iberhundcrt Fragen des Lebens. Man steh! nicht mehr unwissend oa und läßt das alles geduckt über sich hinglciteu, Man erhebt sich, schaut umher, kümmert sich mit allen Sinnen um dies Durcheinander, Und da finden wir uns plötzlich zurecht, wir sehen, daß viele lauschen, bah sie sich die Hände reichen, jeder trägt eine lieue Offenbarung herzu und sie alle arbeiten angestrengt, sich auf eine freie Ebene hinauszuarbeiten"
„Was machen sie dann dort?"
„Da beginne,, sie zn bauen, ohne die alten Fehler, Lücken und Liederlichkeiten,"
„Ja, ivenn das so wäre," sagte die Frau,
„Und dabei," fuhr Minna fort, „soll man uns Frauen nicht unvorbereitet sinken "
„Wenn man uns aber doch im Stiche läßt?" warf die Frau ein, „Das kann garnicht sein. Diese Partei ist für alle Menschen, ohne Unterschied der Rane und des Geschlechts, Es bleibt uns nur übrig, diese freiheitliche Gesinnung nicht zu beschämen, indem wir gar keinen Gebrauch davon machen,"
Minna zeigte der Frau die Arbcitcrinnen-Zcitung, „Heute abend kommen Sie in unsere Versammlung, da wird eine Frau von unseren Bestrebungen reden." Tie Frau blätterte in der Zeitung, „Kür die Hausfrau", las sie, „sür unsere Kinder", Da waren auch Ratschläge für die Gesundheit, Rezepte sür die Küche und zu allerletzt fand sie noch einen Mantclschnitt, Da sah sie auf, „Das beruhigt mich, daß trotz alledem diese Seiten des Haussraucndascins nicht vergessen sind,"
„Dabei sind sie anders behandelt wie in den gewöhnlichen Modezcitungen, Dort findet sich irgend ein alter Komteßchen- Roman, Was hat wohl eine Arbeiterfrau mit den Backfischcrlcb- riisien eines Komteßchens zu tun. Dann Handarbeiten und Schnitte für die reiche Frau und für die Modedame, Was haben wir daniit zu schaffe»? Kochrezepte für Hcrrschaftsküchen! In unserer Ar- bciterinnen-Zeitnng finde» Sic anher der politischen Aufklärung über die Ereignisse des Tages Fcststellnngcn ans allen Gebieten des menschlichen Daseins und der Erwerbstätigkeit. Die Ratschläge für die Gesundheit sind von Aerztcn und Fachmännern, die Geschichten ^rrin sind eindringlich von Dichtern gestaltet, Tie Rezepte sind für die Arbeitcrküche erprobt und zuletzt sind die Schnitte nach den Geboten der Vernunft für den menschlichen Körper entworfen. Zu guter Letzt finden Sic immer ein« ersrculiche Feststellung iiber die Errungenschaften, die die Frauen aller Länder und Erdteile auf öffentliche» und wissenschaftlichen Gebiete» erreicht haben, Daniit man auch hier sieht, da« es vorwärts geht,"
Tic Frau hatte ihre Modczcitung aus dem Nähtisch geholt, „Das kann ich jetzt freilich nicht mehr halten," sagte sie und zerrih das Blatt. Ihr Mann, der durch den Flur hereinkam, sah sie gerade bei dieser Beschäftigung, „Das ist brav von Dir," sagte er. Er bcgrühtc Minna und sie slllsterten eine kleine Weile,
„Tu Frau," sagte er, „unsere Freundin hat sich bet dieser schweren Arbeit mit Dir allzulange aufgchalten. Weiht Du was, ich gehe heute mittag niit der Kleinen spazieren und Du hilfst Minna die Flugblätter austragen,"
„Ja," meinte die Frau, „hole mir die Klein« herauf. Minna kann sich dann auch noch ein bihchcn bei uns satt essen,"
Als sie so zusammen sahen, schlug der Mann plötzlich auf den Tisch und sagte: „Weiberl, setzt weht dann eine andere Lust, Wenn man so allmählich in die Jahre kommt, ist cs gut, wenn man sich aus seinen enge» Räumen hinaus in die weite Welt interessiert."
