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DasGlattdecFcau
Wöchentliche Seilage der Oderdeffischen VolkzZeitung
I
Nummer 12
Siesten, Freitag den 27. iiNärz 1914.
6. Sakrgang
Gebnrtenbeschränkung der „sittlich Entrüsteten".
Die Post hat eine Umfrage über die Ursachen des Geburtenrückganges veranstaltet, durch die Antworten sollte die Auffassung widerlegt werden, daß bei der wirtschaftlichen Lage der mittleren und unteren Volksschichten die Beschränkung der Kinderzahl zur Notwendigkeit werde. Vorher hatte das Jnnkerblatt ein sogenanntes Schulbeispiel aus dem Leben zum Beweis dafür aufgestellt, daß die pekuniären Opfer, die eine Familie für die Erziehung einer größeren Kinderschar bringen mutz, später durch die Unterstützung von seiten der Kinder wieder ausgeglichen werden. Vier Kinder im Alter von 16 bis 21 Jahren sollten da zusammen 350 Mark im Monat verdienen, ein fünftes Kind war noch schulpflichtig. Daß es aber eine große Seltenheit ist, wenn Arbeiterkinder, denn um solche handelt es sich, diese Summen zum Familieneinkommen beisteuern können (die 21jährige Tochter verdiente in einer elektrotechnischen Fabrik als Direktrice 15 0 M a r k m a n a t l i ch !) liegt aus der Hand. Doch selbst wenn, eine zeitlang wirklich die Söhne »nd Töchter wesentlich dazu beitragen können, den Eltern die Last zu erleichtern, so hört das doch in dem Moment ans, wo sie selbst eine Ehe cingehen, ja noch früher, denn wenn sie ohne Schulden ihren eigene» Hausstand anfangen wollen, so müssen sie vorher gewisse Beträge zur Anschaffung der Wohnungseinrichtung zurücklegen. Gerade in der Zeit also, wo die Eltern am meisten auf die Unterstützung angewiesen sind, würde ihnen von den Kindern nnr noch in geringem Unisang ge- Holsen werden können.
Die Antworten, die der Post zngingcn, bestätigen nun durchweg, daß die wirtschaftliche Lage in der Tat einen großen Druck ans die Familien ausübt. Sie sind besonders deshalb bemerkenswert, weil es sich um Abonnenten, zum Teil langjährige Abonnenten der Post handelt, also keineswegs um Leute, die radikaler Gesinnung verdächtig sind.
Eine Osfiziersgattin steht völlig auf dem Standpunkt des konservativen Blattes, aber sie hält eine Beschränkung der Kinderzahl für erlaubt, wenn einer der Ehegatten eine erbliche Krankheit hat, oder wenn die Einkünfte tatsächlich zu gering sind, uni viele Kinder großzu ziehen.
Hauptmann v. E. ist der Meinung, daß „eine nationale Umkehr vom Materialismus stattfinden muß". Aber der schreckliche Materialismus hat ihn selbst schon erfaßt, denn tzr sagt, daß eine Beschränkung der Kinderzahl sittlich zu verwerfen, aber leider zurzeit geboten sei. „Ich bevorzuge das Zweikindersystem, solange nicht der Staat helfend, wie angegeben eintritt . . . Wir haben drei Kinder, wollen aber nicht niehr habe
Daß die Geburtenbeschränkung etwas sittlich Verwerfliches sei, erklärt auch ein anderer Einsender, ein mittlerer Beamter mit 1800 Mk. Gehalt und 620 Mk. Wohnnngsgcld. Aber er kommt ebenfalls zu der Ansicht, das; in vielen Kreisen „das Zweikindersysteni zur wirtschaftlichen Notwendigkeit" wird. Zum Beweise dafür gibt er eine Ans- stellnng seines Haushaltungsbndgets vor der Geburt des ersten Kindes, in dem sich 580 Mk. vierteljährliche Einnahmen und 561,66 Mk. vierteljährliche Ausgaben gcgenübcrstehcn, wobei berücksichtigt werden ninß, daß für Kleidung, Schuhe, Ge
schenke, kleinere Ausgaben, für kommende Krankheitstage noch nichts berechnet ist. Es bleibt ihm, wie er schreibt, nichts übrig, als jedes Jahr ein kleines Darlehen aufzunehmen und auf die erste Gehaltszulage zu warten. „Sobald ich die erste Gehaltszulage, 300 Mk., habe, fange ich damit an, die.alten Bären abzubinden und stehe damit auch nicht besser als vorder Zulage." Dann fragt er:
„Was sollen nun Leute tun, die zwei und mehr Kinder haben? Können Sie denen eine andere Rechnung ausmachen? Der Kernpunkt der Geburtcnirage liegt meines Erachtens nicht in Kvn-- zeptionsmitteln, sondern i» w i r t s ch a s t l i ch e n Fragen. , Ich kenne ja den Standpunkt der Post, ich billige ihn, aber ich glaube, Sic überblicken solche Verhältnisse nicht immer wie die meinigen und die meiner Kollegen."
