigkeit zu drei Jahre» Zuchthaus verurteilt: dagegen wurde „Oneenie Gerald", die ei» öffentliches HauS führte und die Unfittlichkeit förderte, indem sie kleine Mädchen auf Bestellung für vornehme Herren besorgte, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt,
Ter Staat muß verstehen lerne», daß, solange er sich nichts aus dem Leben »nd der Ehre der Frauen, der Mädchen und der Kinder macht, auch wir uns nichts aus seinem Eigentum mache». Im Vergleich mit dem Leben, mit der Ehre, hat das Eigentum für uns keinen Werk: das Leben dagegen ist uns heilig. Was in der Presse häufig hierüber berichtet ivird ist eine Entstellung der Tatsachen.
Tiefer Kamps der verletzten Ehre, der verletzten Mntlcrllebc, bie sogar vor der Gewalt nicht znrückjchrcckt, entspringt ans der reinsten Quelle der weiblichen Raiur!
Was ist wertvoller, eine Kinderseele oder ein Gemälde?
Bei dieser Frage verstummten die entrüsteten Feinde der weiblichen „Hyänen" und drücktet! sich mit ein paar verlegenen Redensarten beiseite.
Man kann die Taktik der Suffragetten für sehr falsch halten, wie wir tun, und der festen Ueberzeugnng sein, daß Organisation und Aufklärung ebenso wirksanr >v i e G e w a l t t a t e n schädlich sind. Aber zu einer großen moralischen Entrüstung über die Suffragetten liegt wirklich nickt der leiseste Anlaß vor. Tic Feinde der Suffragetten, die sie als vertiert und sittlich ganz verkommen hinstellen inöchten, setzen sich nur Antworten ans, die sich die heutige Gesellschaftsordnung und Männcrhcrrschaft nicht hinter den Spiegel stecken können.
Mary Richardson über die Qualen der Zwangsernährung. Tic
durch ihr Attentat gegen die Venus des Velasqnez bckannt- gewordcne Suffragette Mar» Richardson ist, kurz bevor sic ihr Beil gegen das Meisterwerk des Spaniers zückte, auch als Schriftstellcrii« ausgetreten, und zwar schildert sic ihren Kameradinnen in der Zeitschrift „Tic Snssragettc" in slammcnde» Farben die Qualen der Zwangsernährung. die sic selbst erduldet. „Tie zwangsweise Ernährung wird wenigstens zweimal täglich im Halloivan-Gcsängnis ansgeübt. Einige Leute behaupten, daß die Qpser der Zwangs- crnährnng weniger leiden würden, wen» sie sich weniger wehrten. Tas ist ungefähr ko. wie wen» einem geraten wird, nicht mit der Wimper zn zucken, wenn einem ein Staubkorn ins Auge fliegt.