Als die Frau mit Minna das Geschirr sauber wusch, öffneten sie das Fenster, Der Mann stand an der Türschwelle und sagte: „Seht nur da hinaus," Man sah die Dachspitze von Minnas Häuschen und darüber den Wald, dessen Tannenspitze» immer noch das Himmelsblau an sich klaminerten. Der Mann hob sein Kind in die Höhe: „Sich, dort hinaus, wo Himmel und Erde zufammenlaufcn, dahin gehen wir setzt,"
Die Frauen liefen mit ihren Flugblättern treppauf, treppab, ln Höfe und Hinterhäuser.
„Heute merke ich es," sagte die Frau, „wie öd es zwischen den Steinen ist, Ta dringt ia eher die Sonne aus den Menschen heraus als bas Licht von draußen hier hinein," Speranza.
Aus Wett und Leöen.
Westsälifchc Zenirumsbaucrn und christliche Nächstenliebe,
Der Westjälische Bauer ist das Organ der im Westfälische» Bauernverein organisierten Zentrunisbaucrn Westfalens. Der Zcntrums- abgcordnete Herold hat eine führende Rolle in bieseni Bauernverein, Das Vereinsorgan, der genannte Westfälische Bauer, erteilt auch Rechtsauskunft und so stellt in der Nummer vom 15. Februar 1U14 ein Mitglied folgende intcresfante Frage:
„Ich habe ei» Dienstmädchen, welches ein Kind hat. Das Dienstmädchen möchte ich gern in Dienst behalten. Die Gemeinde befürchtet aber, daß das Mädchen den llntcrstütznngswvhnsitz cr- ivtrbt. Um dies zu verhüten, möchte ich das Mädchen jedes Jahr einige Zeit sorlschicken. Wie ist die Rechtslage?"
Das Mädchen hat ei» Kind, wohl als Folge der so gepriesene» sittlichen Verhältnisse aus dem Lande, Das Mädchen ist gut und tüchtig, wohl ein richtiges Arbeitspferd, sonst würbe der srage- stellenbc Bauer cs sicher nicht gern behalten. Aber die Gemeinde!
Tie Gemeinde fürchtet, das Mädchen könnt« de» Unterstützungs, Wohnsitz erwerben und der Fragesteller hat, wie man sieht, Verständnis sür die Besorgniffe der wahrscheinlich von Zentrums- bauern beherrschten Gemeinde und will durch einen Trick — näm- lich dadurch, daß er das Mädchen jedes Jahr einige Zeit wcgschickt — verhüten, daß bas Mädchen wohnsitzbercchttgt wird und bann eventuell der Gemeinde zur Last fallen könnte.
Der Westfälische Bauer gibt dem Fragesteller (wahrscheinlich durch eine» Rechtsanwalt) die Auskunft, daß aus Grund der 88 10, 21 des Gesetzes vom 7. Juni 1908 das Mädchen den Unter* slützungswohnsitz erwirbt, wenn es ein Jahr ununterbrochen im Orlsarmcnvcrband seinen gewöhnlichen Aufenthalt gehabt hat. Das uneheliche Kind teile de» Ilntcrstützungswohnsih der Mutter. Im Falle der Erkrankung müsse der Dienstherr für die Kosten aufkommen; falls er nicht haste, müsse der Ortsarmenverband eintreten. ES wirb dann weiter aus 8 13 des Gesetzes angeführt;' „Als Unterbrechung des Aufenthalts wird eine freiwillige Entfernung nicht angesehen, wenn aus den Umständen, unter welchen sie erfolgt, die Absicht erhellt, den Aufenthalt bcizubehaltcn." Daraus ergebe sich, daß der Fragesteller dadurch, baß er das Mädchen jedes Jahr kurze Zeit fortschickt, um so den Erwerb des Untcrstützungswohnsitzes zn verhüten, sein Ziel wohl nicht erreiche.
Die kalte, geschäftsmäßige Art, wie hier ein dem Zentrum nahestehendes, sür Zentrumsbanern geschriebenes Organ über die Geschicke eines armen unglücklichen Mädchens entscheidet, zeugt von ebenso großer christlicher Nächstenliebe, wie sie dem Fragesteller und den Gemeindegewaltige» innewohnen muß.