Eine Familie ans Lankwitz hält die willkürliche Beschränkung der Kinderzahl für naturwidrig und deshalb auck) voiti sittlichen Standpunkt für nicht erlaubt, aber leider für gegenwärtig geboten... „Ueber Kinderreichtum an und für sich wird von mir keine Klage geführt, n u r ü b e r die Schwierigkeit der angem es jenen Verso r g u n g."
Generalmajor v. Gersdorff glaubt, daß der Geburtenrückgang, wenn er nicht stärker werde, keine Besorgnisse zu erwecken brauche. Im übrigen macht auch er die wirtschaftliche Entwicklung, die Verleiterung der Lebenshaltung durch hohe Mietpreise in den Städten und niedrige Löhne für die ungelernten Arbeiter verantwortlich . . . „Das Hanptübel liegt in den wirtschaftlichen Verhältnissen, die die übermäßige Jndtistriealisierung Deutschlands als Begleiterscheinung aufzuweisen hat. Die Bodenspekulation tat das übrige und nun kommen die Gesetzmaßregeln, wie das preußische Wohnungsgesetz, zu spät."
Den Fabrikbesitzer E. H., der die amüsantesten Vorschläge macht — z. B. nur noch verheiratete Beamte anzn- stellen, wobei kinderlose Beamte Junggesellen gleichzustcllen seien! n. a. m. — können wir füglich übergehen.
Den Schluß bildet die Antwort einer Beamtenfran, deren Mann Tclcgraphenassistent war. Ein Betriebsunfall «nachte ihn dienstunfähig, er ist mit seiner Familie auf jährlich 579 Mk. Pension angewiesen. Die Frau schließt ihre Zuschrift mit den bitteren Worten:
„Beomtworteu Tie mir bitte folgende Frage: Ist ein beukschcr Ncichsbcamtcr, der bei feinem Eintritt in de» Poftdienst Seiner Majestät dem Kaiser Treue und Gehorsam geschworen und gehalten hat, nach seinem Ausscheide» nach 8% Dieiistjahrcii mit Frau und Kindern nur noch des Verhungerns wert?"
Es ist ein hartes Schicksal, das diese Frau getroffen hat; aber sie steht mit ihrem Unglück nicht allein. Wieviele Arbeiter müssen täglich — stündlich gefaßt sein, ihrem Beruf zuni Opfer zu fallen. Kann man es ihnen verdenken, wenn sie nicht glauben, die Verantwortung dafür tragen zu können, unter Umständen eine große Familie unversorgt znrückzn- lasscn?
Ans den Zuschriften, die wir absichtlich ziemlich ausführlich wiedergegeben haben, geht mit aller Deutlichkeit hervor, daß die Beschränkung der Geburtenzahl in mittleren Beamtenkreisen und auch in Offiziersfamilien ans wirtschaftlichen Gründen beruht. Gegen ihren Willen, denn alle, protestieren ja in der Theorie gegen die willkürliche Ge- burtenverniindernng — sprechen sie cs ans, daß sie nicht mehr Kinder haben dürfen, und beweisen damit das Gegenteil voll


