sicherung zu einer Kinderrente, Besserstellung der Unehelichen, Gesundheitsatteste vor der Eheschließung, Hebung des Heb- ammenwesens, freie ärztliche und Geburtshilfe, Aufhebung des Zölibats der Beamtinnen, Wohnungsreform, Aufhebung der Schutzzölle und Verbilligung der Lebensmittel zur Unterstützung aller derjenigen Richtungen und Bestrebungen in unserem Volksleben, welche mit uns gegen staatlichen Gebärzwang, aber für staatlichen Mutterschutz kämpfen."
Aus den Verhandlungen fei hervorgehoben:
Der Referent Dr. Heinz Potthoff bestritt, daß man überhaupt von einem Geburtenrückgang sprechen könne. Mindestens ebenso stark sei der Rückgang der Kindersterblichkeit. Nicht die Zeugungskraft des deutschen Volkes sei gesunken, sondern der Zeugungswille; da helfe kein Pfuschen an den Symptomen, sondern nur eine Erleichterung der Kindererhaltung.
Die Bundesvorsitzende, Dr. Helene Stöcker, griff Friedrich Naumann heftig an, weil er sich den Dunkelmännern in dieser Frage vollkommen angeschlossen hat.
Der Arzt Dr. Caro bezeichnete eine Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten als unvermeidliche Folge des geplanten Gesetzes.
Grethe Meysel-Heß wies darauf hin, daß der Gesetzentwurf eigentlich nur die Proletarierkreise treffen würde, bei denen eine vernünftige Einschränkung der Geburtenziffer eme Forderung der Notwendigkeit ist. Die begüterten Schichten, die aus bloßer Genußsucht die Kinderzahl ein- schränken, könnten sich auch nachher, wenn auch zu höheren Preisen oder aus dem Ausland, die Antikonzeptionsmittel verschaffen.
Der Landtagsabgeordnete Pfarrer Traub suchte das reaktionäre Verhalten Naumanns zu entschuldigen. Er sowohl wie Pfarrer a. D. Kötschke wandten sich besonders gegen die häßliche Art der Reklame für empfängnisverhütende Mittel. Sie mußten sich aber dahin belehren lassen, daß die Ankündigung solcher Mittel schon längst gesetzlich verboten ist.
Helene Riechers, die Vorsitzende des Frauenkomitees der BUhuengenossenschaft, wies auf den Widerspruch hin, der darin liegt, daß dieselben Kreise sich als warme Freunde der Mutterschaft hinstellen, die beim Reichstheatergesetz eine Bestimmung schaffen wollten, wonach die unverheiratete Schauspielerin beim Eintritt der Schwangerschaft sofort ohne Kündigung auf die Straße gesetzt werden kann. Wer dem Geburtenrückgang entgegentreten will, der sollte sich zunächst einmal der unehelichen Mütter mehr als bisher annehmen.
Frau Sachse-Pleßner schilderte das Elend in den Proletarierfamilien, das die Einschränkung der Kinderzahl zu einer gebieterischen Notwendigkeit mache. Wenn die Unterzeichner des Gesetzentwurfs einen Gebärzwang aussprechen wollen, daun müßten sie zugleich auch dafür sorgen, daß die geborenen Kinder ausreichend ernährt und erhalten werden können.
Die Verurteilung der bürgerlichen Gesetzesmacherei im Reichstage war auch in diesem bürgerlichen Kreise allgemein. Eine Stimme für das Verbot der empfängnisverhütenden Mittel erhob sich mcht.
Auftrieb.
Cs war ei» Sonnt«» des Vorfrühlings, «Is sich die Arbeite- rinnett <n 6cm Häuschen der Witwe Bauer einfanden. Das war eine einstöckige kleine Hütte, die man mit nicht allzuviel Schritten nmmesscn konnle. Kam man durch die Türe in den Flur hinein, so war man, ehe man es kick versah, an der hinteren Türe schon wieder drauhe», Ta war ein Streifen Gemüse und dann kam der Zaun, Aber es war doch ein Hans, das zuletzt noch der Witwe geblieben war, nachdem ihre Familie Bauernhof und Kitt verloren hatte, Tie alte Frau wirtschaftete dahin, slickle und stopfte für die Leute, den eigentlichen Haushalt bestritt ihre Tochter Minna,
Als die Mädchen kamen, stand Minna bereit. Sie hatte den ganzen Arm voll Flugschriften und überreichte jedem der Mädchett einen Teil davon,
„Ein Wetter ist das heute," sagte die Alte,
»Für diesen Sonntag wie geschaffen", erwiderte eines der Mädchen, „Bei solcher Sonne und dem Himmelsblau niiisseu ja die Frauen daran glauben, daß es so etwas gibt und nicht blotz Trübheit uni> Grau."