Was mag nun aus dem Mädchen werden? Vermutlich wird nun die Gemeinde aus gänzliche Entlassung dringen, um zu verhindern, baß das Mädchen nnterstützungswohnsitzberechtigt wird. Dann wird es mit seinem Kinde aus die Straße gesetzt, in die Welt hinausgejagt. Und wenn das Mädchen in seiner Not eine Verzweiflungstat beginge, dann würden die christlichen Blätter die ersten sein, die sich heuchlerisch entrüste».
OelllildüeilspN'ege.
Wie heilen ansteckende Krankheiten? Jedermann weiß, daß ansteckende Krankheiten, Masern, Scharlach, Tuberkulose, Typhus, ja auch die Cholera und Pest „von selbst" heilen können, ohne daß ein Arzt zur Heilung beigetragen hat. Also ninß sich der Körper selbst niit seinen eigenen Kräften und Mitteln geholsen haben. Wie er das .zustande bringt, darüber schreibt uns der bekamitc Mediziner und beliebte Schriftsteller Dr, Dckker: Die Bakterien sind die Ursache, die „Erreger" der ansteckenden Krankheiten, Gegen sie hat sich der Körper zu wehren: er läßt sie nicht hinein in das Innere, oder wenn sic eingedrungen sind, ivirst er sie wieder hinaus (Husten, Niesen). Verschluckte Bakterien werden im Magen- und Darmsast abgetötet oder schließlich, ohne daß sic Schaden anstisten, aus natürliche Weise wieder ausgeschiedcn, sogar die schlimmsten, wie die Mordversuche des Giftmörders Hopf mit Cholera- und Tnphnsbazillen beweisen. Sind Bakterien in den Körper cingcdrnngen, daß sie in den Geweben und Organen von den Säften zehren und sich baktcricnhast in die Millionen vermehren können, so sucht sie der Körper z» »>er- nichten. Das Fieber ist ein solcher Versuch, durch Erhöhung der Körperwärme dem Gesindel den Aufenthalt »»behaglich zu machen, es an Wachstum und Vermehrung zu hindern oder wenigstens die Entwicklung zu hemmen. Entzündung ist ein anderer Versuch, niit Hilfe der stets bereiten weißen Blutkörperchen die Bakterien zu vernicht«». Die Eiterung ist ei» heroisches Mittel, durch Opferung vom eigenen Gewebe di« Bakterien mitsamt der Eiter- masse hinauszustoßen, Das gelingt aber nur, wenn die Bakterien im Gewebe stecken, hier aus kleineren Herd abzugrcuzc» und einzu- schließen sind Wenn sie tm Blutstrom kreisen, so sind sie nicht zu fassen. Hier könne» Entzündung und Eiterung nicht helfen. Dafür erfindet der Körper «inen neuen genialen Kniss: er sondert Sasie ab, die die Bakterien klebrig inachen, Ilnd nun ereilt sie das Verhängnis. Sie kleben aneinander zu zierlichen Rillen und derben Strähnen, ballen sich endlich zusammen zu dicken Klumpen, die schwcrsällig tm Blut weiter treiben, irgendwo im Adernetz stecken bleiben; und nn» wird diese ivchrlose Masse von den weißen Blutkörperchen vollends vernichtet. So wird der Körper bakteriensrer und — gesundet von schwerer Krankheit.
Aür Kaus itub Köf.
Die Konditorei in jedem Haushalt. 80 billige erprobte Rezepte zur Iclbstherstellung von Torten, Kuchen und Teegebäck, 4, Auslage (t>,—8. Tausend), Preis 25 Pfg, Zimmcrniaunfcher Verlag. Chemnitz, Annenstraße 19, Wieviele Freundinnen sich das wohlfeile Büchlein erworben hat, beweist die binnen kurzer Zeit notwendig gewordene 4, Auslage, Tie Rezepte sind leicht verständlich gefaßt, lo daß auch die unerfahrene Köchin alles Backwcrk Herstellen kann.