Die Mädchen standen beim Zaun und schauten in den leuchten» den Morgen hinein. Die alte Frau wiederum betrachtete die Jugend. In deren Haaren lag die Sonne verklärend und macht« auch die Züge weich, die oft an Werktagen müde und abgearbeitet entstell» waren. Und sie schüttelte den Kopf: „Nein, was es heute alles, gibt. Da laufen sie herum und mein Kind mit ihnen, und bringst den Leuten neue Anschauungen ins Haus. Zu unserer Zeit, k«! durfte man sich nicht rühren, mir Weibsleute schon gar nicht. Jetzt darf man nur hören,"
„Ach, wenn's mir bas Hören wäre, Mutter," sagte Minna, „Aber man mutz sich Mühe geben und lernen wollen,"
„Ich begleite Euch bis an die Ecke," meinte die Frau, und fic folgte de» Mädchen, die schon voranschritlen. Bald begannen die Häuser der Borstadt, Die Stratzenbahn kam pfeifend in ihrem Geleise daher. Bevor sie einstiegen, sahen sie nochmals zurück und atmeten tief. Die Tannengipfel grissen in das tiefe Blau des Himmels hinein, als wollten sie dieses Glück seschalten. Die Laub- bänme wuchsen einzeln vor den Tannen zerstreut. Zwischen ihreit nackten Armen span» sich ein morgendlicher Hauch, durch den die Sonne zitterte und lief. In der Ferne sah es aus, als schwängen sich die Laubbäume wie Girlanden an den Stämmen der Tanneir hin und zierten mit ihren frohen Farben das ernste Dunkel der Stämme,
Tie Mädchen stiegen in die Stratzenbahn ein und fuhren nach den Vierteln, die sie besuchen wollten. Nur Minna hatte sich die Häuser der Vorstadt vorgenommen,
„Wie es in der Stadt noch trüb und dunstig ist," sagte Minna, „Dort hinten steht noch eine schwarze Schmutz- und Rauchwand wie eine Mauer,"
„Minna," sagte da die Mutter, „ich hätte nie geglaubt, bah sich das überwinden lietze. Als wir damals unser Hab und Gut verloren, meinte ich, es wäre alles aus. Heute ist mir das Alte ganz tot, ich bin jung geworden in Eurem Glauben. Und nun, auf gut Glück!" Tie Mutter ging zurück und Minna betrat bald eine Mietskaserne aus roten Ziegelsteinen, die wie ein Riesenhaufen gleichmätzig aufeinandergelegt waren und Fensterlöcher hatten, Kinder spielten auf der Strotze und Im Hausslur, Die meisten waren sauber gekleidet, nur ein paar ganz arme hatten zerrissene Sachen an. Da kam ein Mädelchen ans sie zu und sagte: „Guten Tag, Tante Minna," „Ist die Mittler oben?" fragte Minna, „Ja," erwiderte die Kleine und hing sich an ihren Arm, Vor der Türe sprang sie wieder zu den Kindern zurück,
Minna lächelte, als die junge Frau öffnete, „Ich bringe Ihne» ein FIngblatt,"
Die Frau erwiderte zögernd: „Ich will von so etwas nichts wissen,"
Minna folgte ihr in die Küche. „Aber bas ist doch schön und interessant,"
„Ich lese nur, was für mich nützlich ist," erwiderte die Frau, „Ich habe die Modezeituna, die brauche ich zum Schneidern für mich und mein Kind, Mein Mann freilich hält sich sein Blatt,"
Minna war von dieser Antwort überrascht. Sie fragte erstaunt: „Ja genügt Ihnen den das? So ei» bitzchen praktische An- leitting. Das kann doch nicht Ihr Denken allein ausmachen,"
Die Frau rührte im Snvpentopf und gab keine Antwort,
„Sagen Sie ruhig den Grund," munterte sie Minna auf, „wir stehen Frau aege» Frau,"
„Ich will mein ruhiges Leben nicht zerstören —" meinte endlich die Frau, „Wir haben gerade knapp zu leben und da Haushalte ich so datz alles seinen ordentlichen Gang geht. Wir haben bis jetzt keine Schulden, mein Kind soll etwas lernen können, . . Und ivemc ich da etwas zwischen mein Leben eindringen lasse, dann geht alles auseinander."
Minna erwiderte: „Im Gegenteil, Das Zusammenleben von Mann und Frau und die pünktliche Instandhaltung des Haushaltes, die Pflege des Kindes machen doch noch nicht die Ehe aus. Das ist ja nur das Aeutzerliche, Ihr Mann ist dach organisiert, Hab«» Sie noch nie daran gedacht, datz ihn sein Glaube an den Sozialismus durchaus nicht von seiner Arbeit ablenkt? Sehen Sie ander« Männer an, wie sie sttimpf dahinleben und leben müssen, weil sie nichts haben, was sie erhebt. Keine Freude, keine Hoffnung, gar- nichts. Und Sie haben bas Glück, einen heiteren Mann zu haben," Die Frau nickte: „Das habe ich"
Minna fuhr fort: „Wenn er oft vollen Herzens aus einer Versammlung heimkommt oder wenn er irgendwo aus einer Zeitung oder bei Bekannten eine neu« fröhlich Botschaft erhalten hak, möchte er sich da nicht zu seinem Weib« aussprechu?"
„Ja jo," erwiderte die Frau hastig, „das hat er am Anfang versucht. Ich habe aber nicht so recht hingehört, weil ichS nicht verstanden habe. Es war auch schwer,"
„Dann lernen gie'g noch. Es gibt kein besseres Mittel für die Frau, ihren Mann zu Hallen, als wenn ste ihn versteht. Wenn sie weitz, was ihm nahesteht und wofür er strebt, Ordnung und alle Hausfrauentngend — die ja selbstverständlich sein sollten — sinh noch nichts für sei» Herz und für seinen Verstand,"
„Wie soll ich mich dahinfinden?" seufzte bi« Frau,
„Wir helfen Ihnen," sagte Minna. „Außerdem befinden Sie sich als Arbeiterfrau schon mitten drin, ES ist wisscnSiverl, die Ursachen z» vernehmen, warum daS Leben immer teurer wird. Warum die einen Menschenklasse entbehre» mutz, warum sie sich lediglich um bas nackte Dasein guäleu, während andere sich im Ueberflutz befinden. Warum die Kinder der eine» in den höchsten Schulen auf bas Lebe» vorbereitet werde», und die Kinder der Armen das spärlichste Wissen erhallen, So gibt es hnndert nnd


